Wider die Schließungsprozesse einer politisch missbrauchten Wissenschaft …
Am 13. Januer 2024 wäre Paul K. Feyerband 100 Jahre alt geworden, wenn er nicht bereits am 11. Februar 1994 verstorben wäre. Feyerabend ist einer derjenigen, die die wissenschaftliche Sozialisation mindestens einer Generation mit beeinflusst haben, vor allem durch seine wissenschaftstheoretischen Arbeiten und hier im Wesentlichen das Buch „Against Method“, in deutscher Übersetzung „Wider den Methodenzwang“.
Sicher hatte dieses Buch für Feyerabend eine lebensverändernde Wirkung, denn nach Veröffentlichung musste er sich nach allen Seiten verteidigen. Die einen warfen im Relativismus vor, die anderen nahmen sein Buch zum Anlass, um jede Methodenbindung und alles, was Wissenschaft ausmacht, über Bord zu werden und fortan subjektive Empfindung als wissenschaftliche Erkenntnis auszugeben. Dabei ist Feyerabend wie Thomas Kuhn ein Wissenschaftler, der seine Wissenschaftstheorie aus der Praxis ableitet, der Beobachtungen in das Feld einbringt, das vielleicht wie kein anderes Feld der Philosophie vom Ideellen und Normativen beherrscht wird, von dem, wie es sein soll, in der Realität aber so selten ist.
Deshalb sind die Arbeiten von Feyerabend und Kuhn so wertvoll und wichtig, denn sie vermitteln einen Einblick in die wissenschaftliche Praxis, die alles andere als „objektiv“, „vorbildlich“ oder gar „regelgeleitet“ ist, in der vielmehr Schließungsprozesse herrschen, dumme und faule Menschen der Verteilung in der Bevölkerung entsprechend vorhanden sind und in der es vor allem durch die zwischen Menschen vorhandenen Eifersüchteleien und Niedrigkeiten viel, sehr viel Opportunismus, viel mehr Opportunismus als ansatzweise reine Methode und Lehre gibt.
Kurz: Wissenschaft tendiert dazu zu verknöchern (das ist bei Kuhn die Zeit, in der die Normalwissenschaft Anomalien im Paradigma aufhäuft) und bietet ein nicht geringes Potential, missbrauch zu werden, zu politischen Zwecken missbraucht zu werden, von politischen Akteuren missbraucht zu werden, die ihre eigennützigen Ziele durch Verweis auf z.B. einen wissenschaftlichen Konsens heiligsprechen und legitimieren wollen. Dagegen setzt Feyerabend seine Idee einer offenen Wissenschaft, was zu seiner sehr eigenen Verwendung des Begriffs „Methode“ bei ihm führt, denn unter Methode subsumiert Feyerabend auch all die kleinen Nickligkeiten und Versuche, sich Konkurrenz, Kritik und falsifizierende Fakten vom Hals zu halten, die dazu führen, dass Wissenschaft zum Korsett und nicht zur Erkenntnismethode wird, wie sie u.a. Karl R. Popper beschrieben hat.
Heute sehen wir die Schließungsprozesse in fast-Perfektion, gegen die sich Feyerabend gewendet hat. Entsprechend häufig und umfasend sind die Versuche von politischer Seite, Wissenschaft für die eigenen Zwecke zu missbrauchen.
Aus diesem Grund haben wir, um Paul K. Feyerabend zu gedenken, ein Kapitel aus seinem 1979 bei Suhrkamp erschienen Büchlein: „Erkenntnis für freie Menschen“ ausgewählt: „Fachleute sind voll von Vorurteilen, man kann ihnen nicht trauen und muss ihre Empfehlungen genau untersuchen“.
Ein Kapitel, in dem nicht nur dargelegt wird, warum der gemeine Fachmann ein Dilettant ist, sondern auch, warum ein Dilettant oftmals der bessere Fachmann ist. Ein Kapitel, das dem Humbug, der von geistigen Tieffliegern derzeit als „Konsens der Wissenschaft“ verkündet wird, ein radikales Ende bereitet.
Viel Spaß beim Lesen!
