Ist Bremen noch Deutschland? Bremer SPD will richtiges Wahlergebnis durch Reform sicherstellen

Ein Leser von ScienceFiles hat uns auf ein Interview im Weser Kurier hingewiesen und netterweise dazu geschrieben, dass Björn Tschöpe, der dort interviewt wird, der Fraktionsvorsitzende der SPD in der neuen Bremer Bürgerschaft ist.

Was gibt es sonst noch von Björn Tschöpe zu wissen? Von Beruf ist er Rechtsanwalt. Er ist nicht mobil, sondern von Geburt an in Bremen.

Ja – und er hat das mit der Wahl nicht verstanden.

Bjoern TschoepeTschöpe meint nämlich, eine Wahl sei dann eine richtige Wahl, wenn so gewählt wird, wie er das für richtig hält. Wird anders gewählt, dann muss das Wahlrecht geändert werden. Das ist der Tenor eines Beitrags im Weser Kurier, in dem sich Wigbert Gerling, der wohl als Redakteur beim Weser Kurier beschäftigt ist, auf das Stellen von Fragen beschränkt und Tschöpe auf das Geben von Antworten und egal, welchen Hammer der SPD-Rechtsanwalt von sich gibt, Gerling nimmt es unkommentiert zur Kenntnis, stellt seine nächste Frage, so als wäre nichts gewesen.

Und als Beobachter aus der Ferne fragt man sich: Gehört Bremen noch zu Deutschland?

Oder ist Bremen eine antidemokratische Exklave, in der jahrzehntelange Vetternwirtschaft und Inzucht dazu geführt haben, dass nicht nur jegliches Bewusstsein für Demokratie verschwunden ist, sondern auch jedes Bewusstsein für Vetternwirtschaft.

Nur zum Beispiel:

Björn Tschöpe zur Frage der geringen Wahlbeteiligung, die etwas mehr als 50% bei der letzten Bürgerschaftswahl betragen hat:

“Vorab: Der Rückgang der Wahlbeteiligung hat sicher vielfältige Gründe, und auch wir müssen uns fragen: Erreichen wir mit unserer Politik die Leute?

Beantworten, indes, müssen “wir”, also die Tschöpes im Pluralis Majestatis diese Frage nicht, und überhaupt: Wahlbeteiligung, pfff, es gibt wichtigers, nämlich und in direktem Anschluss an die Frage, die Tschöpe an sich und seine anderen gestellt hat:

“Aber zu Ihrer Frage zum Wahlverfahren: Eindeutig ja! Unter anderem Frauen werden durch das bisherige System strukturell benachteiligt. Beispielsweise wurden bei der SPD, obwohl diese abwechselnd Frauen und Männer auf ihrer Liste aufgestellt hat, von 30 Abgeordneten nur neun Frauen gewählt, Offenbar bekommen Frauen seltener Stimmen, die unmittelbar an ihre Person gekoppelt sind.”

Wir haben diesen Absatz mehrfach gelesen. Er steht so im Weser Kurier.

Ein angeblich demokratischer Abgeordneter, der Wähler repräsentieren soll, ist also der Meinung, wenn nicht mindestens soviel Frauen gewählt werden wie Männer, dann sind Frauen strukturell benachteiligt, dann ist das Wahlrecht zu ändern.

Man kann das innovativ nennen.
Man kann es dumm nennen.
Nur eines kann man es nicht nennen: demokratisch.

Zur Erinnerung für alle, die es nicht mehr wissen: Der Witz bei Wahlen besteht darin, dass man wählen kann, was man wählen will. Entsprechend würde man, wenn vier Äpfel und vier Birnen zur Wahl stehen, und vier Äpfel und zwei Birnen gewählt wurden, als Demokrat schließen, dass unter den Wählern offensichtlich eine Präferenz für Äpfel und nicht für Birnen besteht. Nicht so Björn Tschöpe aus Bremen, von der SPD, der in die Bürgerschaft gewählt wurde, er schließt daraus, dass die Birnen “strukturell benachteiligt” sind.

