Freies Manipulieren mit Umfragedaten: Wenn es um Griechenland geht, ist scheinbar alles erlaubt

Wenn es darum geht, eine Meinungshoheit in der öffentlichen Diskussion zu erreichen, dann kommt Umfragen regelmäßig eine große Bedeutung zu, nicht einfach Umfragen, nein: repräsentativen Umfragen, also Umfragen, bei denen alle Elemente einer Grundgesamtheit dieselbe Wahrscheinlichkeit hatten, in die Auswahl zu gelangen.

Repräsentativ ist eine Umfrage für Deutschland dann, wenn alle Deutschen, dieselbe Chance hatten, daran teilzunehmen.

Ein Ding der Unmöglichkeit, wie wir schon einmal am Beispiel einer Telefonumfrage gezeigt haben (fast alle Meinungsforschungsinstitute machen vornehmlich Telefonumfragen):

telephone surveyNehmen Sie an, Sie haben ein Befragungsinstitut mit einem Telefonpool und rufen abends von 17 Uhr bis 22 Uhr die Personen an, die sie aus dem Telefonbuch zufällig gezogen haben:

  • Alle, die nicht im Telefonbuch stehen, eine Geheimnummer haben, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht zuhause sind, weil sie z.B. Schicht arbeiten oder in einer Kneipe sitzen, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht ans Telefon gehen, weil sie sich beim Abendessen oder bei was auch immer nicht stören lassen wollen, sind nicht im Datensatz;

Wie man es dreht und wendet, der Datensatz ist nicht repräsentativ, denn nicht alle Elemente der Grundgesamtheit haben dieselbe Wahrscheinlichkeit, an der Befragung teilzunehmen (das wäre zu einer anderen Uhrzeit nicht anders).

Und die genannten, sind nicht die einzigen systematischen Ausfälle:

  • Wer im Krankenhaus liegt, der fällt aus.
  • Wer in Urlaub ist, der fällt aus.
  • Wer obdachlos ist, der fällt aus.
  • Wer stumm ist, der fällt aus.
  • Wer gehörlos ist, der fällt aus.
  • Wer entmündigt wurde, der fällt aus.
  • Wer im Gefängnis sitzt, der fällt aus.
  • Bei wem die Telekom das Telefon gesperrt hat, weil er seine letzten beiden Rechnungen nicht bezahlt hat, der fällt aus.

Das sollte eigentlich ausreichen, um den Mythos von der repräsentativen Befragung ein für alle Mal auszurotten.

Aber das tut es nicht!

Warum? Weil die angeblich repräsentative Befragung zu einer unverzichtbaren Waffe im Krieg um die Meinungshoheit im öffentlichten Diskurs geworden ist. Der Vorwurf, das sei ja gar nicht repräsentativ, eignet sich perfekt, um missliebige Ergebnisse zu diskreditieren. Die Behauptung, die eigene Befragung sei repräsentativ, adelt die Ergebnisse und macht sie glaubwürdiger, jedenfalls in den Augen der Repräsentativitätsapostel.

Nicht zuletzt hängen wirtschaftliche Interessen an der Repräsentativität. Man stelle sich vor, die Umfrageinstitute, die ihren Umsatz auf Basis der Leichtgläubigkeit von Politikern und Funktionären erwirtschaften, könnten nicht die angebliche repräsentative Auswahl der 1000 Hanseln, die ihre repräsentativen Befragungen regelmäßig versammeln, vorschützen. Was würde ihre Umfrage dann von einer Umfrage, die ScienceFiles im Internet durchführt, unterscheiden?

Nichts!

Und zu guter letzt, innerhab des Rahmens der mit der Behauptung einer repräsentativen Umfrage gesteckt wird, lässt es sich trefflich manipulieren, wie dies gerade bei der WELT der Fall ist.

Die WeltDort berichtet Jan Dams von einer YouGov-Umfrage mit immerhin 1.380 Befragten, die natürlich repräsentativ ist, was sonst könnte sie sein. In dieser Befragung haben sich 48% der Befragten für einen Austritt Griechenlands aus der EU ausgesprochen.