„Beginnen wir mit der Bemerkung, dass Fachleute oft verschiedene Meinungen haben und zu verschiedenen Ergebnissen kommen, und zwar sowohl in grundlegenden Dingen als auch in Fragen der Anwendung. Wer erinnert sich nicht an zumindest einen Fall in seiner Familie, wo ein Arzt eine Operation vorschlug, ein zweiter sich gegen die Operation wandte, während ein dritter ganz andere Ideen hatte? Wer hat nicht die Debatten über nukleare Sicherheit, Ökonomie, die Wirksamkeit (oder Schädlichkeit) von Insektenmitteln, Erziehungsmethoden, den Einfluss der Rasse auf die Intelligenz, die Brauchbarkeit von Intelligenztests und dergleichen mehr verfolgt?
Da finden wir zwei, drei, fünf verschiedene Meinungen und wissenschaftliche Verteidiger für jede einzelne von ihnen. Gelegentlich fühlt man sich fast geneigt zu sagen: so viele Wissenschaftler, so viele Meinungen. Es gibt natürlich Gebiete, in denen die Wissenschaftler alle einer Ansicht sind. Das kann aber unser Vertrauen nicht erhöhen. Einmütigkeit unter Wissenschaftlern ist oft das Ergebnis einer politischen Entscheidung. Abweichler werden unterdrückt, oder sie schweigen, um das Ansehen der Wissenschaft als einer Quelle vertrauenswürdiger und fast unfehlbarer Kentnisse nicht zu kompromittieren. Dann wieder ist die Einheit des Urteils ein Ergebnis gemeinsamer Vorurteile: man macht gewisse grundlegende Annahmen, ohne sie genauer zu untersuchen und trägt sie mit derselben Autorität vor, die sonst nur der Detailforschung zukommt. Die Wissenschaften sind voll von Annahmen oder, besser gesagt, Gerüchten dieser Art.
[…]
Oft zeigt Einmütigkeit eine Verminderung der Kritik: die Kritik verliert an Stoßkraft, wenn sie nur einen Standpunkt benützt (…). Das ist auch der Grund, warum das Konzentrieren auf einige wenige Prinzipien unsere Erkenntnis oft in die Irre führt.
Solche Irrtümer können von Laien und Dilettanten entdeckt werden, und sie sind oft genug von ihnen entdeckt worden. Erfinder bauen unmögliche Maschinen und machen ‚unmögliche‘ Entdeckungen. Die Wissenschaften wurden von Außenseitern oder von Wissenschaftlern mit einem ungewöhnlichen Hintergrund vorangetrieben.
[…]
Wie ist es möglich, dass unwissende und schlecht informierte Menschen gelegentlich mehr zustandebringen als ein Fachmann, der einen Gegenstand gründlich und von vielen Seiten her untersucht hat? Das ist die Frage, die wir beantworten müssen, um zu einer richtigen Einschätzung der Natur unserer Erkenntnis zu kommen.
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Die Antwort ist nicht einfach und würde eine Reihe von Bänden erfordern. Ich begnüge mich hier mit einer Skizze jener Gründe, die im Zusammenhang dieses Essays wichtig sind und erläutere sie durch Beispiele.
Der Grund liegt in der Natur der Erkenntnis selbst. Jede Erkenntnis enthält wertvolle Bestandteile Seite an Seite mit Elementen, die die Entdeckung neuer Dinge verhindern. Diese Elemente sind nicht einfach Irrtümer. Sie sind wesentlich für die Forschung: Fortschritt in eine Richtung kommt nicht ohne Aufhebung der Möglichkeit zum Fortschritt in eine andere Richtung zustande. Der Versuch, die Erkenntnis systematisch aufzubauen, schafft einen Zusammenhang zwischen den retardierenden Elementen, die eine ‚interne‘ Kritik sehr erschwert (…). Aber das Vordringen in jene ‚andere‘ Richtung zeigt oft, dass der bisher errungene Fortschritt ein bloßer Traum war, und löst dadurch die Autorität eines ganzen Forschungsgebietes auf. Die Wissenschaften brauchen also sowohl eine Engstirnigkeit die einer uneingeschränkten Phantasie Fesseln anlegt, als auch die Ignoranz, die die Hindernisse entweder übersieht oder überhaupt nicht kennt. Die Wissenschaften brauchen sowohl den Fachmann als auch den Dilettanten oder, anders ausgedrückt, sie blühen unter der Herrschaft einer opportunistischen Philosophie.
