Suizid-Schreiber Niggemeier: Text-Anschlag gelungen, alle tot

“Next time, leave it to a professional” Henry Weems x-Files “Goldberg-Variation”

Wir haben Schule gemacht. Wir finden immer häufiger Texte, die auf Ideen beruhen, die uns intim bekannt sind, die uns – so könnte man meinen – mehr oder weniger imitieren. Nun ist mimetische Isomorphie ein bekanntes Phänomen in der Welt der Phantasielosen, also belassen wir es bei der Beobachtung und wechseln direkt zu Tichy’s Einblick.

Dort hat Tomas Spahn einen Beitrag über vermeintliche FakeNews beim ZDF Politbarometer geschrieben, in dem er den Mannen von der Forschungsgruppe Wahlen und denen, die ihre Ergebnisse beim ZDF interpretieren, vorwirft, sie würden „Wichtigkeit“ für „Beliebtheit“ ausgeben, also nach der Wichtigkeit von Politikern fragen und die Antworten als Beliebtheit interpretieren.

So schreibt Spahn:

„Die von den Mannheimern gestellte Frage für das ZDF-Politbarometer lautet nämlich gar nicht: „Wer ist für Sie der beliebteste Politiker“ – sie lautet: „Wer ist für Sie der wichtigste Politiker“. Darauf dann basiert das veröffentlichte Ranking.

Korrekt also müsste die ZDF-Schlagzeile lauten: „Seehofers Wichtigkeit im Keller“.

Wir wissen nicht, wo Spahn diesen Unsinn her hat, aber es ist ein kapitaler Bock, den er da geschossen hat. Es ist schlichtweg falsch. Dass es falsch ist, darauf hat ihn bereits ein Kommentator hingewiesen. Dass es falsch ist, darauf weist ihn in einer abstoßend großkotzigen Weise auch Stefan Niggemeier in seinem Blog „Übermedien“ hin (Kommt Übermedien eigentlich von Überjournalist und Übermensch?).

Auch Niggemeier, wie schon der Kommentator auf Tichy’s Einblick, zitiert die folgende Passage von der Seite der Forschungsgruppe Wahlen (FGW), die zeigt, dass Spahn mit seinem Versuch, die FGW und das ZDF bei FakeNews zu ertappen, gescheitert ist:

Unter der „häufig gestellten Fragen“ findet sich auch die Folgende: „Wie werden die zehn wichtigsten Politiker bestimmt?“:

„Die Ermittlung erfolgt in zwei Schritten. Zunächst stellt die Forschungsgruppe Wahlen ohne Namen vorzugeben ca. alle zwei Monate folgende Frage: “Wer sind Ihrer Meinung nach zurzeit die wichtigsten Politiker und Politikerinnen in Deutschland?” Die Ergebnisse auf diese Frage liefern eine Rangliste der wichtigsten Politiker und Politikerinnen in Deutschland. Davon werden die zehn am häufigsten genannten Politikernamen in einem zweiten Schritt beim darauf folgenden Politbarometer den Befragten zur Bewertung vorgelegt. Bei der Frage “Was halten Sie von …?” haben die Befragten die Möglichkeit, ihre Meinung mit Hilfe einer Skala von minus fünf bis plus fünf zum Ausdruck zu bringen. Die dabei entstehenden Durchschnittswerte liefern dann die Rangreihenfolge der Wertschätzung nach Sympathie und Leistung innerhalb der zehn wichtigsten Politiker und Politikerinnen in Deutschland.

Niggemeier nimmt dies zum Anlass, um seine Häme über Spahn auszuschütten und schreibt u.a.:

„Dass ein Politiker im Ranking vorkommt, bedeutet also, dass die Befragten ihn wichtig finden. Die Position im Ranking aber zeigt seine Beliebtheit an.

