Wer hat Angst vor Pauline Marie Rosenau? Eine hierzulande unbekannte Politikwissenschaftlerin, die zu kennen sich lohnt

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Sie haben noch nie von Pauline Marie Vaillancourt Rosenau gehört? Sie sind damit nicht allein. Aber vielleicht wäre es gut, wenn Sie sie, d.h. ihre Arbeit, kennen würden.

Pauline M. Rosenau ist eine Professorin Emerita am “Department of Management, Policy and Community Health” der Universität Texas und hat seit den 2000er-Jahren im Bereich “Public Health” mit Schwerpunkt Gesundheitspolitik gearbeitet. Für ihre Arbeit in diesem Bereich hat sie im Jahr 2014 den Edgar C. Haybow Publishing-Preis erhalten und im Jahr 2003 den Alumni Hall of Fame-Preis der School of Public Health der Universität von Kalifornien erhalten. Außerdem wird sie im „Who Is Who im America“ und im „Who Is Who In the World” geführt. Sie ist also eine im Sinne des Wortes ausgezeichnete Wissenschaftlerin, Hochschullehrerin und Person des öffentlichen Lebens.

Trotzdem kennen sie außerhalb Nordamerikas nur Wenige, und wenn, dann nicht aufgrund ihrer Arbeit im Bereich der Gesundheitspolitik. Das hat damit zu tun, dass Rosenau sozusagen eine Frau mit Vergangenheit ist, und das ist es, was sie für die Sozialwissenschaften wichtig und für uns hier auf ScienceFiles interessant macht. Rosenau ist nämlich „von Haus aus“ Politikwissenschaftlerin und hat vor ihrer Tätigkeit an der Universität Texas für zwei Jahrzehnte an der Universität von Quebec in Montreal, Kanada, am Institut im Fachbereit Politikwissenschaft gelehrt. Und sie hat weit über den Bereich der Gesundheitspolitik hinaus publiziert, und zwar Texte, die interessant und aufschlussreich sind, aber weder damals noch heute zum Selbstbild des überwiegend linkslastigen Teils der Akademiker in der westlichen Welt pass/t/en.





So hat sie z.B. im Jahr 1990 gemeinsam mit Robert Paehlke in der International Political Science Review einen Artikel veröffentlicht, in dem gezeigt wird, dass die Sorge um die gesellschaftliche Partizipation der „Benachteiligten“ kein Monopol Linksorientierter ist, sondern „[p]olitical orientations of a left-right character […] not consistently linked to issue positions on this question“ (Rosenau & Paehlke 1990: 123) sind, denn:

„Western Marxists and Liberals are both optimistic about human nature and they favor participation of these groups while Conservatives and Marxist-Leninists are pessimistic about humankind and discourage it. The New Right characterizations of human nature are contradictory and their enthusiasm for the political participation of the disadvantaged can be interpreted as either a deeply held emotional commitment, or merely one element in a calculated electoral strategy” (Rosenau & Paehlke 1990: 123).

Die beiden Autoren halten explizit fest:

“Our purpose is not to demonstrate the superiority of one view over the others, but rather to explicate these views and show the general unhelpfulness of the left-right distinctions, at least with regard to this topic” (Rosenau & Paehlke 1990: 125).

Dies steht wie gesagt in einem Artikel aus dem Jahr 1990, und man wünschte sich, die Politikwissenschaft hätte in den zwei Jahrzehnten, die inzwischen vergangen sind, an diese Arbeit von Rosenau und Paehlke angeschlossen und weitere Klärung mit Bezug auf die Frage betrieben, was genau die spezifischen Anliegen „Linker“, Liberaler, Konservativer und „Rechter“ zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Kontexten sind und aus welchen Gründen sie es sind.

Leider hat es eine solche systematische Forschung nicht gegeben, und – vielleicht auch deshalb – befinden wir uns derzeit in einem politik- (und insgesamt sozial-) wissenschaftlichen Tief, in dem es nahezu ausschließlich darum geht, die Überlegenheit einer bestimmten ideologischen Perspektive zu demonstrieren oder nur zu behaupten, sofern man sich nicht ohnehin darauf beschränkt, Vertreter anderer Perspektiven persönlich zu diffamieren. Immerhin gibt es Arbeiten aus neuerer Zeit, die zumindest zeigen, dass linke und rechte Extremisten nicht nur verschiedene Inhalte miteinander teilen, sondern auch ähnliche Persönlichkeitsstrukturen aufweisen (ich habe einige dieser Arbeiten hier auf dem ScienceFiles-blog vorgestellt).

