Marcel Mauss: Die Wissenschaft „Soziologie“ und ihre metaphysischen Feinde

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Marcel Mauss, der französische Soziologe und Anthropologe (bzw. Ethnologe) und Neffe Émile Durkheims, wurde am 10. Mail 1872 geboren und ist am 10. Februar vor 70 Jahren verstorben. In Erinnerung geblieben sind vor allem seine ethnologischen Arbeiten und unter ihnen vor allem sein „Essay sur le don“ aus dem Jahr 1925, das im Jahr 1968 unter dem Titel „Die Gabe“ in deutscher Übersetzung erschienen ist und seitdem Generationen von Studenten der Ethnologie, der Soziologie, der Religionswissenschaft und der Ökonomie beschäftigt hat.

Ich will dem mehr oder weniger Bekannten in Sachen „Gabe“ hier nichts hinzufügen – und auch nicht diskutieren, in welchem Verhältnis die Arbeit von Marcel Mauss zur Arbeit von Émile Durkheim steht, was ebenfalls ein sehr beliebter Gegenstand der Betrachtung ist, wenn es um die Arbeit von Marcel Mauss geht (s. z.B. Belier 1999; Fournier 2014; Martelli 1995; Pickering 2012; Tarot 1996) –, sondern auf einen Aspekt, allerdings einen grundlegend wichtigen Aspekt, der Arbeit von Mauss eingehen, der inzwischen fast vergessen worden ist oder jedenfalls kaum mehr behandelt und diskutiert wird, so dass er, soweit ich es beurteilen kann, bei Studenten so gut wie unbekannt ist, nämlich auf sein Verständnis davon, was Soziologie sei bzw. sein sollte und wie wissenschaftliches Arbeiten als Soziologe erfolgen sollte.

Das erlaubt den unmittelbaren Anschluss an meinen zuletzt hier publizierten Text aus der Sciencefiles-Reihe „Klassiker …“, in dem es um Auguste Comte ging, der mit Recht als Vater der Soziologie als einer Wissenschaft (statt als mehr oder weniger intellektuelles Nachsinnen über gesellschaftliche oder vielmehr: gesellschaftspolitische Fragen) bezeichnet wird. Wie der Text über Comte deutlich gemacht haben sollte, war die Idee von einer Wissenschaft von den sozialen Phänomenen, „Soziologie“ genannt, von Anfang an untrennbar mit der Vorstellung verbunden, dass das Stadium des metaphysischen Denkens in der kognitiven Entwicklung der Menschheit mehr oder weniger dem rationalen Denken gewichen sei und daher die Zeit gekommen sei, auch den Menschen selbst und seine kulturellen Erzeugnisse, u.a. seine Normen und Institutionen, zum Gegenstand einer rationalen Untersuchung zu machen. Für Comte kam der Kritik an der Religion in diesem Zusammenhang große Wichtigkeit zu, und er begründete daher bekanntermaßen – oder heutzutage vielleicht nicht mehr bekanntermaßen – eine Art Ersatzreligion, eine positive Religion, die eine säkulare Religion war, eine „religion de l’humanité“, wie Comte im Titel seines „Système de politique positive, ou Traité de sociologie instituant la Religion de l’humanité“ aus dem Jahr 1929 formulierte.“ Für diese säkulare Religion verfasste Comte sogar einen alternativen Katechismus, einen „Catéchisme positiviste“ (Comte 1912).

