Akademie der Wissenschaften: Ist Deutschland das Land der irrationalen Schwärmer?

Die Frage in der Überschrift könnte man bejahen, nähme man die Pressemeldung der Akademie der Wissenschaften in Hamburg ernst, die Folgendes verkündet:

Akademie Wissenschaften Hamburg“Die nüchterne, rationale Entscheidung ist eine Fata Morgana. Was auch immer wir entscheiden, Emotionen spielen dabei eine Rolle. Daran lassen Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften und die alltäglichen Erfahrungen keinen Zweifel. Diese und weitere wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu berücksichtigen, bedeutet in der Praxis am Menschen vorbei zu wirtschaften. Hat das Bild des Homo Oeconomicus, das viele gesellschaftliche Prozesse prägt, als Konzept also ausgedient? Was kommt stattdessen? Dies sind einige der Fragen, die am 22. April 2015 ab 19 Uhr im Elbe-Saal der Handelskammer Hamburg im Rahmen der neuen Reihe “Akademie im Gespräch” beantwortet werden sollen.”

Wer auch immer diesen Text verfasst hat, wird also nicht erwarten, dass man seinem Text mit nüchternen und rationalen Erwägungen zu Leibe rückt, denn “nüchterne, rationale Entscheidungen” sind “eine Fata Morgana”. Es gibt sie also nicht, denn die Neurowissenschaft haben es gezeigt. Die Neurowissenschaften, das sind diejenigen, die Gehirne in bunten Farben abbilden und dann – offensichtlich gar nicht nüchtern und auch nicht rational (Fata Morgana! Wir erinnern uns) behaupten, nüchterne, rationale Entscheidungen gebe es nicht – jedenfalls, wenn man demjenigen, der die Pressemeldung zu verantworten hat, Glauben schenken will (was nach Auffassung des Verfassers nur auf affektiver Hingabe, nicht auf rationaler Entscheidung basieren kann).

Wie auch immer die Ergebnisse der Neurowissenschaftler zustande gekommen sind, die zeigen, dass es keine nüchterne, rationale Entscheidung gibt, sie werfen in der Tat Fragen nach dem Alltagsverstand der entsprechenden Neurowissenschaftler auf, die zudem behaupten, jeder von uns wisse: Emotionen würden bei Entscheidungen eine Rolle spielen, nicht rationale, nüchterne Erwägungen. Das wisse jeder aus seiner alltäglichen Erfahrung.

Wie hat man sich die entsprechende alltägliche Erfahrung vorzustellen?

Man fährt mit dem Rad bei strömendem Regen zum Arbeitsplatz, weil man die 35 Kilometer vom Wohnort nicht mit dem Auto zurücklegen will – der Umwelt zuliebe?

Man kauft Nahrungsmittel beim 120 Kilometer entfernten Bauern ein, weil man die nachhaltige Bewirtschaftung und nicht die Rewe-Gruppe, die den Supermakt um die Ecke betreibt, unterstützen will?

Man geht zur Veranstaltung der Hamburger Akademie der Wissenschaften, obwohl bereits in der Ankündung steht, dass man weder mit rationalen noch mit nüchternen Aussagen rechnen kann, da alles aus dem Bauch heraus in Emotion getränkt ist, wie auch immer die entsprechende Emotion am Tag der Veranstaltung aussehen wird?

Ja, vielleicht ist es der Thrill, der daraus erwächst, dass man nicht weiß, ist Prof. Dr. Andreas K. Engel, der Sprecher der Akademie-Arbeitsgruppe Neurowissenschaften der Akademie der Wissenschaften gut oder schlecht gelaunt. Denn der Inhalt seines sinniger Weise als “Impulsreferat” bezeichneten Vortrags hängt vom affektiven Impuls ab, der ihn gerade beherrscht. Ob ihn Ärger oder Freude, Melancholie oder Misanthropie bei seinem Vortrag getrieben haben, die Zuhörer werden es erfühlen.

Spass beiseite.

Der Homo Oeconomicus kann nicht sterben!

Denn der Homo Oeconomicus ist ein Idealtypus, wie ihn Max Weber beschrieben hat. Niemand, außer denen, die ihn jetzt beerdigen wollen, hat jemals gedacht, dass menschliche Entscheidungen immer dem Idealbild des Homo Oeconomicus gerecht werden. Wie Tversky und Kahneman in einer Vielzahl von Experimenten gezeigt haben, nutzen viele Menschen Heuristiken, um Entscheidungen zu treffen, die dem strengen Maßstab objektiver Rationalität nicht gerecht werden. Sie lassen sich bei Ihren Entscheidungen von allerlei Dingen beeinflussen, die sich in ihrer Umwelt finden oder die sie für entscheidungsrelevant halten.

Deshalb haben Ökonomen wie u.a. Leonard Savage oder Herbert Simon vor nunmehr 61 Jahren bzw. 42 Jahren die Subjective Expected Utility geprägt, also ein Modell des Homo Oeconomicus, in das die Realität nicht in der Weise einfließt, wie sie sich einem unabhängigen objektiven Beobachter darstellt, sondern so, wie sie sich demjenigen darstellt, der die Entscheidung trifft.

