Macht

Seit in die Sozialwissenschaften das Geschwätz Einzug gehalten hat, und es für angebliche Sozialwissenschaftler wichtiger ist, sich ideologisch auf der richtigen Seite zu positionieren und darüber zu jammern, dass alles ökonomisiert wird oder die Gesellschaft so ungleich ist oder die Frauen so benachteiligt sind, seit all diese minimalistischen, wenn nicht irrelevanten Lamentos gesungen werden, seitdem hat es sich mit der Sozialwissenschaft.

Konzepte, Theorien und Erklärungen, die einst einen Korpus gebildet haben, der die Wissenschaft hinter dem Sozial legitimiert hat, sie sind verschwunden, dabei zu verschwinden, dem Vergessen anheim zu fallen. An die Stelle der gesellschaftlichen Analyse, der Erklärung sozialer Tatbestände ist die Bewertung sozialer Tatbestände und die Analyse der eigenen Vorlieben getreten und wo ideologische Kleinkrämerei Einzug hält, da ist kein Platz mehr für Sozialwissenschaft.

Also versuchen wir auf ScienceFiles ein paar zentrale Konzepte der Sozialwissenschaften zu retten, Konzepte, die einst benutzt wurden, um gesellschaftliche Wirklichkeit zu erklären (und nicht etwa Utopien zu entwerfen), wie z.B. Macht. Es ist sicher kein Zufall, dass Macht als Kategorie und Analysegegenstand fast vollständig aus der Welt der Sozialwissenschaften verschwunden ist. Warum? Das wird recht deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, was einst mit der Analyse von Macht verbunden, welches Verständnis von Macht vorhanden war.

Elementare SoziologieMacht, als sozialwissenschaftliche Kategorie, nimmt wie so vieles, wenn es darum geht, die Begrifflichkeit zu bestimmen, den Ausgangspunkt bei Max Weber. Weber hat Macht als die Chance definiert, “innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen”. Das Widerstreben ist der entscheidende Punkt, denn Macht setzt eine asymmetrische soziale Beziehung voraus, in der einer der Akteure etwas hat, eine Ressource oder den Zugang zu dieser Ressource kontrolliert, was ein anderer unbedingt haben muss oder will.

Macht setzt also eine wie auch immer geartete Abhängigkeitsbeziehung voraus. Entsprechend hat Peter Blau die Grundlage von Macht in der Kontrolle begehrter Ressourcen gesehen. Indes ist nicht jede Verfügungsgewalt über Ressourcen gleich Macht. Damit die Verfügungsgewalt über Ressourcen zu Macht werden kann, bedarf es dreier Zutaten:

  • Wer über andere Macht ausüben will, muss gegenüber Ressourcen, die diese anderen besitzen, indifferent sein, d.h. die anderen müssen auf ihn und seine Ressourcen angewiesen sein, er aber nicht auf sie. Macht braucht asymmetrische Ressourcenverteilungen und ist da am stärksten, wo es ein Monopol über nachgefragte Ressourcen gibt. Deshalb ist Wettbewerb die beste Gewähr nicht nur gegen die Agglomeration von Macht, sondern auch dagegen, Opfer von Mächtigen zu werden.
  • Damit Verfügungsgewalt über Ressourcen zu Macht werden kann, muss auch ausgeschlossen sein, dass diejenigen, die die Ressourcen benötigen, in der Lage sind, sich die Ressourcen mit Gewalt zu nehmen. Dies ist einer der Gründe, warum Staaten ihr Gewaltmonopol mit dem Status des Sakrosankten ummantelt haben. Man kann Macht leichter begründen und nutzbar machen, wenn man ausgeschlossen hat, dass die Grundlage der Macht durch Gewalt infrage gestellt werden kann.
  • Schließlich setzt es Macht voraus, dass diejenigen, die der Macht unterworfen sind, ein Bedürfnis nach den die Macht begründenden Ressourcen haben. Wer Kontrolle über Ressourcen ausübt, die niemand nachfragt, hat keine Macht, sondern das Problem, wie er seine Ladenhüter loswerden soll. Weil Macht also von den Bedürfnissen derjenigen abhängig ist, die die Ressourcen, auf denen Macht basiert, nachfragen, deshalb ist es Machthabern immer sehr wichtig, die Wertorientierungen und Bedürfnisse der von ihrer Macht Abhängigen zu beeinflussen bzw. zu bestimmen. Denn nur solange die kontrollierten Ressourcen auch geschätzt werden, können sie als Grundlage von Macht genutzt werden. “Zu den Strategien der Machterhaltung gehört es deshalb auch, durch Lenkung der Bedürfnisse anderer auf die von einem selbst kontrollierten Ressourcen eine fortdauernde Abhängigkeit sicherzustellen”. So steht es bei Wolfgang Conrad und Wolfgang Streeck (1976), die eines jener Bücher herausgegeben haben, das man heute als Rarität bezeichnen muss, eines, in dem u.a. der Gegenstand der Soziologie beschrieben wird.