Marcel Mauss hatte an der Schaffung einer säkularen Ersatzreligion kein Interesse. Er beschäftigte sich – wie Émile Durkheim – zwar ebenfalls (u.a.) mit Religion, aber er tat dies aus der Sicht des Soziologen, des positiven Wissenschaftlers im Sinne Comtes, heraus, der die “ … vain search after Absolute notions, the origin and destination of the universe, and the causes of phenomena …” aufgegeben hat und statt dessen nach den Prinzipien oder Gesetzen sucht, nach denen sich die beobachtbaren Phänomene in der Welt, auch der sozialen Welt, vollziehen, „….that is, their invariable relations of succession and resemblance“ (Comte 1893: 2). Wenn Mauss die christliche Religion oder diejenigen (damals) sogenannter primitiver Völker betrachtet, dann tut er das als positiver Wissenschaftler, der kulturelle Erzeugnisse aus dem metaphyischen Stadium der Entwicklung des menschlichen Geistes untersucht. Für die „ideologically impaired“, d.h. ideologisch Beeinträchtigten bzw. Herausgeforderten, unter den Lesern sei am Rande bemerkt, dass der alte, weiße Mann Mauss das Wort „primitiv“ nicht benutzte außer in Anführungszeichen, und eine Vorlesung über die Geschichte der Religionen nicht-zivilisierter Völker mit der Bemerkung begann, dass der Titel der Vorlesung insofern irreführend wäre als es keine nicht-zivilisierten Völker gebe, sondern nur Völker mit verschiedenen Zivilisationen (Mauss 1902: 43).

Aufgrund des direkten Bezuges von Mauss auf Comte ist es nicht verwunderlich, dass Mauss den Eintrag für „Sociologie“, den er gemeinsam mit Paul Fauconnet für „La grande encyclopédie“ (1901) verfasst hat, nicht nur mit dem Verweis auf Auguste Comte beginnt, sondern die Wissenschaft namens Soziologie in Abgrenzung von „metaphysischen Traditionen“ bzw. von der „philosophischen Phase“, wie Mauss auch diejenige Phase nennt, die Comte als die metaphysische bezeichnet hat, bestimmt:

„Because sociology is of recent origin and has hardly emerged from the philosophical phase, it still happens that its possibility can be disputed. All of the metaphysical traditions which view man as being apart, outside of nature, and which see in his behaviour facts which are absolutely different from natural facts, resist the progress of sociological thought. The sociologist, however, does not need to justify his researches by any philosophical argument. Science must do its work from the moment when it perceives the possibility, and no philosophical arguments, even traditional ones, can constitute objections to the legitimacy of its proceedings. If, moreover, as seems possible, the scientific study of societies renders necessary a different conception of human nature, the task for philosophy is to put itself in harmony with science, insofar as the latter obtains results. Science, however, has no concern to foresee or to avoid the remote consequences of its discoveries. The only postulate of sociology is simply that the facts labelled ‘social’ are in nature, that is, are subject to the principles of order and of universal determinism, and are therefore intelligible. The hypothesis is not the fruit of metaphysical speculations; it results from a generalisation which seems perfectly legitimate” (Mauss 2005: 3).

Die Wissenschaft “Soziologie“ basiert also wie alle anderen Wissenschaften auf Beobachtungsdaten, beschränkt sich aber nicht auf die bloße Beobachtung:

„Like any science sociology does not speculate on pure ideas and does not limit itself to registering facts. It aims to give them a rational system, seeking to determine their relations in a manner that renders them intelligible” (Mauss 2005: 25).

Dies erreicht der Soziologe dadurch, dass er Beobachtungsdaten zusammenträgt und miteinander vergleicht, um sie dann in einer Hypothese zu generalisieren. Oder anders ausgedrückt: Auf der Grundlage der gesammelten Beobachtungsdaten wird ein gehaltserweiternder Schluss gezogen, der als solcher kein feststehendes Wissen sein kann, sondern lediglich eine Hypothese, eine Vermutung mit Bezug auf bestimmte invariable Ähnlichkeitsbeziehungen und Beziehungen zwischen Bedingungen und Effekten –wie schon Comte (1893: 2) festhielt. Als Wissenschaft kann Soziologie (auch) für Mauss nur das sein, was man heutzutage – in einem Pleonasmus – als empirische Wissenschaft bezeichnet, und Mauss erwartet, dass metaphysische Spekulationen oder Philosophie auf wissenschaftliche Ergebnisse, auch aus der Soziologie, aufbauen, nicht – umgekehrt – den Rahmen setzen für das, was gedacht oder gesagt werden kann und was nicht.

