Ideologie, nicht Leistung, bestimmt den Schulabschluss

Die soziale Stratifizierung in Deutschland wird, wie in kaum einem anderen Land, durch das Bildungssystem aufrecht erhalten: Wer als Kind aus der Arbeiterschicht eingeschult wird, wird in der Regel der Arbeiterschicht erhalten bleiben, ein Bildungsaufstieg ist ihm weitgehend verwehrt. Die Schule ist, wie Soziologen (Charlotte Lütkens (1971) oder Hans-Günter Rolff (1967)) schon früh festgestellt haben, eine Institution, die sich aus Mitgliedern der Mittelschicht rekrutiert und die entsprechend darüber wacht, dass der Abstand zwischen Mittelschicht und Arbeiterschicht erhalten bleibt.

bildungstrichter1Wir können an dieser Stelle da weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben: Bei der Social Dominance Theory (Sidanius & Pratto, 1999). Im Rahmen dieser Theorie erklärt sich die Persistenz der deutschen Sozialstruktur, die eine vertikale Mobilität aufweist, die man als fast nicht vorhanden bezeichnen kann, als Ergebnis einer hierarchy enhancing strategy, mit der Mitglieder der Mittelschicht versuchen, ihren Status gegen Mitglieder aus der Arbeiterschicht zu verteidigen und zu verhindern, dass MItglieder aus der Arbeiterschicht an die Ressourcen gelangen, die die Mitglieder der Mittelschicht für sich reserviert haben (also z.B. die Mittelschichtsjobs, bei denen man keine schmutzigen Hände bekommt und für die man aus welchen Gründen auch immer ein Abitur und ein Hochschulstudium benötigt).

Nun stehen Theorien wie die Social Dominance Theory immer vor dem Problem, dass es im täglichen Leben nur individuelles Verhalten gibt, die Theorie aber Aussagen über das Verhalten einer Gruppe macht, im vorliegenden Fall über das Verhalten der Mittelschicht. Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet: Wie schafft man es, dass sich Mitglieder einer Gruppe, Mitglieder der Mittelschicht gleich verhalten, dass sie gleichgeschaltet werden? Die Antwort ist einfach: Durch einen gemeinsamen Mythos, durch eine Ideologie, die die Mitglieder der Gruppe teilen. Der Mythos ist ein konstitutives Gruppenelement, eine Art Geburtsmythos, gleich der Schaffung der Welt in sieben Tagen, dem Grundmythos der christlichen Kirche.

Ein Mythos der Mittelschicht, mit dem die Angehörigen derselben dafür sorgen, dass Kinder aus Arbeiterfamilien keine Chance auf sozialen Aufstieg haben, weil sie frühzeitig ausgesondert oder auf Hauptschulen bzw. bestenfalls Realschulen verteilt werden, geht etwa so:

Um auf dem Gymnasium bestehen zu können, benötigen Schüler die Hilfe der Eltern. Eltern aus der Mittelschicht kümmern sich intensiver um ihre Kinder und geben ihnen mehr Hilfestellung in schulischen Fragen, vom Nachhilfelehrer bis zum Vorlesen und gemeinsamen Erarbeiten der Hausarbeiten als dies Eltern aus der Arbeiterschicht tun. Allgemeiner: Mittelschichtseltern erziehen besser, zeigen effizientere Erziehungspraktiken als Eltern aus der Arbeiterschicht. Und weil dem so ist, weil Kindern aus Mittelschichtsfamilien zuhause eine größere Unterstützung zuteil werden soll, haben sie eine höhere Erfolgsaussicht auf Gymnasien als Kinder aus der Arbeiterschicht, und deshalb erhalten Kinder aus der Mittelschicht selbst bei schlechterer Leistung als Kinder aus der Arbeiterschicht häufiger eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium als Kinder aus der Arbeiterschicht.

Dass es sich dabei um einen Mythos handelt, merkt man schon daran, dass er an die Kinder aus der Arbeiterschicht herangetragen wird und z.B. bei Überstellungen auf Sonderschulen (Kottmann, 2006) und bei Grundschulempfehlungen offen in seinen Konsequenzen sichtbar wird, dass er aber nie geprüft wurde. Niemand hat sich in Deutschland bislang die Mühe gemacht zu untersuchen, ob sich Eltern aus der Arbeiterschicht tatsächlich so krass von Eltern aus der Mittelschicht in schulischen Unterstützungsleistungen unterscheiden wie behauptet.

Die einzige Untersuchung, die sich in neuerer Zeit der Frage elterlicher Unterstützungsleistungen gewidmet hat, hat dies im Hinblick auf Migranten getan und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich türkische Eltern mehr für die schulische Leistung ihrer Kinder engagieren als deutsche Eltern (Diefenbach, 2006: 236-238). Seither wurde das Thema nicht mehr angefasst, wohl um den Mythos, der die Sozialstruktur in Deutschland zementiert, nicht zu gefährden.

Forschung aus dem Vereinigten Königreich leidet in der Regel nicht unter selbstauferlegter Ignoranz oder allgemeiner Phantasielosigkeit, nicht einmal in der Soziologie, und das will etwas heißen. Entsprechend haben Esther Dermott und Marco Pomati von der University of Bristol bzw. Cardiff die Probe aufs Exempel gemacht und untersucht, wie es sich mit der elterlichen Unterstützung von Kindern aus unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung verhält. U.a. haben sich die Forscher dafür interessiert, wie viel Zeit die Eltern mit ihren Kindern mit Essen, Fernsehen, Sport und Spielen verbringen. Und sie haben untersucht, wie oft Eltern Kindern vorlesen und wie viel Zeit Eltern investieren, um ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

Insgesamt können Dermott und Pomati auf 1.655 Haushalte des Vereinigten Königreichs zurückgreifen, die sie anhand des Einkommens in Familien der Arbeiterschicht und den gesellschaftlichen Rest, also vornehmlich die Mittelschicht teilen (Haushalte, die weniger als 60% des Medianeinkommens verdienen, gelten als der Arbeiterschicht zugehörig).

Die nachfolgende Analyse erbringt dann ein Ergebnis, dass den Mythos von der geringeren elterlichen Unterstützung für Kinder aus der Arbeiterschicht oder, anders herum formuliert, den Mythos, dass sich Mittelschichtseltern intensiver um ihre Kinder kümmern als Eltern aus der Arbeiterschicht, zerstört: “The findings support the view that associations made between low levels of education, poverty and poor parenting are ideologically driven rather than based on empirical evidence”.

Bildung als PrivilegÜbertragen auf Deutschland würde dieses Ergebnis bedeuten, dass die meisten Bildungskarrieren von Kindern aus der Arbeiterschicht durch Lehrer, die der Mittelschicht angehören, bereits in einem frühen Stadium beendet werden, nicht weil Anlass besteht zu glauben, dass die entsprechenden Kinder die Leistungen, die zu einem erfolgreichen Abschluss des Abiturs notwendig sind, nicht erbringen können, sondern weil Lehrer, als die Angehörigen der Mittelschicht, die sie nun einmal sind, glauben (wollen), dass die Kinder die entsprechende Leistung mangels elterlicher Unterstützung nicht erbringen werden.

Derzeit gibt es keinen Grund anzunehmen, dass das Ergebnis nicht übertragbar ist, und das wird wohl auch in Zukunft so bleiben, denn kritische empirische Forschung ist in Deutschland nahezu nicht existent.

Dominanzstrukturen, wie die beschriebene, mit denen die Mittelschicht die Arbeiterschicht manipuliert und die dazu dienen, den eigenen Ressourcenzugang quasi durch einen pre-emptive strike gegen potentielle Aufsteiger aus der Arbeiterschicht zu verteidigen, sind langlebig, sie sind insbesondere in einem Land langlebig, in dem die Ideologie und das, was z.B. Lehrer glauben (wollen), wichtiger sind, als das, was man empirisch bestätigen kann.

Literatur

Diefenbach, Heike (2006). Die Bedeutung des familialen Hintergrunds wird überschätzt. In: Alt, Christian (Hrsg.). Kinderleben – Integration durch Sprache? Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.219-258.

Kottmann, Brigitte (2006). Selektion in die Sonderschule. Das Verfahren zur Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf als Gegenstand empirischer Forschung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Lütkens, Charlotte (1971). Die Schule als Mittelklasseninstitution. In: Heintz, Peter (Hrsg.). Soziologie der Schule. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.22-39.

Rolff, Hans-Günter (1997[1967]), Sozialisation und Auslese durch die Schule. Weinheim: Juventa.

Sidanius, Jim & Pratto, Felicia (1999). Social Dominance: An Intergroup Theory of Social Hierarchy and Oppression. Cambridge University Press

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62 Responses to Ideologie, nicht Leistung, bestimmt den Schulabschluss

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  2. Ohne Worte says:

    Wenn ich sowas lese, frage ich mich, warum ich mir 20 Jahre den A**** aufgerissen habe, um nun Dr. der Chemie zu sein, anstatt rumzuheulen und die Hand aufzuhalten. Muss man halt als Jugendlicher anstatt abzuhängen mal Zeitungen austragen, während der Uni-Zeit bei den Eltern wohnen bleiben usw. In Deutschland kann man mit Leistung immer noch alles erreichen, Punkt aus!

    Macht auch mal lieber einen Job, der der Gesellschaft was bringt….

    P.S.: Macht Euch keine Sorgen mehr um die gemeine Unterdrücker-Mittelschicht, noch 20 weitere Jahre Sozialismus und es gibt nur noch die Superreichen, die Funktionseliten wie Politik und Medien und uns, dann seid Ihr hoffentlich zufrieden Ihr linken Spinner.

    Finden Sie es nicht lächerlich, sich in regelmäßigen Abständen positiv zu bewerten? -fragt der IP-Spezialist von ScienceFiles

    • Und der Herr sprach: ???

      Was wollen Sie nur verkünden?

      Ihr Kommentar ist weitgehend unverständlich. Was hat es z.B. mit dem Rumheulen auf sich, das Sie unterlassen zu haben, schreiben, was mit dem aufgerissenen Arsch?

      Ich wäre Ihnen doch verbunden, wenn Sie zumindest versuchen würden, Ihre Assoziationen irgendwie auf den Text zu binden, der sie ausgelöst hat … wie auch immer.

      Im übrigen freut es mich, heute einmal als linker Spinner beleidigt zu werden, nachdem ich gewöhlich rechts, antifeministisch oder was auch immer bin.

      Wie dem auch sei, ich bitte Sie, in Zukunft entweder ein Argument zu machen, denn ein zweites Mal werden wir nicht zulassen, dass Sie sich auf unserem schönen Blog auskotzen, oder ihrem Nick treu bleiben und ohne Worte von dannen zu ziehen, Sie assoziativer Spinner.

    • @Ohne Worte

      Fast wäre ich angesichts Ihres Kommentars ob seiner Inhaltsleere ohne Worte geblieben, aber nun muss ich meine Frage doch in Worte fassen:

      Wie um aller Götter willen haben Sie es geschafft, einen Dr. in Chemie zu erreichen???