Ein zweiter Grund für die Irrtümer der Fachwelt ist, dass der Fachmann ‚der einen Gegenstand gründlich und von vielen Seiten untersucht hat‘, oft keine Ahnung hat, wovon er redet. Er hat starke Überzeugungen, er kennt einige Routine-Argumente für diese Überzeugungen, er kennt vielleicht auch Ergebnisse außerhalb seines besonderen Fachs, die die Überzeugungen unterstützen, er stützt sich aber meistens auf Gerüchte und Tratscherei. Weder Intelligenz noch Fachwissen sind nötig, um das festzustellen. Neugier und ein bißchen Fleiß genügen. Man findet dann, dass viele der ‚Prinzipien‘ oder ‚Resultate‘, die in den Wissenschaften eine so große Rolle spielen, einfach Gerüchte oder Vorurteile sind.
[…]
Ein zweites und mehr spezielles Beispiel aus dem Bereich der Physik ist der sogenannte Neumannsche Beweis. In den Dreißigerjahren gab es zwei Interpretationen der Quantentheorie (neben vielen anderen Variationen). In der ersten Interpration war die Quantentheorie eine statistische Theorie, wie auch die klassische Statistische Mechanik, und die Unbestimmtheit ihrer Aussagen, die in der Unbestimmtheitsrelation formuliert ist, wurde als eine Unbestimmtheit unserer Kenntnisse und nicht der Natur selbst aufgefasst: die Natur hat wohlbestimmte Züge, aber wir kennen diese Züge nur in gewissem Ausmaß. In der zweiten Interpretation war die Unbestimmtheit eine Unbestimmtheit der Natur selbst: Zustände, die genauer sind, als die Unbestimmtheitsrelation, gibt es nicht. Die zweite Interpretation wurde von Bohr mit einer Reihe von qualitativen Argumenten verteidigt. Außerdem gab es einen komplizierten Beweis, der angeblich zeigte, dass die Quantentheorie der ersten Interpretation widersprach. Auf Konferenzen über die Grundlagen der Quantentheorie in den Fünfzigerjahren nahm die Diskussion gewöhnlich den folgenden Verlauf: Zuerst erklärten die ‚Orthodoxen‘, das heißt, die Verteidiger der zweiten Interpretation ihre Ideen. Dann kamen Einwände. Die Einwände waren zumeist philosophischer Natur. Sie bestanden in dem Nachweis, dass die in der Diskussion erwähnten Experimente ‚im Prinzip‘ eine andere Deutung zulassen. Das konnten die Anhänger Bohrs nicht bestreiten, denn sie diskutierten nicht logische Prinzipien, sondern physikalische Probleme. An dieser Stelle hörte man dann oft den Hinweis: ‚aber von Neumann hat gezeigt …‘ – und das entschied den Fall, denn es gab damals kaum jemanden, der von Neumanns Beweis im Detail kannte, oder es gewagt hätte, der Autorität von Neumann zu widersprechen: ein autoritäres Gerücht entschied eine wissenschaftliche Diskussion. Die Geschichte der Physik und der Mathematik ist voll von Beispielen dieser Art.
Beispiele aus den Sozialwissenschaften zeigen noch klarer, das man die ‚Beiträge‘ der Wissenschaftler zum Aufbau der Gesellschaft mit der größten Vorsicht behandeln muss. Für geraume Zeit wurde angenommen, dass Steinzeitmenschen und ‚Primitive‘ auf einer sehr niederen intellektuellen Stufe stehen und nur die einfachsten intellektuellen und praktischen Probleme lösen können. Für diese Annahme gab es zwei ‚Gründe‘. Erstens die Abstammungslehre, die man bald auf die Entwicklung von Kulturen ausdehnte: ältere Kulturen und die ‚primitiven‘ Kulturen der Gegenwart gehören einem früheren Stadium der Entwicklung an und sind daher viel weniger raffiniert als die wissenschaftlichen Kulturen der Gegenwart. Zweitens, die von Anthropologen und Archäologen gesammelte ‚Evidenz‘. Diese schien die Entwicklungslehre voll und ganz zu unterstützen. Steinzeitmenschen lebten in der Tat auf sehr ‚primitive‘ Weise, moderne ‚Primitive‘ haben in der Tat sehr merkwürdige Ideen. Eine andere Untersuchung zeigte aber bald, dass der Primitivismus an ganz anderer Stelle gesucht werden muss. Denn wie kommt die ‚Evidenz‘ der Archäologen zustande? Sie ist das Ergebnis der verwendeten Methodologie. Was ist der Grundsatz dieser Methodologie? Die ‚Evidenz‘ mit einem Minimum von Annahmen zu gewinnen und darzustellen. Was ist die Folge der Anwendung dieses Grundsatzes? Sehr armselige Tatsachen (eine Kultur, zum Beispiel ist eine Masse von Funden ohne Beziehung auf Probleme, Lebensformen, die Intelligenz und Intentionen der sie schaffenden Menschen). Aus diesen armseligen Tatsachen wurde dann ein armseliges Denken induziert, wo doch die Armseligkeit allein in der verwendeten Methode, das heißt im Denken der Archäologen selbst lag. In der Anthropologie war die Situation für geraume Zeit genau die gleiche.