Der Begriff der strukturellen Benachteiligung wird von Politikern gerne dann verwendet, wenn sie etwas Wichtiges sagen wollen, aber dummerweise keine Idee haben, was sie eigentlich sagen wollen. Entsprechend ist alles, was ihnen nicht passt, Ergebnis einer strukturellen Benachteiligung von in diesem Fall Frauen. Wären Frauen tatsächlich strukturell benachteiligt, dann wären sie entweder davon ausgeschlossen, überhaupt zu kandidieren, sie dürften nicht wählen oder der Zugang zur Bremer Bürgerschaft wäre ihnen nur möglich, wenn ein Detektor keinerlei Lippenstift an ihnen feststellt. Dann wären sie strukturell benachteiligt. Da nichts davon zutrifft und auch ansonsten keine Spur einer strukturellen Benachteiligung festzustellen ist, muss man konstatieren: Björn Tschöpe hat keine Ahnung wovon er spricht – vielleicht ist er ja durch sein Jura-Studium strukturell benachteiligt, durch jahrelangen Ausschluss von gesundem Menschenverstand.

Aber: Nicht nur Tschöpe weiß nicht, wovon er spricht, auch Gerling, der ihn interviewt, scheint keine Ahnung zu haben, also widmet er den groben Unsinn der strukturellen Benachteiligung von Frauen, mit dem Tschöpe die Leser gerade zugemüllt hat, in einen “offenbar schweren Stand von Frauen” um und fragt: ob der offenbar schwere Stand der Frauen ein Vorteil für Männer sei?

Von einem Journalisten, der Ahnung und Berufsethos hat, hätte man eher die Frage erwartet: Herr Tschöpe, wenn Frauen nicht so viele Personenstimmen bekommen wie Männer, muss man dann daraus nicht vielmehr schließen, dass Bremer Wähler lieber Männer als Frauen wählen?

Und überhaupt, woher kommt die Fixierung auf Geschlecht, wieso denkt Tschöpe, die Wahl von Hans P. sei die Wahl eines Mannes, die Nichtwahl von Helga F die Abwahl einer Frau? Vielleicht sind die Wähler von den Fähigkeiten von Hans P., die in seinem Gehirn und nicht in in seinem Penis angesiedelt sind, überzeugt, während sie von Helga F. schlicht und ergreifend nichts halten, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht.

Wenn Björn Tschöpe mit dem Blick zwischen die Beine anderer Menschen durch die Welt geht, dann ist das sein Problem. Er sollte daraus aber nicht ableiten, dass Wähler zu keiner differenzierteren Betrachtungsweise der Welt in der Lage sind als er sie demonstriert.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, schwadroniert Tschöpe weiter Unsinns:

“… offensichtlich spielt auch das Lebensalter eine Rolle. Soweit nicht eine ethnische Gruppe mobilisiert werden kann, fällt auf, dass von den Personenstimmen vor allem Männer ab 45 aufwärts profitieren. Diese scheinen in besonderer Weise über Netzwerke zu verfügen, die sich für eine Personenwahl aktivieren lassen. Bei uns Sozialdemokraten fällt auf, dass trotz einer altersgemischten Listenaufstellung von den 30 Abgeordneten nur zwei im Alter unter 40 einziehen. Niemand kann ein Wahlrecht mit strukturellen Vorteilen für ältere Männer wollen.

Buergerschaft bremenDer Mann hat einen Knall – oder wie sonst soll man diese Vorstellung, dass das Ergebnis einer Wahl falsch ist, weil die Gruppe der Männer ab 45 offensichtlich mehr Stimmen erhalten hat als jüngere Männer oder Frauen werten? Was man aus dieser Tatsache schließen kann, ist: Männer ab 45 haben mehr Stimmen erhalten als andere und genau das, dass manche Kandidaten mehr Stimmen erhalten als andere Kandidaten, war doch das Ziel einer Wahl – oder?

Aber natürlich kann man problematisieren, dass die SPD mit 32,8% mehr Anteil an den Stimmen erhalten hat als die FDP mit 6,6% und dafür sorgen, dass bei der nächsten Wahl genauso viele Stimmen auf die FDP wie die SPD entfallen, denn niemand kann ein Wahlrecht mit strukturellen Vorteilen für die SPD wollen – oder? Es entspricht der Tschöpeschen Unlogik und sollte somit seine ungeteilte Zustimmung erfahren.

Schließlich: Björn Tschöpe ist 1967 geboren. Er ist somit älter als 45, gehört zu den strukturell bevorteilten Männern ab 45, die er ausgemacht hat. Wäre es da nicht konsequent, er würde sein Mandat niederlegen, um zumindest die von ihm gesehene strukturelle Ungerechtigkeit, die ihn nach seiner Ansicht ermöglich hat, zu beseitigen?