Hätte Spahn zwei Minuten investiert, das herauszufinden, hätte er sich nicht mit endlosen Behauptungen blamiert, die alle auf seiner falschen Annahme beruhen – und nicht auf einer falschen Darstellung des ZDF.“

Weiter unten schreibt Niggemeier im selben Text:

„Waaaaa! Es soll nicht ein Beliebheits-Ranking vermitteln, es ist ein Beliebtheits-Ranking. Tomas Spahn benutzt den Begriff „FakeNews“ genau wie Donald Trump: Was er so nennt, ist nicht falsch. Es gefällt ihm nur nicht. Er erträgt es nicht, was rund 1300 zufällig ausgewählte Wahlberechtigte angegeben haben, welche Politiker sie, erstens, „wichtig“ finden, und was sie, zweitens, von den zehn ausgewählten Wichtigsten halten.“

Niggemeier ist ein Suizid-Schreiber par excellence, der nicht nur Tomas Spahn, sondern auch sich selbst in die Luft sprengt. Um herauszufinden, dass auch Niggemeier falsch liegt und seine Ahnung von empirischer Sozialforschung in etwa der von Spahn entspricht, hätte es genüg, wenn Niggemeier zwei Minuten investiert hätte. Aber natürlich müsste er wissen, wonach er suchen muss in den zwei Minuten, was uns zu dem häufig unter Journalisten anzutreffenden Irrtum bringt, man könne sich innerhalb weniger Minuten Kenntnisse aneignen, die andere in Jahren akkumuliert haben und anschließend informiert über einen Gegenstand sprechen.

Man kann es nicht.

Bestes Beispiel: Niggemeier und Spahn.

Beide haben keine Ahnung von empirischer Sozialforschung und von Meinungsforschungs-Routinen.

Der Beleg in drei Schritten für Niggemeier, denn das Spahn nicht weiß, wovon er schreibt, ist schon gezeigt.

Niggemeier schreibt:

„Dass ein Politiker im Ranking vorkommt, bedeutet, dass die Befragten ihn wichtig finden. Die Position im Ranking aber zeigt seine Beliebtheit an.“

Um Niggemeier selbst zu zitieren: „Waaa!“. Nein: „Waaaaa!“

Der Hämische unter den Journalisten, er langt hier vollkommen daneben. Seine Rekonstruktion dessen, was die FGW da macht, ist nicht einmal entfernt richtig, wie er hätte herausfinden können, wenn er zwei Minuten in Recherche investiert hätte. Weniger als zwei Minuten haben uns gereicht, um die Fragetexte für die Standardfragen aufzufinden, die im Politbarometer von der FGW regelmäßig (also in der Regel monatlich) gestellt werden. Die Frage, mit der die Beliebtheit der Politiker operationanlisiert werden soll, lautet:

„Bitte sagen Sie mir wieder mit dem Thermometer von plus 5 bis minus 5, was Sie von einigen führenden Politikern und Politikerinnen halten. ‘Plus 5’ bedeutet, dass Sie sehr viel von dem Politiker halten, ‘Minus 5’ bedeutet, dass Sie überhaupt nichts von ihm halten. Wenn Ihnen einer der Politiker unbekannt ist, brauchen Sie ihn natürlich nicht einzustufen. Was halten Sie von …?”

Zu dieser Frage werden den Befragten zehn Namen vorgegeben. Man kann darüber streiten, ob Beliebtheit mit „was man von X hält“ gemessen werden kann, aber sei’s drum. Das ist ein anderes Thema.

Wichtig ist: Eine Frage nach der Beliebtheit findet sich im Politbarometer als Standardfrage, die jedes Mal gestellt wird. Spahn liegt falsch.

Niggemeier liegt auch daneben.

Er ist der Ansicht, die Position im „Ranking“ gebe die Beliebtheit eines Politikers an, dass ein Politiker im Ranking vorkomme, zeige, dass ihn die Befragten für wichtig hielten.

Niggemeier ist der Ansicht, dieselben Befragten würden nach Beliebheit und nach Wichtigkeit gefragt. Das zeigt sich deutlich in den von uns zitierten Passagen seines „Übertextes“. Mit anderen Worten, er muss denken, da die Wichtigkeit in dem von ihm zitierten Absatz der FGW als Maß genannt wird, das „alle zwei Monate“ erhoben wird, der Politbarometer sei eine Längsschnittbefragung, bei dem immer dieselben Befragten befragt werden.

Wie er auf diese schräge Vorstellung kommt, wir wissen es nicht.

Der Politbarometer ist eine Querschnittstudie. Es werden jeden Monat andere Personen zumeist telefonisch befragt.