Wer sich fragt, warum moderne Staaten so großen Wert darauf legen, ihre Bürger von der Wiege bis zur Bahre zu kontrollieren und zu paternalisieren, ihre Bedürfnisse zu beeinflussen, am besten zu determinieren, ihren Lebensstil vorzugeben und das, was sie denken sollen, bereits in Schülerhirnen zu verankern, der hat die Antwort in den drei Kriterien die aus der Verfügungsgewalt über Ressourcen Macht entstehen lassen und Macht, das nur zur Erinnerung, ist die Fähigkeit, andere gefügig zu machen, gegen ihren Willen.

Conrad, Wolfgang & Streeck, Wolfgang (1976). Elementare Soziologie. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

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12 Responses to Macht

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Macht

  2. rote_pille says:

    Sind Sie sicher, dass es sich bei Ihrer und bei Webers Interpretation noch um dieselbe handelt? “Gegen Widerstreben” ist nicht m.M.n. nicht dasselbe wie “gegen ihren Willen”. Ich finde den Unterschied bedeutsam. Nutzer von Windows mögen es schlecht finden was Microsoft in Windows 10 einführt und darüber murren, man könnte also sagen, dass die Umstellung gegen ihr Widerstreben stattfindet – wenn sie das Produkt dann trotzdem kaufen ist das immer noch nicht gegen ihren Willen, da niemand ihnen etwas androht wenn sie das nicht tun. Ich würde “gegen ihren Willen” nicht mehr als Macht, sondern als Herrschaft bezeichnen.

  3. Jürgen says:

    Zu der thematischen Beschränkung (oder Beschränktheit 😉 der meisten heutiger “Soziologen” fällt mir bloß ein:

    “Wer sein eigenes Interesse verfolgt, befördert das der Gesamtgesellschaft häufig wirkungsvoller, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu fördern.
    Ich habe nie erlebt, dass viel Gutes von denen erreicht wurde, die vorgaben, für das öffentliche Wohl zu handeln.”
    – Adam Smith (“Wohlstand der Nationen”, 1776)

  4. corvusalbusberlin says:

    @Jürgen “Wer sein eigenes Interesse verfolgt, befördert …..”
    Genau so ist es.

  5. Dr. Reinhold Oberlercher says:

    Wer bei dem Macht-Begriff sich auf Max Weber bezieht, der hat leider zum falschen Klassiker gegriffen. Die vollkommen richtige, geradezu axiomatische Bestimmung stammt von Hobbes: Macht ist möglicher Besitz!

    • Und wieso ist Weber der falsche Klassiker? Sie haben übrigens Unrecht, was Hobbes angeht. Für Hobbes ist Macht eine individuelle Eigenschaft, die Befähigung, Ressourcen zu erzielen, derer man sich jedoch nicht sicher sein kann, weil es ja bekanntlich bei Hobbes erst mit dem Leviathan Sicherheit gibt.
      Im Original: “Die Macht eines Menschen besteht, allgemeine genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. Natürliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Freigiebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienliche ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde und das verborgene Wirken Gottes, das man gewöhnlich Glück nennt” (Kapitel 10: Von Macht, Würde, Ehre und Würdigkeit).