      Die Frage muss angesichts der Qualität Ihres Kommentars hier erlaubt sein! Ich vermute, Sie haben kräftig gejammert und geschimpft, so wie Sie es in Ihrem Kommentar tun, und Sie haben die Hand aufgehalten, aber niemand hat etwas hineinlegen wollen, was ich gut verstehen kann, und jetzt vermuten Sie bei jedem, der nicht Ihrer Meinung ist und etwas geschafft hat, dass er auch die Hand aufgehalten haben muss – Sie armes (anscheinend: rechtes) Tröpfchen!

      Ich habe meinerseits nicht nur einen Dr., sondern auch eine Habilitation geschafft, und zwar als Arbeiterkind und ganz ohne Herumzuheulen und “die Hand aufzuhalten”.

      Was bilden Sie sich eigentlich ein, mit wem Sie es hier zu tun haben? Wenn ich Sie im richtigen Leben erwische, dann setzt es ein Ohrfeige, das kann ich Ihnen versichern, und für dieselbe verantworte ich mich dann sehr gerne. Dann sind Sie hoffentlich zufrieden, Sie XXXXX (Beliebiges einsetzen, aber bitte nichts Positives!)

      • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

        … und diejenigen, die meinen, sich einmischen und meinen Kommentar negativ bewerten zu müssen, könnten mit derselben Behandlung durch mich rechnen – denn wer dermaßen dumm ist, dass er meint, jemanden beleidigen zu müssen, der über etwas berichtet, was andere Leute getan haben, was dem “Daumen-Drücker” aber nicht gefällt, mit dem kann man vermutlich nicht viel mehr anfangen als ihn zu prügeln. Aber wahrscheinlich nützt das bei der Sorte von Leuten auch nichts mehr …!

        • … quod erat demonstrandum: diesen Leuten ist mit nichts zu helfen! Anonym den virtuellen Daumen betätigen, ist alles, was sie können.

          • … und sie merken auch nichts, wenn man sie mehrfach darauf hinweist. Dumpfe Sturheit ersetzt aber keine Argumente und keine Bildung, egal, wie oft man Verstocktheit demonstriert. Frechheit siegt eben leider nicht!

            Schon deswegen, weil wir hier ein Angebot an die Öffentlichkeit machen, das sie annehmen kann oder nicht, aber sie ist nicht frei, es zu missbrauchen, und wenn das nicht respektiert wird, dann können wir unser Angebot jederzeit zurückziehen, z.B. dadurch, dass wir die Bewertungsfunktion einfach schließen.

            Wir könnten auch einfach die ganze Kommentarfunktion schließen, wie das bei den meisten deutschsprachigen Medien der Fall ist. Damit finden sich die anonymen Daumen-Runter-Drücker halt ab und tun genau nichts dagegen. Um sich psychisch zu erleichtern, haben Sie ja blogs wie unseren, auf dem sie nach Belieben ihren Frust ausleben können.

            Die Frage ist: wie lange, glauben Sie, gefrustete Daumen-Runter-Drücker, werden Sie diese Möglichkeiten noch haben? Glauben Sie, Sie haben in irgendeiner Form ein Recht darauf, das bei uns zu tun, oder es ist auch nur anständig von Ihnen? Wir können jederzeit sagen: das ist uns zu blöd, wir schließen die Funktion, und sehen Sie, durch Ihren Missbrauch zerstören Sie Möglichkeiten, sich zu äußern, und wenn man nicht einmal die Grundregeln der Fairness einhalten kann und keine Nettiquette kennt, dann muss man sich nicht darüber wundern, dass Deutschland ein Land wird, in dem man immer weniger seine Meinung ausdrücken kann.

            Wenn Meinungsäußerungen nicht mehr zugelassen werden, kann man nämlich immer – zumindest zum Teil mit Recht – argumentieren, dass das ja eine Form der Notwehr gegen die ist, die die freie Meinungsäußerung zum Rumproleten oder bösartigen Machtkampf missbrauchen. Genau das tun die großen deutschen Medien, und wenn Sie so weitermachen und unsere Bewertungsfunktion missbrauchen, dann tun wir das früher oder später vielleicht auch. Geht’s Ihnen und anderen Leuten dann wirklich besser!? Ich meine, Sie müssen doch irgendwie geistig im Stande sein, diese Zusammenhänge zu kapieren, oder sind Sie das wirklich nicht?!?

            • … aha, jemand ist geistig nicht im Stande, dies nachzuvollziehen, verfügt aber über genug kriminelle Energie, um sich von verschiedenen IPs aus einzuloggen und mehrfach die Daumen-Runter-Funktion zu betätigen (wir haben das geprüft).

              Es ist wirklich bitter mitansehen zu müssen, wie Leute die paar Ressourcen, die sie haben, auf Sinnloses und Destruktives verschwenden. Aber gut, wenn es das einzige ist in deren Leben, das ihnen Sinn gibt …..

  3. fleißige Ameise says:

    Wenn dem wirklich so ist, und das Kind aus der Arbeiterfamilie das selbe schicksal erleiden muss wie seine Eltern, trotz Ergeiz, dann verstehe ich die hohe Zahl der Hartz 4 Empfänger.

  4. Helbig says:

    Warum findet sich im Beitrag kein Hinweis auf die erbliche Komponente der Intelligenz? Der Schulabschluss korreliert doch weitgehend mit dem IQ und dieser wiederum weitgehend mit dem der leiblichen Eltern.

    • Der Hinweis findet sich nicht, weil es keine Relevant hat, da man davon ausgehen kann, dass die Mittelschicht nicht dümmer ist als die Arbeiterschicht – als ganzes betrachtet.

      • Helbig says:

        Soll das Ironie sein? Das die Mittelschicht nicht dümmer (das Wort haben Sie gewählt) als die Arbeiterschicht ist, hat bisher noch niemand angezweifelt, aber das die Arbeiterschicht – als Ganzes betrachtet- einen geringeren IQ haben könnte, darf unter Soziologen wahrscheinlich nicht einmal als Hypothese in Betracht gezogen werden.

        • Soll das Ironie sein? Welche Indizien haben Sie dafür, dass die Arbeiterschicht im Hinblick auf den IQ hinter der Mittelschicht zurückbleibt? Und, fast wichtiger noch: Warum sollte das so sein?

        • ener says:

          Was misst eigentlich der IQ genau? Alterklassenbezogene Kenntnisse und kognitive Fähigkeiten, die von (westlichen) “Mittelschicht-Wissenschaftlern” (Psychologen) im Laufe der Zeit unter der Rubrik “Intelligenzleistungen” zusammengetragen wurden. Allerdings gibt es keine ‘objektiven’ Hinweise, dass der darin abgeprüfte Kanon irgendwie erschöpfend und vollständig wäre – er hat sich nur (für uns) kulturell bewährt – um etwa Stellenbesetzungen zu legitimieren. Es ist gut möglich, dass ein gewisser “Klassen-Bias” bzw. auch “ethnisch-kultureller” Bias in IQ-Tests ‘eingebaut’ ist, dessen sich die Autoren meist nicht bewusst sind, der aber auffällt, wenn in anderen Erdteilen damit gemessen wird… Das ‘schaut’ dann immer irgendwie ‘biologisch fundiert’ aus – muss aber nicht wirklich neuronal bzw. genetisch bedingt sein.

          • Helbig says:

            Es ist vollkommen gleichgültig was damit gemessen wird. Für obige Fragestellung müssen Kinder zu Schulbeginn getestet werden und man erhält eine Zahl X. Dann schaut man 15 Jahre später welcher Schulabschluss vorliegt und schaut sich dann X an. Wenn gilt, je größer X umso höher der Schulabschluss, dann kann man alles mögliche am Testaufbau kritisieren, aber seine Vorrausage des Bildungserfolges ist evident. Um auch gleich auf Michael Kleins Frage einzugehen, warum sollte nicht gelten: hoher IQ = hoher Schulabschluss = Zugehörigkeit zur Mittelschicht. Das noch einige andere Faktoren hinzukommen, von mir aus auch ignorante Lehrerinnen, sei dahingestellt.

            • Ich will die Frage einmal anders formulieren: Was sollte der erreichte Abschluss mit IQ zu tun haben? Seit wann wird in der Schule IQ belohnt. Es gibt Unmengen von Untersuchungen (nicht zuletzt für Deutschland Lau und Element), die belegen, dass in Schulen gerade nicht Leistung mit Noten belohnt wird und da sind wir noch gar nicht bei dem Problem, welche Fähigkeit (eine überwiegend kognitive, eine überwiegend kulturelle oder eine überwiegend submissive) mit schulischen Leistungen überhaupt unter Beweis gestellt wird.

            • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

              @Helbig

              “Das noch einige andere Faktoren hinzukommen, von mir aus auch ignorante Lehrerinnen, sei dahingestellt.”

              Das genau ist aber der Witz: Wenn man ein Phänomen erklären möchte, muss man gewöhnlich mit mehr als einer einzigen erklärenden Variable hantieren, und nichts spricht dafür, dass dem vererbten IQ unter den erklärenden Variablen eine größere Bedeutung zukommt als irgendeiner anderen Variable.

              Zum Artikel, über den wir berichtet haben: Er hat einen Zusammenhang geprüft, der immer und immer wieder als stehende Weisheit in der Bildungsforschung wiedergekaut oder einfach vorausgesetzt wird, aber eben nie GEPRÜFT. Und das Ergebnis ist, dass es diesen Zusammenhang in dem Sample, das betrachtet wurde, nicht gibt. D.h. man kann nicht umstandslos von einem allgemeinen Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und bildungsrelevanten Sozialisationspraktiken ausgehen.

              Wer in Zukunft damit erklären will, muss angesichts dieser empirischen Evidenz (und angesichts von Theorien, die sich im Einklang mir ihr befinden,) den empirischen Beleg dafür erbringen, dass es im von ihm betrachteten Fall anders war, und er muss sich überlegen, WARUM das in diesem Fall anders gewesens ein könnte.

              So funktioniert wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt. Nur wer etwas anderes will, z.B. seine Lieblingsvorurteile bestätigen, wird anders agieren.

            • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

              “Es ist vollkommen gleichgültig was damit gemessen wird. ”

              Ich glaube, ich lese nicht richtig!

              Wenn das so ist, warum messen wir dann nicht einfach die Intensität der roten Backen von Vorschulkindern als Prädikatoren für ihren Bildungserfolg?

            • St. Elmo says:

              @Helbig

              Sie begehen hier einen Fehler.
              Sie erkennen zwar das es mehrere Faktoren für die Höhe des Bildungsabschluss gibt, beharren aber trotzdem auf einer Mono-Kausalität hoher IQ = hoher Bildungsabschluss.
              Dabei können sie schon aufgrund der von Ihnen richtig erkannten mehreren Faktoren gerade nicht Nachweisen das es sich um eine Kausalität und nicht nur um eine Korrelation handelt.