In einem anderen Text, den Rosenau gemeinsam mit Paehlke (, der bei diesem Text Erstautor ist,) verfasst hat und in dem es um das Verhältnis zwischen Umweltpolitik, und Sozialpolitik geht, weisen die Autoren darauf hin, dass

„… females are, on average, more environmentally oriented than males, and much of the leadership, especially of nonprofessional environmental organizations, has been provided by women … Even in the occupational and environmental health movement, many of the dominant figures have been women. This latter fact stands in intriguing contrast to the virtual absence of women from nuclear engineering, even after the entry of women into almost every other nontraditional profession. The orientation of women to environmental politics is distinctive in relation to the earlier findings reported, for example, by Lipset …, regarding the orientation of women to left-right politics” (Paehlke & Rosenau 1993: 679-680),

was Fragen nach den Ursachen der starken Förderung von Frauenvereinigungen und Frauen im öffentlichen Bereich während der letzten Jahrzehnte aufwerfen könnte, an deren Beantwortung linksorientierte Akademiker anscheinend wenig Interesse haben; jedenfalls ist auch diese Beobachtung von Paehlke und Rosenau ungehört im Raum verhallt, ebenso wie die Tatsache, dass

„[a]mong some of the most important ethnic groups in the United States, support for environmental concerns has been quite weak. African Americans have been conspicuous by their absence in the environmental movement” (Paehlke  & Rosenau 1993: 682),

was – gemeinsam mit dem oben Zitierten – den Eindruck unterstützt, dass Umweltpolitik eine Sache sozusagen der weißen Frau ist, ein Eindruck, der der Inszenierung von Umweltpolitik als einem sozusagen global-menschlichen Anliegen, soll heißen: einem Anliegen, das von Menschen mit allen möglichen verschiedenen sozio-ökonomischen oder sozio-kulturellen Merkmalen vorgebracht wird, abträglich ist.

Mit dem Bericht solcher Beobachtungen sind Rosenau und Koautoren bei linksorientierten Akademikern, deren Weltanschauung erfahrungsgemäß oft stark simplifizierend ist und aus einer Art pull-down-Menüs besteht, die Konglomerate von umfassend „Gutem“ und umfassend „Bösen“ enthalten, vermutlich als ideologisch einigermaßen suspekt erschienen.

Mehr als alles andere dürfte für die Ignoranz der Akademia, die – wie gesagt – mehrheitlich linksorientiert ist und teilweise als linksextremistisch bezeichnet werden muss, gegenüber der Arbeit Rosenaus aber Rosenaus Kritik der sogenannten Postmoderne verantwortlich sein, schon deshalb, weil sie zweifellos der (relativ) bekannteste Teil der Arbeit Rosenaus ist (neben der Gesundheitspolitik, der sich Rosenau in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich gewidmet hat).