Letztlich kann man sich, wenn man derartigen antidemokratischen Unsinn liest, nur an den Kopf fassen und sich fragen: Sind die Menschen in Bremen anders als andere? Weniger intelligent? Weniger kognitiv ausgestattet? Mehr dumm? Oder sind das nur auf die zu, die die 50% wahlberechtigten Bremer, die gewählt haben, als repräsentativ für sich ansehen?

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19 Responses to Ist Bremen noch Deutschland? Bremer SPD will richtiges Wahlergebnis durch Reform sicherstellen

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  2. hgb says:

    Bremen isst noch Deutschland, in 2014 605 Millionen Euro aus dem Länderfinanzausgleich und 195 Millionen Euro Bundeszuweisungen. Mahlzeit.

  3. lernender says:

    “Aber zu Ihrer Frage zum Wahlverfahren: Eindeutig ja! Unter anderem Frauen werden durch das bisherige System strukturell benachteiligt. Beispielsweise wurden bei der SPD, obwohl diese abwechselnd Frauen und Männer auf ihrer Liste aufgestellt hat, von 30 Abgeordneten nur neun Frauen gewählt, Offenbar bekommen Frauen seltener Stimmen, die unmittelbar an ihre Person gekoppelt sind.”

    Hört, hört..

    http://www.heise.de/tp/artikel/39/39811/1.html

    “Hans Jochen Vogel hatte in Münster die Erwartung ausgedrückt, dass die Quote “in der nächsten Zeit vielen Frauen den Weg zu uns erleichtern” werde. Das war ein großer Irrtum. 35% der Genossinnen haben seit dem Quotenbeschluss 1988 der SPD den Rücken gekehrt. Nur weil knapp die Hälfte der Genossen die Partei verlassen hat, ist der Frauenanteil in der SPD von 26 % im Jahr 1988 auf 31 % leicht gestiegen: eine bittere Bilanz nach 25 Jahren Frauenquote in der SPD.”

  4. Doris Schmidt says:

    Bremen gehoert noch zu Deutschland; denn nirgendwo in Deutschland gibt es wirklich noch Demokratie.

    • lernender says:

      “Bremen gehoert noch zu Deutschland; denn nirgendwo in Deutschland gibt es wirklich noch Demokratie.”

      Was ist denn eine Demokratie und warum wird in Bremen im Gegensatz zu den anderen Bundesländern in Bremen eine “wirkliche” Demokratie gelebt?
      Es sei denn wirkliche Demokratie qualifiziert sich durch Abwesenheit der Wahlberechtigten und hat zur Folge dass Bremen das innerdeutsche Griechenland ist.

      • hope says:

        Nimmt man die Pro-Kopf-Verschuldung zum Maßstab, dann konkurrieren Bremen und Berlin mit Griechenland.

        Der Wähler macht sein Kreuzchen irgendwo. Die Figuren auf den Wahlplakaten kennt nämlich kein Mensch. Und das neue Wahlrecht in Bremen hat auch niemand verstanden. Das ist eher wie Lotto-Spielen ohne Aussicht auf Gewinn. Wieso sollte ein vernünftiger Mensch da mitmachen?

  5. asisi1 says:

    in Bremen gehen die Uhren anders. sie müssen nicht arbeiten Ausländer oder grün sein.
    ja dann, bekommen sie von diesem beklopten Staat Geld. die anderen müssen knüppeln.
    die Mitglieder der Regierungsparteien haben noch nie rechtschaffend gearbeitet, alles nur spinner.

  6. Carlos says:

    Nun, Bremen scheint tatsächlich noch zur BRiD zu gehören, obwohl ein erwiesenermaßen “Spezialtalentierter” solch geistige Luftblasen absondert.

    Aber das Saarland gehört definitiv gesetzlich nicht mehr zur BRiD!

    Guckst Du:
    Zweites Gesetz über die Bereinigung von Bundesrecht im Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums der Justiz (2. BMJBBG k.a.Abk.)

    Artikel 1 Aufhebung des Gesetzes über die Eingliederung des Saarlandes

    http://www.buzer.de/gesetz/7965/a152467.htm

    Uns allen wünsche ich noch viel Spaß!

  7. Ralle says:

    Nun, die SPD hat bis Ende 2014 2,9 % Mitglieder im Vergleich zum 31.12.2013 verloren.