              Was ist z.b. mit dem sozialen Umfeld wie z.b. Schulklasse, Partner/in, Lehrer/in
              oder Dingen wie Begabung, Interessen, Motivation usw.
              Alles Irrelevant?

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      Warum sollte es? Warum, glauben Sie, schreiben Leute über Dinge, die Sie nicht interessieren, und nicht über Dinge, die Sie interessieren? Vielleicht weil sie etwas anderes interessiert? Vielleicht teilt nicht jeder Ihre Vorurteile und wählt daher andere Fragestellungen als Sie wählen würden ….

  5. ener says:

    Naja, ob man der dt. Bildungsforschung gerade an diesem Punkt Ideologieproduktion zuschreiben kann, wage ich zu bezweifeln, denn schließlich impliziert ja ein “Sein” (dessen empirischer Status – Elternengagement der underclass – dazu noch zweifelhaft scheint) noch lange kein “Sollen”!

    Weiterhin bezweifle ich (leider) eine Übertragbarkeit englischer Befunde zu dem Sachverhalt auf deutsche Verhältnisse, da Bildungsorientierungen bzw. meritokratische Grundhaltungen in kulturell liberal(er) geprägten Gesellschaften doch schichtenübergreifend stärker ausgeprägt sein sollten als in ‘ständischen’ wie der unseren.

    Worüber man aber diskutieren kann, sind belegte Zuschreibungseffekte (z.B. diese ‘Kevinismus’-Studie Oldenburg von 2010) bei Grundschullehrerinnen, die aufgrund mittelschichtgeprägter Namenspräferenzen allein bereit sind, negative Prognosen über das Bildungspotential von Schülern abzugeben. Solche, eher auf symbolischem Kapital (Namen, Beruf der Eltern usw.) beruhenden Tendenzen zum frühzeitigen ‘Abschreiben’ einzelner Schüler aufgrund einer vermuteten Herkunft durch die GS, dürften die im Beitrag angesprochenen Sachverhalte mindestens ebensogut erklären wie die Annahme einer ‘Ideologie mangelnder Förderung der Unterschicht-Eltern’, die aus der Bildungsforschung abgeleitet würde.

    Schade ist tatsächlich, dass den ‘Unterschicht-Eltern’ beim Hausaufgabenbetreuen kein Bildungsforscher mal vernünftig ‘über die Schulter geschaut’ hat.

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      “Schade ist tatsächlich, dass den ‘Unterschicht-Eltern’ beim Hausaufgabenbetreuen kein Bildungsforscher mal vernünftig ‘über die Schulter geschaut’ hat.”

      Ja, aber das diesbezügliche Über-Die-Schulter-Schauen stelle ich mir bei den Mittelschichts-Eltern noch viel lustiger vor! Wollte man irgenwelche Vergleiche anstellen, müsste man ja ohnehin BEIDES tun!

      • St. Elmo says:

        Ich Frage mich gerade, wann die heutigen, beide Vollzeit arbeitenden, Mittelschichtseltern das überhaupt machen wollen, den Kindern bei den Hausaufgaben über die Schluter schauen?

  6. Carlito says:

    Der Klassenkampf lebt? Für viele Leute im Bildungsbürgertum und im Bildungswesen bedeutet ein Proletenkind: Das ist nicht mein Kind – und auch nicht das Kind von geschätzten Kollegen/Bundesbrüdern/Parteifreunden/Mitgliedern meiner Clique … Es gibt viele Möglichkeiten der Protektion – oder aber der Entmutigung und der gezielten Verblödung ganztags. Protektion ist gewiß immer nötig. Aber wie nahe liegt doch die Protektion und Förderung ungeeigneter Leute aus den eigenen Reihen? Die Folgen werden auch die Akademiker zu spüren bekommen. Ein wenig traurig ist es schon.
    Alles eine Frage des Geistes, der da weht … oder nicht wehen darf ….

  7. Vanalander says:

    Hat dies auf Vanaland rebloggt.

  8. gunst01 says:

    Hat dies auf Die Goldene Landschaft rebloggt und kommentierte:
    Bildung bleibt doch wieder unter den Gebildeten.

  9. Timm says:

    Ich selbst stamme aus einer “Arbeiterfamilie” und verließ die Gesamtschule mit einem Mittelmäßigen Schulabschluss im Osten Berlins. Für mich gab es gar keine Aussichten auf Abitur und Studium damals und ich betrat mit 16 den Arbeitsmarkt. Mit 20 merkte ich jedoch, dass dieser Fernseher vor mir, ganz schöne Scheiße erzählt und ich machte ihn aus, strich das Fernsehen letztlich ganz aus meinem Leben und fing an Bücher zu lesen. Nun habe ich immer noch kein Abi, und studiert haben ich auch noch nicht, dennoch fühle ich mich keineswegs dümmer oder minderbemittelter gegenüber Freunden die alle irgendwas studieren und aus der “Mittelschicht” kommen.

    Ich sage es mal so, ein “Arbeiterkind” läuft schneller Gefahr der Verdummungsindustrie zu verfallen, das kann ich kann ganz klar erkennen von vielen persönlichen Erfahrungen mit Bekanntschaften aus den Randbezirken Berlins: Marzahn und Hellersdorf. Es ist nicht einmal Armut, denn satt sehen diese Menschen dort aus – von teuren Gerätschaften wie Smartphones ganz zu schweigen (das Wort übersättigt passt besser). Was dort herrscht ist geistige Verwahrlosung mit den Privatsendern im TV als Speerspize, die zulassen, dass gerade in dieser Woche millionen von Menschen zugeschaut haben wie die Prominens Tierhoden frisst.

    Dummheit ist nicht vererbbar, sowas ist Blödsinn. Das einzig richtige meines erachtens: Wir sollten schleunigst unser Schulsystem ändern, denn das ist zu alt für so moderne Probleme. (An Geld und Leuten kann es ja nicht mangeln in Deutschland!…Richtig liebe Politiker?…Richtig. 😉 )

  10. demmrink says:

    Die Argumentation in Kurzfassung:
    Das Deutsche Bildungssystem verhindere den sozialen Aufstig von Kindern aus der Arbeiterklasse. Grund dafür sei die Besitzstandswahrung der Mittelschicht. Mittelschicht definiere sich selbst über den Mythos, dass sie sich mehr um ihre Kinder kümmere. Die Lehrer in der Schule sortierten die Kinder aus der Arbeiterschicht aus, weil sie (die Lehrer) ja Teil der Mittelschicht seien und weil sie an diesen Mythos glauben.
    Eine Studie hätten nun ergeben, dass der Mythos falsch sei. Daher sei das Aussortieren um so kritikwürdiger. Böse Schule, oder genauer gesagt, böse Lehrer. Und dumme Lehrer, da sie nicht die empirischen Erkenntnisse zur Kenntnis nähmen, sondern der Ideologie foltgen, dass Mittelstandseltern sich mehr um ihrer Kinder kümmern, weswegen sie (die Lehrer) die Kinder aus dem Mittelstand bevorzugen.

    I
    [Modus subjektiv an]
    Ich halte dieses ganze Szenario der Besitzstandswahrung der Mittelschicht, das schon seit vielen Jahren durch die (Linke) Bildungsdiskussion wabert, für einen Mythos. Der entscheidende Punkt ist hier erst einmal meine ganz persönliche Erfahrung als Teil diese Systems. Ich weiß, dass ist absolut subjektiv und mein Einblick in das System ist keinesfalls repräsentativ. Zudem fehlt mir ja als Teil des Systems auch eine objektive Sicht.
    [/Modus subjektiv aus]
    Das Schulsystem ist definitiv in einem bedauernswerten Zustand. Hervorragend auf den Punkt bringt das m.E. Lissmann in seinem Buch "Die Praxis der Unbildung". Dass in Zeiten knapper Ressourcen von Eltern darum gekämpft wird, für die eigene Brut einen guten Startplatz zu ergattern, ist nachvollziehbar. Dass Schüler von ihren Lehrern durch eine schlechtere Bewertung am weiteren Schulerfolg gehindert werden, weil sie aus der Arbeiterschicht stammen, kann man behaupten. Aber gibt es eine derartige Studie? Die diesen Zusammenhang untersucht?
    Dass Kinder aus der Arbeiterschicht in einem maroden Bildungssystem definitiv benachteiligt sind, ist nachvollziehbar. Die von Ihnen benannten Ursachen allerdings halte ich für falsch – und die Argumentation des Beitrages auch nicht für überzeugend.

    Eine englische Studie hat untersucht, wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen. Die Summe der verbrachten Zeit sagt erst einmal nichts darüber aus, wie effektiv diese Zeit für die Kinder im Hinblick auf die Anforderungen ist, die in der Schule gestellt werden.
    Zudem bleibt ein wesentlicher Aspekt völlig unberücksichtigt: Kinder aus Elternhäusern der Mittelschicht erhalten ständig, vom ersten Tag ihres Lebens an völlig andere Anregungen. Allein wenn ich bedenke, welche Wirkungen die rumliegenden Bücher in meiner Kindheit hatten … Da gab es vielerlei zu entdecken …
    Und ja – das System Schule ist so marode, dass es nicht ansatzweise in der Lage ist, diesen Unterschied zwischen Kindern unterschiedlicher Herkunft auszugleichen.
    Und ja – wenn man unterstellt, dass das System vorsätzlich durch die rot-grüne Schulpolitik in diesen Zustand versetzt wurde, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Mittelschicht, also die Politiker, durch eine entsprechende Schulpolitik ihren Besitzstand wahren wollen.

    Dominanzstrukturen … sind insbesondere in einem Land langlebig, in dem die Ideologie und das, was z.B. Lehrer glauben (wollen), wichtiger sind, als das, was man empirisch bestätigen kann.

    Dieses Fazit ist unklar: Was kann man denn nun empirisch bestätigen? Dass sich Eltern der Arbeiterschicht mehr um ihre Kinder kümmern??
    Sie behaupten in Ihrer Argumentation erst, dass ein konkreter gemeinschaftsstiftender Mythos Ursache für die Benachteiligung sei, verweisen auf eine Studie, die belegen soll, dass der Mythos falsch ist, es aber gar nicht belegt, um am Ende darauf zu verweisen, dass diese empirischen Erkenntnisse (die den Mythos gar nicht widerlegen) negiert werden.

    • Wie erklären Sie, dass Kinder aus der Arbeiterschicht deutlich seltener ein Abitur erreichen, ein Hochschulstudium aufnehmen und abschließen?