Mit der sogenannten Postmoderne hat sich Rosenau in einer Reihe von Texten und  Vorträgen seit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre und während der 1990er-Jahre auseinandergesetzt (Rosenau 1996; 1994a; 1994b; 1993a; 1993b; 1992a; 1992b; 1990a; 1990b; 1987) sowie in einem Buch, das den Titel „Post-Modernism and the Social Sciences“ (Rosenau 1992c) trägt. Dieses Buch stammt – wie ihre anderen Texte über die (sogenannte, im Folgenden kurz „Postmoderne“ genannte) Postmoderne – aus ihrer Zeit als Politikwissenschaftlerin an der Universität von Quebec und ist nach meiner Beobachtung der bekannteste und der am häufigsten zitierte Text von Rosenau (eine entsprechende Suche nach Zitationen von Texten Rosenaus in Google und Google Scholar ergibt das gleiche Ergebnis). Es zeichnet sich aus durch eine intime Kenntnis der Anliegen und Varianten der Postmoderne/n/ aus und durch die – moderne, in der Postmoderne unübliche  – Praxis der fairen Behandlung der Materie, die fair insofern ist als Rosenau sehr viel Raum darauf verwendet, die Anliegen und Varianten der Postmoderne/n/ deskriptiv und erläuternd, darzustellen und ihre Kritik klar von beschreibenden und erläuternden Darstellungen trennt. Darüber hinaus ist die Kritik, die Rosenau formuliert, überwiegend eine immanente Kritik, also sozusagen eine Kritik „von innen“, eine Kritik, die auf den Prämissen, Behauptungen und Schlussfolgerungen von Vertretern der Postmoderne beruht, während die Standpunktkritik eine Kritik ist, die von einem anderen Standpunkt aus, also aus einer Sicht „von außen“ vorgetragen wird, die auf anderen Prämissen beruht als die kritisierte Sache. Die immanente Kritik kann deshalb als im Vergleich zur Standpunktkritik stärkere Kritik gelten, weil sie von den Vertretern des Kritisierten schwieriger abwendbar ist: Eine Standpunktkritik kann mit dem Verweis darauf zurückgewiesen werden, dass die Prämissen, auf denen die Standpunktkritik beruht, eben andere seien, die man nicht teile. Gegen eine immanente Kritik, die hauptsächlich im Aufzeigen von Selbstwidersprüchlichkeit besteht, kann man auf diese Weise jedoch nicht begegnen.

Gerade, wenn es um die Postmoderne geht, sind immanente und Standpunktkritik aber nicht so deutlich unterscheidbar wie man auf den ersten Blick meinen würde, und zwar deshalb, weil sich die Prämissen und Behauptungen postmoderner Autoren – besonders in ihrer skeptischen Variante – durch große Unklarheit auszeichnen, sofern sich diese Autoren nicht vollständig weigern, ihre Prämissen zu klären oder eine Stellung zu beziehen, zu der sie zu einer anderen Zeit, in einem anderen Kontext, noch stehen wollten, oder insofern Postmoderne theoretische Anliegen formulieren, sich aber nicht entsprechend dieser Anliegen verhalten, so dass – wie beim „tu quoque“-Argument – Unklarheit darüber besteht, was denn nun eigentlich vertreten wird, weil Rede und Verhalten Unterschiedliches signalisieren. Das folgende Beispiel einer Kritik von Rosenau an der Postmoderne macht diesen Punkt deutlich:

„[Für Postmoderne] [o]nly an absence of knowledge claims, an affirmation of multiple realities, and an acceptance of divergent interpretations remain. We can convince those who agree with us, but we have no basis for convincing those who dissent and no criteria to employ in arguing for the superiority of any particular view. Those who disagree with us can always argue that different interpretations must be accepted and that in a post-modernist world one interpretation is as good as another. Postmodernists have little interest in convincing others that their view is best – the most just, appropriate, or true. In the end the problem with post-modern social science is that you can say anything you want, but so can everyone else. Some of what is said will be interesting and fascinating, but some will also be ridiculous and absurd. Post-modernism provides no means to distinguish between the two” (Rosenau 1992c: 137).

Wenn Vertreter der Postmoderne nun einwenden würden, dass sie gar nicht zwischen “the two” oder irgendetwas anderem unterscheiden wollen oder dass sie alles gleichermaßen akzeptieren würden – und das ist eine Möglichkeit, die notwendigerweise in augenscheinlich für alles offenen, „toleranten“, relativistischen Positionen beinhaltet ist –, dann wäre Rosenaus Kritik eine Standpunktkritik. Aber die Tatsache, dass Vertreter der Postmoderne u.a. Bücher verfassen, in denen sie die Postmoderne von der Moderne unterscheiden, zeigt hinreichend, dass es Dinge gibt, die sie voneinander unterscheiden wollen. Wenn man weiter in Rechnung stellt, dass Vertreter der Postmoderne in ihren Texten – implizit oder explizit – die Postmoderne als der Moderne aufgrund von deren „Fehlern“ vorzuziehen präsentieren, kommt man schwerlich umhin anzunehmen, dass sie für postmodernes Gedankengut werben wollen, also sowohl einige Dinge „wahr“, „zutreffend“ oder als aus irgendeinem Grund „wertiger“ finden als andere Dinge, die „falsch“ sind oder aus irgendeinem Grund „nicht so gut“, als auch andere Menschen von ihrer Sichtweise überzeugen wollen.