„Naturally, these hypotheses are not inevitably sound: a good number of those that appear obvious to us today will some day be abandoned. But while they may not possess the quality of absolute truth, they exhibit all the characteristics of scientific hypotheses. First, they are truly explanatory; the state the ‘why’ and the ‘how’ of things … Second, they have, indeed, the character of necessity and therefore of generality which is that of methodical induction and which can, in some cases perhaps, allow prediction … Third, and in our view this is the most important point, such hypotheses are eminently criticisable and verifiable. In a true work of sociology, each of the points treated can be criticised. Such works are remote from that impalpable froth of facts or those phantasmagorias of ideas and words that the public often take for sociology, but in which there are neither precise ideas, nor rational system, nor the close study of facts. The hypotheses becomes an element of precise discussion; one can dispute, correct the method, the initial definition, the facts invoked, the comparison established, in such a way that progress is possible for the science” (Mauss 2005: 26-27; Hervorhebung d.d.A.).

Für Mauss wie für alle anderen Vertreter von Soziologie als Wissenschaft stellt der Soziologe also Hypothesen aufgrund systematischer Beobachtung auf und testet diese Hypothesen durch weitere systematisch gesammelte Beobachtungsdaten im Zuge vergleichender Forschung bzw. durch Formulierung einer Vorhersage und der Beobachtung ihres Eintreffens oder Nicht-Eintreffens. Soziologie als Wissenschaft

„… arrives at the devising of hypotheses and their verification with the aid of well-observed facts, for a well-definded problem” (Mauss 2005: 26),

sucht nicht – bei Mauss so wenig wie bei anderen sogenannten Positivisten – nach absoluter Wahrheit und stellt sich vor allen Dingen der Kritik, denn die Kritisierbarkeit von Definitionen, Hypothesen, Methoden ist es, von der es abhängt, ob sich Soziologie als Wissenschaft weiterentwickeln kann oder nicht.

Heute sind die sogenannte Soziologie und die sogenannten Sozialwissenschaften in den westlichen Gesellschaften, sehr weit davon entfernt, tatsächlich Soziologie oder Sozialwissenschaften zu sein, denn in der institutionalisierten „Soziologie“ oder „Sozialwissenschaft“ werden heute in der Regel

  • keinerlei Definitionen zentraler Begriffe und keine klaren Operationalisierungen für abstrakte Begriffe vorgenommen, die an eine Beobachtung herangetragen werden könnten,
  • Hypothesen aus ideologischen Dogmen abgeleitet, sofern überhaupt einigermaßen klare Hypothesen formuliert werden;
  • es werden keine systematischen Beobachtungen gemacht, sondern mehr oder weniger beliebig ausgewählte Materialien so interpretiert, dass illustriert werden kann, was man von Anfang an zu zeigen versucht hat, weil es – in völligem Missverständnis davon, was Wissenschaft wie erreichen will und was sie von allen anderen kognitiven Tätigkeiten unterscheidet – als „schlecht“ angesehen wird, wenn Erwartungen nicht bestätigt werden;
  • und vor allem wird jede Kritik an einer Arbeit, die mit dem Anspruch auftritt, soziologisch oder sozialwissenschaftlich zu sein, vollständig verhindert oder abgelehnt, entweder dadurch, dass – oft auch nur potenzielle – Kritiker aus entsprechenden Veranstaltungen ausgeladen oder von angeblichen Studenten bzw. angeblich Studierfähigen und –willigen dort niedergebrüllt werden, oder aus Herausgeberkreisen ausgeschlossen werden, oder dadurch, dass sachliche Kritik durch persönliche Kritik am Kritiker, d.h. am Überbringer der schlechten Nachrichten, ersetzt wird.
  • „Wissenschaftlichkeit“ von angeblich soziologischen oder sozialwissenschaftlichen Erzeugnissen wird immer dann beschworen, wenn sie anscheinend, vorgeblich oder tatsächlich in Einklang mit ideologischen, vorab als „wahr“ angesehenen, Postulaten steht oder gebracht werden kann; dass „Wissenschaftlichkeit“ von klaren methodologischen und methodischen Kriterien abhängt, ist entweder unbekannt oder wird rundweg bestritten, was allerdings die Frage aufwirft, wie eine von methodologischen und methodischen Regeln „befreite“ Wissenschaft eine Wissenschaft sein kann bzw. was solche „Wissenschaft“ von Nicht-Wissenschaft, z.B. Assoziieren, Raten, Tagträumen u.ä.m. unterscheidet.