Wenn also zwei Monate vor einem Politbarometer die Frage nach der Wichtigkeit von Politikern gestellt wird, dann können diejenigen, denen diese Frage offen gestellt wird, nicht diejenigen sein, denen zwei Monate später die Liste mit den zehn Namen der wichtigsten Politiker vorgelegt wird.

Hier irrt Niggemeier: Die Befragten werden nicht zunächst nach der Wichtigkeit und dann nach der Beliebheit von Politikern gefragt. Ein bisschen Recherche, vielleicht zwei Minuten, hätte ausgereicht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, denn die Liste der Standardfragen, die die FGW veröffentlicht, enthält keine Frage nach der Wichtigkeit von Politikern. Und hätte Niggemeier Ahnung von empirischer Sozialforschung, dann wüsste er, dass man nicht in der selben Befragung eine Rangliste der wichtigsten Politiker erstellen und die zehn wichtigsten bewerten lassen kann. Aber die Ahnung hat er eben nicht.

Tatsächlich gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Frage nach der Wichtigkeit der Politiker überhaupt im Rahmen des Politbarometers gestellt wird. Die Formulierung, die die FGW wählt, lautet: „Zunächst stellt die Forschungsgruppe Wahlen ohne Namen vorzugeben ca. alle zwei Monate folgende Frage: Wer sind ihrer Meinung nach zurzeit die wichtigsten Politiker … in Deutschland?“.

Die FGW sagt hier nicht, wem sie diese Frage, diese offene Frage stellt. Wir betonen hier „offene Frage“, weil offene Fragen, also Fragen, bei denen keine Antwortvorgaben gemacht werden, viel mehr Arbeit machen, als standardisierte Fragen, auf die ein Befragter „ja“, „nein“ oder „weiss nicht“ antworten kann. Wenn Fragen mit viel Aufwand verbunden sind, kann man davon ausgehen, dass sie nicht vielen Befragten gestellt werden. Mit Sicherheit werden sie nicht „1.300 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten“ gestellt, wie Niggemeier – ahnungslos wie er nun einmal ist – behauptet. Wir tippen eher auf ein Panel von Befragten, die die FGW regelmäßig kontaktiert, so um die 100 Personen vielleicht…

Der großspurig belehrende Satz, mit dem Niggemeier zum Ende seines Textes meint Spahn zurechtweisen zu müssen, völlig unnötigerweise, denn dass Spahn einem Irrtum aufgesessen ist, ist zu diesem Zeitpunkt mehr als klar, fällt somit auf Niggemeier zurück, denn die FGW sagt an keiner Stelle, dass die Liste der 10 wichtigsten Politiker im Rahmen des Politbarometers erstellt würde.

Niggemeier liegt somit in mehrerer Hinsicht falsch:

Der Politbarometer ist keine Längs-, sondern eine Querschnittstudie. Nicht dieselben Befragten werden wiederholt befragt, wie Niggemeier meint, sondern unterschiedlichen Befragten werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten Fragen, zuweilen dieselben Fragen, vorgelegt.

Die Fragen nach Wichtigkeit und Beliebtheit von Politikern werden nicht den selben Befragten in einer Befragung vorgelegt, wie Niggemeier denkt, denn das ist technisch nicht machbar, wie Niggemeier wüsste, wenn er eine Ahnung von empirischer Sozialforschung hätte.

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Liste der wichtigen Politiker von der FGW, wie Niggemeier annimmt, im Rahmen von Politbarometer-Umfragen erstellt wird. Allein die Tatsache, dass es sich um eine offene Frage handelt, spricht schon dagegen.

Schließlich ist das Ranking der Politiker kein Ranking, wie Niggemeier schreibt, sondern ein Rating. Die Befragten bringen die Politiker nicht in eine Reihenfolge, wie sie es bei einem Ranking tun müssten, sondern bewerten jeden einzelnen der zehn ihnen vorgegebenen Politiker von -5 bis +5 (siehe oben).

Der Versuch, Spahn mit einem Hämeartikel zu versenken, ist also gescheitert. Vielmehr haben wir es mit einem klassischen Fall von Suizid-Journalismus zu tun, bei dem der Schreiber und sein Häme-Ziel beide auf der Strecke bleiben.

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