Dies steht aber im Widerspruch zu den Behauptungen von Vertretern der Postmoderne, dass alles nur Interpretationen seien und eine Interpretation so gut sei wie jede andere, und mit dem Nachweis des Selbstwiderspruchs erweist sich die Kritik von Rosenau als eine immanente Kritik, denn Widersprüchlichkeit mag als ein Inhalt der Postmoderne noch einigermaßen Sinn machen, also Widersprüchlichkeit im Sinn von Nebeneinander-Bestehen-Lassen von logisch unvereinbaren Positionen, aber Selbstwidersprüchlichkeit bezieht sich auf eine Meta-Ebene, hier: auf die Frage an die Vertreter der Postmoderne, ob sie nun tatsächlich logisch unvereinbare Positionen nebeneinander bestehen lassen, oder ob sie (weiterhin) Texte verfassen, um speziell die moderne Position einer Kritik – und zwar einer Standpunktkritik aus Sicht der Postmoderne! – zu unterziehen und mit dieser Kritik Leute von den Vorzügen der postmodernen Sichtweise zu überzeugen.





Diese Asymmetrie verdient festgehalten zu werden: Die Kritik an der Moderne, die die Postmoderne begründet, ist in aller Regel eine Standpunktkritik – das kann man leicht überprüfen, indem man die Text der bekanntesten Apologeten der Postmoderne wie z.B. von Jean-François Loytard oder Jacques Derrida liest (deren Publikationen man sofort findet, wenn man nach diesen Namen googelt) , während die Kritik an der Postmoderne, wie sie z.B. Rosenau formuliert, eine immanente, auf der Aufdeckung von Selbstwidersprüchlichkeit beruhende, und daher schlagendere Kritik ist.

Und es sind weitere Aspekte von Selbstwidersprüchlichkeit, die Rosenau als „[c]ritical [a]fterthoughts“ (Rosenau 1992c: 176) zusammenstellt und die zusammengenommen die „unreflexive dimension of post-modernism“ (Rosenau 1992c: 176) zeigen. Ich zitiere Rosenau diesbezüglich und habe im Interesse der Übersichtlichkeit Spiegelstriche eingefügt:

  • „First, post-modernism devalues any pretensions to theory building. But an anti-theory position is itself a theoretical stand …
  • Second, although stressing the importance of the irrational and expressing grave doubts about the Enlightenment’s intellectual tools of reason, logic, and rationality, post-modernists employ these latter instruments in their own analysis. Deconstruction, for example, is a highly logical reasoned, and analytical process [jedenfalls dann, wenn die “Dekonstruktion” diese Bezeichnung verdient und nicht eine Sammlung von Sätzen darüber ist, wie einem etwas vorkommt].
  • Third, post-modernists neither judge nor evaluate interpretations as good or bad. But does their suggestion that social science focus on the excluded, the neglected, the marginal, and the silenced, not indicate an internal value structure implicity favouring certain groups or certain perspectives over others? And does this not conflict with their supposed refusal to prioritize?
  • Fourth, post-modernists emphasize intertextuality, but many of its versions, especially those inspired by Derrida, treat the text in isolation.
  • Fifth, many post-modernists reject modern criteria for assessing theory. But if post-modernists draw conclusions of any sort, such as the undecidability of questions modern social science seeks to answer, they cannot argue that there are no valid criteria for judging. They themselves must have criteria, implicit perhaps, on which they make such pronouncements …
  • Sixth, although warning of modernity’s inconsistencies, they reject being held to consistency norms themselves …
  • Seventh, post-modernists contend that anything they say or write is itself only a local narrative, relevant only for its own constituency. But very few post-modernists entirely relinquish the truth claims of what they write [dies ist ein Argument, das meinem eigenen, oben stehenden, ähnlich ist] and this also makes for self-contradiction”(Rosenau 1992c: 176).

Postmoderne, die Andere gerne zur “Reflexivität” mahnen, sind also in mindestens siebenfacher Hinsicht in Selbstwidersprüchen verwickelt, bemerken dies aber nicht einmal!