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article137709602/Der-SPD-laufen-die-Mitglieder-davon.html

    Ihr laufen, wie Welt Online titelt, die Mitglieder davon. Vielleicht laufen sie vor der Dummheit davon.

    Urban Priol hatte i. B. zum Vorsitzenden Sigmar Gabriel in einem seiner Programme, dabei ging es um dessen positive position zu TTiP, gesagt, dass dieser Dick und Doof in einer Person wäre. Nachfolgender Link. ab ca. Minute 1:40.

    https://www.youtube.com/watch?v=lr2za5ZKEwM

    Tja, der Mann färbt halt ab.

  8. K.Walter says:

    Na ja, Bremen ist Schilda.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Schildb%C3%BCrger
    Tschöpe ist ein Beispielhaftes Produkt des Bremer Filzes.

  9. Kasper says:

    Wenn man das Wahlergebnis betrachtet fällt auf, dass die anderen Parteien strukturell Benachteiligt sind. Das Wahlrecht muss unbedingt dahingehend geändert werden, dass jede Partei gleich viele Stimmen bekommt.

    Scheinbar ist er der Ansicht, die Wähler würden das Geschlecht wählen und nicht die Person. Wenn das so ist könnte man ja statt der Namen einfach nur noch das Geschlecht auf den Wahlzettel schreiben.

  10. Pingback: Das erklärt alles: Aktivisten, Genderisten, Ideologen, Missionare, Überzeugungstäter … | ScienceFiles; Kritische Wissenschaft - Critical Science

  11. markus says:

    Noch bestuerzender als der gewaehlte Genosse ist die Arschkriecherei des
    interviewenden Genosse, der diesen Genossenquatsch unkritisch-daemlich einfach abnickt ! Verlautbarungsjournalismus zwischen Wohlerzogenheit und Bierernst, der noch nicht mnal – wie frueher in der DDR – lustig ist !

  12. maddes8cht says:

    Wenn eine Partei, die ca. 1/3 weibliche Mitglieder hat, ihre Wahlliste so manipuliert, dass die Häfte auf der Wahlliste weiblich ist, dann hat sie dabei zuerst mal die männlichen Parteimitglieder, die sich evtl. für einen Platz auf das Wahlliste interessiert hätten, strukturell benachteiligt.

    Wenn, nur angenommen, wenn also man davon ausgeht, dass die Eignung für einen Platz auf der Wahlliste unter den weiblichen und männlichen Parteimitglieder in ungefähr gleich verteilt wäre, dann wären durch dieses Verfahren überproportional weniger geeignete Frauen auf der Wahlliste gelandet als Männer.

    Das Wahlergebnis, bei dem 9 von 30 Plätzen an Frauen gingen, also etwa ein drittel, spiegelt sehr gut den tatsächlichen Frauenanteil in der Partei wieder.

    Die Wähler haben offenkundig nach Eignung gewählt, nicht nach Geschlecht, und dabei konsequenterweise die überproportional vorhandenen Quotenfrauen rausgewählt.

    Sollte man das nicht eher als eindrucksvolles Zeichen der Kompetenz der Wählerschaft sehen?

  13. runkerübenmann says:

    liebe kollegen, es mag beckmesserisch sein, aber mich nervt, daß auch in den sciencefiles immer mal wieder vom “pluralis maiestatis” die rede ist, wenn es sich um einen “pluralis modestiae” handelt. in der rhetorik — und hier hat der terminus seinen ort — unterscheidet man zwischen drei genera elocutionis/genera dicendi (dreistillehre), dem genus humile, dem medium und dem sublime. und nur im genus sublime kann es einen pluralis maiestatis geben, in der regel, aber nicht nur, in verlautbarungen: “wir, könig von”. alles andere kann nichts anders sein als ein bescheidenheitgstopos. wohlgemerkt: in der terminologie der klassischen schulrhetorik; pragmatik und grammatik haben andere systematische erklärungsmuster. daß meine darstellung extrem verkürzt ist: zugegeben. aber nicht jeder, der “wir” sagt, krönt sich damit. manchmal hat er einfach nur angst, “ich” zu sagen. und das ist, scheint mir, häufig übler, als sich hinter einem includierendem “wir” zu verstecken.

  14. Pingback: Wir fordern: Meldestelle für Halfwit-Speech! | ScienceFiles

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