[…]
Mit diesen Beispielen haben wir eine sehr einfache, wenn auch überraschende Antwort auf die Frage, wieso es kommt, ‚dass ein Fachmann, der einen Gegenstand gründlich und von allen Seiten her untersucht hat‘, gelegentlich schlechter abschneidet als ein unabhängiger Laie (…). Die Antwort lautet, dass der Fachmann den Gegenstand eben nicht von allen Seiten her untersucht hat, dass seine Kenntnisse große Lakunen haben, die aber durch eine illegitime Ausdehnung von Ergebnissen in anderen Gebieten oder einfach von Gerüchten verdeckt werden, dass er zu ‚bequem‘ ist, ungewohnten Forschungswegen nachzugehen, und dass ein Laie, der noch nicht gelernt hat, wie man Unkenntnis und Bequemlichkeit in Erkenntnis und Autorität verwandelt und wie man Lakunen durch Gerede verdeckt, eben darum erstaunliche Entdeckungen macht.
Auch ist der Fachmann nur selten Fachmann in allen jenen Bereichen, auf die er sich bei seinen Argumenten stützt. Wir haben gesehen, dass die Ergebnisse von Archäologen und Anthropologen von der verwendeten Methode wesentlich beeinflusst sind. Es ist die Methode, die ihre Ergebnisse so unbefriedigend stückhaft, unintelligent macht, und es ist die Methode die diese Züge ‚durch Induktion‘ auf die untersuchten Kulturen überträgt (…). Man kann den Forschern … deswegen keine Vorwürfe machen, denn die Methodologie liegt außerhalb ihrer Kompetenz. Sie liegt auch außerhalb der Kompetenz der Laien und nicht-wissenschaftlicher Traditionen. Aber solche Traditionen haben nicht dieselben ‚Vorurteile‘ wie die Wissenschaften. Es ist also wohl möglich, dass eine von den Wissenschaften verschiedene Tradition mit anderen ‚Vorurteilen‘ rein zufällig die Materie besser behandelt und zu besseren Ergebnissen kommt. Das ist ein weiterer Grund, warum eine freie Gesellschaft auf alle Traditionen und nicht nur auf die Tradition der Wissenschaften und des Rationalismus hören sollte.
Die erwähnten Beispiele zeigen, dass die modernen Wissenschaften sich kaum von ihrem mittelalterlichen Vorläufer unterscheiden. Wer hat nicht gelesen, wie damals Einwände durch Hinweis auf ‚Aristoteles‘ entkräftet wurden? Wer hat nicht die vielen Gerüchte studiert, die von Generation zu Generation weitergeleitet wurden und die einen entscheidenden Bestandteil mittelalterlicher Kenntnisse bildeten (…). Wer hat nicht mit selbstgerechtem Zorn bemerkt, wie damals Beobachtungen durch Hinweis auf Theorien abgewiesen wurden, die nichts waren als weitere Gerüchte, und wer hat nicht entweder selbst lange Reden über diese unglaublichen Verhältnisse gehalten oder die Reden anderer vernommen? Die Beispiele zeigen, dass der Unterschied zwischen den modernen Wissenschaften und den Wissenschaften des Mittelalters in dieser Hinsicht höchstens ein Gradunterschied ist und dass dieselben Phänomene in beiden Institutionen vorkommen. Die Ähnlichkeiten nehmen zu, wenn wir bedenken, wie Wissenschaftler der Öffentlichkeit ihre Meinung aufzwingen. Wir haben es eben in beiden Fällen mit Kirchen zu tun, mit allen Vor- und Nachteilen solcher Institutionen.“
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Zitat: „Heute sehen wir die Schließungsprozesse in fast-Perfektion, gegen die sich Feyerabend gewendet hat.“ (Zitatende)