      • demmrink says:

        Die Ursachen sind mit Sicherheit vielfältig. Ich habe ja in meinem Kommentar schon angedeutet: Kinder aus der Arbeiterschicht haben mit Sicherheit schlechtere Ausgangsbedingungen mit dem Schuleintritt.
        Auch wenn pauschale Ausagen immer problematisch sind: aber Schule in Deutschland wird ihrer eigentlichen Aufgabe nicht mehr gerecht und verkommt zu einer besseren Betreuungsanstalt (möglichst lange – Stichwort Ganztagsschule). Und in diesem Umfeld findet wirklich wenig Förderung statt. Die Zustände sind wirklich dramtisch. Es ist durchaus der Normalfall, das 15-20% der Unterrichtenden an einer Schule über keine Lehrerausbildung verfügen. Eine Sekundarschule in Berlin kann den Ganztagsbetrieb mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung steht, gar nicht abdecken, ohne Selbstausbeutung des Personals zu betreiben. Die allerorten geforderte Inklusion wird auf verantwortungslose Weise durchgedrückt – … usw.
        Die Veränderungen in den letzten 10 Jahren mit der Abschaffung des 3gliedrigen Schulsystems haben m-E. auch nicht zu einer Verbesserung der Situation geführt. Platt formuliert: Das 3gliedrige Schulsystem war wie ein ICE mit 1. und 2. Klasse. Nach den Reformen fahren alle nur noch 2. Klasse (ich finde sogar, dass aus 1 und 2 = 3. Klasse gemacht wurde).
        Ich weiß, das beantwortet ihre Frage nur bedingt, aber der Mythos der bürgerlichen Besitzstandswahrung als Ursache für den geringeren Anteil von Arbeiterkindern überzeugt mich nicht, ich empfinde diesen Mythos eben ganz explizit als einen Mythos der von der rot-grünen Bildungspolitik missbraucht wird, um … ja, was eigentlich.
        Hier sehe ich durchaus eine Parallele zum Lieblingsthema hier, den Genderisten. Man versucht die Welt der eigenen Ideologie anzupassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und denkt dann noch, Gutes damit zu tun.

        • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

          @demmrink

          Also sind Sie von der Idee der Besitzstandwahrung durch die Mittelschicht nicht überzeugt. Okay.

          Aber WARUM nicht? Weil Sie das für sich oder für die Leute in ihrer Umgebung subjektiv nicht nachvollziehen können? Sie schreiben doch selbt, dass das total subjektiv ist. Wie heißt es so schön mit Bezug auf statistische Zusammenhänge: alle, nicht jeder! Warum ist es dann für Sie so schwierig zu akzeptieren, dass es eine Studie gibt, die eben das herausgefunden hat, was sie herausgefunden hat? Sie werden verstehen, dass eine Studie, die ein spezifisches Untersuchungsdesign und eine spezifische Methode vorzuweisen hat, als zuverlässiger gelten muss als Ihre subjektive Erfahung (die ja durchaus zutreffend sein kann, nur eben nicht so weit generalisierbar wie Studien, die nicht nur eine deutlich größere Fallzahl involvieren, sondern auch von einer methodischen Vorgehensweise angeleitet werden).

          Was die Studie betrifft, so tragen Sie den folgenden Einwand vor:

          “Kinder aus Elternhäusern der Mittelschicht erhalten ständig, vom ersten Tag ihres Lebens an völlig andere Anregungen. Allein wenn ich bedenke, welche Wirkungen die rumliegenden Bücher in meiner Kindheit hatten … Da gab es vielerlei zu entdecken …!”

          Dieser Einwand stellt keinen Einwand dar, denn Sie behaupten einen generellen Zusammenhang, den Sie lediglich mit Ihrer eigenen Erfahrung belegen können, der aber bis auf Weiteres schwerlich mit den Ergebnissen der Studie vereinbar ist.

          Sicher wäre es nützlich, wenn in zukünftiger Forschung Quantität und Qualität des Elternengagements genauer erhoben würde – mehr und genauere Informationen schaden niemals!

          Aber dennoch müsste man, wenn man nicht um des Messens willen messen will, eine theoretische Begründung dafür haben, warum sich die Qualität in Mittelschichts- und Arbeiterhaushalten unterscheiden sollte, warum Unterschiede in dieser Qualität, falls es sie gebe, bildungsrelevant sein sollten, und warum man akzeptieren sollte, dass die Schule bestimmte Qualitäten des Elternengagements voraussetzt und bestimmte Qualitäten stärker belohnt als andere, ohne dass dafür Gründe gegeben werden (vielmehr wird ein irgendwie in der Mittelschicht angeblich gegebener Konsens angestrengt).

          Zur Illustration darf ich mich einmal meiner eigenen Kindheitserinnerungen bedienen: In meinem Elternhaus gab es wenige Bücher, nicht, weil meine Eltern Büchern gegenüber ignorant gewesen wären, sondern weil Bücher damals sehr teuer waren und meine Eltern keine Zeit hatten, die sie auf das Bücher-Lesen hätten verwenden können. Das Buch, das mich duch meine Vor-Grundschul- und Grundschulzeit (ich war nicht im Kindergarten, was eine Tatsache ist, der ich subjektiv zumindest einen Teil meiner positiven kognitiven und motivationalen Entwicklung zuschreibe) am meisten begleitet hat, war eine Ausgabe eines Volkslexikons, die wir zuhause hatten und in der ich endlos lange hätte herumschmökern können.

          Es begann damit, dass ich die Fahnen aller damals existierenden Länder dort abgebildet sah, die Farben und Muster erinnerte und nachmalte, dann hatte ich eine Geographie-Phase, in der ich alle Flüsse aus dem Lexikon heraussuchte und für jeden erinnerte, in welchem Land bzw. in welchen Ländern er fließt, was dazu führte, dass mich bestimmte Länder sehr faszinierten, so dass ich als nächstes heraussuchte, was ich zum Land finden konnte, auch Persönlichkeiten, die mit diesem Land verbunden waren. Das leitete meine Geschichts- und später meine Archäologie-Phase ein … (Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich Ethnologin (und Soziologin) geworden bin.)

          Meine Eltern haben mich zu all dem eigentlich nie ermuntert, aber sie haben es tapfer über sich ergehen lassen, wenn ich ihnen zu allen möglichen Zeiten und Unzeiten meine neuesten Erkenntnisse darlegte und alle möglichen Fragen stellte, die sie meist nicht beantworten konnten, aber das war nicht der Punkt: selbst, wenn wir nicht sehr oft zusammen überlegt haben (meine Eltern haben gearbeitet, um die Familie zu unterhalten), konnte ich vor meinen Eltern geduldetermaßen eine Art Monolog führen, der mich auf bestimmte Ideen gebracht hat. Ich habe nichts “Falsches” sagen oder denken können, alles explorative Denken war erlaubt.

          Wie ist das jetzt mit der Quantität und der Qualität des elterlichen Engagements?

          Ich bin geneigt, es als ein großes Engagement meiner Eltern zu werten, dass sie mich einfach haben machen lassen, ohne mir Vorgaben darüber zu machen, was eine pädagogisch wertvolle Tätigkeit für ein Kind meines Alters (oder Geschlechts) sei und was nicht, und ohne mich in bestimmte Richtungen zu drücken. Als ich Verkäuferin mit dem echten Mehl und Zucker meiner Mutter spielte, war das okay. Als ich ihr, während sie bügelte, die altägyptische Dynastienfolge herbetete, war das auch okay. Ich kann nicht sagen, dass meine Kindheit in irgendeiner Weise ohne hinreichende Anregungen gewesen wäre – im Gegenteil. Statt fertige Dinge gekauft zu bekommen, die teuer waren, habe ich ziemlich viel selbst gemacht und gebastelt oder Dinge einem gänzlich unvorhergesehenen Zweck zugeführt. Ich durfte das, und DAS und eine weitgehende Nicht-Einmischung waren m.E. die wichtigsten Formen des Engagements meiner Eltern.

          Wie gesagt habe ich eine frühe, relativ breite Grundbildung mit Hilfe eines einzigen Buches erhalten. Heute gilt die Anzahl der im Elternhaus verfügbaren Bücher als ein Indikator für das “kulturelle Kapital”, das Eltern Kindern weiterzugeben hätten. Das stellt sich nicht nur angesichts meiner eigenen Erfahrung als sehr fehleranfällig dar, sondern wirkt auch sehr verstaubt in Zeiten des Internet, des Ipad – und pod etc.
          Für mich zeigt sich allein schon in solchen Fragen wie die nach der Anzahl der Bücher im Elternhaus der Mittelschichtsdünkel.

          Ich kann meine Erfahrungen ebenso wenig verallgemeinern wie Sie und will es auch nicht, aber ich bin mir aufgrund meiner Erfahrungen und meiner Überlegungen durchaus nicht so sicher, ob Mittelschichtskinder tatsächlich eine bildungsförderlichere Sozialisationsumgebung im Elternhaus haben als Arbeiterkinder. In mancher Hinsicht vermutlich schon, in anderer aber vermutlich nicht. Für mich sind das Fragen, die letztlich empirisch geklärt werden müssen, und die Studie, über die wir berichtet haben, gibt eine vorläufige Antwort (bis weitere Forschung vorliegt). Es gibt keinen Grund, ihre Ergebnisse zu verwerfen, nur, weil man – anders als ich – plausibel findet, dass das Mittelschichtsmilieu anregender sei oder es sein müsse als das Arbeiterschichtsmilieu.

          Ich durfte z.B. mit meinem Vater in die Kneipe gehen und am Stammtisch bei den anderen Männern sitzen, wo ich Skat spielen lernte und erfuhr, was Männer dort so besprechen, nämlich vor allem Arbeitsangelegenheiten (weshalb ich auch erheblichen Zweifel daran habe, dass das von Mittelschichtlern so gerne beschworene Stammtischniveau den Mittelschichtlern überhaupt bekannt ist, sonst würden sie nicht solche dummen Vorurteile gegen das sogenannte Stammtischniveau reproduzieren wie sie es tun). War das eine kindgerechte Aktivität? War das bildungsrelevant? Wer will das entscheiden!? In jedem Fall fand ich es überaus anregend, schon, weil ich dort mit einer größeren Vielfalt der Meinungen und Erfahrungen und Lebensweisen konfrontiert war als ich dies im Elternhaus und pädagogischen Sonderumwelten gewesen wäre!

          Wenn das Mittelschichtsmilieu aber nicht mehr oder weniger durchgängig “anregender” ist als das Arbeitschichtsmilieu, wie kommt es dann zum differenziellen Bildungserfolg in der Schule? Die nächstliegende Antwort ist zweifellos, dass in der Schule bestimmte “Anregungen” höher gewichtet werden als andere oder dass vielleicht sogar Anregungen gar nicht gerne gesehen werden, sondern eher Konformität. Und wenn es ein Faktum ist, dass sich die Abstände in den Leseleistungen, wie sie in der Schule vermittelt und gemessen werden, zwischen Jungen und Mädchen während der Schulzeit erhöhen, dann verweist dies ganz klar auf etwas, was in der Schule passiert, ebenso wie das Faktum, dass Arbeiterkinder bei gleicher Leistung eine niedrigere Grundschulempfehlung erhalten wie Mittelschichtskinder!

