Betriebswirtschaftslehre: Ein Meer aus sprachlichem Unsinn?

Der Titel ist eine grobe Verallgemeinerung.

Sicher. Er ist auch nicht “ergebniszielorientiert”, wie der Chef-Controller der Betriebswirtschaft, Peter Horváth, vermutlich in pleonastischer Weise formuliert hätte.

Nein, er beschreibt nur einen Eindruck, dem man sich jedoch nicht entziehen kann, wenn man des öfteren mit Literatur aus dem Fach “Betriebswirtschaftslehre” konfrontiert ist oder sich mit den sprachlichen Versuchen, die Literatur sein wollen, konfrontieren lassen muss.

Z.B. im Bereich “Personalmanagement”:

Hier kämpfen u.a. Ulrike Aigner und Christian Bauer in ihrem Versuch, den “Weg zum richtigen Mitarbeiter” zu weisen, ausdauernd heftig und gleichbleibend erfolglos mit der deutschen Sprache. Heraus kommen dabei Formulierungen wie die folgende:

“Im Anforderungsprofil sind die einzelnen Fähigkeiten und Kompetenzen der jeweiligen Stelle beschrieben und auch definiert, wie stark diese ausgeprägt sein müssen” (28).

scully facepalmFähigkeiten und Kompetenzen finden sich also in starker oder schwacher Ausprägung, und beide sind Eigenschaften von Stellen. Entsprechend suchen wir seit einiger Zeit nach einer hochkompetenten und stark ausgeprägt fähigen Wasserstelle, die wir gerne für ein Entwicklungsprojekt nach Niger schicken würden. Bislang suchen wir erfolglos.

Dass der Kampf mit der deutschen Sprache einer in der Betriebswirtschaft scheinbar weit verbreiteten Geltungssucht gleichermaßen entspringt wie im Weg steht, dass man häufig den Eindruck gewinnen muss, die Betriebswirtschaft sei mehr die Leere, die sich nach dem Gebrauch von Floskeln einstellt, denn Lehre des Betriebs und seiner Bewirtschaftung liegt an Passagen wie der folgenden, die wir Uwe Kowalzik und seinem Buch “Erfolgreiche Personalentwicklung” verdanken, in dem er “Pflegeeinrichtungen” erklären will, was sie für erfolgreiche Personalentwicklung “tun können”.

“In einem Anforderungsprofil werden die typisch-positionsspezifischen Anforderungsmerkmale an die Stelle definiert. … Anforderungsprofile sind also zukunftsgerichtete Beschreibungen erwünschter Qualifikationen und Eigenschaften von Stelleninhabern” (31, Hervorhebungen von uns).

All diese sprachlichen Katastrophen ereignen sich im Abstand von wenigen Zeilen und auf derselben Seite.

Double facepalmGerade ist man noch fasziniert von der Vielseitigkeit der Anforderungsmerkmale, die typisch sind und dennoch spezifisch, etwa so, wie eine Korsett starr und beweglich zugleich sein kann, da wird man von einem Widerspruch getroffen, der sich, wie gesagt, innerhalb weniger Zeilen ereignet.

Der Widerspruch der Stelle, die eben noch den Ansprüchen des Anforderungsprofils ausgesetzt nun schon dem Orkus des Vergessens überantwortet wird, weil die Anforderungsprofile doch an die Stelleninhaber und nicht an die Stelle (oder doch?) gerichtet werden.

Ein undankbares Volk diese Betriebswirtschaftler, kann man als Stelle da nur feststellen. Zwar ist man gut genug, um als Subjekt herausgestellt zu werden, als Subjekt, dem spezifische Typiken ausgestellt oder gar unterstellt werden, aber kaum gerät der Stelleninhaber ins Blickfeld, da wird man zurückgestellt, ja weggestellt, ins Aus gestellt, im Aus abgestellt, einfach kaltgestellt.

Der einzige Trost, der der Stelle bleibt: So war das alles nicht gemeint. Denn: Offensichtlich ist manchen Autoren nicht klar, was sie schreiben, wenn sie schreiben:

“Das Anforderungsprofil ist Maßstab und holt ein Stück erwünschter Zukunft in die Gegenwart. (Kowalzik, 2005: 31) “

Der Stellenwert dieses Satzes ist noch zu bestimmen. Er wird zwischen Unsinn und großem Unsinn rangieren. Es sei denn, es sei denn, die Betriebswirtschaftler kennen wirklich den Schlüssel zum Glück, die Zeitmaschine, die es erlaubt, die erwünschten Lottozahlen aus der Zukunft in die Gegenwart und auf den Lottozettel zu holen.

… allein, uns fehlt der Glaube.

Wer’s im Original nachlesen will:

Aigner, Ulrike & Bauer, Christian (2008). Der Weg zum richtigen Mitarbeiter. Personalplanung, Suche, Auswahl und Integration. Wien: Linde.

Kowalzik, Uwe (2005). Erfolgreiche Personalentwicklung. Was Pflegeeinrichtungen und -dienste dafür tun können. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft.

