Unsinn der Woche: Sind Frauen mehr wert als Türken?

Prof. Dr. Günter Buchholz hat uns einen Hinweis auf ein Interview geschickt, das auf der Webseite des Gunda-Werner-Instituts veröffentlicht wurde. Interviewt wird Gabriele Abels, Professor für “politische Systeme Deutschlands und der EU sowie Europäische Integration” an der Universität Tübingen.

Dem Politikwissenschaftler unter den ScienceFileslern ist ganz schlecht, seit der Lektüre dieses Interviews und nicht nur ihm.

Warum? Weil man es wirklich nicht mehr hören kann, schon gar nicht von Personen, die an Universitäten Lehrstühle besetzen und dort wohl versuchen, Studenten zu beeinflussen.

scully facepalmDas Interview ist über weite Teile das übliche Lamento. Die Gleichstellungspolitik der EU, so erfährt man, obgleich man es nicht wissen will, sei “immer ökonomisch begründet”, und das sei eine zentrale Lücke. Seither rätseln wir, wie etwas eine zentrale Lücke sein kann, das ökonomische begründet ist, und wir haben uns entschlossen, diese Unvereinbarkeit von Lücke und Begründung derzeit als Inkompatibilität zwischen Sinn und gewählten Worten zu werten.

Weiter geht es im Text mit der Behauptung, dass eine Gleichstellung von Frauen in der Arbeitswelt in Rechnung stellen müsse, dass Frauen häufiger krank sind (oder feiern) und dass u.a. häusliche Gewalt schuld daran sei. Wie sich dieser angebliche Zusammenhang Frau Abels mitgeteilt hat, wissen wir nicht. Es muss eine Form der Eingebung gewesen sein, vielleicht eine Mitteilung von einem heilenden Stein, jedenfalls kann es keine empirische Forschung sein, denn es gibt schlicht keinerlei belastbare Daten, die zeigen würden, dass häusliche Gewalt eine Ursache von Arbeitsausfall ist. Und dass häusliche Gewalt ein Monopol weiblicher Opfer sein soll, ist eine Behauptung, die auch dann, wenn Frau Abels sie vorbringt, nicht richtig ist.

Pol SozWir wollen an dieser Stelle ausdrücklich feststellen, dass es einen empirischen Ast in der Politikwissenschaft gibt. Es gibt also Politikwissenschaftler, die sich darum kümmern, ob das, was sie behaupten, auch von der Realität bestätigt wird, die also nicht einfach etwas behaupten, nur weil sie gerne hätten, dass es wahr ist. Aber offensichtlich gibt es zwischenzeitlich auch einen esoterischen Ast unter dem Dach der Politikwissenschaft. Offensichtlich machen sich Personen breit, die Zusammenhänge nicht prüfen, sondern erahnen, die ihre sprachliche Realität nach dem gestalten, was sie gerade gerne hätten, nicht nach dem, was ist. Wir vermuten, dieses Krankheitsbild trifft besonders häufig Frauen.

Man wartet bei diesem Interview mit Frau Abels förmlich darauf, dass die Manie ausbricht. Man muss nicht lange warten: Die Finanzkrise trifft Frauen. Die Finanzkrise führt zu Entlassungen. Das trifft Frauen. Der “Rückbau von sozialstaatlichen Strukturen” im Zuge der Finanzkrise, na, was ist wohl damit? Richtig, er trifft Frauen. Und die Finankrise ist noch dazu ein hinterhältiges weibliches Nomen: Auf den “ersten Blick” wirkt sie “nicht geschlechtspezifisch”, auf “der anderen Seite” (nicht etwa auf den zweiten Blick) “indirekt aber doch”. Denn: Frauen werden in “manchen Bereichen zu den Familienernährerinnen und da ist es natürlich ein Problem, wenn Frauenlöhne strukturell sowieso niedriger sind”.

Erstklassig dieser Unsinn. Wirklich nicht zu überbieten. Da müht man sich jahrlang in der Methodenlehre ein Beispiel für einen ökologischen Fehlschluss zu finden und Frau Abels formuliert ihn einfach locker flockig im Interview. Ein ökologischer Fehlschluss liegt dann vor, wenn man aus Zusammenhängen, die man auf Aggregatebene festgestellt zu haben glaubt, auf individuelle Zusammenhänge schließt. Auch wenn Deutsche pro Jahr und im Durchschnitt 12,81 Liter reinen Alkohol trinken, kann man nicht schließen, dass Frau Abels betrunken war, als sie das Interview gegeben hat. Das eben wäre ein ökologischer Fehlschluss.

Aber nicht nur ein ökologischer Fehlsschluss, auch eine Form selektiver Wahrnehmung, die man mit dem ICD-10 abgleichen müsste, macht diesen Unsinn besonders: Da werden Frauen zu Familienernährerinnen, einfach so, denn die Voraussetzung bleibt unausgesprochen, dass nämlich Männer arbeitslos werden, denn das setzt der Prozess des Familienernährerinnen-Werdens im Zuge einer Krise voraus. Erwähnenswert ist es Frau Abels jedoch nicht. Was sind schon arbeitslose Männer wenn es um den Artenschutz der seltenen Spezies der Familienernährerinnen geht?

Und um es einmal wieder festzustellen, “Frauenlöhne”, wie Frau Abels sagt, sind nicht strukturell niedriger, sondern Frauen wählen Berufe, die für geringere Einkommen bekannt sind. Das hat mit strukturell gar nichts zu tun, aber viel mit der entsprechenden Wahl durch die entsprechenden Frauen. Wir vermuten, dass der “Frauenlohn”, den Frau Abels als Besatzer einer Professur erhält, die eigentlich zur Gewinnung von für die Politikwissenschaft relevanten Erkenntnissen dient, genau dem enstpricht, was ein männnlicher Kollege auf der entsprechenden Besoldungsstufe verdient, schon weil Leistung bei öffentlicher Besoldung keine Rolle spielt. Dass Leistung keine Rolle spielt, ist übrigens eine strukturelle Ungerechtigkeit.