          • demmrink says:

            wie viel Zeit die Eltern mit ihren Kindern mit Essen, Fernsehen, Sport und Spielen verbringen. Und sie haben untersucht, wie oft Eltern Kindern vorlesen und wie viel Zeit Eltern investieren, um ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

            Ich zweifele ja gar nicht die Studie als solche an. Nach Ihrer Darstellung hat die Studie den zeitlichen Umfang der elterlichen Zuwendung untersucht.
            Der Mythos, den Sie zu Beginn des Beitrags darlegen, laute zusammngefasst:

            Allgemeiner: Mittelschichtseltern erziehen besser, zeigen effizientere Erziehungspraktiken als Eltern aus der Arbeiterschicht.

            Diese Ausage lässt sich aber eben nicht mit der Studie belegen oder widerlegen. Da diese Aussage sich auf die Qualität der Erzeihung bezieht, die Studie offensichtlich auf die Quantität.

            • @demmrink

              “Diese Ausage lässt sich aber eben nicht mit der Studie belegen oder widerlegen. Da diese Aussage sich auf die Qualität der Erzeihung bezieht, die Studie offensichtlich auf die Quantität.”

              Mit dieser Aussage haben Sie Recht, aber ich denke, dass man der Bedeutung der Studie nicht gerecht wird, wenn man sie nicht im Kontext mit dem betrachtet, was derzeit in der Öffentlichkeit und in der Bildungspolitik und -forschung üblich ist:

              Ohne Frage wäre es notwendig, sowohl die Quantität als auch die Qualität von Praktiken zu untersuchen. In der Fachliteratur findet sich aber merkwürdigerweise nichts in dieser Richtung, und in der Öffentlichkeit wird das Verhältnis von Quantität und Qualität von Engagement auch nicht diskutiert (so weit ich sehe). Oft gilt dort einfach die Formel: Je mehr Zeit Eltern mit Kindern verbringen, desto besser. Es wird gewöhnlich einfach plausibel gefunden, dass es qualitätvoll ist, wenn sich Mittelschichtseltern ihren Kindern widmen, und dass jede Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen, auch qualitätvoll verbracht ist, während angenommen wird, dass Arbeitereltern sich ihren Kindern entweder nicht widmen können (weil sie arbeiten, keine Zeit haben ….) oder wollen (sie vor den Fernseher setzten etc.). Die Frage, wie es um die Qualität bestellt ist, taucht daher mit Bezug auf Arbeitereltern gar nicht mehr auf.

              Und deshalb ist es ein großes Verdienst der Studie, mit Bezug auf die Quantität und die inhaltlichen Bereiche, in denen diese Quantität gelebt wird, gezeigt zu haben, dass es diesbezüglich keine erheblichen Unterschiede zwischen Mittel- und Arbeiterschichtseltern gibt.

              Darüber hinaus darf man, glaube ich, schon davon ausgehen, dass die Qualität des Vorlesens durch Arbeitereltern ebenso groß ist wie beim Vorlesen durch Mittelschichtseltern, außer man will prinzipiell behaupten, Arbeitereltern können nicht richtig lesen, und das wäre m.E. doch eine ziemlich starke Behauptung).

              Wenn man meint, dass es ein pädagogisch wertvolleres Vorlesen gibt als ein anderes Vorlesen, dann meint man offensichtlich eben nicht das Vorlesen, sondern etwas anderes, das das Vorlesen begleitet. Und wenn das so ist, dann muss erstens klar benannt werden, was das sein (warum) sein soll, und zweitens sind wir dann wieder bei der Frage nach der Qualität, die bislang weitgehend unerforscht ist.

              Und sie ist unerforscht, weil es für so viele Leute ein unumstößliches Dogma ist, dass Mittelschichtsangehörige – außer formal betrachtet – gebildeter seien als Arbeiterschichtsangehörige, dass sie engagierter seien, dass sie ihre Zeit sinnvoller verbringen würden, etc. etc. Und viel zu häufig wird auch fraglos akzeptiert, dass das, was Schulen vermitteln oder belohnen, alles gleichermaßen Bildung sei und Bildung grundsätzlich wichtig sei. Letzterem stimme ich uneingeschränkt zu, aber die Bildung, die die Schule belohnt, ist eben eine ganz bestimmte Bildung, und sie ist deshalb wertvoll, weil sie in den Bildungsinstitutionen gefragt ist. Wer eine zeitlang auf diesem Planeten gewandelt ist, weiß gewöhnlich aus Erfahrung, dass in vielen anderen Lebenszusammenhängen andere Arten von Bildung und von Bildungsprozessen gefragt sind ….

              Ich denke, es ist wichtig, dass man bestimmte Dogmen hinterfragt, so dass sie überhaupt einer empirischen Untersuchung zugänglich gemacht werden können, und vor allem deshalb ist für uns die Studie, die wir hier vorgestellt haben, so wichtig: sie liefert Hinweise darauf, dass die Dinge nicht so einfach liegen wie weite Teil der Öffentlichkeit, aber auch der Bildungsforschung sich angewöhnt haben, sie zu sehen.

        • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

          “Man versucht die Welt der eigenen Ideologie anzupassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und denkt dann noch, Gutes damit zu tun.”

          Meinen Sie damit uns? Soll das eine Unterstellung an uns sein? Falls ja, weise ich sie zurück und unterstelle dasselbe probeweise Ihnen:

          “Sie versuchen, die Welt der eigenen Ideologie anzupassen, ohne Rücksicht auf Verluste oder hier genau: auf Fakten. Und dann denken Sie auch noch, Gutes damit zu tun!”

          Das mag stimmen oder auch nicht. Was zählt sind Argumente, und dass Sie etwas nicht überzeugt oder Ihres Erachtens so ist, wie Sie meinen, dass es ist, ist kein Argument für oder gegen etwas.

          Was also ist hieran konstruktiv oder auch nur interessant?

          • demmrink says:

            Nein. dies war und ist keinesfalls eine Unterstellung an Sie. Dies bezieht sich auf die rot-grüne Bildungspolitik.

          • Michael Mägert says:

            Ich bin kein Wissenschaftler und habe auch kein akademischen Abschluss, allerdings habe ich es auf 3 Ausbildungen gebracht. Industriekaufmann, Industriefachwirt IHK, Betriebswirt IHK. Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Ich kann für mich jedenfalls sagen dass ..
            1. meine Eltern keinerlei Unterstützung im schulischen Bereich geleistet haben, keinen Elternabend besucht haben. Das ging alles gut weil ich ein guter Schüler war….bis ich ins Gymnasium kam. Dort war ich das einzige Arbeiterkind in der Klasse.
            2. Ich wurde dort sehr wohl anders behandelt. Und als ich das merkte habe ich erst recht das Underdog-Image gepflegt. Im Prinzip hatte man mich aufgegeben und war wohl der Meinung da ich nicht aus einer Akademikerfamilie komme wird die Enttäuschung nicht so groß sein, wenn ich das Abi nicht schaffe ( wurde mir fast wortwörtlich von einem Lehrer so gesagt ).
            3.) Man darf wohl davon ausgehen das Eltern mit Hauptschulabschluss ab der ??? 5. oder 6. Klasse im Gymi ihren Kindern bei den HA gar nicht mehr helfen KÖNNEN.

            Ich kann nur resümieren, dass ich mich durch Beides benachteiligt gefühlt habe. Mangelnde Unterstützung der Eltern UND Voreingenommenheit der Lehrer.

            • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

              @Michael Mägert

              Zu Ihren Punkten kann ich sagen:

              Punkt 1 war bei mir so ähnlich, aber ich würde das nicht so negativ verstanden haben wollen, denn ich fand es entlastend, dass nicht ständig zwischen meinen Eltern und meinen Lehrern über mich geredet wird und nicht irgendeines meiner Verhalten oder irgendeine meiner punktuellen Leistungen besprochen und vielleicht problematisiert wird, so dass sich ein schiefes Bild ergibt, das andere Verhaltens- und Leistungsaspekte völlig ausblendet. Ich empfand das als Schonzeit. Im Übrigen finde ich es wichtig, dass Kinder vermittelt bekommen, dass sie ein eigenes Leben haben, für das sie vor allem selbst verantwortlich sind, und nichts einfach deshalb machen oder machen sollen, weil ein paar Erwachsene das wollen und sich sozusagen krumm legen, damit sie das machen.

              Punkt 2: Ich glaube, ich war auch das einzige richtige Arbeiterkind in meiner Klasse, aber in die Klasse 5a kam ich ohnehin erst, nachdem meine ältere Schwester für mich beim Sekretariat vorsprach und darauf hinwies, dass ich von all meinen Freundinnen getrennt worden war, die in die 5a kamen, während ich in die 5e kam, in die letzte der 5er-Klassen, von der man anscheinend dachte, dass sie sich sowieso bald auflösen wurde. Heute weiß ich, dass das nur eine von vielen kleinen Ungleichbehandlungen war, aber damals habe ich das gar nicht verstanden, und es hat auch niemand so thematisiert. Und ich glaube, dass das gut war so, denn ich konnte meinerseits unvoreingenommen bleiben, und ehrlich gesagt habe ich mich während der längsten Zeit auf dem Gymasium nicht ausgeschlossen o.ä. gefühlt.

              Punkt 3: Ja, das klingt plausibel, aber meinen Sie wirklich, dass Mittelschichtseltern das können, ohne selbst für längere Zeit erst einmal in die Schulbücher der Kinder hineinzusehen, wenn es um Mathematik, Physik, Chemie, Biologie geht? Ich bin ziemlich sicher, dass sie es nicht können, und sei es nur, weil sie sich einfach nicht spontan daran erinnern können, wie der Flächeninhalt eines unregelmäßigen Vielecks ausgerechnet wird. Wenn sie aber die Formel(n) nachschlagen müssen und sie dann mit dem Kind anzuwenden versuchen, dann können Arbeiterschichtseltern das auch.

              In anderen Fächern mag das anders sein, dann aber auch nicht, weil die Eltern z.B. so wunderbar Französisch können, sondern weil in den “weicheren” Fächern ein Gutteil der Inhalte ideologischer Art ist und Mittelschichtseltern diese ideologischen Inhalte eher kennen und mittragen als Arbeitereltern, die einige, wenn nicht viele dieser Inhalte eher mit Befremden als Schulstoff erkennen würden.

              Deshalb bin ich persönlich davon überzeugt, dass es uns dem Leistungsprinzip und der Bewertung von Leistungen nach diesem Prinzip und allgemein der Bildungsgerechtigkeit ein gutes Stück näher bringen würde, wenn
              1. die Schule ihre Aufgaben ernst nehmen würde und sie konsequent Schulbildung als in der eigenen Verantwortung sehen würde (nicht in der von Eltern) und
              2. relevante Prüfungsleistungen von Schülern in anonymisierter Form von außenstehenden Dritten nach klar angebbaren Kriterien bewertet würden.