Das ist der Grund dafür, dass sich Soziologen und Ökonomen, die Entscheidungsmodelle aufstellen, seither bemühen, die Randbedingungen, unter denen Akteure entscheiden, zu erfassen. Es ist der Grund für die Entwicklung des strukturell-individualistischen Forschungsprogramms, das James S. Coleman, Michael Hechter, Peter Hedsträm, Siegwart Lindenberg, Karl-Dieter Opp,  Richard Swedberg und viele andere erarbeitet und seit mehreren Jahrzehnten verfeinert haben.

ColemannNur an Neurowissenschaftlern und ihren bunten Bildchen vom Gehirn scheint die Entwicklung dessen, was sie kritisieren wollen, gänzlich vorbei gegangen zu sein. Mehr noch, sie kritisieren ein Modell, einen Homo Oeconomicus, den es nie gegeben hat. Niemand hat jemals behauptet, dass sich Menschen immer und überall objektiv rational verhalten. Vielmehr haben Wissenschaftler Modelle entworfen, um die subjektive Rationalität des Verhaltens, die Gründe und in manchen Modellen auch die Motive, die ursächlich für eine bestimmte Handlungsentscheidung sind, zu modellieren.

Die einzigen, die tatsächlich zu glauben scheinen, der Homo Oeconomicus sei ein empirisches und kein normatives Modell, sind qualitative Verstehens-Fetischisten und nun auch ungenannte Neurowissenschaftler von der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Sie sind angetreten, um noch den letzten Rest Nachvollziehbarkeit, Verallgemeinerbarkeit und Aussagekraft aus den Sozialwissenschaften und den Menschenwissenschaften auszutreiben und, ganz nebenbei, das neue Bild des Menschen zu erschaffen.

Dieser neue Mensch ist aus ihrer Sicht ein Wahnsinniger, der nicht auf Randbedingungen reagiert, denn das wäre rational (und Rationalität ist ja eine Fata Morgana). Statt dessen reagiert er auf seine Emotionen, und wenn ihm seine Emotionen sagen: Spring vom 10-Meter-Brett in das Schwimmbecken, dann tut er dies ungeachtet der Tatsache, dass es Winter ist und das Schwimmbecken leer und er außerdem nicht schwimmen kann, was allerdings im vorliegenden Beispiel irrelevant ist, aber vielleicht fühlt er das nicht. Vielleicht vermitteln ihm seine Gefühle die Fata Morgana von 30 Grad im Schatten und mit Wasser gefülltem Schwimmbecken. Wer weiß?

Aber wir wollten den Spaß beiseite lassen – auch wenn es schwer fällt.

Derartige Versuche, wie der der Hamburger Akademie der Wissenschaften, Rationalität in Misskredit zu bringen, sind nicht lustig. Sie schaffen ganz nebenbei die Willensfreiheit und die Gesellschaftsfähigkeit von Menschen ab. Beide setzen Rationalität nämlich voraus:

Schlegel
Kostprobe romantischer Unsinns-Aphorismen – Friedrich Schlegel: “Wer ein System hat ist so gut wie geistig verloren, als wer keins hat. Man muss eben beides verbinden.” (aus der Kritischen Ausgabe seiner Werke)

Willensfreiheit setzt Rationalität voraus, denn die Formulierung eines Willens ist ein rationaler Prozess, muss sich der Wille doch in Handlung übersetzen, d.h. der Verstand ist zwangsläufig beteiligt, da der Wille formuliert und umgesetzt werden muss. Emotionen laufen am Verstand vorbei und machen Menschen zum Büttel des oder derjenigen, die gerade die Emotionen ausgelöst haben. Folglich handeln Menschen nicht aus ihrem eigenen Willen, denn das setzt Überlegung voraus, sondern auf Grundlage von Reizen, die bestimmte Emotionen bei Ihnen ausgelöst haben: Die Rückkehr der klassischen Konditionierung, dieses Mal für Menschen, nicht für Hunde.

Gesellschaftsfähigkeit meint die Fähigkeit, mit anderen eine Interaktion aufzunehmen und zu kooperieren. Beide, Interaktion und Kooperation, setzen Berechenbarkeit (Erwartungssicherheit) voraus. Wenn man guten Tag als Begrüßung zu jemandem sagt, muss man sicher sein, dass die Antwort nicht aus einer Ohrfeige besteht, weil dem Begrüßten gerade danach war. Wenn man zum Bäcker geht, um ein Brot zu kaufen, wird man nicht erwarten, dass der Bäcker die Polizei ruft, weil er gerade eine Angstepisode durchmacht und sich von Kunden bedroht fühlt.

Wer derart unverantwortlich mit Rationalität umgeht, wie die Akademie der Wissenschaften in Hamburg, der ist eine Gefahr für die Gesellschaft, wohlgemerkt, die Gesellschaft, nicht für die Lieblingsvorstellung der Deutschen, die Gemeinschaft, jenes romantisch verklärte, organische Etwas, das Ferdinand Tönnies in der Nachfolge der romantischen Fichte, Schelling und Schleiermacher der technischen oder mechanischen Gesellschaft gegenübergestellt hat.

Gemeinschaft wird entsprechend erfühlt, Gesellschaft muss geschaffen werden, durch rationale und nüchterne Entscheidungen. Es scheint, Deutschland gleitet immer weiter in die Welt der irrationalen Gefühls-Gemeinschaft ab, in der Emotionen regieren und Gesellschaft unmöglich ist.

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