Nicht nur die Soziologie soll – um im Anklang an Ralf Dahrendorf (1966: 22) zu formulieren – zur Magd der Ideologie gemacht werden, sondern auch die Naturwissenschaften, die zunehmend in die Verantwortung dafür genommen werden, was sich möglicherweise (!) irgendwann aus ihren Untersuchungen ergeben könnte. Aber „[s]cience … has no concern to foresee or to avoid the remote consequences of its discoveries” (Mauss 2005: 3), die sich gewöhnlich als Ergebnisse bestimmter Politiken, die von bestimmten Ideologien angeleitet sind, einstellen. Falsch, schlecht oder schädlich einerseits oder richtig, gut oder nützlich andererseits können dementsprechend bestimmte, ideologisch motivierte Verwendungen von wissenschaftlichen Entdeckungen sein, aber nicht die Entdeckungen selbst. Wir erleben aber derzeit ständige Übergriffe von Ideologen auf Wissenschaft, wenn Wissenschaft bestimmte Fragen nicht untersuchen, nicht einmal stellen, darf und wissenschaftliche Erkenntnisse, z.B. aus der Soziobiologie unhörbar gemacht werden sollen, weil sie mit der entsprechenden Ideologie nicht vereinbar sind. Und wir erleben die Prostitution großer Teile sogenannter Wissenschaftler an die Ideologie insofern diese sogenannten Wissenschaftler bereit sind, ihre „wissenschaftlichen“ Ergebnisse den Vorgaben oder Wünschen bestimmter Ideologen anzupassen, besonders dann, wenn diese Ideologen gut dafür bezahlen. So entstehen Erzählungen, die die Soziologie, die eine Wissenschaft sein soll, zurückbefördern in das Stadium der Metaphysik, wenn „… abstract forces, veritable entities (that is, personified abstractions) …“ wie z.B. ein „Patriarchat“ oder „Klimawandel“, für „… capable of producing all phenomena“ (Comte 1893: 2) erklärt werden sollen – selbst dann, wenn diese Phänomene gegensätzlich sind. So wird z.B. „Klimawandel“ bemüht, um gleichermaßen besonders warme Temperaturen und besonders kalte Temperaturen zu erklären, und darüber hinaus werden besondere Temperaturen (seien sie warm oder kalt) sowohl als Indikatoren für „Klimawandel“ benutzt als auch als Folgephänomene von Klimawandel dargestellt, also durch ihn erklärt, obwohl es logisch nicht möglich ist, dass etwas gleichzeitig eine Dimension einer Sache ist, die Existenz dieser Sache also an ihr erkannt werden kann, und eine Folge dieser Sache.

Soziologie als Wissenschaft steht auch insofern im Gegensatz zum metaphysischen Blick auf soziale Phänomene als sie Gesellschaften als das sieht, was sie sind, nämlich

„… aggregates of human beings … Among these aggregations some are durable, like nations, others are ephemeral, like crowds; some are very large, like the great churches; others are very tiny, like the family when it is reduced to the two spouses. However, whatever may be the size and form of these groups and of others that could be enumerated – class, tribe, occupational group, caste, commune – one characteristic possessed by all of them is that they are formed by a plurality of individual conscious minds, acting and reacting upon each other. By the presence of these actions and reactions, these interactions, one recognises societies” (Mauss 2005: 5).

Aggregate von Menschen werden immer aufgrund bestimmter Zuordnungskriterien (wie Nationalität, Wohnort, Geschlecht) geschaffen, aber, wie Mauss betont, definiert eine der möglichen Zuordnungen eines Menschen zu solchen Aggregaten nicht den Menschen, der über ein „individual conscious mind“ verfügt, als auch im Aggregat ein Individuum ist und bleibt.

Ist hierin ein Reduktionismus der Soziologie auf Sozialpsychologie angelegt? Nein, denn für Mauss ist die spezifisch soziologische Frage

„… whether, among the phenomena which occur within these groups, there are any which manifest the nature of the group as a group, and not merely the nature of the individuals who compose them, in other words, the general attributes of humanity” (Mauss 2005: 5).