            • St. Elmo says:

              Zu 3.)

              Ich hab nach der Berufsausbildung, die Fachhochschulreife gemacht und anschließend ein Studium begonnen und einen akademischen Grad erworben.

              Aber falls meine Kinder einmal aufs Gymnasium gehen, werde ich ihnen sicherlich auch
              sehr schnell nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen können.
              Dazu ist mein akademisches Wissen zu speziell und daher außerhalb dieses Faches nicht hilfreich und meine eigene Schulzeit zu lange her als das ich mich noch an alles relevante erinnern könnte.

              • Sie überschätzen das Niveau auf Gymnasien massiv. Akademisches Wissen ist mit Kanonen auf Spatzen schießen und selbst an Universitäten kaum mehr vorzufinden.

                • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

                  Ja, Michael, aber trotzdem habe ich auch den Eindruck gewonnen, dass auf die spontane Frage, wie der Flächeninhalt eines Vielecks berechnet wird, spontane Antworten (fast) nur noch Schüler geben können, die das gerade lernen mussten, also im derzeit zu bearbeitenden Kapitel im Geometriebuch stand.

    • einer von wenigen says:

      “Die Bücher, die rumlagen”

      In meiner alleinerziehende, arbeitslose Mutter aus dem Osten-Kindheit lagen nirgends Bücher rum. Mein erstes wirklich absichtlich von mir gelesenes Buch, war im zarten Alter von 12 Jahren “ES” von Stephen King. Danach irgendwann mit 15 Harry Potter (auf deutsch) bis zum 4. Teil. Auch auf dem Gymnasium habe ich die angebotene Literatur selten wirklich gelesen, zumeist, weil ich es langweilig fand oder es aber das gefühlte 100. Buch über den 2. Weltkrieg war.

      Meine wirkliche Bildung durch Bücher begann erst im Studium, im Alter von ca. 22 und hier auch nicht dank der Universität, sondern im Widerstand gegen deren geistige Armut und Einfalt. Inzwischen bin ich fertig mit dem Studium, berate meine lieben Mitmenschen bisweilen in rechtlichen Dingen (sogar im Mutterschutzgesetz, obwohl ich ein Mann bin, der niemals Kinder haben will), gleichwohl ich nicht Jura studiert habe; wehre mich gegen unzumutbare Dinge von Behörden und dies auf eine Art und Weise, wo die “Zahnarzt- und Anwalttochter” den Hut vor zieht und die 60-jährige Frau mit Vergangenheit in Führungspositionen mir großen Respekt für zollt; arbeite auf eine Art und Weise, daß mich Sekretärin und Chefin manchmal ungläubig fragen, wie ein so kluger und umsichtiger junger Mensch sich für Arbeit “hergeben” kann, die soweit unter seinen Fähigkeiten liegt usw.
      Will sagen: der Ansatz, es hänge so unglaublich vieles am Elternhaus und an dem, was dort passiert, ist jedenfalls nach meiner Erfahrung in puncto Bildung absolut falsch (während ich gleichwohl weiß, meine Erfahrung ist nicht verallgemeinerbar, aber eben trotzdem “da”). Meine Mutter hat sich um nichts gekümmert und das war vielleicht das Beste, was passieren konnte. Ich wurde über fast ein Jahrzehnt schwer misshandelt, was ohne Frage nicht das Beste war, daß einem passieren kann. Ich habe aber den gesamten “Rückstand” zu den “bessergestellten” Kindern innerhalb von weniger als 5 Jahren nicht nur aufgeholt, sondern gleichsam diese überholt. Nach der “die Eltern bestimmen Dein Schicksal”-These müßte ich aber eigentlich als verzweifelter Junkie in der Gosse liegen. Diese Bestimmung durch das Elternhaus findet nach meiner Erfahrung völlig unabhängig (!) von der tatsächlichen Leistungsfähigkeit eines Menschen erst im Beruf statt, nämlich insofern meine “Assi-Mutter” keine Ärzte kennt, keine hohen Beamten oder sonst irgend ein hohes Tier, mittels dessen mir über den klassischen Nepotismus irgend eine (un)verdiente Stelle zugeschanzt werden könnte.

      Der Mangel an Büchern ist nach meiner Einschätzung gegenüber dem Übermaß an Nepotismus geradezu verschwindend gering, mithin eine Romatisierung des Problems (als wäre jedes Buch bildsam!). Dieses Übermaß an Nepotismus würde auch verständlicher machen, weshalb Ausländerkinder/Migrantenkinder es noch schwerer haben in Schule und Beruf, als es die biodeutschen Schmuddelkinder schon haben. Mit Nepotismus meine ich auch eine Art “Wahlverwandtschafts”-Nepotismus wie zb. es diese eine Studie zuletzt über die Vernetzung von Journalisten gezeigt hat oder wie das auch über die Vernetzung der Genderwahnsinnigen mehr und mehr ans Licht kommt.

      Der Mythos besteht nicht darin, daß Mittelschichtseltern ihren Knirpsen besseres zukommen ließen als es die Eltern der Schmuddelkinder es tun, sondern der Mythos besteht darin, daß wir (noch) in einer Leistungsgesellschaft leben würden und Leistung sowie Bestenauslese die wesentlichen Kriteria für Aufstieg und Abstieg von Menschen wären. Wir haben faktisch eine Wahlverwandten-Vetternwirtschaft und auch -bildungsstruktur, welche durch die biologischen Verwandtschaften lediglich begünstigt wird. Diese Struktur zeigt sich auch in dem bisweilen enormen Konformismus in verschiedensten Lebensbereichen, der eben aufgrund dieser Wahlverwandtschaften zustande kommt. Wer als Genderwahnsinniger plötzlich am Patriarchat zweifelt oder etwas über wissenschaftliche Axiomatik diskutieren will, ist sofort raus. Wer den Diskurs aber vorbehaltlos hinnimmt und nachplappert, ist absolut drin. Ebenso zu sehen in unserer unfehlbaren Presse, aber auch in der Politik. Bildung ist nach meinem Dafürhalten schon der ganz falsche Ausgangspunkt für soziologische Untersuchungen bezüglich dieses “Schmuddelkind bleibt Schmuddelkind”-Problem. Es wird ja niemand behaupten wollen, nur der Klügste würde bei uns Bildungsminister und folglich hinge es von der hohen Bildung ab, wo man lande. Genau das ist ja nicht der Fall.

  11. Dr.McSchreck says:

    ich möchte ergänzen, dass das englische Schulsystem kaum mit dem dt. Schulsystem vergleichbar ist, weil dort seit Ewigkeiten die Ganztagssschule etabliert ist. Dazu gibt es länger Elite-Internate (hier jetzt auch), deren Schüler eher besonders wenig Zeit mit ihren Eltern verbringen.

    Die These des “maroden Systems” halte ich ebenso für nachvollziehbar. Ich habe selbst an der Schulkarriere meines Sohnes erlebt, dass es Zeiten gibt, wo das dt. System auf “Elternhilfe” setzt. Die Mittelschicht hilft selbst, die ganz Reichen zahlen Nachhilfe, nur diejenigen, die selbst eher bildungsfern aufgewachsen sind, können schlicht nicht helfen, weil der Stoff schwieriger ist, als was sie selbst gelernt haben.
    Ich denke, dass es doch mehr als verständlich ist, dass ein Arbeiter, der nicht von Sinus und Cosinus gehört hat, der auf der Realschule passabel Englisch gelernt hat vor 15 Jahren, seinem 8.-Klässler nicht bei den Hausaufgaben helfen kann.

    Es geht weniger um Geld oder Schicht als darum, dass die Schule nicht in der Lage ist, diese Hilfsleistungen zu erbringen, sondern von den Eltern erwartet. Allerdings hat man vor einigen Jahren die Konsequenzen gezogen und dafür gesorgt, dass es mehr Förderstunden gibt und mehr Nachmittagskurse, die nicht mehr so sehr die Hilfe der Eltern nötig machen.

    Die These, dass es für die Intelligenz hilfreich sein dürfte, wenn Kindern zB früh vorgelesen wird, sie viele Reize erleben und man sich mit ihnen beschäftigt (ob Wortschatz, Rechnen, Sprache allgemein) und auch das den Mittelschichts-Ein-bis-1,5-Verdiener-Eltern leichter fällt als Arbeitern, die mit 2 Einkommen knapp über die Runden kommen, halte ich auch für nicht allzu gewagt.

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      “wenn Kindern z.B. früh vorgelesen wird, sie viele Reize erleben und man sich mit ihnen beschäftigt (ob Wortschatz, Rechnen, Sprache allgemein) auch das[s!] den Mittelschichts-Ein-bis-1,5-Verdiener-Eltern leichter fällt als Arbeitern, die mit 2 Einkommen knapp über die Runden kommen, halte ich auch für nicht allzu gewagt.”

      Wieso?

      Z.B. könnte es sein, dass, wenn Kinder früh vorgelesen bekommen, ihre Motivation, selbst lesen zu lernen, leidet, entweder, weil sie die Erfahrung machen, dass es immer irgendeinen gibt, der das Lesen für sie erledigt, oder weil sie das, was sie vorgelesen bekommen, dermaßen dumm oder langweilig oder irreal finden (häufig auch “kindgerecht” genannt), dass sie meinen, Lesen-Lernen lohne sich ohnehin nicht.

      Das alles muss man empirisch PRÜFEN, bevor man einen bestimmten Zusammenhang als Binsenweisheit ausggeben kann.

      Und wieso sollten Mittelschichtskinder größere “Reize” erleben, nur, weil sie sehen, dass ihre Mutter zuhause herumsitzt oder mal zum Friseur und mal zum Einkaufen fährt? Der Zusammenhang zwischen bildungsrelevanten “Reizen” und der Sozialisation im Elternhaus dürfte deutlich komplexer sein als Sie ihn anscheinend auffassen. (Vgl. hierzu auch meinen Antwort-Kommentar auf den Kommentar von “demmrink”)

      Ich stimme Ihnen aber fast zu, wenn Sie schreiben:

      “Es geht weniger um Geld oder Schicht als darum, dass die Schule nicht in der Lage ist, diese Hilfsleistungen zu erbringen, sondern von den Eltern erwartet.”

      “Fast”, weil es nicht um “Hilfeleistungen” geht, sondern nur um Erwartungen. Die Schule ist und bleibt eine Mittelschichtsinstitution, wenn sie Erwartungen an Elternhäuser hat, die Mittelschichtserwartungen sind oder eher von der Mittelschicht erfüllt werden können. Hilfsbedürftigkeit besteht nicht tatsächlich, sondern wird konstruiert: erst stellt man bestimmte Ansprüche oder erklärt bestimmte Dinge für wichtig und wertvoll, von denen man weiß oder vermutet, dass bestimmte Leute sie nicht haben, und dann “hilft” man diesen Leuten dabei, diese Dinge erreichen zu können. Das läßt sich auch auf die Kurzformel “Herrsche und teile!” bringen.

