Der Schwätzer-Wasserkopf: Krankheit moderner Gesellschaften

Manchmal ist es ganz nützlich, beim Marxismus anzufangen, denn bei aller Kritik, die man an Marxens Lehre haben muss (also an dem, was Marx geschrieben hat, nicht an dem, was andere daraus gemacht haben), so muss man doch zugestehen, dass Marx noch ein Bewusstsein vom wirklichen Leben, von den Notwendigkeiten des wirklichen Lebens hatte. Wie so oft, wenn Ideen in die Hände derer Fallen, die sie nicht verstehen, ist dieses Bewusstsein zwischenzeitlich bei all denen verschwunden, die sich in der Nachfolge von Marx oder seiner sozialistischen Nachfolger wähnen. Geblieben sind psychologische Befindlichkeiten, die den Sozialismus und Marxismus heute attraktiv machen, als Wohlfühl-Ideologie, die denen, die ihr anheimfallen einerseits ein Feindbild verspricht, das sie nach Herzenslust erst einmal füllen und dann bekämpfen können (Kapitalismus/Kapitalisten). Andererseits bieten Sozialismus und all die sonstigen Abarten und Verunstaltungen des Marxismus denen, die ihnen anhängen, die psychologische Wohltat sich als besserer Mensch fühlen zu können. Warum? Weil naive Sozialisten sich einzureden versuchen, sie wären am Wohl aller und nicht am eigenen materiellen Wohlstand interessiert, während betagte Sozialisten ihre Befriedigung daraus ziehen, dass sie diesen Unsinn nicht sich, sondern anderen einzureden versuchen.

Die Schuld dafür, dass Marxismus in die Bahnen psychologischer Defizitbewältigung gelangt ist, kann man nicht Marx anlasten, denn Marx wusste zumindest, dass die Notwendigkeit des menschlichen Lebens in erster Linie darin besteht, den eigenen Lebensunterhalt, Achtung, jetzt kommt es: ZU ERARBEITEN. Alles, was über das reine Überleben hinausgeht, ist entsprechend eine Betätigung, an die man denken kann, wenn das eigene Überleben gesichert ist. Abraham Maslow hat dies in einer Bedürfnishierarchie zusammengestellt, die das Schicksal erlitten hat, Betriebswirten in die Hände zu fallen und von ihnen verunstaltet zu werden.

Erweiterte_Bedürfnishierarchie_(1970)_nach_MaslowMaslows Bedürfnishierarchie ist eine Motivationstheorie. Das kann man nicht oft genug betonen. Sie sieht auf der untersten Ebene biologische Bedürfnisse nach Nahrung, Sauerstoff oder Ruhe vor. Sind diese Bedürfnisse befriedigt, dann ergibt sich auf der zweiten Stufe der Maslowschen Hierarchie die Motivation, das Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen. Es folgen das Bedürfnis nach Bindung, Selbstwert, bevor an die Befriedigung kognitiver Bedürfnisse (Wissen, Verstehen) gedacht werden kann. Ästhetische Bedürfnisse (auf der sechsten Stufe der Bedürfnishierarchie verortet), das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und das Bedürfnis nach Transzendenz bilden quasi den Überfluss, den man angehen kann, wenn die motivationalen Voraussetzungen in Form einer Befriedigung grundlegenderer Bedürfnisse gelegt sind.

Die Kernaussage der Maslowschen Bedürfnishierarchie besteht darin, dass grundlegende Bedürfnisse befriedigt sein müssen, ehe man daran gehen kann, an die Befriedigung besonderer Bedürfnisse in Ästhetik oder Transzendenz überhaupt zu denken.

Die Arbeitsteilung in menschlichen Gesellschaften hat nun nicht nur dazu geführt, dass Grundbedürfnisse immer sicherer befriedigt werden können, sie hat auch dazu geführt, das ein Ressourcenüberhang erwirtschaftet wurde, der es ermöglicht, Gesellschaftsmitglieder von der Sorge um die Sicherung der Grundbedürfnisse freizustellen und zur Produktion von Wissen abzustellen oder gar zur Produktion von Kunst.

Arbeitsteilung, das sei an dieser Stelle festgestellt, basiert auf der Idee der Reziprozität. Diejenigen, die die Grundsicherung übernehmen, die Nahrungsmittel produzieren oder dafür sorgen, dass der Strom in der Steckdose ankommt, stellen diese Leistungen für diejenigen, die z.B. Wissen produzieren bereit, damit Letztere sich der Produktion von Wissen widmen können, das wiederum denen zu Gute kommt, die es übernommen haben, die Wissensproduzenten freizustellen.

Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften haben jedoch auch einen Nachteil: Sie ermöglichen opportunistisches Verhalten [also das Entgegennehmen von Unterstützungsleistungen und die Verweigerung eigener produktiver Beiträge – in der Natur spricht man von Schmarotzen] bei bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, die z.B. ihre Ausbildung an der Universität von Arbeitern finanzieren lassen, deren Rente im Alter auch aufgrund der Finanzierung überflüssiger Studenten nicht gesichert ist.

Hier kommen wir wieder bei Marx an, der in modernen Gesellschaften eine Zweiteilung gesehen hat, die er als Basis und als Überbau bezeichnet hat. Ersteres ist die Welt der Produktionsverhältnisse: „Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen“. So schreibt Marx in der Kritik der politischen Ökonomie..

Der Überbau ist als staatliche Verwaltungsebene konzipiert, deren Aufgabe letztlich darin besteht, die Produktionsverhältnisse zu optimieren, wobei „die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Instanz zu erklären sind.“ Letzteres schreibt Engels in seiner Einleitung zum Anti-Dühring.

