Hausgemachte Katastrophe: Wie Staatsfeminismus Ärztemangel schafft

In seinem Buch „Logik des Misslingens“ beschreibt Dietrich Dörner das „beklagenswerte Schicksal von Tanaland“, ein Land, das glücklicherweise nur im Computer existiert und in Windeseile von wohlmeinenden und durchweg mit den besten Absichten angetretenen, formal hochgebildeten Spielern, in die Katastrophe befördert wird. Dabei bestand ihre Aufgabe darin: „für das Wohlergehen der in Tanaland lebenden Bewohner und für das Wohlergehen der gesamten Region“ (Dörner, 1996: 22) zu sorgen.

Logik des MisslingensDas Wohlergehen des deutschen Volkes, das Wohlergehen von Deutschland, dem Pendant zu Tanaland, es ist angeblich das, was deutschen Politikern besonders am Herzen liegt. Deshalb regeln sie, verabschieden sie Gesetze, greifen sie in die Wirtschaft, die Wissenschaft, Unternehmen und private Haushalte ein, immer mit dem Anspruch, Gutes oder doch zumindest Besseres zu schaffen. So wie sie behaupten, ihr Gender Mainstreaming, das als Staatsfeminismus eine gezielte Bevorteilung von Frauen in allen Lebenslagen vorsieht, habe das Ziel, das Wohlergeben des deutschen Volkes und von Deutschland zu sichern.

Dass sie in gleicher Weise, wie Dörners Spieler, eine hausgemachte Katastrophe an die nächste reihen, dass sie das Rentensystem, das Bildungssystem und letztlich das Wirtschaftsystem in die Katastrophe führen, mit ihren Versuchen, Gutes zu bewirken, ist letztlich ein Ergebnis der Komplexität von Systemen, wie Dörner das nennt, die in einem krassen Gegensatz zur Eindimensionalität der Ideologien steht, mit denen Politiker die Komplexität von Systemen beherrschen und die Zukunft planen wollen.

Am Beispiel des Ärztemangels kann die hausgemachte Katastrophe, die immer dann das Ergebnis ist, wenn Ideologie und nicht rationales Kalkül Entscheidungen anleiten, hervorragend dargestellt werden.

Der Ärztemangel ist endemisch. Die Unterversorgung auf dem Land ist eines der Probleme. Am 11. Juni 2015 vermeldete die Süddeutsche Zeitung dazu, dass 2.600 Hausarzt- und 2000 Facharztsitze nicht mehr besetzt werden können. Eine Untersuchung der deutschen Krankenhausgesellschaft kommt zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahre 2019 an deutschen Krankenhäusern rund 37.400 Ärzte fehlen werden (Blum & Löffler, 2010) und die Bundesärztekammer weist regelmäßig darauf hin, dass an deutschen Krankenhäusern 5.500 (2011) oder 6.000 (2012) Ärzte fehlen beziehungsweise der medizinische Versorgungsbedarf schneller wächst als die Anzahl der Ärzte (2016).

Die Situation ist so dramatisch, dass sich selbst Politiker genötigt sehen, aktiv zu werden und das nun schon seit Jahren. Letztes Beispiel: das so genannte Versorgungsstärkungsgesetz, das im Juni 2015 verabschiedet wurde. Darin ist u.a. anderem vorgesehen, Medizinern, die sich als Hausarzt niederlassen, einen Zuschuss von 20.000 Euro zu gewähren. Dass diese Maßnahmen nicht greifen, das zeigt sich z.B. daran, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern Medizinern, die bereit sind, eine bestehende Hausarztpraxis zu übernehmen, weil der bisherige Hausarzt in Rente geht, 50.000 Euro zahlt.

Wie konnte es dazu kommen, dass aus der Ärzteschwemme, die in den 1990er Jahren noch in aller Munde war, in sehr, sehr kurzer Zeit ein Ärztemangel wurde? Die Antwort auf diese Frage findet sich im Staatsfeminismus und den absurden Auswirkungen, die die Förderung von Frauen und die damit einhergehende „Feminisierung der Medizin“(Kopetsch, 2009) hat.

Unintended-Consequences.2Seit Jahren propagieren Politiker die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Seit Jahren geben sie Unmengen von Steuergeldern dafür aus, Frauen für bestimmte Berufszweige zu begeistern bzw. den Anteil von Frauen in den entsprechenden Berufszweigen zu erhöhen. In der Humanmedizin haben diese Versuche, die deutsche Gesellschaft umzuschichten, Folgen gehabt: 45,5% der berufstätigen Ärzte waren 2015 weiblich (1991 waren es noch 33,6%). Gut 60% der Studenten der Humanmedizin sind weiblich, so dass der Anteil der berufstätigen Ärzte noch steigen wird, so wie die Anzahl der berufstätigen Ärzte seit Jahren insgesamt wieder steigt: 371.300 waren es im Jahre 2015 gegenüber rund 82.000 im Jahre 1991.

Somit könnte man denken, dass alles in Ordnung ist. Ist es aber nicht: Es herrscht Ärztemangel: Spezialisten, Notärzte, Fachärzte, Hausärzte, sie alle werden knapp und sie werden in Zukunft noch viel knapper werden, denn die Ärzteschaft ist alt. 53,4 Jahre sind Vertragsärzte (Hausärzte, Internisten) derzeit im Durchschnitt alt. Viele von Ihnen gehen in den nächsten Jahren in Rente. Nachwuchs ist schon jetzt so knapp, dass Mecklenburg-Vorpommern 50.000 Euro für diejenigen auslobt, die bereit sind, eine Hausarztpraxis zu übernehmen.