      Beispielsweise ist die Schule dazu da, Mathematik zu vermitteln, und nicht dafür, die nachmittägliche Vermittlung von Mathematik durch die Eltern an die Kinder zu organisieren, zu beaufsichtigen und zu bewerten und die “mangelnde” Hausaufgabenbetreuung in (einigen) Arbeiterhaushalten zum Anlass zu nehmen, deren Kinder auch bei guten Leistungen nicht in ein Gymnasium zu empfehlen, weil das angeblich ach-so-schwierige Gymnasium so viel Elternunterstützung erfordert, dass die Arbeitereltern sie angeblich nicht geben können oder wollen. Da kann ich nur sagen: Eltern weitgehend Raushalten aus dem Schulbetrieb!

      Wenn die Schule ihre Aufgaben konsequent selbst übernehmen würde, dann wären Differenzen zwischen Elternhäusern weniger relevant als sie es jetzt sind, und die Ganztagsschule bietet hierfür ja auch die Möglichkeit: die Ganztagsschule in England ist eine Schule am Morgen und am Nachmittag hauptsächlich eine Hausaufgabenbetreuung (mit Sporteinlagen u.ä.m.). Der Hausfrauen-Entwurf wird auf der Insel nicht von sehr vielen Frauen gelebt, und deshalb ist es für die Schule gar kein praktikabler Weg, Eltern oder besonders Mütter zu Instrumenten der Schule zu machen.

      • Dr.McSchreck says:

        eben. Was Sie zu England schreiben, ist genau meine Kenntnis. Und genau hier hat Deutschland extreme Defizite, die in den letzten Jahren langsam abgebaut werden, indem auch Schulen nachschulische Betreuung anbieten. Aber solange es diese Ungleichheit in der Betreuung und Förderung nach der Schule gibt, solange sind m.E. Deutschland und England eben nicht vergleichbar.

        Auch zu Ihrem Mathematik-Beispiel gebe ich Ihnen überwiegend Recht, aber auch hier ist es eben eine Entwicklung, die erst langsam voran kommt, dass mehr Förderung in der Schule stattfindet und daher die Bildung des Elternhauses weniger wichtig wird. Dennoch: wenn die Eltern kein Latein können oder Mathe nur bis zu einem gewissen Niveau, dann ist es dennoch kein Grund, dies als “Instrument des Auschlusses” zu bewerten. Es gibt nun mal Studiengänge, für die Latein und “höhere Mathematik” wichtig sind, gerade Sie wissen das ja, weil Sie wiederholt auf Signifiakenz, Korrelation und Statstik im allgemeinen eingehen.

        Ausschluss ist eher, dass erwartet wird, dass die Eltern helfen und da wurde zuletzt daran gearbeitet, dass es weniger wird und mehr Föderung in der Schule selbst geleistet wird. Allerdings scheint mir das gerade wieder zu kippen, durch die Inklusion, die weiter Ressourcen bindet und damit bei begrenzten Kapazitäten an Lehrerarbeitskraft m.E. zu Lasten der Förderstunden gehen wird.

        Eine Anmerkung noch, auch zu der Antwort auf die Sie verweisen: ich bin kein Lehrer, aber ich kenne Eltern aus allen Milieus. Und ich kenne auch ein paar Lehrer. Ich habe eigentlich von allen nur gehört, dass die Mittelschicht-Eltern ihre Kinder gegen die Schulempfehlung unbedingt aufs Gymnasium bringen wollen und die Arbeiter-Eltern oft überredet werden müssen, ihr Kind trotz Empfehlung wirklich aufs Gymnasium zu schicken. Ich habe selbst 2 Kinder erlebt, die mit meinem Sohn Fußball spielten, die eine Gymnasialempfehlung hatten und deren Arbeiter-Eltern sie lieber auf die Gesamt- bzw Realschule schickten, aus Sorge, es wäre doch zu schwer….natürlich ist das nicht repräsentativ, aber man hört es eigentich immer nur so…gerade den ersten Punkt, dass das Kind unbedingt aufs Gymnasium soll. Die “Empfehlung” sehe ich hier nicht als den wichtigsten Punkt an.

        Zuletzt: ein paar aufgeworfene Fragen werden sich statistisch nicht klären lassen, sondern eher durch Vergleichsstudien (wie sie zB mit getrennten Geschwisterkindern oder gar Zwillingen stattgefunden haben). Was sich in der frühkindlichen Entwicklung wie auswirkt. Nach meiner Kenntnis helfen aber Bücher oder Beschäftigung der Eltern mit dem Kind durchaus, während es für Kinder in der Entwicklung schaden soll, wenn sich die Eltern (oder andere) nicht mit ihnen beschäftigen.

        • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

          “Dennoch: wenn die Eltern kein Latein können oder Mathe nur bis zu einem gewissen Niveau, dann ist es dennoch kein Grund, dies als “Instrument des Auschlusses” zu bewerten. Es gibt nun mal Studiengänge, für die Latein und “höhere Mathematik” wichtig sind, gerade Sie wissen das ja, weil Sie wiederholt auf Signifiakenz, Korrelation und Statstik im allgemeinen eingehen.”

          Das verstehe ich nicht. Ich habe an keiner Stelle geschrieben, dass das Fach Latein oder Mathematik ein “Instrument des Ausschlusses” sei. Sie schreiben ja selbst im Anschluss an den zitierten Absatz, was ich argumentiert habe: “Ausschluss ist eher, dass erwartet wird, dass die Eltern helfen und da wurde zuletzt daran gearbeitet, ”

          – und wenn hieran “gearbeitet” wird, dann finde ich das sehr begrüßenswert.

          Ansonsten kann ich zu Ihren persönlichen Erfahrungen nur wieder sagen, wie sich die Empirie zu ihnen verhält. Die Empirie verhält sich mit Bezug auf die Grundschulempfehlung wie folgt:

          Bei gleicher Leistung erhalten Arbeiterkinder von Grundschullehrern weniger häufig eine Empfehlung für das Gymnasium als Mittelschichtskinder.

          Gleichzeitig folgen Arbeitereltern eher der Empfehlung der Lehrer als Mitteschichtseltern.

          Das ist zumindest das, was wir aus empirischen Studien wissen.

          Sicherlich gibt es Arbeiterschichtseltern, die von sich aus entscheiden, dass ihr Kind kein Abitur braucht oder es schlicht kaum erreichen kann (mangels Interesse, mangels Fleiß, mangels geistiger Flexibilität, was auch immer). Aber wir wissen – mangels entsprechender Forschung – nicht, wie viele das tatsächlich sind.

          Und es ist auch nur dann wichtig, wenn man Schuld zuweisen möchte: Wer ist eher schuld an den Bildungsnachteilen von Arbeiterkindern: Schulen oder Eltern? Aber das ist doch gar nicht der Punkt, der uns interessieren sollte. Interessieren sollte uns, was wir tun können, um allen Kinder die bestmöglichen Bildungschancen zu geben, und während das Familienleben m.E. zu respektieren ist und außerdem schwierig von außen zu beeinflussen, ist das öffentliche Bildungssystem von uns allen finanziert und in systematischer und begründeter Weise veränderbar. DESHALB ist es wichtiger, Mißstände dort zu identifizieren und anzugehen, als in Bereichen, in denen es sie auch geben mag bzw. bekanntermaßen gibt, in die einzugreifen, aber viel schwieriger ist oder wir aus einer liberalen Anschauung heraus nicht bereit sind, einzugreifen.

  12. Carlito says:

    Jeder muß selber auf seine Kinder achten und deren Lehrer und Schulen intensiv auf Qualität und echte Arbeit prüfen. Qualität und echte Arbeit bleiben Trumpf. Überall.

  13. Ludolf Morgental X,Yte says:

    Sehr schön, vor allem die Kommentare hier. Bei Schule meinen alle mitreden zu können weil Sie mal ein oder zwei von diesen Kästen von innen gesehen und mit insgesamt 22,7 Kindern in der Klasse waren.

    Weiter reicht’s dann auch nicht. Der Tellerrand als Horizont mit Radius null.

    Da sind mir die Soziologen schon lieber die sich wenigstens bemühen das ganze mit Schaffung von Wissen zu begründen statt mit Ignoranten daherbetungen Marke Opa erzählt vom Krieg ähhh Schule.

    Über den Wert lässt sich streiten. Niemand wird ankreuzen das er seine Gören nach der Schule vor die Glotze setzt damit selbige die Klappe halten.

    Förderung in und nach der Schule ist auch schön und gut, nur sollte man nicht vergessen das “der Mittelstand” natürlich über ein “Netzwerk” (vormals Vetternwirtschaft aka Seilschaften) verfügt und auch über mehr Kohle um Nachhilfe zu zahlen. In en besseren Stadtteilen sind auch besser Schulen, so kommt eins zum anderen.

    Meine persönlichen Erfahrungen mit Schule sind übrigens eine Katastrophe. Bei mir als hochbegabten und auch bei den Jungs als selbstbewussten Menschen die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen lief die Repression auf vollen Touren.

    Bei den Tanten aus Blankenese (Hamburgs piefigstes Wohlstandsghetto) waren die sechsen vorprogrammiert, bei den etwas einfachern männlichen Kollegen gab es einsen. Im gleichen Fach. Es wurde von Weiberseite ausnahmslos Verhalten bewertet, selbst bei Naturwissenschaft wovon die Tanten keine Ahnung hatten.

    Das war bei den Jungs später haargenau das gleiche. Alte verhärmte Muttis die auf die Rente warteten und alles gemobbt haben was nicht niedlich rosa Männchen machte (bzw Weibchen) und brav Malen nach Zahlen simulierte. Bei den etwas reichern Eltern waren Sie übrigens zu feige die gleiche Nummer durchzuziehen. Stallgeruch wird zwar relativ weit oben angesiedelt, ist aber ein Odeur aus Pis… und Schei.. .

    Aber auch das sind nur unwissenschaftliche Anekdoten, wenngleich in zwei Generationen ähnlich. Persönlich bin ich diesem Land wahrlich nichts schuldig, schon gar nicht dem “Bildungssystem”.

    • Ludolf Morgental X,Yte says:

      Bei diesen ganzen persönlichen Erzählungen hab ich vergessen was ich eigentlich sagen wollte:

      White collar Berufe mit ihren Standesdünkeln und feudalistischen Tendenzen sind in keinster Weise besser oder gar Karrieren die man auch mit Realschulabschluss machen kann überlegen.

      Im Gegenteil. Wer jemals auf dem Bau oder auf Inbetriebnahme rund um die Welt gearbeitet hat kann folgende Formel aufstellen. Je mehr Büro oder akademisch angehaucht desto blöder. Ausnahmen bestätigen die Regel. Diese ganze mittelständische Inzucht ist eben auch eine Negativauslese. Was ja auch vollkommen logisch ist da Sie eben weniger Leistungs- und Auswahlkomponenten und mehr Seil- und Vetternwirtschaft enthält.

