Ideologie, nicht Leistung, bestimmt den Schulabschluss

Die soziale Stratifizierung in Deutschland wird, wie in kaum einem anderen Land, durch das Bildungssystem aufrecht erhalten: Wer als Kind aus der Arbeiterschicht eingeschult wird, wird in der Regel der Arbeiterschicht erhalten bleiben, ein Bildungsaufstieg ist ihm weitgehend verwehrt. Die Schule ist, wie Soziologen (Charlotte Lütkens (1971) oder Hans-Günter Rolff (1967)) schon früh festgestellt haben, eine Institution, die sich aus Mitgliedern der Mittelschicht rekrutiert und die entsprechend darüber wacht, dass der Abstand zwischen Mittelschicht und Arbeiterschicht erhalten bleibt.

bildungstrichter1Wir können an dieser Stelle da weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben: Bei der Social Dominance Theory (Sidanius & Pratto, 1999). Im Rahmen dieser Theorie erklärt sich die Persistenz der deutschen Sozialstruktur, die eine vertikale Mobilität aufweist, die man als fast nicht vorhanden bezeichnen kann, als Ergebnis einer hierarchy enhancing strategy, mit der Mitglieder der Mittelschicht versuchen, ihren Status gegen Mitglieder aus der Arbeiterschicht zu verteidigen und zu verhindern, dass MItglieder aus der Arbeiterschicht an die Ressourcen gelangen, die die Mitglieder der Mittelschicht für sich reserviert haben (also z.B. die Mittelschichtsjobs, bei denen man keine schmutzigen Hände bekommt und für die man aus welchen Gründen auch immer ein Abitur und ein Hochschulstudium benötigt).

Nun stehen Theorien wie die Social Dominance Theory immer vor dem Problem, dass es im täglichen Leben nur individuelles Verhalten gibt, die Theorie aber Aussagen über das Verhalten einer Gruppe macht, im vorliegenden Fall über das Verhalten der Mittelschicht. Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet: Wie schafft man es, dass sich Mitglieder einer Gruppe, Mitglieder der Mittelschicht gleich verhalten, dass sie gleichgeschaltet werden? Die Antwort ist einfach: Durch einen gemeinsamen Mythos, durch eine Ideologie, die die Mitglieder der Gruppe teilen. Der Mythos ist ein konstitutives Gruppenelement, eine Art Geburtsmythos, gleich der Schaffung der Welt in sieben Tagen, dem Grundmythos der christlichen Kirche.

Ein Mythos der Mittelschicht, mit dem die Angehörigen derselben dafür sorgen, dass Kinder aus Arbeiterfamilien keine Chance auf sozialen Aufstieg haben, weil sie frühzeitig ausgesondert oder auf Hauptschulen bzw. bestenfalls Realschulen verteilt werden, geht etwa so:

Um auf dem Gymnasium bestehen zu können, benötigen Schüler die Hilfe der Eltern. Eltern aus der Mittelschicht kümmern sich intensiver um ihre Kinder und geben ihnen mehr Hilfestellung in schulischen Fragen, vom Nachhilfelehrer bis zum Vorlesen und gemeinsamen Erarbeiten der Hausarbeiten als dies Eltern aus der Arbeiterschicht tun. Allgemeiner: Mittelschichtseltern erziehen besser, zeigen effizientere Erziehungspraktiken als Eltern aus der Arbeiterschicht. Und weil dem so ist, weil Kindern aus Mittelschichtsfamilien zuhause eine größere Unterstützung zuteil werden soll, haben sie eine höhere Erfolgsaussicht auf Gymnasien als Kinder aus der Arbeiterschicht, und deshalb erhalten Kinder aus der Mittelschicht selbst bei schlechterer Leistung als Kinder aus der Arbeiterschicht häufiger eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium als Kinder aus der Arbeiterschicht.

Dass es sich dabei um einen Mythos handelt, merkt man schon daran, dass er an die Kinder aus der Arbeiterschicht herangetragen wird und z.B. bei Überstellungen auf Sonderschulen (Kottmann, 2006) und bei Grundschulempfehlungen offen in seinen Konsequenzen sichtbar wird, dass er aber nie geprüft wurde. Niemand hat sich in Deutschland bislang die Mühe gemacht zu untersuchen, ob sich Eltern aus der Arbeiterschicht tatsächlich so krass von Eltern aus der Mittelschicht in schulischen Unterstützungsleistungen unterscheiden wie behauptet.

