Zurück in die Vergangenheit: Der neue Konservatismus an Universitäten

Wer wie wir seine universitäre Sozialisation in den 1980er Jahren erfahren hat, hat dies in einer Zeit, als Universitäten voller (Trend aber abnehmend) neuer Ideen waren, in einer Zeit, in der sich noch Theorien und Ideen gefunden haben, die den Status Quo in Frage stellen und in einer Zeit als Wissenschaftler noch an Erkenntnisgewinn interessiert waren.

absolutely_nothing_road_signWer heute an deutsche Universitäten und die sozialwissenschaftlichen Fakultäten dort schaut, den erwartet ein weitgehend tristes Bild der Einfallslosigkeit, die sich nicht besser äußern könnte als in der Vielzahl der langweiligen und komplett erkenntnislosen Beiträge, die ein “Gender” im Titel tragen, in der Vielzahl der Beiträge, die sich mit Work-Life-Balance befassen oder in der Vielzahl der Beiträge, die aus sozialistischer Perspektive den angeblich herrschenden Neoliberalismus bejammern.

Da, wo früher Neues, Interessantes und Aufregendes zu finden war, hat man heute eine hohe Wahrscheinlichkeit traditionales Denken, das nicht einmal im 18. Jahrhundert neu war, zu finden, uninteressante Beiträge, die die heile Welt beschwören, von der man sich unwillkürlich fragt, wann es sie denn wo gegeben hat, und Beiträge, die so aufregend sind, wie ein Goldfisch im Aquarium.

Man findet Beiträge wie z.B. den von Timo Hener, Helmut Rainer und Thomas Siedler, der an Traditionalität kaum zu übertreffen ist, nein, den man als reaktionär bezeichnen muss. Man findet Beiträge wie den von Hener, Rainer und Siedler, die nicht kritisch mit politischen Institutionen ins Gericht gehen, sondern sich staatstragend andienen, um dem politischen System seine fehlende Legitimation dadurch zu geben, dass man die Ursache des Fehlens bei den Bürgern verortet. Man findet vermeintliche Wissenschaftler, die sich nicht vorstellen können, dass Erklärungen vor allem struktureller Variablen bedürfen, denn Akteure handeln nicht im luftleeren Raum, sondern unter Randbedingungen. Und man findet entsprechend Wissenschaftler, bei denen man die fehlende methodologische Ausbildung schon in der Fragestellung erkennen kann, denn wer methodologisch ausgebildet ist, der denkt vom allgemeinen Satz über die Randbedingung zum konkreten Explanandum und ist seinem Forschungsgegenstand entsprechend nicht derart ausgeliefert, wie dies regelmäßig der Fall ist.

SOEP#612Hener, Rainer und Siedler erforschen politisches oder wie sie meinen: ziviles Engagement. Letzteres ist zurückgegangen und das ist, wie die Autoren befinden, schlecht, denn eine funktionierende Demokratie, so erfährt der Leser, brauche engagierte Bürger. Ohne engagierte Bürger machen die angeblichen politischen Eliten nämlich, was sie wollen.

Ja.

Das politische oder zivile Engagement ist also über die letzten Jahrzehnte immer geringer geworden. Und weil das politische System, so wie es sich derzeit darstellt, der Stein der Weisen und in jedem Fall unverrückbar ist, desshalb darf man keine kritischen Fragen in Richtung politisches System richten und muss entsprechend die Kritik bei denen anbringen, die sich nicht wehren können. Nicht wehren können sich z.B. die Befragten des SOEP, die derzeit für allerlei Unfug herhalten müssen.

Bei Hener, Rainer und Siedler müssen sie als Schuldige für das von den Autoren als mangelhaft bewertete politische, nein, zivile Engagement der Deutschen herhalten. Nicht alle natürlich, nein, nur ein Teil der Befragten, diejenigen, die in einer “nicht intakten Familie” aufgewachsen sind. Ein nettes Konstrukt, eine “nicht intakte Familie”, macht die Bezeichnung doch unmissverständlich die Wertbasis der Autoren klar: Intakt kann eine Familie nur sein, wenn Papa, Mama und die Kinderlei sich über Jahrzehnte anöden, fies und hintenrum bekämpfen, aber in jedem Fall verheiratet sind und nach außen hin gute Miene zum bösen Spiel machen (z.B. per beleuchtetem kletterndem Nikolaus an der Esse  – zur Erbauung des Nachbarn und Erhellung seines Schlafzimmers). Scheidung ist nämlich schlecht, vermutlich weil sie der katholischen Kirche nicht gefällt (einen anderen Grund weiß ich nicht, aber vielleicht ist ja einer der Autoren bereit zu erklären, warum Scheidung die Intaktheit einer Familie zerstört und vor allem wie und in welcher Hinsicht sie das tut: Was also hat verheiratet sein mit einer intakten Familie zu tun?).