Wir haben es hier mit einem der seltenen Momente von Klarheit bei Engels zu tun, ein Moment, in dem er sich bewusst ist, dass die Voraussetzung für das Funktionieren eines Staates mit all seinen Einrichtungen von Verwaltung und Kultur funktionierende Produktionsverhältnisse sind. Mit Bezug auf Maslow könnte man sagen: Künstler, die nichts zu beißen haben, haben wenig Motivation ästhetische Bedürfnisse zu verfolgen.

Es muss also das, was notwendig ist, um gesellschaftliche Gruppen auszuhalten, die ihrerseits nichts zur Produktion von Ressourcen beitragen, die also dem zuzuordnen sind, was Marx den Überbau genannt hat, erst produziert werden. Die Freistellung gesellschaftlicher Gruppen von dem, was zur eigenen Grundversorgung notwendige Anstrengungen sind, ist erst möglich, wenn ein Überschuss produziert wird, und die Freistellung erfolgt nicht, weil Produktivkräfte sich freuen, wenn es Künstlern oder Politikern oder Verwaltungsangestellten oder anderen, die keine produktive Tätigkeit verrichten, gut geht, sondern deshalb, weil es einen Gesellschaftsvertrag gibt, der Letztere von der direkten Sorge um ihre Grundbedürfnisse freigestellt sieht, damit sie einen Nutzen für die erarbeiten können (da ist es wieder, dieses Wort), die sie durch ihre eigene Arbeit freistellen.

rent-seeking-gordon-tullock-paperback-cover-artUnd genau hier findet sich das größte Problem moderner Gesellschaften, die nicht erst seit Gordon Tullock als rent seeking societies beschrieben werden, als Gesellschaften, in denen sich Teile der Bevölkerung dem oben dargelegten Gesellschaftsvertrag und der darin festgeschriebenen Reziprozität entziehen und versuchen, auf Kosten der produktiven Teile der Bevölkerung zu leben.

Wohl kein Bereich moderner Gesellschaften ist derart schnell und stark gewachsen, wie der Teil derer, die von anderen leben und selbst keinen erkennbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlstand leisten. Allein die Berufe, deren Mitglieder Geld erhalten, damit sie Papier produzieren, in dem sie Verhaltensweisen Dritter anprangern oder für verbesserungswürdig befinden, Papier, das in spätestens zwei Jahren vergessen ist, sind Legion. Die Pädagogisierung der Gesellschaft hat dazu geführt, dass Bürgererziehung zur neuen Modebetätigung derer geworden ist, die gerne ohne körperliche und sinnvolle Arbeit durchs Leben gelangen wollen, die lieber bejammern, dass Frauen nicht in MINT-Fächern vertreten sind, als dass sie selbst ein MINT-Fach erlernen würden, die lieber beklagen, dass andere so rassistisch sind, als dass sie ein Werkzeug in die Hand nehmen würden, um einen konstruktiven Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität derer zu leisten, die sie so gerne als Modernisierungsverlierer bezeichnen. Kurz: Die Transfer-Schwätzer, die staatliche Alimentierung entgegen nehmen, um sprachliche Elaborate über die Schlechtigkeit der Welt oder die glorreiche eigene Ideologie zu verfassen, die keinerlei produktiven Niederschlag in der gesellschaftlichen Wirklichkeit haben, die im Gegenteil die produktiven Teile der Bevölkerung noch demotivieren und entmutigen und insofern schädlich sind. Sie haben in der Gesellschaft einen Schwätzer-Wasserkopf geschaffen, der Marx, der schon mit dem Lumpenproletariat große Probleme hatte, weil es sich nicht am Produktionsprozess beteiligt, blass werden ließe, würde er noch leben.

Taugenichts 3Dass es den Schwätzer-Wasserkopf geben kann, ist den opportunistischen Strukturen geschuldet, die in modernen Gesellschaften das auszeichnen, was den Marxschen Überbau ausmacht, und es ist einem moralischen Verfall geschuldet, der dazu geführt hat, dass diejenigen, die von den produktiven Teilen der Bevölkerung ausgehalten werden, es mittlerweile als ihr Recht ansehen, ausgehalten zu werden. Sie haben jedes Bewusstsein dafür verloren, dass sie ausgehalten werden und deshalb verpflichtet sind, einen Gegenwert zu schaffen, der diejenigen, die sie aushalten, dafür entschädigt.

Vielleicht ist es gerade diese Abhängigkeit, der unproduktiven Teile der Bevölkerung, die die psychologische Not erklärt, mit der manche von ihnen sich partout zu besseren Menschen erklären wollen, die anderen sagen können, wo es lang geht. Vielleicht sind die unproduktiven Teile der Bevölkerung, die Transferzahlungen des Staates einstreichen oder Steuergelder unter sich verteilen, ohne dass sie auch nur auf die Idee kommen, sie könnten damit etwas Produktives anfangen, auch geistig so retardiert, dass ihnen die Zusammenhänge einer gesellschaftlichen Ökonomie, die auf Arbeitsteilung basiert, nicht mehr bekannt sind. Vielleicht sind sie auch einfach nur schlechte Menschen, die auf Kosten anderer leben wollen. In jedem Fall kann man feststellen, dass die entsprechende Fehlentwicklung nicht möglich wäre, ohne das, was moderne Gesellschaften als eine ihrer größte Errungenschaft ansehen: Dass sie den Surplus geschaffen haben, um jeden durchzuschleppen, der nicht produktiv ist.

Dies ist dann eine Errungenschaft, wenn es sich in Mildtätigkeit und Caritas niederschlägt, es ist eine Einladung zum Opportunismus, wenn dadurch das gute Leben auf anderer Kosten ermöglicht wird ohne auch nur einen Gedanken an Reziprozität zu verschwenden.


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