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… concerned with and about science

9 Responses to Betriebswirtschaftslehre: Ein Meer aus sprachlichem Unsinn?

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  2. Mika says:

    Als ehemaliger Betriebswirt kann ich dem Artikel nur zustimmen. Das Fach produziert zu 90% sprachlich und powerpoint aufgebrezelte Phrasendrescher und Minderperformer, die blendender Weise Kapital vernichten. Ich bin da raus und führe mein eigenes Unternehmen mit Grundschulfähigkeiten – sehr erfolgreich. Personal stelle ich nach Nasenfaktor ein, kostet nix und funktioniert meistens. Gewinn ist Umsatz minus Kosten, mehr steckt in dem ganzen BWL Konstrukt nicht drin. Ich könnte mit meiner Methode VW erfolgreich machen. Winterkorn würde bei mir nicht eine Woche überstehen. Klingt zwar vermessen, ist aber leider wahr.

  3. ariston261 says:

    Als BWLer wage ich nur einen Hinweis: Personalmanager sind die Esoteriker der BWL. Darüber hinaus sind sie nach wie vor der Ansicht, sie hätten ein Angebotsoligopol. Wer hat auch schon vom Fachkräftemangel gehört? Zumindest die Personalreferenten in den Vorstellungsgesprächen nicht, sie versuchen immer noch, Bewerber betteln zu lassen.

    • hirni says:

      jau – bestes Beispiel – diese typ. Job-Interviews, wo die Personalerin die ganze Zeit schweigt, und dann – “nur um auch was zu fragen” -: “Wo sehen Sie sich in 2 Jahren ?”
      Ich antworte da immer:
      “Mit Ihrer Unterstuetzung – hoffe ich – dass ich CEO werde”
      …dann ist die Tante meist sprachlos … – wie sie es vorher war.

  4. Sven H. Schillings says:

    Lieber Herr Klein, da haben Sie sich mit dem Personalmanagement aber ausgerechnet den Exoten in der BWL ausgesucht. In diesem Teilbereich treten häufig keine gelernten BWL’er auf, sondern Soziologen, Sozialpädagogen, Erwachsenenpädagogen usw. Ich selbst habe einmal ein Assessment Center in einem Konzern mitentwickelt; da habe ich diese Spezies näher kennenlernen dürfen: sozialistisches Menschenbild, Gegner eines gesunden Leistungsprinzips pp. Aber wie auch immer: in Fach- bzw. Lehrbüchern dürfen solch gravierende Fehler nicht auftreten.

  5. Wolfgang R. says:

    “Ach,” – entfährt es mir bei diesem Titel – “Ach, wäre es doch nur der sprachliche Unsinn, der das Meer bilden würde!”

    Inhaltlich kann ich Mika nur zustimmen, auch in der BWL ist fast alles nur Schaumschlägerei. So war es zumindest früher, als 1992er Diplom-Kaufmann kann ich natürlich nicht beurteilen, was da heute so läuft an den Universitäten.

    Ich habe allerdings erhebliche Zweifel, dass sich etwas geändert hat. Zugegeben, die Personaler haben irgendwie einen Sonderstatus. Aber in welcher BWL-Diziplin wurde (oder wird heute) belastbares Wissen oder sinnvolle Methode vermittelt? Im Rechnungswesen, in Buchführung und Bilanzierung. Dazu bedarf es nun aber wirklich keines Hochschulstudiums.

    Und sonst? Alle Faktoren aus dem Modell rechnen, die das Problem unlösbar erscheinen lassen, dann eine tolle Lösung präsentieren, die c.p. alle Fragen beantwortet, aber leider mit dem ursprünglichen Problem und damit mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat.

    Und das alles nur, um Entscheidungen, die nach Gefühl und Wellenschlag ergehen, zu begründen. DAS ist die BWL!

    • Ralle says:

      Unfug, BWL, VWL, Soziologie und wie der Müll alles heißt, der das reale Leben (v)erklären soll -> er geht immer und immer wieder, ob seiner Unangemessenheit und vorallem der Borniertheit seiner “Weiterträger” genau an diesem zugrunde!
      Aus einem schlechten Ingenieur ist immer noch ein guter Ökonom geworden, umgedreht funktioniert das niemals!
      … und seit dem die kauf-michs die Oberhand in den Betrieben ( meist durch Baken oder Finanzämter verordnet, gefordert, gewünscht ( in dieser Reihenfolge je nach Mentalität), geht das Land der Dichter, Denker, Erfinder und Konstrukteure, der Tüfftler und Erfinder, ganz schlicht den Bach runter! Gute Nacht, teutscher Michel, schlurf Dir den Zipfel deiner Nachtmütze um den Hals und finde das Huhn, das ihn zuzieht – auch ein blindes Huhn trinkt mal ´nen Korn! Gute Nacht!!!

  6. Pingback: Betriebswirtschaftslehre: Alles sprachlicher Unsinn? | Wirtschaftswurm

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