Soziologie (als Wissenschaft) kann also nicht pauschal mit Bezeichnungen für Aggregate hantieren, so als seien diese real oder grundsätzlich relevant (wie z.B. in „Benachteiligung von Frauen“), sondern muss die Tauglichkeit oder Sinnhaftigkeit der Betrachtung auf der Ebene bestimmter Aggregate immer wieder prüfen, ggf. neu begründen oder verwerfen. So ist es z.B. sehr fraglich, ob Interaktionen zwischen zehn Frauen in einem Raum, in dem keine Männer sind, als Interaktionen anzusehen sind, die typisch für Interaktionen von „Frauen“ sind, oder ob hier zehn Individuen miteinander interagieren, die sich in den meisten ihrer Eigenschaften stark voneinander unterscheiden, auch, wenn sie die biologische Geschlechtszugehörigkeit miteinander teilen – ebenso wie den Wohnsitz in einer bestimmten Stadt, vielleicht die Tatsache, dass sie im Besitz eines Autos sind, mit dem sie den Ort angefahren haben, an dem sie nun interagieren, etc. etc. Gibt die Beobachtung dieser zehn Personen Aufschluss über die Interaktion in Gruppen von Frauen, über die Interaktion in Gruppen von Bewohnern dieser Stadt, über die Interaktion in Gruppen von Autofahrern oder gar über die Interaktion in Gruppen von Menschen allgemein? Man muss also wissen, was man warum betrachten und womit vergleichen will, um zu welchen Hypothesen zu kommen oder um welche Hypothese zu prüfen. Das quasi-automatisierte Beobachten und Interpretieren in vorbereiteten und nicht hinterfragten vermeintlichen „Allzweck“-Formeln, die alles und nichts, ganz nach Belieben, „erklären“ sollen, ist genau das, aber keine Soziologie und keine Sozialwissenschaft.

Um Aussagen über Gruppenprozesse zu machen, muss der Soziologe vergleichend arbeiten, denn nur die vergleichende Beobachtung von Interaktionen in Gruppen erlaubt es ihm, typische Prozesse von solchen zu unterscheiden, die in einer bestimmten Gruppe aufgrund der in ihr interagierenden spezifischen Individuen ablaufen. Gleichzeitig sorgt die vergleichende Betrachtung, in der die Idiosynkrasien bestimmter Interaktionsprozesse in bestimmten Gruppen erkennbar werden, dafür, dass der Betrachter das Beobachtete nicht in seinem eigenen idiosynkratischen Sinn interpretiert, vielleicht als Ausdruck des Wirkens einer unpersönlichen Macht oder „des Systems“, was einen Regress seines Denkens in das metaphysische Stadium bedeuten würde. Und das ist der Grund dafür, warum aus einer Einzelfallstudie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse gewonnen werden können. Beispielsweise ist jede Ethnographie eine Einzelfallstudie, aber für sich selbst betrachtet, d.h. ohne die Auseinandersetzung mit vergleichbarem Material, bleibt sie ohne nennenswertes Interesse, geschweige denn: Erkenntniswert, auch dann, wenn der Einzelfall systematisch und kriteriumsgeleitet beobachtet wird, denn

„[a]s a general rule … we do not reach these crucial facts [bezüglich faktisch bestehender Beziehungen zwischen beobachtbaren Phänomenen] directly by simple observation. So an entire range of special methodological procedures must be employed to establish the relations which exist between facts. On this point, sociology has a status of inferiority compared with other sciences. Experimentation is not possible; one cannot voluntarily create typical social facts which could then be studied. It is therefore necessary to resort to the comparison of diverse social facts of a single category in different societies, so as to try and isolate their essence. Basically, a well-managed comparison in sociology can yield results equivalent to those of experimentation” (Mauss 2005: 25).

Mauss selbst hat sich dementsprechend bemüht, vergleichend zu arbeiten, wo immer ihm dies möglich war, wie dies nicht nur in seiner berühmten Studie über „Die Gabe“ der Fall war. Mit Bezug auf seine Arbeiten über Magie schreibt Leacock zusammenfassend:

„For example, in Mauss’ study of magic … magical practices were studied in a number of societies and were found in a number of cases to be associated with the concept of mana. It was therefore assumed that the concept of mana was universal, and that all magical practices were ultimately based on this concept …” (Leacock 1954: 62; Hervorhebung im Original).