      Im gewerblichen Bereich gibt es deutlich weniger Idioten. Aus dem einfachen Grund das man sich dort nicht verstecken kann. Bullshit Bingo interessiert niemanden weil es eben nicht um Laberei geht.

      Am schlimmsten ist es übrigens in Bereichen wie dem Staatsfunk (ARD ZDF …). Da ist die Hirnlosigkeit der Entscheidungsträger schlicht zum Verzweifeln. So viele Vollidioten wie aus den oberen Etagen einer Sendeanstalt (der Name ist Programm) habe ich nirgendwo sonst angetroffen.

      Fazit: Es ist für die betroffenen überhaupt nicht schlimm in diesen Bereichen keine Karriere machen zu können.Ganz im Gegenteil. Das Handwerk zahlt auch sehr gut und man ist überall hochwillkommen.

      Für ein Land ist es aber der ausgesprochen schädlich. Der Niedergang ist vorprogrammiert In Deutschland braucht man dafür nur mal aus dem Fenster zu schauen oder fünf Minuten den Versuch zu machen das Gelaber von Tante Merkel auf substanzielles oder auch nur logisch folgerichtige Inhalte zu reduzieren.

      In einer Gesellschaft die auch nur eine Funken institutionellen Verstand hat wäre die Tante nicht mal auf einer Wählerliste aufgetauscht. So darf Sie an einer Katastrophe nach der anderen rumregieren.

  14. Michel Houellebecq says:

    Hm, soviel Frankfurter Schule bin ich mir auf Sciencefiles eigentlich nicht gewohnt. Die Argumentation ist aber insgesamt stringent: Zahlen aus der Schweiz bestätigen diese Erkenntnisse. So entstammen v. a. Uni-Abgänger hierzulande bereits zu gut 70 Prozent einem Akademikerhaushalt!

    • Wo sehen Sie hier eine Verbindung zur Frankfurter Schule? Und zu welcher, der vor oder der nach der Habermaschen Sprachverwirrung?

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      Oh, nein, Michel Houellebecq, sagen Sie, dass Sie nicht einer von denen sind, die meinen, bestimmte Argumente oder empirsche Befunde wären deshalb keine Argumente oder empirische Befunde, weil oder wenn sie von einem selbst einer bestimmten ideologischen Richtung zugeordnet werden, die man nicht mag, oder umgekehrt: wenn Argumente und Befunde kommen, die man mag, dann müssen sie der von einem selbst präferierten “Schule” entstammen!

      Ich bin sicher, dass Sie es besser wissen, und dass Sie ein Argument oder einen empirischen Befund als solches oder solchen würdigen können, ganz egal, was Sie meinen, zu welchem “Dunstkreis” es oder er passt.

      Ein Argument ist entweder gültig oder nicht. Ein empirischer Befund ist entweder zuverlässig oder nicht. Das ist alles.

      • “Ein Argument ist entweder gültig oder nicht. Ein empirischer Befund ist entweder zuverlässig oder nicht. Das ist alles.”

        Gott was wuerde ich mir wuenschen das dieser Satz an meiner Schule in Schweden gelten wuerde. Wenn es um gewisse Sachen ( z.b. Selma Lagerlöf Nobelpreisrede wäre genau historisch wichtig wie Martin Luther Kings “I have a dream “, oder noch besser Genetik… ähm neee. das kann ich hier nicht schreiben , glaubt mir keiner… ) dann gilt hier immer glaube vor fakten. Insbesondere und auch bei sogenannten naturwissenschftlichen Fächern…

    • Michel Houellebecq says:

      Ich schlage folgenden Denkansatz vor: “Wahrscheinlich ist es für Menschen, die in einem bestimmten, sozialen System gelebt und es zu etwas gebracht haben, unmöglich, sich in die Perspektive solcher zu versetzen, die von diesem System nie etwas zu erwarten hatten (…).” Michel Houellebecq, “Unterwerfung”, Seite 48

      Ich glaube, das ist des Pudels Kern, was die Haltung von Teilen des viel gescholtenen Mittelstandes anbelangt. Es ist also m. E. nicht eine Ideologie, sondern die Unfähigkeit, sich in die Lebenswelt von Menschen einzufühlen, die sich ausserhalb des eigenen, sozialen Milieus bewegen. Sowohl am oberen als auch am unteren Ende der Gesellschaft kommt es zunehmend zu einer Segregation, wie mir unlängst auch ein Unternmehmer bestätigt hat, der sich vermögensmässig im berühmten, obersten Promille bewegen dürfte. Selbst in meinem eigenen Arbeitsumfeld (i.d.R. einfache Angestellte mit Berufslehre) machen sich mittlerweile Klassengedanken breit.

    • Michel Houellebecq says:

      Ergänzend zum eigentlichen Thema: „Der Bildungsdünkel der universitären Elite ist kulturell ein Kampf um Deutungshoheit und Herrschaft. Universitäre Forschung, akademische Titel, wechselseitige Zitationen, akademische Schwurbelstile und geringe Wertschätzung gegenüber allem, was nicht zur Bildungselite gehört, sind letztendlich Herrschaftsinstrumente.“ Die Akademisierungsfalle, Rudolf H. Strahm, Die Weltwoche Nr. 32 – 7. August 2014, Seite 34

  15. Severa Snape says:

    Na ja, was die Damen und Herren Soziologen wieder vergessen, ist die soziologische Binsenweisheit, dass jede soziale Schicht bestrebt ist, sich aus sich selbst heraus zu reproduzieren.

    Die Sache mit der Chancengleichheit und Förderung. Im ärmlichen Teil Deutschlands hat man das sehr konsequent gemacht. In der ersten Generation nach dem II. Weltkrieg hat das auch funktioniert, dass man jungen Menschen, die vor dem II. Weltkrieg keine Chance auf Abitur und Hochschulabschluss gehabt hätten, gezielt gefördert hat. In der Generation von deren Kindern setzte sich schon wieder die o.g. soziologische Binsenweisheit durch … staatlichen Eingreifens zum Trotz. Da gab’s auch genügend Arbeiterfamilien, die klar gesagt haben: “Wozu Abitur?”

    Das heißt nicht, dass ich in Abrede stelle, dass das jetzige deutsche Schulsystem antiquiert und extrem selektiv ist. Aber das allein ist es eben nicht.

    • Ist das so? Dann müssen wir wohl ein für alle Mal konstatieren, dass das Arbeitersein, dem Arbeiter essentiell zu eigen ist und alle Arbeiter, die in der Vergangenheit aus ihrer Schicht aufgestiegen sind, wie ich z.B. sich an der Reproduktionswilligkeit ihrer eigenen Schicht vergangen haben … oder so.

      • Severa Snape says:

        Ja, statistisch ist das so. Statistik sagt aber wenig über den Einzelfall aus. So weit klar?

        Ein naher Freund stammt aus einer einfachen Bauernfamilie. Dort kam der Lehrer zu den Eltern und sagte: “Ihr Sohn ist ein begabter Bursche. Der gehört auf den Weg zum Abitur.” Bei diesem Freund sind die Eltern der Lehrerempfehlung gefolgt. Der Knabe machte Abitur, studierte, wurde promoviert und habilitiert. Seine Kinder haben alle Abitur bzw. streben darauf zu. Bei anderen Eltern waren Lehrervorschläge in diese Richtung weniger erfolgreich. Da spielt viel “Ich habe es nicht gebraucht. Warum sollte mein Kind es brauchen?” mit hinein.

        • Was wollen Sie uns mit diesem Einzelfall sagen? Bei mir kam der Schulleiter und hat dafür gesorgt, dass mich meine Eltern auf ein Gymnasium schicken und nicht, wie sie es vorhatten, auf die Realschule. Und? Was ändert das daran, dass eine Aussage, die viele Fälle berücksichtigt, auf einer besseren Datenbasis getroffen ist als eine Aussage, die auf einem Einzelfall basiert und entsprechend nur anekdotischen Charakter hat?

        • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

          @Severa Snape

          Zu der Frage nach den Bildungsentscheidungen gibt es einiges an Forschung, und diese Forschung lässt sich derzeit wie folgt zusammenfassen:

          Lehrer geben Arbeiterkindern auch bei gleicher Leistung seltener eine Empfehlung für das Gymnasium als Mittelschichtskindern.

          Gleichzeitig folgen Arbeitereltern eher den Sekundarschulempfehlungen, die Lehrer geben, als Mittelschichtseltern.

          Das ist in Kombination natürlich eine höchst unglückliche Gemengelage.

          Davon abgesehen mag es durchaus Arbeitereltern geben, die meinen, ihr Kind brauche kein Abitur und kein Studium, und wenn das Kind kein Abitur macht, verliert die Familie nicht an Status, während Mittelschichtseltern zum Erhalt des Status der Familie Kinder brauchen, die das Abitur machen. Insofern besteht tatsächlich eine unterschiedliche Anreizstruktur, wie uns ein Klassiker der Bildungstheoretiker, Raymond Boudon, gelehrt hat.

          Das Dumme ist, dass das für viele Leute so plausibel klingt, dass sie es als Erklärung dafür, warum Arbeiterkinder seltener Abitur machen, verabsolutieren, ohne es GEPRÜFT zu haben. D.h. derzeit wissen wir einfach nicht, wie häufig Arbeitereltern tatsächlich meinen, ihr Kind brauche kein Abitur, obwohl es eines machen könnte.

          Aufgrund der oben genannten Forschungsergebnisse ist aber klar, dass die Lehrer, diese Tendenz der Arbeitereltern, FALLS sie bestehen sollte, noch verstärken würden, weil sie ja eben Arbeiterkinder auch bei gleich guten Leistungen (wie Mittelschichtskinder) seltener als Mittelschichtskinder für ein Gymnasium empfehlen und Arbeitereltern eher auf die Empfehlungen der Lehrer hören als Mittelschichtskinder.

          Und das ist brisant und wichtig:
          was in Familien passiert, müssen wir respektieren, aber wenn Lehrer in öffentlichen Bildungseinrichtungen Kinder differenziell behandeln, obwohl sie gleiche Leistungen bringen, dann ist das ein Mißstand, den der Steuerzahler als derjenige, der das Bildungssystem finanziert, nicht hinnehmen muss.

  16. Ich kann nur es bestätigen. Ich mich an einem Fall in meinem Bekanntenkreis erinnern. Sie hatten ein Junge der sich in der Grundschule sehr daneben benommen hat, bzw. er wollte sich nicht ein bisschen anpassen, er ist sogar sitzengeblieben…die Eltern und Lehrer waren hilflos. Wenn der Junge der Sohn eines Arbeiters oder Ausländer gewesen wäre, wäre in der Sonderschule gelandet…aber der Vater war Direktor…er wurde sogar auf Gymnasium geschickt. Soweit ich weiß, hat sogar ein Uni-Abschuss geschafft. Ende gut, alles gut.
    http://mundderwahrheit.wordpress.com

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