Dies ist der Aufhänger, dem der folgende Absatz folgt:

„Viele fragen sich, schmeißt man dem schlechten Geld gutes hinterher? Bringen die neuen Reformprogramme etwas in einem Land, das sich mit ihnen nicht identifiziert? Ist Griechenland mit seiner bislang so unwilligen Politik und seinen oft korrupten Eliten überhaupt reformfähig? Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte jüngst in einem Interview, ein Grexit sei für Griechenland vielleicht die bessere Alternative. Vielen in seiner Partei und in der Bevölkerung spricht er damit aus dem Herzen, wie die Umfrage zeigt.“

Das nennt man in der Sozialpsychologie Framing, und es wirkt wie folgt:

„Mit 56 Prozent halten deutlich mehr als die Hälfte der Deutschen den geplanten Deal mit Griechenland für schlecht. 23 Prozent davon bewerten ihn sogar als sehr schlecht. Nur zwei Prozent sehen ihn sehr positiv, weitere 27 Prozent eher positiv.“

Hand aufs Herz: Wer hat nach dem Lesen des letzten Absatzes gedacht, die 56%, die den Deal mit Griechenland negativ bewerten, tun dies vor allem deshalb, weil sie Griechenland lieber aus der Eurozone verschwinden sehen würden, weil Sie denken, Griechenland wird gutes Geld hinterher geworfen, weil sie am Erfolg der Reformprogramme zweifeln?

framingUnd genau darin besteht die Manipulation, denn die Frage WARUM die Befragten den Deal mit Griechenland negativ bewerten, die wurde entweder nicht gestellt oder von Jan Dams absichtlich unterschlagen. Diese Frage ist jedoch erheblich, immerhin sind große Teile der Linken gegen den Griechenland-Deal, weil sie gerne noch mehr Geld anderer Leute an Griechenland verschenken würden als die Bundesregierung das sowieso schon tut.

Ungeachtet der Frage, wie man zu diesen Linken steht, würde man doch erwarten, dass ihre Meinung in einer angeblich repräsentativen Umfrage irgendwie auftaucht und ins Gewicht fällt. Dass Sie es scheinbar nicht tut, ist das Ergebnis des oben genannten Framings, der Art der Präsentation der Ergebnisse, die leichtgläubige Leser in die gewünschte Richtung manipuliert und den Anschein erweckt, 56 Prozent der von YouGov Befragten, wären mit dem Deal nicht zufrieden, weil er ihnen nicht weit genug geht.

Wir finden den Deal auch unterirdisch und das Abwirtschaften des Euro, das die Bundesregierung und vor allem die EZB dadurch betreiben, dass sie den Geldmarkt mit Euro fluten und den Euro zur Ramschwährung entwickeln, unverantwortbar, aber das hat nichts damit zu tun, dass die Präsentation der Umfrage von YouGov in der Welt manipulativ ist. Scheinbar denken manche, sie könnten ihre Meinung besser vertreten, wenn sie den Eindruck erwecken, sie seien in der Mehrheit.

Wie dem auch sei, die YouGov-Umfrage kann man natürlich nicht nur wegen der angeblichen Repräsentativität kritisieren. Sie ist auch unvollständig, was vermutlich der fehlenden Phantasie, die Meinungsforscher vor allen auszeichnet, geschuldet ist. Hätten die Meinungsforscher Phantasie und zudem Mut, sie würden die Deutschen fragen, ob sie nicht selbst aus der Eurozone oder gar der EU aussteigen und ihre DM zurückhaben wollen.

Wir tun dies seit einiger Zeit. Zwischenzeitlich haben sich 2.359 Leser an dieser Befragung beteiligt. 2.174 (92%) haben angegeben, dass Deutschland nicht in der EU verbleiben soll.

Wer noch nicht abgestimmt hat, der kann das nunmehr tun:

Deutschland: Better off out?

Über Michael Klein
... concerned with and about science

17 Responses to Freies Manipulieren mit Umfragedaten: Wenn es um Griechenland geht, ist scheinbar alles erlaubt

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Freies Manipulieren mit Umfragedaten: Wenn es um Griechenland geht, ist scheinbar alles erlaubt

  2. lolli148 says:

    Wäre es nicht angemessen, zu der Umfrage _auch_ nach den Gründen zu fragen – also, zu Ihrer eigenen Umfrage?

    Die EU hat ja nun auch positive Seiten, wie zB dass ich mir meine Zigaretten in Tschechien kaufen kann und an der Grenze nichtmal warten muss… – gut, da erschöpft es sich für mich auch schon weitestgehend, von daher wäre es sicher interessant, warum so viele der Leser hier die EU ablehnen.

    • Wieso angemessen?
      Wir wollen wissen, ob Deutsche in der EU bleiben wollen – mehr nicht.
      Warum das so ist, ist eine andere Fragestellung, die man mit Polldaddy nicht beantworten kann.