Möglicherweise sehen wir heute „die Schließungsprozesse in fast-Perfektion“, die Feyerabend mit auf das Gleis gestellt hat. Auch ich gehe einen Teil des Gedankenweges von Feyerabend mit, wenn er z.B. fordert, dass sich die Wissenschaft nicht der politischen Macht andient (was ich u.a. dem Untertitel seines „Wider den Methodenzwang“ entnehme: „Skizzen einer anarchistischen Erkenntnistheorie“, um hier den Begriff „anarchistisch“ wörtlich zu nehmen; später ändert er „anarchistisch“ um in „dadaistisch“). Selbstverständlich hat Feyerabend recht, wenn er problematisch sieht, dass „Staat und Wissenschaft … eng zusammen [arbeiten].“ Auch hat er recht, darauf hinzuweisen, wenn er sagt: „Einmütigkeit unter Wissenschaftlern ist häufig das Ergebnis einer POLITISCHEN Entscheidung. … Sodann mag Einmütigkeit auch das Abnehmen des kritischen Bewußtseins anzeigen: …“ Dann schießt er jedoch weit über das Ziel einer methodenoffenen Wissenschaft hinaus, wenn er insbesondere bzgl. den Wissenschaften sagt, dass „es [ihm] darum geht, Umstände zu verwirklichen, in denen JEDE Konzeption, JEDES System, JEDE Tradition leben und gedeihen kann.“
Feyerabend will, dass „Bürger und Gruppen von Bürgern … die Wissenschaften überwachen und einschreiten (Entziehung von Geld; …; Beschränkung des Einflusses der Wissenschaften oder völlige Beseitigung der ‚akademischen Freiheit‘; …), wenn sich herausstellt, daß sie nutzlos und vielleicht sogar schädlich sind.“
Und genau diese Situation haben wir heute, dass nämlich (politisch bedeutsame) „Gruppen von Bürgern“ meinen, dass ein gesellschaftliches Leben ohne die Genderideologie „schädlich“ und ein Wissenschaftsbetrieb, der sich nicht in höchstem Maße der „Klimakatastrophe“ widmet, „nutzlos“ ist. Diese „Gruppen von Bürgern“ setzen dies mit faschistischen Methoden durch. Auch damit handeln sie noch im Sinne von Feyerabend. Ohne dass es noch was zu interpretieren erfordert, sagt Feyerabend: „[I]n einer freien Gesellschaft verwendet der Bürger die Maßstäbe der Tradition, der er angehört; er verwendet Hopi-Maßstäbe, wenn er Hopi-Indianer ist; …; faschistische Maßstäbe, wenn ihm der Faschismus näher liegt; dann gibt es besondere Gruppen, mit besonderen Interessen und Ideen, wie die Frauenbewegung, die Bewegung der Homosexuellen, ökologische Gruppen und dergleichen mehr.“
Feyerabend hat sich von den kritisch-konstruktiven Ideen des Karl Popper entfernt und hat sich von den kritisch-konstruktiven Ideen des Hans Albert entfernt, mit dem ihn eine Freundschaft verbunden hatte; der Kontakt reißt 1978 ab. Feyerabend ist von einem Kritiker zu einem Destruktionisten geworden.
Ich halte mich lieber an die Gedanken von Popper und Albert, schon weil ich die Friede-Freude-Eierkuchen-Fantasiewelt nicht mag, die Feyerabend notwendig unterstellen muss: Er kann sich nicht vorstellen (und darf das auch nicht, wenn er sein Gedankengebäude nicht zu Einsturz bringen will), wie das Leben derjenigen ist, die nicht zu der „Gruppe von Bürgern“ gehören, die die Deutungshoheit erlangt haben, oder wie das Leben derjenigen ist, die sich nicht den sie umgebenden „Maßstäben der Tradition“ beugen wollen. Hier erinnert er an Habermas, der den ‚Konsens‘ über alles stellt, um seiner üblen Linksideologie eine Pseudo-Legitimität überhaupt verpassen zu können.
Ich bin, was PKF betrifft, etwas hin und her gerisssen.