Bislang ist der Beitrag nur traditional, nicht reaktionär. Reaktionär wird das Werk von Hener, Rainer und Siedler da, wo die nicht intakte Familie auf Familien erweitert wird, in denen die Kinder außerhalb einer  (auch später geschlossenen) Ehe geboren wurden. An dieser Stelle habe ich nicht zum ersten Mal gedacht, dass die Autoren ihre Berufung verfehlt haben. Sie wären in einem katholischen Kontext deutlich besser aufgehoben als an Universitäten oder im ifo-Institut.

Nachdem nun klar ist, dass nicht-intakte Familien, also Scheidungsfamilien und solche Familien, die aus nicht verheirateten oder “zu spät” verheirateten Eltern bestehen, anzusehen sind, muss noch gezeigt werden, warum die entsprechenden “nicht intakten Familien” schlecht sind. Deshalb:

Kinder aus dieser Art nicht intakter Familie:

  • unions-suckhaben ein geringeres Interesse in Politik als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • identifzieren sich seltener mit einer politischen Partei als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • sind seltener Mitglied in Gewerkschaften oder Parteien oder anderen gesellschaftlichen Organisationen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • engagieren sich seltener freiwillig in Vereinen oder sozialen Einrichtungen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien

Kurz: Wer will, dass sich die Deutschen wieder stärker für Politik interessieren, den schrumpfenden Parteien wieder Mitgliederbeiträge bringen, sich mit Parteien und deren Ideologie wieder identifizieren und zum Parteiherdentier werden und wer will, dass Bürger sich wieder vermehrt sozial und in Vereinen engagieren, der muss die Scheidung verbieten und die Geburt von Kindern an die Voraussetzung einer geschlossenen Ehe koppeln. Ich habe selten einen reaktionäreren Text gelesen und im Jahre 37 nach Ronald Inglehart muss ich feststellen, dass sein Wertwandel gerade in die andere Richtung läuft und dieser “backlash” von Universitäten ausgeht.

Unsere drei Helden wollen zwar staatstragend sein, aber der Mut reicht doch nicht, um die Konsequenzen ihrer “Forschung” auch in der Weise zu formulieren, wie ich das oben getan habe. Sie verstecken sich, wie das für staatstreue Untertanen im Wissenschaftlerkostüm die Regel ist, hinter ihrem Staat und empfehlen: “that schools or community organizations, which reach children across socioeconomic strata, might need to offer more opportunities for civic and political learning to counteract some of the negative effects on civic engagement stemming from the break-up of families” (22). [Ganz nebenbei wird hier eine Kausalität behauptet, wo sie nur eine Korrelation gemessen haben.]

Wo Wissenschaftler sich früher gefragt hätten, was mit einem politischen System nicht in Ordnung ist, dem seine Bürger den Rücken kehren, fragen sich heutige “Wissenschaftler”, was mit den Bürgern nicht in Ordnung ist, dass sie dem politischen System den Rücken kehren. Wo früher die Frage gestellt worden wäre, wie man politische Systeme so verändern, so verbessern kann, dass sie für Bürger attraktiv werden, werden heute Manipulationsmethoden gesucht, um die Bürger so zu erziehen, dass sie ihr politisches System auch ganz toll finden und sich von morgens bis abends dafür engagieren.

Wissenschaftler, wie Hener, Rainer und Siedler machen sich zum willfährigen Helfer eines politischen Systems, sehen sich als staatstragend und ihre Aufgabe darin, die Defizite der Bevölkerung im Hinblick auf das politische System, das ihnen heilig ist, aufzuarbeiten und zu beseitigen. Warum Hener, Rainer und Siedler nicht in Kirchen predigen, ich weiß es nicht – aber vielleicht sind sie den dortigen Priestern ja auch zu reaktionär und nur noch für Universitäten geeignet?