Der Begriff der “Frauenlöhne”, den Frau Abels in die Debatte einführt, ist auch einer Würdigung wert, fragt sich doch, wie er gemeint ist, als Genitiv, der Lohn der Frau oder als Akkusativ, die Frau als Lohn? Hat Levi-Strauss mit seiner Diskussion von Frauen als Tauschobjekt einen so tiefen Eindruck auf Frau Abels gemacht, dass sie es gar nicht vergessen kann? Oder ist das eine neue Wertoffensive Marke: Was soll ich mit einer Frau, die nicht einmal zehn Kamele wert ist? Letzteres aus Reihen der Genderisten zu hören, wäre in der Tat erstaunlich. Aber vermutlich liegt hier nur eine neuerliche Inkompatiblität zwischen Sprache und Verwendung derselben vor.

Damit nicht genug: die Austeritätspolitik ist auch zu verdammen. Warum: weil sie geschlechtsspezifisch wirkt. Sie trifft Frauen, geringverdienende Frauen und denen fühlt sich Frau Abels offensichtlich besonders verpflichtet, nicht so, dass sie auch nur einer geringverdienenden Frauen einen Teil ihrer W3-Besoldung abgeben würde, aber doch verbunden genug, als dass sie sie benutzt, um selbst als Gutmensch dazustehen.

Aber all das bisher Gesagte verblasst angesichts des Unsinns, der dann kommt. Es ist dies ein seltenes Dokument der Verirrung, die Verirrung des Genderismus oder des Gender Mainstreamings in der Intersektionalität, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Deshalb zum Genießen in ungekürzer Länge:

Quadratur Kreis“Die zentrale Frage ist nun, wie verhält sich die Kategorie Geschlecht zu ethnischer und sozialer Herkunft, zu Religion und Weltanschauung, zu Behinderung, Alter und sexueller Orientierung – zu den großen unterschiedlichen Diskriminierungstatbeständen? Dazu kommt die rechtliche Frage wie das Verhältnis zu gewichten ist. Das ist ein umstrittenes Thema auch in der Frauen- und Geschlechterforschung, aber auch rechtlich relevant. Gibt es Hierarchieverhältnisse zwischen Diskriminierungstatbeständen? Das ist ein wichtiger Punkt: Die Verschränkung von Diskriminierungstatbeständen stärker in den Blick zu nehmen und zu schauen, was das für politische und rechtliche Strategien bedeutet. … Die Strategien können zueinander auch im Konflikt stehen. Die Frage ist: Ist Geschlecht eine übergeordnete Kategorie und genießt sie einen besonderen Schutz? Wie geht sie mit anderen Kategorien zusammen? Da braucht man sicherlich eine Verfeinerung von Strategien, die aber zugleich vermeiden, Menschen auf bestimmte soziale Kategorien festzuschreiben und eine Form der Essentialisierung von sozialen Kategorien zu betreiben”.

Liebe ScienceFiles-Leser, Sie waren gerade live dabei, wie sich jemand um den Verstand geredet hat.

Offensichtlich geht die Beschäftigung mit Genderismus an manchen nicht spurlos vorbei. Und während sie sich fragen, ob sie als Inhaber eines weiblichen Geschlechts besondere, quasi Führungswesen, besondere Führungswesen sind, da trifft sie die “Verschränkung der Diskriminerungstatbestände” mit voller Wucht. Was ist mit weiblichen Schwarzen, weiblichen Türken, weiblichen alten Türken, weiblichen Arbeiterfrauen aus der dritten Generation eingewanderter Kurden, weiblichen adipösen, transsexuellen Schwulen, die katholisch sind? Muss man Diskriminierungstatbestände addieren, multiplizieren oder zählt z.B. ein Türke weniger als ein weibliches Geschlecht?

Und weil das alles nicht reicht, treibt Frau Abels den Wahnsinn auf die Spitze, kategorisiert wie wild, um dann den Finger zu heben und vor einer Kategorisierung zu warnen, nunmehr Essentialismus genannt. Das Wort, Essentialismus, muss sie irgendwo in sinnentleerter Form mitbekommen haben.

Essentialisten sind reduktionistische Menschen, die denken, eine Kategorie wie Geschlecht definiere eine Person, die denken, von all den Myriaden von Eigenschaften, die Menschen in sich vereinen, sei z.B. das Geschlecht die eine relevante Eigenschaft, die alles in den Schatten stelle, alles durchdringe und alles beherrsche. Aber vermutlich ist die Bedeutung des Begriffs Essentialismus in Tübingen unter den dortigen Politikwissenschaftlern nicht bekannt, nicht Teil der Ausbildung.

GuggenbergerEs gab einmal eine Zeit, da haben sich Politikwissenschaftler mit Machtsstrukturen beschäftigt, untersucht, wie weit es mit der Repräsentation von Wählern in einer Demokratie tatsächlich her ist. Es gab einmal eine Zeit, da haben Politikwissenschaftler auf das demokratische Defizit der EU verwiesen. Heute verweisen angebliche Politikwissenschaftler auf ein Gender Mainstreaming Defizit, weil etwas anderes als Geschlecht in ihrer Ausbildung nicht vorgekommen ist. Und so versinken die Fächer der Sozialwissenschaften im Schlamm der Frauen- und Geschlechterforschung und degenerieren, eines nach dem anderen, zum Panoptikum der eigenen Beschäftigung mit dem eigenen Geschlecht.

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