Die einzige Untersuchung, die sich in neuerer Zeit der Frage elterlicher Unterstützungsleistungen gewidmet hat, hat dies im Hinblick auf Migranten getan und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich türkische Eltern mehr für die schulische Leistung ihrer Kinder engagieren als deutsche Eltern (Diefenbach, 2006: 236-238). Seither wurde das Thema nicht mehr angefasst, wohl um den Mythos, der die Sozialstruktur in Deutschland zementiert, nicht zu gefährden.

Forschung aus dem Vereinigten Königreich leidet in der Regel nicht unter selbstauferlegter Ignoranz oder allgemeiner Phantasielosigkeit, nicht einmal in der Soziologie, und das will etwas heißen. Entsprechend haben Esther Dermott und Marco Pomati von der University of Bristol bzw. Cardiff die Probe aufs Exempel gemacht und untersucht, wie es sich mit der elterlichen Unterstützung von Kindern aus unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung verhält. U.a. haben sich die Forscher dafür interessiert, wie viel Zeit die Eltern mit ihren Kindern mit Essen, Fernsehen, Sport und Spielen verbringen. Und sie haben untersucht, wie oft Eltern Kindern vorlesen und wie viel Zeit Eltern investieren, um ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

Insgesamt können Dermott und Pomati auf 1.655 Haushalte des Vereinigten Königreichs zurückgreifen, die sie anhand des Einkommens in Familien der Arbeiterschicht und den gesellschaftlichen Rest, also vornehmlich die Mittelschicht teilen (Haushalte, die weniger als 60% des Medianeinkommens verdienen, gelten als der Arbeiterschicht zugehörig).

Die nachfolgende Analyse erbringt dann ein Ergebnis, dass den Mythos von der geringeren elterlichen Unterstützung für Kinder aus der Arbeiterschicht oder, anders herum formuliert, den Mythos, dass sich Mittelschichtseltern intensiver um ihre Kinder kümmern als Eltern aus der Arbeiterschicht, zerstört: “The findings support the view that associations made between low levels of education, poverty and poor parenting are ideologically driven rather than based on empirical evidence”.

Bildung als PrivilegÜbertragen auf Deutschland würde dieses Ergebnis bedeuten, dass die meisten Bildungskarrieren von Kindern aus der Arbeiterschicht durch Lehrer, die der Mittelschicht angehören, bereits in einem frühen Stadium beendet werden, nicht weil Anlass besteht zu glauben, dass die entsprechenden Kinder die Leistungen, die zu einem erfolgreichen Abschluss des Abiturs notwendig sind, nicht erbringen können, sondern weil Lehrer, als die Angehörigen der Mittelschicht, die sie nun einmal sind, glauben (wollen), dass die Kinder die entsprechende Leistung mangels elterlicher Unterstützung nicht erbringen werden.

Derzeit gibt es keinen Grund anzunehmen, dass das Ergebnis nicht übertragbar ist, und das wird wohl auch in Zukunft so bleiben, denn kritische empirische Forschung ist in Deutschland nahezu nicht existent.

Dominanzstrukturen, wie die beschriebene, mit denen die Mittelschicht die Arbeiterschicht manipuliert und die dazu dienen, den eigenen Ressourcenzugang quasi durch einen pre-emptive strike gegen potentielle Aufsteiger aus der Arbeiterschicht zu verteidigen, sind langlebig, sie sind insbesondere in einem Land langlebig, in dem die Ideologie und das, was z.B. Lehrer glauben (wollen), wichtiger sind, als das, was man empirisch bestätigen kann.

Literatur

Diefenbach, Heike (2006). Die Bedeutung des familialen Hintergrunds wird überschätzt. In: Alt, Christian (Hrsg.). Kinderleben – Integration durch Sprache? Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.219-258.

Kottmann, Brigitte (2006). Selektion in die Sonderschule. Das Verfahren zur Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf als Gegenstand empirischer Forschung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Lütkens, Charlotte (1971). Die Schule als Mittelklasseninstitution. In: Heintz, Peter (Hrsg.). Soziologie der Schule. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.22-39.

Rolff, Hans-Günter (1997[1967]), Sozialisation und Auslese durch die Schule. Weinheim: Juventa.

Sidanius, Jim & Pratto, Felicia (1999). Social Dominance: An Intergroup Theory of Social Hierarchy and Oppression. Cambridge University Press

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