- Wann stehen Sie auf? Nach 8 Stunden Schlaf? Weniger ist ungesund, mehr ist zu lang!
- Trinken Sie Alkohol? Mehr als die empfohlene Tagesdosis? Wenn ja, das ist ungesund, hören Sie damit auf?
- Rauchen Sie? Im Auto? Sind Kinder dabei, wenn Sie im Auto rauchen? Wenn ja, dann muss das verboten werden, die Deutsche Krebshilfe will es so.
- Essen Sie gerne Schokolade, viel Schokolade, am Ende noch Nutella am Morgen? Das ist ungesund! Hören Sie damit auf!
- Joggen Sie? Treiben Sie Sport? Treiben Sie ausreichend Sport? Ausreichend Sport zu treiben, ist wichtig für die Gesundheit. Fangen Sie damit an!
- Kümmern Sie sich genug um Ihre Familie? Mindestens 2 Stunden pro Tag und nach der Arbeit sind Pflicht, vor allem für Väter.
- Sehen Sie mehr als 2 Stunden pro Tag fern? Das ist nicht gut. Reduzieren Sie Ihren Fernsehkonsum!
- Wie viele Stunden am Tag verbringen Sie vor dem Computer? Mehr als zwei? Auch falsch, weniger ist mehr. Kümmern Sie sich lieber um Ihre alten Eltern!
- Sind Sie Organspender? Nein! Das geht nicht. Organsspende ist gelebte Solidarität. Deshalb noch heute einen Organspendeausweis beantragen!
- Beziehen Sie Ökostrom? Wieso nicht? Sie werden doch wohl einen leicht höheren Preis bezahlen, um die nächsten Generation zu schützen?
Wieso wollen Sie eigentlich partout das nicht tun, was Ihre Regierung für richtig hält? Die Regierung sitzt nämlich voller Hyper-Intelligenter, die genau wissen, was gut für sie ist. Und zudem haben diese Hyper-Intelligenten ausschließlich und nur und vor allem und ansonsten nichts als ihr Wohl im Sinn. Also, warum zögern Sie, warum machen Sie nicht alles so, wie Ihre Regierung das will?
Nachdem freiwillige Appelle an die Bevölkerung, das Rauchen einzustellen, den Alkoholkonsum zu stoppen, die Arbeitszeit zu halbieren und vor allem die Produktion von Menschenmaterial zu erhöhen, nicht gefruchtet haben, hat sich die Bundesregierung entschlossen, den Rat von noch mehr Hyper-Intelligenten zu beherzigen und die eigene Bevölkerung zu schubsen, in die richtige Richtung zu schubsen, die richtige Richtung, in die die Bevölkerung von sich aus und nicht als ganzes zu gehen bereit ist.
Grundlage des Schubsen, so schreibt die FAZ ist:
„die Annahme, dass Menschen oft falsche, weil für sie langfristig ungünstige Entscheidungen treffen. Sie essen zu viel, sie rauchen, treiben zu wenig Sport oder sparen wenig für ihre Altersvorsorge, was sie später bereuen. Mit Hilfe einfacher psychologischer Methoden könnte man das Verhalten beeinflussen und die Entscheidungsfindung verbessern – so die von der Politik begierig aufgegriffene These von Thaler und Sunstein.“
Thaler und Sunstein sind zwei Ökonomen, die uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren müssen. Sie gehören zu einer Fraktion von behavioural economists, die die Forschungsergebnisse von Amos Tversky und Daniel Kahneman nicht begreifen. Tversky und Kahneman haben wiederholt gezeigt, dass die Annahmen, auf denen der Idealtypus des rationalen Akteurs basiert, nicht für alle Menschen gelten, dass Menschen Entscheidungen aufgrund der unmittelbaren Umstände und aufgrund von Heuristiken treffen, die sich häufig als falsch erweisen.
Auf Basis dieser Ergebnisse bauen Thaler und Sunstein nun ein Kartenhaus, über dessen Eingangsschild dieses Mal nicht „Arbeit macht frei“ steht, sondern: „Wir wissen, was gut für Dich ist“. Kein Wunder, dass Regierungen, die sich nurmehr darüber legitimieren, dass sie ihren Bevölkerungen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, zu Thaler und Sunsteins Methode der Selbstüberschätzung hingezogen sind und nun denken, mit der Methode habe sich ihnen alles Weltwissen mitgeteilt.