Und last, but not least: “Much of what has been said about post-modernism up to this point implies its highly unorthodox nature, but this too must be questioned … Post-modernism can be employed to defend positions already adopted by those committed to modern approaches, consistent with a point of view that is well within the traditional parameters of the social sciences. As I suggested in Chapters 2 and 3,. post-modernism, in its more moderate presentations, parallels structuralism and systems analysis. There is nothing very novel in suggesting we give up any claim for a perfect author who is never misunderstood or reinterpreted, or cease to strive to produce a perfectly translucent text comprehensible to all readers, or forsake the hope for a text written so that its meaning never changes. In addition, post-modernists are not the first to suggest the importance of the reader …” (Rosenau 1992c: 179).

D.h. Vertreter der Postmoderne sind ziemlich naiv. Wären sie es nicht, sie würden nicht ernsthaft meinen, sie hätten Neues entdeckt oder Einzigartiges zu verkünden, nur, weil ihnen selbst bestimmte Gedanken anscheinend völlig neu sind. In diesem Zusammenhang fühle ich mich stark erinnert an die bemerkenswert einfältige Vorstellung von Postmodernen,  Genderisten und (sonstigen) Konstruktivisten, „Normal“-Wissenschaftler würden nach objektivem Wissen, verstanden als umfassendes, ewig geltendes, von der menschlichen Wahrnehmung und menschlichem Denken vollkommen unabhängiges Wissen, streben.

Wenn der sogenannten Postmoderne in der Vergangenheit schon öfter bescheinigt wurde, dass sie tot sei, sie sich aber nach Meinung mancher Autoren als untot bzw. als reanimiert erweist (vgl. hierzu z.B. Bloland 2005; Boghossian & Lindsay 2018; Haig 2018; Kriby 2006; Matthewman & Hoey 2006; Smith & Wexler 1995), dann vielleicht einfach deshalb, weil es immer wieder nachwachsende Naive oder  Lernunfähige bzw. zur Reflexion über das eigene Denken und die eigene Praxis bzw. zu kognitiven Transferleistungen Unfähige gibt. Insofern ist postmodernes Gedankengut ein ewig umherwandelnder Untoter, der an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten unter verschiedenen Namen bekannt ist und dort und dann daran arbeitet, dass es möglichst dunkel bleibt, weil er zu Staub zerfallen würde, wenn jemand die mottenzerfressenen, alten Vorhänge wegziehen und das Licht hereinlassen würde. Dies ist kein Problem, so lange es Kreaturen der Nacht nicht gelingt, in die Helligkeit des Tages einzubrechen, in der eine Person die Verantwortung für das eigene Denken – samt der Fehler, die er beim Denken macht – übernimmt. Aber wo es ihnen gelingt, besteht die Gefahr, dass durch den „Kuss des Vampirs“ weitere Untote entstehen und Gesellschaften im wahrsten Sinn des Wortes in ein dunkles Zeitalter eintreten.

Und mehr ist zur sogenannten Postmoderne, glaube ich, nicht (mehr) zu sagen.

Bleibt noch, etwas dazu zu sagen, warum Pauline Marie Rosenau hierzulande so wenigen Politikwissenschaftlern oder generell Sozialwissenschaftlern bekannt ist. Ich schon deutlich geworden sein sollte, vermute ich, das das mit dem Umstand zu tun hat, dass Rosenau ihre Theorien und Argumentationen auf der Grundlage einer sehr guten Kenntnis der Autoren formuliert hat, die die linke Akademia gerne für sich bemüht, von Karl Marx bis zu den Apologeten der Postmoderne. Und das macht/e es für die linke Akademia schwierig, sie der Unkenntnis zu bezichtigen. Und sie schlicht als „Rechte“ abtun zu wollen, war bis vor Kurzem noch nicht die übliche oder akzeptable Strategie, die es heute ist. Rosenau erhält deshalb nicht die Verbreitung und Anerkennung, die ihre Arbeit m.E. verdient, und es ist bedauerlich, dass ihr Name kaum den „Sprung über den Teich“ hinweg geschafft hat. M.W. hat niemand sonst die Postmoderne so gründlich – und fair – dargestellt und einer Kritik unterzogen, nebenbei ein Glossar postmoderner Begriffe bzw. Konzepte erstellt (wie es in ihrem Buch „Post-Modernism and the Social Sciences“ enthalten ist), und darüber hinaus hat sie bereits vor Jahrzehnten in anderen Zusammenhängen wichtige Beobachtungen gemacht, auf denen empirische Forschung hätte aufbauen können – und sollen, wie ich meine.