Weil der systematische Vergleich für die Soziologie die beste Forschungsmethode ist und die einzige, die sich experimenteller Forschung in mancher Hinsicht annähern kann, gibt es für die frühen Soziologen keinen nennenswerten fachlichen Unterschied zwischen Soziologie und Ethnologie, vor allem keinen sinnvollen, denn die fachliche Unterscheidung beider schränkt die Sichtweise der Wissenschaftler unnötig sein, geraten doch bestimmte Gesellschaften gänzlich aus ihrem jeweiligen Blick. Das ist der Grund, warum u.a. Émile Durkheim und Marcel Mauss bis hin zu Pierre Bourdieu als Klassiker sowohl der Soziologie als auch der Ethnologie gelten oder gelten können. Obwohl sich recht schnell spezielle Lehrstühle und Institute für Soziologie oder Sozialwissenschaft/-en oder für Ethnologie oder Kulturanthropologie herausgebildet haben, blieb das Bewusstsein dafür, dass Soziologie als Wissenschaft von den sozialen Phänomenen Ethnologie beinhalten muss (oder umgekehrt) noch für einige Jahrzehnte erhalten. Beispielsweise wurde das Institut für Sozial- und Staatswissenschaften, das 1924 an der Heidelberger Universität gegründet wurde (und vorher das Volkswirtschaftliche Seminar Max Webers gewesen war), mit der Berufung von Wilhelm E. Mühlmann, der der Untrennbarkeit von Soziologie und Ethnologie Rechnung trug, im Jahr 1960 in das Institut für Soziologie und Ethnologie überführt, das aber leider seinerseits schon im Jahr 1977 in das Institut für Soziologie „geschrumpft“ wurde. (Die Ethnologie fand eine neue Heimat am Südasien-Institut der Universität Heidelberg, das bis heute besteht.)

Die vergleichende Perspektive als Arbeitsanweisung einzuführen, wirft die Frage auf, wann etwas mit etwas anderem hinreichend und sinnvoll vergleichbar ist und wann nicht, und sie birgt die Gefahr, dass sich die aus den Beobachtungsdaten extrahierten Konzepte – wie hier: mana – gegenüber dem beobachteten Handeln der Menschen in der Realität verselbständigen, wie dies teilweise vielleicht bei Mauss selbst und später mit Sicherheit zumindest zum Teil bei Claude Lévi-Strauss der Fall gewesen ist. Solange solche Konzepte als probeweise Generalisierungen aufgefasst werden und nicht als reifizierte Kräfte, denen eine eigene Existenz zugeschrieben wird, sollte diese Gefahr aber gebannt sein.

Und es ist allemal einfacher, eine Arbeit zu kritisieren, die eine Vielzahl von Daten und Materialien bearbeitet, als eine Arbeit, die dem Vorwurf mangelnder Relevanz durch schickliche Bescheidenheit zu begegnen versucht – oder nicht einmal diese Geste setzt und einfach nur irrelevant ist, so irrelevant, dass man sich fragen muss, ob es den Aufwand wert ist, eine solche Arbeit überhaupt einer systematischen Kritik zu unterziehen, was wiederum ein Gedanke ist, dem eine Vielzahl von Einzelfallstudien ihre fortgesetzte Lagerung in irgendeinem Regal in der Besenkammer irgendeines Ministeriums oder irgendeines universitären Instituts oder irgendeiner Datenbank bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft verdankt.

In jedem Fall sollte für den Leser dieses Textes – ebenso wie der Texte über andere Soziologen, die wir hier auf Sciencefiles publiziert haben – klar geworden sein, wie wenig die Soziologie die Verachtung verdient hat, die sie derzeit sehr häufig erfährt, denn das, was so häufig – und zu Recht – verachtet wird, ist nicht Soziologie, sondern etwas gänzlich anderes, was sich als Soziologie ausgibt oder einfach – und fälschlich – an Einrichtungen angesiedelt ist, die eigentlich soziologischer Ausbildung und Forschung dienen sollen. Einmal mehr gilt: Die Bezeichnung sehr verschiedener Dinge mit demselben Wort schafft keine Gleichheit zwischen den verschiedenen Dingen!

