Väterchen Stalins Mörderimage wird poliert

Man stolpert immer wieder im Netz über Versuche, Josef Salin zu glorifizieren. Ausgerechnet Stalin, der Diktator, der selbst den Ruf von Diktatoren noch verschlechtern kann. Stalin teilt dabei unter Linken das Schicksal des Kommunismus: So wie die vielen Fehlschläge, die die Ruine des Pantheon der Kommunisten mit den Leichen der Probanden am Feldversuch pflastern, für manche besonders Verständige Beleg dafür sind, dass der Kommunismus nie richtig umgesetz wurde, so ist Stalin nicht wirklich für die Millionen Toten, die seine Zeit als Diktator ausfüllen, verantwortlich. Väterchen Stalin, übt nach wie vor auf Linke eine besondere Anziehungskraft aus und belegt damit die wichtigste Zutat, die man aufweisen muss, um links zu sein: Ahnungslosigkeit oder Realitätsflucht.

Es ist zumindest irritierend, dass demjenigen strafrechtliche Verfolgung droht, der die Verbrechen des Dritten Reiches, die Hitler, Himmler, Göring und den anderen nationalsozialistischen Mördern zugerechnet werden können, verharmlost oder bestreitet, dass dem, der Hitler oder seine Schergen glorifiziert, die geballte Ladung des § 130 StGB droht, während man gefahrlos einem ebenso großen Mörder namens Stalin einen Schrein bauen kann, ohne dass es einen Staatsanwalt interessiert. Wir sind, bekanntermaßen, keine Freunde von staatlichen Interventionen in die Meinungsfreiheit. Aber wir treten für eine Gleichbehandlung in der Weise ein, dass man – wenn man schon denkt – Aussagen, die historische Fakten in Abrede stellen, unter Strafe stellen zu müssen, dies für alle entsprechenden historischen Fakten, die zumindest in den Bereich von Massen-, Völkermord oder Genozid fallen, tut.

Wir nehmen die Gerüchte aus dem Internet zum Anlass, um die folgende kurze Dokumentation über die Salinschen Säuberungen zu posten, die mehrere 100.000 Menschen das Leben gekostet haben und zu den Millionen zu rechnen sind, die die Ära Stalin nicht überlebt haben, weil sie verhungert oder in Gulags elend gestorben sind.

Im Buch von Wolfgang Leonhard “Die Revolution entlässt ihre Kinder” wird der stalinistische Terror aus direktem Erleben geschildert. Die entsprechenden Seiten sind jedem, der Stalin auch nur mit etwas Achtung begegnet, sehr zu empfehlen, ebenso wie die Literatur, die wir am Ende des Beitrags zusammengestellt haben. Die Bücher dienen quasi als Versicherung, damit bei aller Stalinromantik die Tatsache, dass Väterchen Stalin ein kaltblütiger Mörder war, nicht verloren geht.

 

“Ich weiß, daß man nach meinem Tod über mein Grab einen ganzen Haufen Schmutz ausschütten wird. Doch der Wind der Geschichte wird ihn erbarmungslos beiseite fegen.”

Das hat Stalin angeblich zu Lebzeiten gesagt. Es findet sich an mehreren Stellen im Netz. Wir können dazu nur in aller Deutlichkeit sagen, dass es kaum möglich sein wird, einen Haufen Schmutz über dem Grab auzuschütten, der in einem auch nur annähernd angemessenen Verhältnis zu dem Haufen Schmutz steht, der mit Stalin begraben wurde.

Literatur:

Getty, J. Arch & Naumov, Oleg V. (2002). The Road to Terror: Stalin and the Self-destruction of the Bolsheviks, 1932-1939. New Haven: Yale University Press.

Gregory, Paul R. (2009). Terror by Quota: State Security from Lenin to Stalin. New Haven: Yale University Press.

Cohen, Stephen F. (1986). Stalin’s terror as social history.” The Russian Review 45(4): 375-384.

Conquest, Robert (1969). The great terror: Stalin’s purge of the thirties. London: Macmillan.

Davies, Sarah R. (1997). Popular opinion in Stalin’s Russia: terror, propaganda and dissent, 1934-1941. Cambridge: Cambridge University Press.

Getty, John Arch & Thompson Manning, Roberta (1993). Stalinist terror: new perspectives. Cambridge: Cambridge University Press.

Haslam, Jonathan (1986). Political Opposition to Stalin and the Origins of the Terror in Russia, 1932–1936. The Historical Journal 29(2): 395-418.

Hodos, George H. (1987). Show Trials: Stalinist Purges in Eastern Europe, 1948-1954. Westport: Greenwood Publishing Group..

McDermott, Kevin (1995). Stalinist terror in the Comintern: new perspectives. Journal of Contemporary History 30(1): 111-130.

McLoughlin, Barry & McDermott, Kevin (2003). Stalin’s terror: high politics and mass repression in the Soviet Union. London: Macmillan.

Thurston, Robert W. (1998). Life and terror in Stalin’s Russia, 1934-1941. New Haven: Yale University Press.