Aber halt, Sie kennen den Namen „Pauline Rosenau“ und einige Aspekte ihrer Arbeit ja nun; das ist immerhin ein Anfang – und ScienceFiles macht’s möglich!


Literatur

(übrigens: die Zitationen für Rosenau unterscheiden sich hinsichtlich des Namenseintrages leicht voneinander; alle Namenseinträge, auch die anderer Autoren als Rosenau, wurden so zitiert, wie sie auf den gedruckten Texten erscheinen)

Bloland, Harland G., 2005: Whatever Happened to Postmodernism in Higher Education?: No Requiem in the New Millennium. The Journal of Higher Education 76, 2: 121-150.

Boghossian, Peter & Lindsay, James, 2018: Peter Boghossian—What comes after postmodernism? Educational Philosophy and Theory, 50, 14: 1346-1347, DOI: 10.1080/00131857.2018.1462520.

Haig, Brian D., 2018: Realism After Postmodernism. Educational Philosophy and Theory, 50, 14: 1640-1641, DOI: 10.1080/00131857.2018.1459489.

Kirby, Alan, 2006: The Death of Postmodernism and Beyond. Philosophy Now 58, Nov./Dec. 2006: 34-37.

Matthewman, Steve & Hoey, Douglas, 2006: What Happened to Postmodernism? Sociology 40, 3: 529-547.

Paehlke, Robert & Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1993: Environment/Equity: Tensions in North American Politics. Policy Studies Journal 21, 4: 672-686.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1996: Postmodernism and the Social Sciences: A Recent Assessment. Invited Keynote Speaker. 3rd Annual Transdisciplinary Conference at Syracuse University, New York, October 18, 1996.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1994a: Revitalizing Sociology: Post-Modern Perspectives on Methodology. In: Agger, Ben (Hrsg.): Current Perspectives in Social Theory, Volume 14. Greenwich, Conn.: JAI Press, S. 89-100.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1994b: Politics and Post-Modernism. Invited presentation for the Political Science Department at York University, Toronto, Ontario, Canada, March 14.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1993a: Anticipating a Post-Modernism Policy Current? Policy Currents 3, 2: 1-4.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1993b Post-Modernism, Health Politics, and Community Organizing, presented at the Annual Meeting of the American Public Health Association, San Francisco, October 1993.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1992a: Modern and Post-Modern Science – Some Contrasts. Review (special issue on Post-Modern Science) 15, 1: 49-89.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1992b: Post-Modernism and Political Science, invited presentation for the Political Theory Forum at San Francisco State University, Department of Political Science. San Francisco, California, October 28, 1992.

Rosenau, Pauline Marie, 1992c: Post-Modernism and the Social Sciences: Insights, Inroads, and Intrusions. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1990a: Once Again into the Fray: International Relations Confronts the Humanities. Millennium: Journal of International Studies 19, 1: 83-110.

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1990b: Internal Logic, External Absurdity: Post-Modernism and Post-Structuralism in Political Science. Paradigms: The Kent Journal of International Relations 4, 1: 39-57 (renamed in 1996 as Global Society; Journal of Interdisciplinary Relations).

Rosenau, Pauline Vaillancourt, 1987: Discourse Analysis, Poststructuralism, Postmodernism, Deconstruction, Semiotics: A New Paradigm for Social Science? Polish Sociological Bulletin 80, 4: 89-100.

Rosenau, Pauline M. & Paehlke, Robert, 1990: The Exhaustion of Left and Rigth: Perspectives on the Political Participation of the Disadvantaged. International Political Science Review/Revue internationale de science politique 11, 1: 123-152.

Smith, Richard & Wexler, Philip, (Hrsg.), 1995: After Postmodernism: Education, Politics and Identity. London: The Falmer Press.


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