Hener, Timo, Rainer, Helmut & Siedler, Thomas (2013). Political Socialization in Flux? Linking Family Non-Intactness During Childhood to Adult Civic Engagement. Berlin: DIW, SOEPpapers #612

Print Friendly, PDF & Email

About Michael Klein
... concerned with and about science

4 Responses to Zurück in die Vergangenheit: Der neue Konservatismus an Universitäten

  1. Meier, Hans (Kempten) says:

    “Wo Wissenschaftler sich früher gefragt hätten, was mit einem politischen System nicht in Ordnung ist, dem seine Bürger den Rücken kehren, fragen sich heutige “Wissenschaftler”, was mit den Bürgern nicht in Ordnung ist, dass sie dem politischen System den Rücken kehren. Wo früher die Frage gestellt worden wäre, wie man politische Systeme so verändern, so verbessern kann, dass sie für Bürger attraktiv werden, werden heute Manipulationsmethoden gesucht, um die Bürger so zu erziehen, dass sie ihr politisches System auch ganz toll finden und sich von morgens bis abends dafür engagieren.”

    Eine – leider – treffende Zusammenfassung. Für mich beschreibt sie ein Symptom, das Teil eines größeren Ganzen ist: Wir haben mit einer zunehmenden Re-Hierarchisierung der Gesellschaft zu tun, die sich zudem nicht mehr an Leistungskriterien orientiert, sondern diejeigen, die einer gewissen In-Grup angehören, legitimiert, ohne dass so genau klar ist, wozu überhaupt legitimiert wird:

    – EU-Bürokratie
    – Euro-Rettungsschirme und dazugehörige Implementierung neuer Institutionen
    – Arbeitsmarktbürokratie (staalich subventionierte Billiglöhne = staatlich subventionierte Lohnsklaverei, wie sie der Markt allein nie hervorbringen könnte)
    – Wuchern der Gesetze, steigende Anwaltspflicht (der akuelle Fall redtube ist eine entlarvende Realsatire)
    – EEG (Privilegierung bestimmter Energieprodukte auf dem Strommarkt)
    – gender-Bürokratie
    – Bildungsbürokratien
    – Gesundheitsfonds

    Betrachtet man das alles als Teile eines größeren Ganzen, so zeigt sich schnell, dass jedes sachliche Problem dau genutzt wird, eine neue Bürokratie zu schaffen, deren Mitarbeiter dann – sie müssen ja eine 40 h-Woche mit Arbeit füllen – immer neue Misstände finden, die sie regeln wollen. Dass damit eine neue Schicht Privilegierter entsteht, ist offensichtlich. Dass diese versuchen, überall hin zu expandieren, sich also die gesamt Gesellschaft zu unterwerfen, zeigt sehr schön die Defintion etwa von gender mainstraming als Querschnittsaufgabe, die alle Gesellschaftsbereiche erfassen soll. Dass es dabei wirklich um Frauen geht, bezweifle ich zunehmend. In erster Linie geht es um die Bürokraten (gleich welcherlei Geschlechts). Der alte bürokratische Traum, alle Menschen gleich behandeln (“gleichstellen”) zu können, rückt mit der gender Rhetorik jedoch scheinbar näher – und erlaubt allerorten korrigierende Eingriffe. Dass diese ausgerechnet an einem Punkt ansatzen, dem Gechlecht, an dem, gewisse Unterschiede (vorerst?) unabschaffbar sind, gewährt dieser Art bürokratischer Bearbeitung ganzer Gesellschaften eine längere Lebensdauer: Es bleibt immer was zu tun (das Festhalten an den 23% gender pay gap zeigt sehr schön, dass nicht die Wirklichkeit interessiert, sondern die Legitimation des eigenen subventionierten Daseins).

    Doch gender ist nur ein (sprechendes) Beispiel. Die steigende Staatsquote, immer neue Umlagen und Beiträge, dass Mehreinnahmen der Rentenkasse nicht zu sinkenden Beiträgen führen, sondern zu Mehrausgaben, die kalte Progression – alles das zeigt, wohin die Reise geht.

    Die derart Subventionierten leben in einer sehr eigenen Welt, die so aufgebaut ist, dass die meisten von ihnen wohl tatsächlich glauben, womit ihre Existenz legitimiert wird: Unterschiedliche Krümmungsgrade von Bananen sind ebenso schrecklich wie Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder (zu sehr) abweichende Meinungen. Dass die beweidete Bevölkerung behandelt werden muss, um glücklich einzusehen, wie glücklich sie über ihre Beweidung sein darf…

    … ja dafür ist in DIESEM System Wissenschaft dann eben da.

