Ist (räumliche) Segregation nur schlecht?

Das WissenschaftsZentrum Berlin (WZB) verbreitet über seine Pressestelle das Ergebnis einer Studie. 74 Städte wurden untersucht. Von 2005 bis 2014 wurde die soziale räumliche Verteilung untersucht. Ergebnis:

„Arme Menschen leben in deutschen Städten zunehmend konzentriert in bestimmten Wohnvierteln. Auch junge und alte Menschen sind immer seltener Nachbarn.“

Und:

„In gut 80 Prozent der untersuchten Städte hat seit 2005 die räumliche Ballung von Menschen, die Grundsicherung nach SGB II beziehen, zugenommen – am stärksten dort, wo viele Familien mit kleinen Kindern (unter 6 Jahren) und viele arme Menschen leben.“

Wir wollen uns an dieser Stelle nicht mit der Studie befassen. Dass sich schon in der Pressemeldungen Tautologien finden, hat uns den näheren Blick verleidet. Und dass Hartz-IV-Bezug mit „Armut“ gleichgesetzt wird, zeigt, dass die Autoren aus dem WZB nicht wissen, wovon sie schreiben.

Bundesarchiv, Bild 183-T0426-0001 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5370241

Stellen wir stattdessen eine politisch nicht korrekte Frage, die uns auch in der Redaktion immer wieder beschäftigt: Was ist schlecht an räumlicher Segregation? Und wenn räumliche Segregation so schlecht ist, warum wohnen dann Politiker nicht unter Hartz-IV-Beziehern und prekäre Akademiker nicht Tür an Tür mit Bauarbeitern?

Das Ideal, das hinter der Bekämpfung räumlicher Segregation steht, ist offensichtlich die Vorstellung, dass verschiedene Menschen, wenn man sie nur zusammenzwingt, zu einer Gemeinschaft verschmelzen und eine Gesellschaft der Gleichen begründen.

Nun gibt es viel Forschung dazu, dass man Individuen, die das nicht wollen, nicht zusammenzwingen kann. Thomas C. Schelling hat schon in den 1960er Jahren ein formales Modell der räumlichen Segregation vorgelegt, dass die Dynamik hinter räumlicher Segregation beschreibt.

Die Funktionsweise – für unsere Zwecke angepasst – ist schnell erklärt.

  • In einer Straße leben 10 Parteien (R).
  • Die Straße ist ein sehr ruhiges Wohngebiet.
  • Eines Tages zieht Partei R1 aus. Eine neue Partei, nennen wir sie L, zieht ein.
  • L ist eine Familie, die viel Lärm macht.
  • Ab jetzt läuft ein Tipping-Point-Modell:
  • Die neun ursprünglichen Parteien haben unterschiedliche Level der Lärmakzeptanz.
  • R2 hat das geringste Level und zieht nach einem halben Jahr um.
  • Dadurch sinkt die Schwelle für R3 auch umzuziehen. Ein weiteres viertel Jahr später zieht auch R3 um.
  • Und so geht es weiter, bis das Wohngebiet zu einem geworden ist, in dem Lärm die Normalität darstellt.

Die Segregation ist entlang der Linie Lärmverursacher und Lärmopfer erfolgt.
Frage: Ist es nicht besser für alle, wenn Lärmende unter sich bleiben und ihre Externalitäten denen aufzwingen, die damit keine Probleme haben, weil sie selbst Lärm verursachen?

Alte und Junge, die nach den Ergebnissen aus dem WZB in den 74 Städten immer seltener nebeneinander leben, teilen nicht denselben Lebensstil, in der Regel jedenfalls nicht. Alte benötigen eine andere Infrastruktur als Junge. Alte haben andere Werte als Junge und sind in der Regel nicht begeistert, wenn ihnen die Nachtruhe durch Spontanfeten oder laut ausgetragene Beziehungsstreits gestohlen wird. Was also ist schlecht an räumlicher Segregation?

Unsere Hypothese lautet vielmehr, dass räumliche Segregation notwendig ist, um den gesellschaftlichen Frieden zu bewahren. Anders als die linken Utopisten es meinen, sind Menschen nämlich verschieden, haben verschiedene Werte, Präferenzen, Ansichten, Meinungen. Wenn einer partout Ausländer nicht ausstehen kann, dann wird es nichts helfen, ihm einen Ausländer zum Nachbarn zu verordnen. Im Gegenteil.

Zwingt man Menschen mit einem unterschiedlichen Lebensstil dazu, nebeneinander zu leben, ohne Hoffnung auf Segregation, dann schafft man Täter und Opfer, denn – bleiben wir beim Lärm: Die einen machen Lärm und die anderen wollen ihre Ruhe. Zwangsläufig kommt es somit zu einer täglichen Konfliktlinie, bei der die Rollenverteilung klar ist und diejenigen, die ihre Ruhe wollen, verurteilt sind, die Opfer zu sein. Wie lange werden sie wohl Schlucken, wenn sie ständig viktimisiert werden? Und wenn sie ständig Schlucken, weil sie alt und gebrechlich sind, zählt das dann als menschenwürdiges Leben?

Was ist mit dem Schichtarbeiter, der tagsüber besonders anfällig für die mittlerweile so häufigen Rücksichtslosigkeiten der Mitmenschen ist, die letztlich nur sich und ihren Spaßfaktor kennen und nicht mehr wissen, dass Zusammenleben schwierig ist, eine Aufgabe darstellt und mitnichten etwas ist, was Menschen in die Gene verpackt worden wäre.

Wäre dem so, dann gäbe es keine Gewalt zwischen Menschen.

Ein Argument, das aus der Kriminalgeographie stammt, verweist darauf, dass Stadtteile durch räumliche Segregation verkommen können. So haben die Forscher um Burgess, Park und Sutherland am Beispiel von Chicago aufgezeigt, dass Stadtviertel mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Immigranten und Schwarzen eine höhere Kriminalität aufzuweisen hatten als andere Stadtteile. Sie haben jedoch auch gezeigt, dass die entsprechenden Stadtteile durch eine Mobilität der Bewohner ausgezeichnet waren, d.h. wer dem „Ghetto“ entkommen wollte, der konnte das aus eigener Kraft. Wer es nicht wollte, der hat sich darin eingerichtet. Segregation wirkt somit als Mittel der Selektion, das dabei hilft, diejenigen, die etwas leisten wollen, von denen, die das nicht wollen, zu trennen, und es wirkt für erstere als Anreiz, denn etwas Besseres als ihr heruntergekommenes Stadtviertel finden sie überall.

Wie sehen das unsere Leser? Teilen Sie unsere Argumente oder nicht, wenn ja, warum nicht: Ist räumliche Segregation gut oder ist räumliche Segregation schlecht?

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