Mehrere Dinge, die wir, als wir an Hochschulen studiert haben, vorausgesetzt haben, sind mittlerweile gefallen:
Wissenschaft ist nicht mehr an Erkenntnis orientiert. Staatliche Finanzierung und ein unglaubliches Bemühen, sich anzudienen, haben Vorgaben an die Stelle offener Forschung gesetzt.
Wissenschaft gilt nicht mehr als kumulativer Erkenntnisprozess. Hochschulen sind zum Hort dummer Ideologen geworden, die sich einbilden, sie wüssten schon alles.
Hochschulen sind nicht mehr Stätten, an denen Meritokratie gilt, die Besten am schnellsten vorankommen. Sie sind zu ideologischen Shitholes verkommen, an denen vorankommt, wer primäre Merkmale geförderter „Minderheiten“ mit sich herumträgt und flüssig darin ist, den BS nachzubeten, der als ideologischer Katechismus vorgegeben ist.
Schließlich dienen Hochschulen nicht mehr dazu, Experten in ihrem Fach zu produzieren, sondern dazu, eine bestimmte Sichtweise auf die Welt durchzusetzen und eine damit kommensurable Forschungslandschaft zu schaffen. Alle Prozesse an Hochschulen sind darauf ausgerichtet, Abweichung zu unterdrücken und – damit zwangsläufig – jede Form von Kreativität und revolutionärer Erkenntnis zu beseitigen. Wer es an Hochschulen zur Professur schafft, hat damit bewiesen, dass er keine Gefahr darstellt, weil er innovative oder eigenständige Gedanken formuliert. Er hat keinerlei Anlass zu der Sorge gegeben, er könne in Minimalfragen vom ideologischen Katechismus abweichen. Er hat sich als Kader bewährt und jede Form von eigenständiger Betätigung unter das Rubrum ideologischer Vorgabe gestellt.
Als Ergebnis hat sich ein pseudo-wissenschaftlicher Prozess eingestellt, in dessen Verlauf symbolische Währungen gehandelt werden, die dazu dienen, vorzugaukeln, der Krempel, der veröffentlicht und als „Forschungsergebnis“ verkauft wird, stünde am Ende eines rigorosen und kontiuierlich überprüften Erkenntnisprozesses. Indes, was man heute in angeblichen „wissenschaftlichen Zeitschriften“ zu lesen findet, ist weitgehend Stangenware, Anwendung nicht verstandener Methoden, zur Prüfung langweiliger Ideen, bei denen selbst dann, wenn sie zu Ergebnissen führen, die nicht falsch sind, selbst die größte Phantasie nicht ausreicht, um einen Nutzen für diese Ergebnisse bestimmen zu können.
Eine solche Forschung wird derzeit durch die Medien getrieben. Sie hat Leseleistung zum Gegenstand, also das, was in Tests wie PISA geprüft und regelmäßig als „schlechter geworden“ beobachtet wird, sofern die Testpopulation aus einst für ihre wissenschaftlichen Errungenschaften bewunderten westlichen Industrienationen stammt. Indes, Jahre, in denen Linke auf dem Marsch durch die Institutionen waren, haben diese Institutionen als Trümmerhaufen zurückgelassen, als Hüllen ohne Kern, Attrappen, durch die sich nur noch diejenigen täuschen lassen, die sie bevölkern.
Die Leseleistung, so verkünden die Autoren, sie sei gar nicht – wie bislang angenommen – und im Wesentlichen von Intelligenz bestimmt, „comprehension-knowledge“ (kristalline Intelligenz) und auditory processing (Hörverständnis) seien viel wichtiger und beide, seien UNABHÄNGIG von allgemeiner Intelligenz:
„One notable finding was that general intelligence was less dominant than in some earlier meta-analyses,“ Hajovsky said. „Broad abilities such as comprehension-knowledge and auditory processing played strong, specific roles in reading beyond general intelligence, especially for decoding and comprehension.“ Quelle
Das gerade verkündete Ergebnis entstammt dieser Arbeit:
Und es ist Ergebnis von data-crunching: Viele Daten, 50.000 Korrelationen aus anderen Arbeiten, deren Autoren den Zusammenhang zwischen kognitiver Aussstattung und Lese-Erfolg (Literacy) untersucht haben, haben die Autoren wie ein Bagger aus den entsprechenden Studien gegraben und „Aggregiert“, im Wesentlichen in einen großen Zementmischer gekippt, in der Hoffnung, dass man 50.000 Korrelationen, deren abhängige Variablen aus 137 Testbatterien stammen, mit einander verquirlt, eine neue Erkenntnis, eine Meta-Erkenntnis dabei herauskommt.