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5 Responses to Väterchen Stalins Mörderimage wird poliert

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Väterchen Stalins Mörderimage wird poliert

  2. Marcus Junge says:

    Ist ja nett das hier über Stalin geschrieben, aber dann ausgerechnet den 130er auffahren? Das ist Irrsinn! Der 130er hatte mal eine Sinn, damals im Kaiserreich, als er ersonnen wurde, als es um tatsächliches Aufhetzen zu Gewalt ging, ganz konkret vor Ort. Der 130er der BRD so oft umgeschrieben worden, er ist purer Gummi.
    – Er wird völlig einseitig angewendet,
    – Damit ist er politisches Strafrecht, welches eigentlich verboten ist
    – Das “Verfassungs”gericht (ohne Verfassung) hat ihn explizit als illegales politisches Sonderrecht betitelt, welches aber “legal” sei, “wegen unserer Vergangenheit”,
    – Er ist ganz elementar dafür nötig, daß heute die große Gleichschaltung und die Zensur wüten können,
    – Wobei er noch nie jemanden davon abgehalten hat an das zu glauben, woran er glauben will, sondern Meinungsäußerung schlimmer bestraft wird, als Mord und Totschlag durch Moslems.

    Und den wollen Sie ausweiten, statt abschaffen? Ernsthaft! Also gut, dann aber alle Völkermorde, ganz oder gar nicht. Spanier in Amerika, USA vs. Indianer (also keine Cowboyfilme mehr …), Türken gegen Armenier, China gegen Chinesen, Japaner … . Und von antiken Völkermorden ganz zu schweigen, mal sehen was im Talmud / Thora / Bibel so alles steht und wo die Römer wüteten und Dschingis Khan vielleicht auch? Was ist mit dem 30 jährigen Krieg, 1/3 der Deutschen war da gestorben und Franzosen, Schweden, Dänen beteiligt? Oder gar der Luftterror gegen Deutschland, zählen die mindestens 600000? Die Vertreibung der Ostdeutschen? die 5 bis 10 Mio toten Deutschen nach Ende der Kampfhandlungen? Die Hungerblockade bis 1919? Die 2 bis 3 Mio Hungertoten unter Churchill in Bangladesch?

    Reichlich Arbeit für die politische Justiz und ein Minenfeld für den Umgang mit der Hälfte aller Staaten der Welt.

    • Heike Diefenbach says:

      @Marcus Junge,

      entweder ich verstehe irgendetwas miss oder Sie haben etwas missverstanden, denn soweit ich sehe geht Ihr Kommentar am Punkt vorbei:

      Erstens haben wir ausdrücklich betont, dass wir NICHT für Einschränkungen der Meinungsfreiheit sind.

      Zweitens haben wir klar formuliert, dass es dann, wenn diese Einschränkungen nun schon bestehen, das Gebot der Gleichbehandlung in der Justiz gibt, und jetzt kommt’s:

      hier geht es nicht um “Völkermorde” als solche, sondern darum, dass man die BEHAUPTUNG, es habe bestimmte Massenmorde nicht gegeben oder sie seien irgendwie nicht so schlimm gewesen, unter Strafe stellt, während man im selben Land in aller Gemütsruhe dabei zusieht, wie Leute, die für andere Massenmorde verantwortlich sind, “reingewaschen” werden sollen.

      Es geht hier also nicht um die leider, leider lange, lange Latte der Massenmorde an verschiedenen Bevölkerungen, sondern um die real existierende gesetzliche Regelung, nach der man über bestimmte Massenmorde nicht sagen darf, sie seien weniger umfassend gewesen als behauptet wird (ganz egal, ob das empirisch zutreffen sollte oder nicht), während dieselbe Behauptung, wenn es um einen anderen Massenmord bzw. Massenmörder geht, völlig unbeanstandet bleibt.

      Kurz: Es geht hier um das zweierlei Maß, mit dem DIE REDE über Massenmorde gemessen und gewertet wird.

  3. ivan says:

    Selbst ein deutscher Jude hat mal geschrieben das es in der UDSSR schlimmer war als im 3 Reich wenn man nicht gerade Jude war,im 3 Reich so sagte er blieb man relativ unbehelligt wenn man sich nicht äusserte,in der UDSSR dagegen konnte es jeden treffen…Stalin soll ja auch seine eigene Tochter erschossen haben…

  4. Hardwick says:

    Ich kann dieses Band schwer empfehlen.
    Die gute Frau war Tochter eines Arztes in Russland, zu der Zeit, als die Revolution losging.
    Sie hat Tagebuch gehalten und letztlich diese ihre Tagebücher veröffentlicht, nachdem sie exiliert ist.

    Was ich durch Bücher quasi miterlebt habe, werde ich mein Lebtag nicht vergessen.

    https://www.amazon.de/Alja-Rachmanowa-RUSSISCHEN-TAGEB%C3%9CCHER-Ottakring/dp/B006WZ68BM/ref=sr_1_5?s=books&tag=linkr-21&ie=UTF8&qid=1466008889&sr=1-5&keywords=Studenten%2C+Liebe%2C+Tscheka+und+Tod

    https://www.amazon.de/Studenten-Tscheka-Tagebuch-russischen-Studentin/dp/B002GDS7KY/ref=sr_1_4?s=books&tag=linkr-21&ie=UTF8&qid=1466008889&sr=1-4&keywords=Studenten%2C+Liebe%2C+Tscheka+und+Tod

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