      • lolli148 says:

        Naja, angemessen, weil Sie das fehlende „Warum“ in einer anderen Umfrage kritisieren. Aber gut, „interessant“ ist sicher zutreffender.

        • Aber Sie haben schon gesehen, dass das „fehlende Warum“ aus bestimmten Gründen kritisiert wird, dass es quasi in einem Kontext kritisiert wird…?

          • lolli148 says:

            Natürlich. Und ich sehe auch ein, dass es unzumutbar viel Arbeit wäre, das sinnvoll zu erfassen, wenn man dafür keine paar Hunderttausend Euro bekommt.

            Ich würde trotzdem eine „light“-Version, also mit den Top10-EU-Themen (Wirtschaftsunion, politische Union, Währungsunion…. man muss ja jetzt nicht unbedingt das Aussehen von Juncker erfragen), interessant finden. Und als semioffene Frage mit „zutreffendes ankreuzen“ und „sonsiges“ wäre das auch noch wertvoller als die vorgegebenen Meinungen der ach-so-repräsentativen Umfragen. Und wäre ein Artikel, den ich gerne lesen würde. Mehr wollte ich eigentlich nicht sagen.

    • @lolli148

      Verstehe ich das richtig???

      Sie meinen, weil „die EU ja nun auch positive Seiten“ habe, dürfe man nicht danach fragen, ob eine Bevölkerung einen Austritt aus der EU befürworten würde oder nicht?

      Dann ist für Sie sozialwissenschaftliche Forschung also nur insoweit legitim wie sie keine Fragen stellt, deren Beantwortung etwas ergeben könnte, was Ihrer Weltanschauung nicht entspricht?

      Wo leben wir denn? Sind wir schon so weit im Totalitarismus angekommen, dass Ihnen so etwas normal vorkommt?!

  3. rote_pille says:

    Um die prinzipielle Aussage des Artikels noch einmal zu rekapitulieren, hier meine eigene, hoffentlich möglichst neutral formulierte Umfrage:
    War KANALEquality ein Griff ins Klo?
    Für „Ein Griff ins Klo“ Daumen nach oben zu diesem Kommentar
    Für „Kein Griff ins Klo“ Daumen nach unten zu diesem Kommentar

    Es muss beachtet werden, dass die Antwort „Ein Griff ins Klo“ von verschiedenen politischen Gruppen bevorzugt werden kann, sowohl jenen, die glauben, dass KANALEquality ein Griff ins Klo war, weil sie Gleichstellung generell ablehnen als auch von jenen, die finden, das die Gleichstellung bei KANALEquality nicht weit genug ging, weil z. B. Transsexuelle nicht erwähnt wurden. Aber jene die die Gleichstellung generell ablehnen werden wahrscheinlich nicht automatisch darauf kommen, dass es immer noch diese – sagen wir mal Ouerdenker – gibt, die KANALEquality als Griff ins Klo bezeichnen, weil die Gleichstellung ihnen nicht weit genug geht.

  4. N_K says:

    »Freies Manipulieren mit Umfragedaten: Wenn es um Griechenland geht, ist scheinbar alles erlaubt«

    „Wie hatte schon Winston Churchill gesagt? „Ich glaube nur den Statistiken, die ich selbst gefälscht habe.“ – Peter Koch: Wahnsinn Rüstung. stern-Buch im Verlag Gruner + Jahr Hamburg 1981″

    Bitte deshalb die Überschrift für den Allgemeingebrauch korrigieren wie folgt: »Freies Manipulieren mit Umfragedaten: Wenn es um Gaunerinteressen geht, erlauben DIE sich alles!« Siehe 9/11, Irak, Tunesien, Lybien, Ägypten, Syrien, Ukraine usw. Und ganz schlimm wird es, wenn »“Friedens“-Nobelpreisträger« selbigen Lachfetzen für die Beendigung der/s Kriege/s erhalten, den/die sie zuvor selbst angezettelt haben oder gar noch als Vorschußlorbeeren für inzwischen bestehenden Vielfachkrawall gegenüber vorher und auch noch dafür, daß mit den provozierten „Flüchtlingsströmen“ (meist nur junge Männer!) die Islamisierung Europas (,die auch über ungezählte Vereinigungen, Moscheebauten mit Scharia-Gerichten, Schaffung von Parallelstaaten usw. finanziell gefördert wird,) vorangetrieben wird. Und unsere politischen Dummschwätzer glotzen selbstzufrieden aus amerikanischen Hinterteilen heraus und verwechseln den entströmenden Gestank mit feinstem Parfüm.
    Das belegt auch eine „Farbenprobe“: Nimmt man die BUNTEN Farben (dunkel-)schwarz, (raben-)schwarz, (wein-[wie besoffen])rot, (blut-)rot, (neid-)gelb und (kuhmist-)grün und mischt diese zusammen, ergibt sich ein für die heutige Republik samt EU und USrael sehr zutreffender Farbton: Eine mit Gülle vergleichbare dreckbraune Brühe.