Zum einen denke ich, dass er in Against Method eine Idee formuliert hat, die ihm unter den Nägeln gebrannt hat, ohne die Reichweite dessen, was er damit lostritt, abschätzen zu können. Zum anderen ist PKF ein, wenn man so will, Fachfremder, was philosophische Diskussionen betrifft. Der Titel des Dilettanten trifft auf ihn sicher auch zu, und ich vermute, er hätte kein Problem damit, so bezeichnet zu werden. Wenn man liest, wie er sich in sein Konzept der Inkommensurabilität verrannt hat, z.B. in Musgrave/Lakatos (Criticism and the Growth of Knowledge), dann finde ich, liegt diese Deutung nahe.
Indes glaube ich, dass Sie ihm in sofern Unrecht tun, als man demjenigen, der eine Idee hat und ein Stück weit entwickelt, wie PKF die Idee dessen, was man heute wohl Bürgerräte nennt, nicht die nach seiner Zeit folgende Ausgestaltung dieser Idee und die perversen Formen davon anlasten kann. Dass Linke keine Probleme damit haben, komplexe Sachverhalte auf einen einzigen Punkt, den sie mit ihrer beschränkten intellektuellen Kapazität zu verstehen imstande sind, zu reduzieren, ist ein bekanntes Phänomen, indes keines, das man PKF anlasten kann. Für die „Hopi-Indianer“ und andere Grundlagen der kulturellen Unvereinbarkeitsapostel sind die Arbeiten von Peter Winch sicher von größerer Bedeutung als das, was PKF geschrieben hat.
Im übrigen schreibt PKF, so wie ich ihn verstehe, vom Entdeckungs-, nicht vom Begründungszusammenhang und was Hans Albert betrifft, so hat er, falls der Kontakt 1978 abgerissen sein sollte, noch in den 1980/90er Jahren, in denen ich bei Albert studiert habe, den Kontakt gepflegt.
Wie auch immer, Poppers Kritischer Rationalismus ist auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt als das, was PKF geschrieben hat, dem es wohl in der Tat um Schließungsmechanismen gegangen ist, die Erkenntnis behindern, letztlich ein Motiv, das auch Thomas Kuhn angetrieben hat, der seinerseits dafür zwischen die Stühle geraten ist.
[…] Quelle Link […]
Zitat: „Heute sehen wir die Schließungsprozesse in fast-Perfektion, gegen die sich Feyerabend gewendet hat.“ (Zitatende)
Möglicherweise sehen wir heute „die Schließungsprozesse in fast-Perfektion“, die Feyerabend mit auf das Gleis gestellt hat. Auch ich gehe einen Teil des Gedankenweges von Feyerabend mit, wenn er z.B. fordert, dass sich die Wissenschaft nicht der politischen Macht andient (was ich u.a. dem Untertitel seines „Wider den Methodenzwang“ entnehme: „Skizzen einer anarchistischen Erkenntnistheorie“, um hier den Begriff „anarchistisch“ wörtlich zu nehmen; später ändert er „anarchistisch“ um in „dadaistisch“). Selbstverständlich hat Feyerabend recht, wenn er problematisch sieht, dass „Staat und Wissenschaft … eng zusammen [arbeiten].“ Auch hat er recht, darauf hinzuweisen, wenn er sagt: „Einmütigkeit unter Wissenschaftlern ist häufig das Ergebnis einer POLITISCHEN Entscheidung. … Sodann mag Einmütigkeit auch das Abnehmen des kritischen Bewußtseins anzeigen: …“ Dann schießt er jedoch weit über das Ziel einer methodenoffenen Wissenschaft hinaus, wenn er insbesondere bzgl. den Wissenschaften sagt, dass „es [ihm] darum geht, Umstände zu verwirklichen, in denen JEDE Konzeption, JEDES System, JEDE Tradition leben und gedeihen kann.“
Feyerabend will, dass „Bürger und Gruppen von Bürgern … die Wissenschaften überwachen und einschreiten (Entziehung von Geld; …; Beschränkung des Einflusses der Wissenschaften oder völlige Beseitigung der ‚akademischen Freiheit‘; …), wenn sich herausstellt, daß sie nutzlos und vielleicht sogar schädlich sind.“
Und genau diese Situation haben wir heute, dass nämlich (politisch bedeutsame) „Gruppen von Bürgern“ meinen, dass ein gesellschaftliches Leben ohne die Genderideologie „schädlich“ und ein Wissenschaftsbetrieb, der sich nicht in höchstem Maße der „Klimakatastrophe“ widmet, „nutzlos“ ist. Diese „Gruppen von Bürgern“ setzen dies mit faschistischen Methoden durch. Auch damit handeln sie noch im Sinne von Feyerabend. Ohne dass es noch was zu interpretieren erfordert, sagt Feyerabend: „[I]n einer freien Gesellschaft verwendet der Bürger die Maßstäbe der Tradition, der er angehört; er verwendet Hopi-Maßstäbe, wenn er Hopi-Indianer ist; …; faschistische Maßstäbe, wenn ihm der Faschismus näher liegt; dann gibt es besondere Gruppen, mit besonderen Interessen und Ideen, wie die Frauenbewegung, die Bewegung der Homosexuellen, ökologische Gruppen und dergleichen mehr.“
Feyerabend hat sich von den kritisch-konstruktiven Ideen des Karl Popper entfernt und hat sich von den kritisch-konstruktiven Ideen des Hans Albert entfernt, mit dem ihn eine Freundschaft verbunden hatte; der Kontakt reißt 1978 ab. Feyerabend ist von einem Kritiker zu einem Destruktionisten geworden.