Es kann keinen Streit darüber geben, was Soziologie ist oder sein soll oder sein kann. Soziologie ist die Wissenschaft von den sozialen Phänomenen. Sie hat eine Geschichte, wie sie von den Klassikern der Soziologie illustriert wird. Sie ist entstanden bzw. wurde geschaffen und entwickelt. Sie wurde im Verlauf ihrer Geschichte gefördert oder behindert, und derzeit arbeitet nur eine Minderheit von so bezeichneten Soziologen tatsächlich als Soziologen. Aber das ändert nichts daran, dass es nur diese eine Soziologie, die Wissenschaft von den sozialen Phänomenen ist, gibt, denn Wissenschaftlichkeit ist unteilbar. Es gibt keine zur Wissenschaft Soziologie alternative Soziologie, die eben anders ist und den Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens nicht gerecht zu werden braucht oder ihnen gar nicht erst gerecht werden will, denn wo solche Kriterien für verzichtbar gehalten werden – wo insbesondere gegen Kritik immunisiert werden soll –, ist keine Wissenschaft, sondern irgendetwas anderes, etwas, das seinerseits mehr oder weniger Freude machen kann, mehr oder weniger nützlich sein kann etc. Nur – es ist keine Soziologie, sondern gewöhnlich „phantasmagorias of ideas and words that the public often take for sociology” wie Mauss selbst es ausdrückte (s.o.).


Literatur:

Belier, Wouter W., 1999: Durkheim, Mauss, Classical Evolutionism and the Origin of Religion. Method & Theory in the Study of Religion 11(1): 24-46.

Comte, Auguste, 1893: The Positive Philosophy of Auguste Comte, freely translated and condensed by Harriet Martineau, in two volumes. Volume I. London: Kegan Paul, Trench, Trübner & Co,.

Comte Auguste, 1852: Catéchisme positiviste, ou Sommaire Exposition de la religion universelle en onze entretiens systématiques entre une femme et un Prêtre de l’humanité. Paris: Chez l’Auteur … et chez Carilian-Goeury et Von Dalmont.

Dahrendorf, Ralf, 1966: Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Hamburg: Nannen-Verlag.

Fournier, Marcel, 2014: Les Formes élémentaires comme œuvre collective: les contributions d’Henri Hubert et de Marcel Mauss à la sociologie de la religion d’ Émile Durkheim. The Canadian Journal of Sociology/Cahiers canadiens de sociologie 39(4): 523-546.

Leacock, Seth, 1954: The Ethnological Theory of Marcel Mauss. American Anthropologist 56(1): 58-73).

Martelli, Stefano, 1995: Mauss contro Durkheim? Un disaccordo sulla nozione di sacro e la svolta tardo-durkheimiana nella sociologia contemporanea. Studi di Sociologia 33(3): 247-264.

Mauss, Marcel, 1902: L’enseignement de l’histoire des religions des peuples non-civilisés à l’école des hautes etudes. Revue de l’histoire des religions, tome quarante-cinquième: 36-55.

Mauss, Marcel, 1925: Essai sur le don: Forme et raison de l’échange dans les sociétés archaïques», L’année sociologique (nouvelle série): 30-186.

Mauss, Marcel, unter Mitarbeit von Paul Fauconnet, 2005[1901 und 1927]: The Nature of Sociology: Two Essays. New York: Durkheim Press/Berghahn Books.

Mauss, Marcel & Fauconnet, Paul : 1901: Sociologie, S. 165-176 in: La grande encyclopédie, tome 30. Paris: Société anonyme de la grande encyclopédie.

Pickering, William S. F., 2012: How Compatible Were Durkheim and Mauss on Matters Relating to Religion? Some Introductory Remarks. Religion 42(1): 5-19.

Tarot, Camille, 1996: Du fait social de Durkheim au fait social total de Mauss: un changement de paradigm? Revue européenne des sciences sociales 34(105): 113-144.



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