      • Dr. Reinhold Oberlercher says:

        Dank für das Hobbes-Zitat, worin, was ich sage, auch steht: die “gegenwärtigen Mittel zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts” sind meine Kraft und meine Produktions- oder Erzwingungsmittel, die mir den Zugriff auf ein mögliches (zukünftiges) Gut (juristisch: Besitz) eröffnen, ohne mich zur tatsächlichen Inbesitznahme zu zwingen. Macht als möglicher Besitz befreit also vom Zwang zum tatsächlichen Besitz eines Guts.

  6. Ich denke, dass zur Begriffsunklarheit von “Macht” und zur inflationären Verwendung dieses Begriffs die Ausführungen Foucaults wesentlich beigetragen haben. Er schreibt über Macht:

    „Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten … und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.” (“Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit”, Bd. I, S. 113f.)

    Der Kenner der Postmoderne Richard Wolin bezeichnet den Foucaultschen Machtbegriff als „an undifferentiated monolith, capable of explaining everything and nothing“ („Foucault´s aesthetic decisionism“, in: Telos no 67 1986, S. 71-86). Auf deutsch heißt es: „Macht“ ist ein Allerweltsbegriff, der auf alles und somit auf nichts bezogen werden kann.
    Auf jeden Fall wußte ich nach meiner Foucault-Lektüre und den unzähligen Diskussionen mit Foucault-Fans nicht mehr, was Macht bedeutet. Vorher wußte ich es in Anlehnung an Max Weber.

  7. Humml says:

    ” Wer sich fragt, warum moderne Staaten so großen Wert darauf legen, ihre Bürger von der Wiege bis zur Bahre zu kontrollieren und zu paternalisieren, ihre Bedürfnisse zu beeinflussen, am besten zu determinieren, ihren Lebensstil vorzugeben und das, was sie denken sollen, bereits in Schülerhirnen zu verankern, ….”

    Wieso (nur) der Staat ??

    Wir sollen uns doch alle “auf die neidischen Blicke unserer Freund freuen, weil wir jedes Jahr ein neues Smartphon auspacken dürfen” (nahezu wörtlich die Werbung eines großen Telekommunikationsunternehmens).

    Stellt sich eigentlich niemand die Frage, warum uns für eine der phantastischsten “Maschinen”, die der Mensch hervorgebracht hat, eine Bedienoberfläche zugemutet wird, die die Aura eines Kinderbaukastens – Altersgruppe 3 Jahre – verströmt?

    • Jürgen says:

      Natürlich sollte man sich der vereinnehmenden Macht der Werbe-Industrie auch bewusst sein. Ein Aspekt der vom Elternhaus vernittelt werden muss. Von wem sonst? Genau wie eine kritische Weltsicht und der Umgang mit Geld. Die vom Staat angebotene Ausbildung sollte primär Lesen, schreiben und rechnen umfassen. Aber das wirklich. Also nebenbei sollte man in den ersten Klassen so ehrlich sein und nicht “Mathematik” unterrichten, wenn man danach nicht mal rechnen kann! Aber zurück zum Begriff Macht:

      Ich finde es hochinteressant (und verwerflich) wie die sogenannten großen Volksparteien (CDU, CSU, FDP, SPD, Grüne, Linke) ihr bürgerfernes Politsystem durch wilde Koalitionen ex AfD zu retten versuchen. Dabei wird völlig ausgeblendet, das sich nicht nur Merkel auf diese Weise an der Macht festhält. Eigentlich sollte man wissen, daß es zu Hitlers Ermächtigungsgesetz auch nur durch eine Koalition kam. Mit den bekannten Folgen

      Wir haben bestenfalls eine Scheindemokratie. In einer echten Demokratie hätte das Volk die Macht Es muß dazu Volksbefragungen und Abwahlmöglichkeiten geben. Das war vielleicht früher organisatorisch etwas aufwendig, im Internetzeitalter ist es das nicht. Höchstens eine oberfaule Ausrede zum Machterhalt von bisherigen Machthabern die ihr lobbyverseuchtes Parteiensystem als angeblich lebendsnotwendig darstellen. Dabei sind heutzutage Parteien überhaupt nicht mehr nötig. Sie waren vielleicht früher mal zur Bündelung von Interessen nützlich, als es nur reitende Boten gab. Notwendig waren sie nie für den Bürger, nur für Machthaber!