    • Das hat Winston Churchill übrigens nie gesagt, dazu ist er zu intelligent gewesen. Wäre es so einfach Statistiken zu fälschen, wie Sie meinen, dann würde es denen, die schlechte oder manipulierte Statistiken untergeschoben bekommen sollen, nicht so leicht fallen, das zu bemerken.

  5. M. G. says:

    Ich fahre zu den Brüder von/aus und zu Venlo, ohne einen gebundenen, weil einer volkswirtschftlichen Realkonvergenz entsprungenen Wechselkurs arithmetisch bewältigen zu müssen. Ich kann, so ich denn das okönomische Prinzip im Dunstkreis der päpstlichen Enzyklika ansiedele( ut
    unum sint), in 14 Tagen 9 EU-Verwaltungseinheiten bereisen und
    spare meinem SS(Super Sparkasse)-
    gesponsortem Reisebudget 100% der
    aus der verarmungsgeprägten, durch
    Grenzscharmützel gezeichneten und
    überwiegend durch Inländerkriminalität
    bereicherten DM-Epoche bekannten
    Sortentransaktionkosten. Und vom 4.
    Propagandalvorteil der rechts-,
    stabilitäts- und sozialstaatswidrigen
    Einheitswährung spreche ich erst gar
    nicht. Oder doch, es ist ein recht impliziter; endlich gibt es an jeder Ecke genug, durch Buchgeldfälschung zur Migration motivierte Illegale,
    um Steine schmeissende 16jährige aus
    der Uckermark durch ein Malmot des Schiessbudenjustizsinisters als
    gebürtige „Volksverhetzer“ brandmarken zu können.

  6. Pingback: Umfrage: 91% von 3.446 ScienceFiles-Lesern sagen nein zum Verbleib in der EU | ScienceFiles

  7. Ob es Churchill war, weiß ich nicht. Aber die Diskussion hat sich meiner unmassgeblichen Meinung nach vom Ausgangspunkt ziemlich weit entfernt, das hilft nicht wirklich.
    Da ich viel im Ausland unterwegs sein musste, empfand ich den EURO als entlastend, obwohl mir klar war, dass ohne gleiche sozialökonomische Verhältnisse und gemeinschaftliche Steuerung das Risiko recht hoch ist; dachte aber, das hätten sich die „da oben“ schon ausgedacht…

    Nun zu Statistik, zur Größe der Stichproben und deren Auswahl gibt es Theorien und dicke Bücher und ebensoviele oder noch mehr populäre Irrtümer. So wird die Genauigkeit ab einer bestimmten Größe nicht besser, auch nicht wenn man die „Grundgesamtheit“ einbezieht (kann man selbst ausprobieren mit einem Würfel, ab etwa 1000 Versuche wird der Mittelwert nicht mehr besser sondern schwankt erstaunlich um die 3,5 herum). Wichtig ist die Unabhängigkeit des Auswahlkriteriums von der Fragestellung. So ist es uninteressant, wenn Kranke nicht ans Telefon gehen – es sei denn, die Umfrage beziehe sich auf das Gesundheitswesen.

    Wesentlich sind bei Umfragen allerdings wie schon angedeutet die Formulierungen der Fragestellungen und bei Ja/Nein Fragen erfährt man die Intentionen des Befragten eh nicht. (Beispiel: Sind Sie gegen die Ehe für Homosexuelle? – Ja was nun, ich könnte aus religiösen oder persönlichen Gründen dagegen sein, aber auch, weil der Begriff der Ehe von den Verfassern des Grundgesetzes sicher nicht für ein DAMALS strafbares Verhalten gedacht war, also die Begriffsbestimmung im Grundgesetz geändert werden sollte.) Dazu kommt das erwähnte Framing, also die mit der Frage übermittelten Denkmuster, ein Problem, für das mir keine vernünftige Lösung einfällt. Die Ansätze aus der Literatur sind kaum zielführend.

  8. Pingback: Repräsentativität: Einblicke in die Alchemistenlabors der Meinungsforscher | ScienceFiles

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