Wie kann es sein, dass trotzt immer mehr Ärzte immer mehr Arztmangel herrscht? Die Antwort auf diese Frage zeigt die ganze Armseligkeit des staatsfeministischen Versuchs, die Gesellschaft umzubauen, und sie zeigt, wie Staatsfeministen mit ihrem ideologischen Spleen eine Gesellschaft in Windeseile ruinieren können.

Die Medizin, sie macht nämlich Fortschritte, und die Menschen, sie werden immer älter. Mit den Fortschritten der Medizin werden Krankheiten, die vor Jahren nicht behandelbar waren, behandelbar. Das kostet Geld und Arbeitskraft: Mehr Ärzte sind notwendig, um die neuen Therapien durchzuführen. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter und mit dem höheren Alter steigt auch die Häufigkeit von Krankheiten, die durch Ärzte behandelt werden müssen. Der Anteil der über 60-Jährigen in Krankenhäusern beträgt derzeit 51,5% bis 2030 werden es 60,8% sein. Die Anforderungen an die Ärzteschaft steigen als Ergebnis beider Entwicklungen: Mehr Ärzte, mehr Zeit für Patienten sind erforderlich, um mit der wachsenden Nachfrage nach ärztlichen Leistungen Schritt zu halten.

Nun wollen Politiker, die vom ideologischen Virus des Staatsfeminismus befallen sind, Menschen dazu bewegen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Überhaupt steht Arbeit im Staatsfeminismus nicht hoch im Kurs, ist weniger Berufung als notwendiges Übel. Halbtagsarbeit, so die herrschende Meinung unter Staatsfeministen, sie reiche aus, um gesellschaftliches Wohlergehen zu sichern.

Und das Ergebnis dieser ideologischen Idiotie, wir können es derzeit u.a. im Ärztemangel bestaunen. Die Anzahl der Ärzte, die bereit sind, sich der Heilung anderer zu verschreiben und ihren Beruf zur Berufung zu machen, sie wird immer geringer. Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer, hat dies in einer unglaublich euphemistischen und politisch korrekten Art beschrieben: „Es wächst eine sehr selbstbewusste Ärztegeneration nach. Sie ist verständlicherweise nicht mehr bereit, Versorgungslücken bedingungslos auf Kosten der eigenen Lebensplanung zu schließen“. Anders gesagt: Die Saat des Staatsfeminismus ist aufgegangen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sie fordert ihre Opfer in Krankenhäusern und auf dem Land, wo die Ärzte fehlen.

Zwar gibt es immer mehr Ärzte, aber die Ärzte leisten immer weniger Arbeit. Das Gesamtarbeitsvolumen der Ärzte ist trotz einer steigenden Anzahl der Ärzte zurückgegangen, denn die Ärzte arbeiten im Durchschnitt nur noch 33,1 Wochenstunden, anstelle von 37,6 Wochenstunden, wie es noch 1991 der Fall war. Der Rückgang ist darauf zurückzuführen, dass die Anzahl weiblicher Ärzte um rund 50% gestiegen ist. Die neuen weiblichen Ärzte arbeiten aber im Durchschnitt nur noch 28 Wochenstunden gegenüber 32,8 Wochenstunden, die es noch 1991 waren. Dagegen hat sich die Arbeitszeit von männlichen Ärzten nur geringfügig verringert: 36,6 Wochenstunden an Stelle von 37,6 Wochenstunden (1991) sind es. Ein höherer Anteil weiblicher Ärzte geht also mit einen geringeren Gesamt-Arbeitsvolumen der Ärzte einher und mit einer veränderten Wahl des Arbeitsplatzes. Die meisten weiblichen Ärzte scheuen das Risiko, wollen feste und geregelte Arbeitszeiten und sind daher im ambulanten Dienst von Krankenhäusern zu finden.

Nicht genug damit.

Abermals verdanken wir Montgomery einen Euphemismus, der an politischer Korrektheit kaum zu überbieten ist: „Wir müssen dafür sorgen, dass diejenigen ausgewählt werden, die hinterher auch in der Versorgung der Bevölkerung arbeiten wollen“. Dabei bezieht sich Montgomery auf die Studenten, die für ein Studium des Faches Humanmedizin zugelassen werden. Unter diesen, 60% davon weiblich, gibt es nämlich eine erhebliche Anzahl, die auf Kosten der Steuerzahler studieren, aber keine Sekunde an Arbeit denken: 114.500 ausgebildete Ärzte praktizieren derzeit in Deutschland nicht, obwohl sie es könnten. Darunter sind eine Vielzahl von Absolventen, die es vorgezogen haben, entweder einen anderen Beruf zu ergreifen, oder die nie vorhatten, einen Beruf zu ergreifen, weil das Studium für sie einen Heiratsmarkt darstellt und ausschließlich dem Ziel dient, den eigenen Heiratswert zu steigern, um einen entsprechend gut verdienenden Ernährer erringen und sich zur Ruhe setzen zu können.

Immer mehr weibliche Ärzte, die immer weniger arbeiten. Immer weniger männliche Ärzte, deren Motivation, mehr zu arbeiten, angesichts der immer mehr weiblichen Ärzte, die weniger arbeiten, sinkt, immer mehr weibliche Studenten der Humanmedizin, die nicht vorhaben, Humanmedizin jemals auszuüben und ein Anstieg von 152 Millionen Fällen allein bei der ambulanten Behandlung in Krankenhäusern zwischen 2004 und 2014. Das sind die Zutaten einer hausgemachten Katastrophe, einer Katastrophe, die staatsfeministische Ideologen zu verantworten haben, die Entscheidungen treffen, deren Folgen sie nicht einmal abschätzen könnten, wenn sie sich Mühe geben würden.


 

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