      Und auch der neuen Mitte, der AfD, wird es ähnlich gehen. Auch sie greift Gelder ab und deren Machthaber werden u.a. dadurch immer gieriger. Jetzt noch nicht. Neue Besen kehren gut. Aber das dürfte die Entwicklung jeder Partei sein! Derzeit ist es noch die einzige Partei, die uns von der Propaganda-Abgabe für die Meinungslenkungsindustrie – dem Beitragsservice für ARD & ZDF – verschonen will. Wenigstens das!

      • Humml says:

        Guter Mann – es ist eben nicht die Werbeindustrie! Und was er da in diesem ersten Absatz sonst noch so schreibt – na ja – etwas “mittelalterlich”.
        Aber sich damit näher zu befassen, lohnt hier nicht, da offensichtlich – m.E. – fundamentale Prozesse nicht wahrgenommen werden – (die wir einmal ganz unvorsichtig mit Tendenzen einer rückläufigen Zivillisationsentwicklung umschreiben wollen).
        Dieser, in besagter Werbung beschriebene, “Mensch” ist schlechterdings das Ideal der uns alle beherrschenden “Ökonomie”- er ist Grundlage, Objekt und Ziel selbiger.
        Etwa im Jahre 2006 hat er unter der juristischen Bezeichnung “Verbraucher” – pikanterweise gemeinsam mit dem scheinbaren Gegenpart, dem “Unternehmer” – Eingang in das BGB gefunden.
        Dabei geht es um Macht – oft subtil (neudeutsch z.B. “nudging” … oooh – kommt aus den U.S.A … aaah!)
        Sich bei dieser Frage mit Parteien und “Demokratie” zu befassen, ist eine sinnlose Übung, denn auch eine Demokratie ist Herrschaft mit notwendigerweise Beherrschten –
        “Demokratie” “befaßt” sich nicht mit Macht an sich sondern lediglich mit deren Legitimation (und nur der staatlichen)
        Auf die hinlänglich bekannten “Verflechtungen” (Stichwort z.B. Privatisierung) – angesichts derer sich in der “Machtfrage” nur mit dem “Staat” zu befassen, geradezu verbietet – sei verwiesen.

        Und abschließend: Wir glauben, das es einen fundamentalen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken (und damit auch Macht) gibt – diese letzte Bastion, die uns noch von der durch uns beanspruchten Exklusivität gegenüber allem anderen, was auf diesem Planeten so kreucht und fleucht, verblieben ist, nachdem wir spätestens seit Darwin diesbezüglich in permanente “Rückzugsgefechte” verwickelt worden sind.
        Die Folgen, die z.B. und besonders dieses “US-fernsehen in rudimentär deutscher Sprache” auch Privatfernsehen genannt (und man sollte da wirklich einmal sehr genau zuhören – die dümmliche Servilität diese Sprache ist fast unerträglich), haben könnte … na ja … lassen wir das – vielleicht werden wir einfach nur alt.

      • corvusalbusberlin says:

        “Ein Aspekt der vom Elternhaus vernittelt werden muss.”
        Das können Sie heute in den allermeisten Fällen abschreiben, da die Eltern den Kindern heute nicht mehr mit guten Beispiel vorangehen.
        Zum Thema Demokratie einen interessanten Vortrag von Prof. Dürr.

        https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0ahUKEwit8das1dzLAhUkG5oKHT5kDWgQtwIIHzAA&url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3De57-fLDSTZ8&usg=AFQjCNG10cSWfMxsXfqws8bAOSy2Z6jFug&bvm=bv.117868183,d.bGs

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