Nicht nur kommt das Wissen darüber, was gut für die Bevölkerung ist, auf die Regierung hernieder, auch das Wissen darüber, wie man die Bevölkerung dazu bringt, das zu tun, was gut für sie ist. Wir haben es somit mit einem doppelten Irrtum zu tun, einen gefährlichen, doppelten Irrtum, den eigentlich nur unintelligente und beseelte Wahnsinnige machen können, dem Irrtum, man könne anderen durch Planung zum Glück verhelfen, quasi deren Leben für sie leben.
Dieser Irrtum hat eine lange Tradition und ist in den vielen Versuchen, Sozialismus zu leben, am besten dokumentiert. Warum es notwendig sein soll, all die gescheiterten Versuche, die eigene Bevölkerung zu planen und zu führen, abermals zu wiederholen, nur um zu sehen, dass sie wieder scheitern, ist nicht nachvollziehbar und fasst ist man versucht, ein paar Überlebende des real existierenden Sozialsmus zu bitten, die Regierung in die richtige Richtung zu schubsen …
Aber nein, die Regierung wird nicht geschubst, die Hyper-Intelligenten in der Regierung, die immer genau wissen, was für Hans Peter Hampflinger in Obersuhl wichtig und richtig ist, sie wollen schubsen, damit Hans Peter Hampflinger 105 Jahre alt wird und sein Leben korrekt lebt, so wie es sich nach Ansicht der Regierung für ein normales und gutes Leben geziemt. Vorbei sind die Zeiten, in denen man nach seiner Fasson leben konnte, rauchen, trinken, auf der Couch sitzen nach Lust und Laune. Bald gibt es wieder Volksertüchtigung. Morgens ab 6 Uhr: Treffen auf dem Dorfplatz zur Körperertüchtigung.
Wieder die FAZ: „Kanzlerin sucht Verhaltensforscher; Psychologen, Anthropologen und Verhaltensökonomen sollen her und Angela Merkel helfen: Die Regierung will wirksamer regieren und den Bürgern einen Schubs in die „richtige“ Richtung geben.“
Kinder und Jugendliche werden in eigens eingerichteten Erfahrungsgruppen gesammelt, damit man sie in die richtige Richtung schubsen kann, die Richtung, die ihrem Leben den entscheidenden Twist gibt, damit sie ein gesundes Leben führen und immer genau wissen, was von ihnen erwartet wird.
Was ist eigentlich schlimmer:
- zu wissen, es gibt Wissenschaftler, die sich anmaßen, sie wüssten, was für andere gut ist und diese Anmaßung auch noch als Wissenschaft verkaufen?
- zu wissen, es gibt eine Regierung, die sich aus Personen zusammensetzt, die doch tatsächlich der Meinung sind, sie wüssten in irgend einem Punkt mehr über das Leben von Hans Peter Hampflinger als Hans Peter Hampflinger selbst über sein Leben weiß?
- zu wissen, dass es Menschen in Entscheidungspositionen gibt, die nicht davor zurückschrecken in das Leben anderer zu intervenieren, ihnen vorzuschreiben und vorzugeben, wie sie wann und wo zu leben haben?
- zu wissen, dass man von einem Haufen von Leuten regiert wird, die sich selbst überschätzen, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Beschränkungen zu sehen und doch tatsächlich denken, sie seien im Vollbesitz der Wahrheit und dies befähige sie, anderen zu sagen, was schlecht für sie ist?
Gar nicht so einfach, sich für eine der Alternative zu enscheiden.
Platon hat Sokrates die Worte in den Mund gelegt (hier in der Kurzform): „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Ob Sokrates dies nun gesagt hat oder nicht, sei einmal dahingestellt. Mit dem kurzen Statement will Platon die geistige Überlegenheit von Sokrates deutlich machen, seine geistige Reife, die einem Erkenntnisprozess folgt, eine geistige Reife, die man nachvollziehen kann, wenn man sich intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt hat und mit jeder neuen Erkenntnis einen Wust von Fragen aufgeworfen hat, von denen man vor der neuen Erkenntnis nichts geahnt hat.