Ich halte mich lieber an die Gedanken von Popper und Albert, schon weil ich die Friede-Freude-Eierkuchen-Fantasiewelt nicht mag, die Feyerabend notwendig unterstellen muss: Er kann sich nicht vorstellen (und darf das auch nicht, wenn er sein Gedankengebäude nicht zu Einsturz bringen will), wie das Leben derjenigen ist, die nicht zu der „Gruppe von Bürgern“ gehören, die die Deutungshoheit erlangt haben, oder wie das Leben derjenigen ist, die sich nicht den sie umgebenden „Maßstäben der Tradition“ beugen wollen. Hier erinnert er an Habermas, der den ‚Konsens‘ über alles stellt, um seiner üblen Linksideologie eine Pseudo-Legitimität überhaupt verpassen zu können.
Ich bin, was PKF betrifft, etwas hin und her gerisssen.
Zum einen denke ich, dass er in Against Method eine Idee formuliert hat, die ihm unter den Nägeln gebrannt hat, ohne die Reichweite dessen, was er damit lostritt, abschätzen zu können. Zum anderen ist PKF ein, wenn man so will, Fachfremder, was philosophische Diskussionen betrifft. Der Titel des Dilettanten trifft auf ihn sicher auch zu, und ich vermute, er hätte kein Problem damit, so bezeichnet zu werden. Wenn man liest, wie er sich in sein Konzept der Inkommensurabilität verrannt hat, z.B. in Musgrave/Lakatos (Criticism and the Growth of Knowledge), dann finde ich, liegt diese Deutung nahe.
Indes glaube ich, dass Sie ihm in sofern Unrecht tun, als man demjenigen, der eine Idee hat und ein Stück weit entwickelt, wie PKF die Idee dessen, was man heute wohl Bürgerräte nennt, nicht die nach seiner Zeit folgende Ausgestaltung dieser Idee und die perversen Formen davon anlasten kann. Dass Linke keine Probleme damit haben, komplexe Sachverhalte auf einen einzigen Punkt, den sie mit ihrer beschränkten intellektuellen Kapazität zu verstehen imstande sind, zu reduzieren, ist ein bekanntes Phänomen, indes keines, das man PKF anlasten kann. Für die „Hopi-Indianer“ und andere Grundlagen der kulturellen Unvereinbarkeitsapostel sind die Arbeiten von Peter Winch sicher von größerer Bedeutung als das, was PKF geschrieben hat.
Im übrigen schreibt PKF, so wie ich ihn verstehe, vom Entdeckungs-, nicht vom Begründungszusammenhang und was Hans Albert betrifft, so hat er, falls der Kontakt 1978 abgerissen sein sollte, noch in den 1980/90er Jahren, in denen ich bei Albert studiert habe, den Kontakt gepflegt.
Wie auch immer, Poppers Kritischer Rationalismus ist auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt als das, was PKF geschrieben hat, dem es wohl in der Tat um Schließungsmechanismen gegangen ist, die Erkenntnis behindern, letztlich ein Motiv, das auch Thomas Kuhn angetrieben hat, der seinerseits dafür zwischen die Stühle geraten ist.