    Übrigens entpuppt sich der Gleichheitstraum hier als das, was er ist: Ein Verwaltungsmonster. Es gibt Zeiten eklatanter Ungleichheit von solcher Schärfe, dass eine wachsende Zahl von Menschen für sich den Zussammenhalt in ihrer Gesellschaft aufgekündigt sieht – auch wir bewegen uns in eine solche hinein. In solchen Zeiten wir “egalite” zum positiv besetzten Schlagwort, ohne dass wirklich klar wäre, was damit gemeint ist: Gleiche Rechte? Gleiches Einkommen? Gleiche materielle Ausgangsausstattung? Gemeinschafseinkommen? Uniformierung? Mittlerweile glaube ich, dass das Hauptoroblem gar nicht mehr weitreichende Gleichheitsutopien in Kommunismus oder Feminismus sind – beide müssen letztlich sehr ungenau bleiben, sobald es um die konkrete Gestalt deser “Gleichheit” geht – sondern dass die ihren Entstehungskontexten sogar zeitweise verständliche Gleichheitsrhetorik unfreiwillig der ganz anderen gleichmacherischen, system- und ideologieunabhängigen Gleichmacherei der Bürokratie in die Hände spielt, deren einziges reales Interesse ein Maximum an Herrschaft über möglichst gleichgeschaltete Untertanen ist. Und das ist keine Frage mehr von links oder rechts, sondern ein allerorten anzutreffender Zug jeder Bürokratie. Frage ist nur, wieviel Wucherung einer Bürokratie ermöglicht wird.

    Freilich lebt die Bürokratie in einer eigenen Seifenblase: Irgendwann platzt sie. Es ist interessant, die derzeitigen Maßnahmen in Deutschland vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung zu bebachten – da werden Phantasieschlösser entworfen, denen schlicht und einfach die Menschen ausgehen werden. Die Menschen sind schon so ausgebeutet, dass sie in wachsender Menge keine Kinder mehr bekommen (obwohl angeblich oder wirklich die meisten welche wollen würden, wenn sie sich leisten könnten, sprich wenn sie nicht 59% oder mehr ihrer Arbeitskraft der Bürokratie opfern müssten. Über den real existierenden Sozialismus wurde zu recht gesagt, er habe die Abstimmung mit den Füßen verloren – die Menschen flohen aus ihm. Unser System verliert die Abstimmung mit den Zeugungsorganen.

    Die aktuelle Entwicklung ist ein rauschendes Fest auf ener Titanic, von deren bevorstehendem Untergang immer mehr Passagiere wissen. Hilflos jedoch sehen sie dem Staatsorchester zu, das jedes Gespräch über Notfallpläne problemlos übertönt und unmöglich macht.

    (Ja, ich wollte kurz antworten, jetzt wurde sehr viel daraus, sorry!)

  2. Hat dies auf Forum Bildung rebloggt und kommentierte:
    Konservatismus an Universitäten

  3. heureka47 says:

    Erich Fromm hat gesagt, daß die Erwachsenen der modernen Gesellschaft nicht erwachsen sind.
    Albert Einstein wird die Aussage zugeschrieben:
    “Der moderne Mensch nutzt nur 10% seines geistigen Potenzials”.
    Dabei schließt er niemanden aus, also alle ein – auch die Wissenschaftler.
    Folglich kann man rückschließen, daß auch z.B. die Soziologen nur 10% ihres geistigen Potenzials nutzen. Und, daß sie z.B. vom Problem der “Kollektiven Neurose” auch evtl. nur 10% erkennen – sozusagen nur die “Spitze des Eisbergs”.

    In den restlichen 90% gären all die seit Äonen verdrängten Probleme – nicht wahrgenommen / erkannt. Wie z.B. die Ursache

    – aller psychischen und psychosomatischen Störungen;
    – der meisten sonstigen “Krankheiten” (in Wahrheit Symptome der Kollektiven Neurose);
    – aller unlösbar scheinenden Probleme im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen;
    – aller unlösbar scheinenden Probleme im Bereich Erziehung und Führung;
    – der “Globalen Krise”;
    – der wiederholt ausbrechenden “Kollektiven PSYCHOSE” (wie die von 1933-1945).

    Wie jede Neurose ist auch die “Kollektive Neurose” grundlegend HEILBAR!
    Es braucht nur
    – den Mut (der Liebe) zur Erkenntnis der Wahrheit;
    – die Bereitschaft, alle Angst zu überwinden und sich der Wahrheit zu stellen;
    – die Information, daß es ZWEI Bewußtseins-Ebenen gibt und
    – die Information, daß die höhere das wahre Erwachsenen-Bewußtsein ist;
    – die Information, daß man von ihm, dem “Höheren wahren Selbst”, alles bekommen kann.

Translate »
error: Content is protected !!
Skip to toolbar