Weil 50.000 Korrelationen aus 137 Testbatterien doch etwas viel ist, haben die Autoren Hypothesen aufgestellt und dann mit SEM in den Daten nach BESTÄTIGUNG für ihre Hypothesen gesucht. Das erinnert an Jörg Blasius, der einst den Soziologentag, als dort noch Soziologen anwesend waren, mit der von ihm gar nicht humoresk gemeinten Aussage, er habe das Ergebnis der statistischen Analyse genommen und nach Theorien gesucht, die dazu passen, unterhalten hat. Aber heute ist solcher Blödsinn „bierernst“ wird als „Wissenschaft“ ausgegeben und in entsprechenden Journalen als solche kolportiert.
SEM – Meta-Structural Equation Modeling ist der neueste Schrei, dem all diejenigen anhängen, die „bi-faktorielle Modelle“ anbeten und der Ansicht sind, all diese Dinge habe es noch NIE gegeben. Indes, wer so alt ist wie ich, der erinnert sich an LISREL (LInear Structural RELations), die Frühgeburt der Strukturgleichungsmodelle, die heutige Generationen von angeblichen Wissenschaftlern als neue Methoden feiern. Karl Jöreskog und Dag Sörbom haben LISREL entwickelt, ein Programm, dessen Akronym unter Leuten wie mir schnell die Bedeutung „Logical Inferences Substitutable for Research, Experience, and Logic“ (Logische Fehlschlüsse als Ersatz für Forschung, Erfahrung und Logik) angenommen hat. Einfach deshalb, weil LISREL die erste Möglichkeit für Wissenschaftler geboten hat, ihre Annahmen in ein Modell zu packen, dabei mit dem gesamten griechischen Alphabet zu hantieren und sich schließlich davon zu überzeugen, dass am Ende etwas anderes als das, was sie mit ihren Annahmen VORGEGEBEN haben, herausgekommen sei.
Leider hat sich daran, dass SEM gerade die Leute anziehen, die ihre Finger davon lassen sollen, nichts geändert. Und da Modelle ohnehin nicht mehr als Test für Theorien eingesetzt werden, sondern als Ersatz für die Realität und ideologisches Mittel der Legitimation, Steuerzahler zu schröpfen, stört sich auch niemand mehr daran, wenn SEMs in einer Weise eingesetzt werden, die einem die Haare zu Berge stehen lässt.
Musste mich mehrfach kämmen, als ich Pressemeldung und „wissenschaftliches Ergebnis“ gelesen habe.
Lesefähigkeit, so die Autoren um Daniel B Hajovsky, sei nicht von allgemeiner Intelligenz oder doch viel weniger als angenommen, abhängig, sondern von kristalliner Intelligenz (comprehensive knowledge) und von auditory processing (Hörverständnis). Ein erstaunliches Ergebnis, aus dem der Matthäus-Effekt des Lernens (wer weiß, dem wird Wissen gegeben) bereits herausschreit.
Beginnen wir etwas theoretisch:
Raymond Cattell, einer derjenigen, der mit Intelligenz hantiert, hat eine Theorie formuliert, die Lernerfolg als Ergebnis von „Investition in den Lernerfolg“ beschreibt, wobei allgemeine Intelligenz die Grundlage aller Investition ist. Mit anderen Worten: kristalline Intelligenz, die die Autoren um Hajovksy als „vollkommen unabhängig von allgemeiner Intelligenz“ in ihren SEM-Modell gefunden haben, ist Ergebnis von allgemeiner Intelligenz, Ergebnis der Anwendung logischer Denkfähigkeit, die in Lernprozesse investiert wird. Dass ein Volldepp dennoch intelligent sein und Leistungen erbringen kann, die mit einem IQ von 137 möglich sind, ist in den Modellen von Cattell ausgeschlossen. Ob ihm das bislang den Vorwurf von wahlweise Ableismus oder Rassismus eingebracht hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie sich Cattell das Lernen bei Kindern vorstellt: In der ersten Lebensphase ist „Wissen“ bei Kindern eine Funktion von Sprache, von Zuhören und kindlichen Kommunikationsversuchen, von Alltagserfahrung als deren Ergebnis, Wortschaft akquiriert wird. Und je größer der Wortschatz, desto leichter fällt dem Kind später das Lesen. Intelligenz ist das Fundament, Sprachinvestitionen von Eltern in ihre Kinder, die Variable, die die Ausprägung des Wortschatzes beeinflusst.
Mit Erlenen des Lesens wird die Beziehung zwischen Wortschaft und Wissen reziprok. Lesen bringt neuen Wortschatz, der wiederum Lesen erleichtert, ein in gewissem Maße sich-selbst-verstärkender Prozess, der wiederum von Interesse und IQ getrieben wird. Nichts im gesamten Lernprozess funktioniert ohne allgemeine Intelligenz und dennoch behaupten Hajovsky und die seinen, man habe zeigen können, dass kristalline Intelligenz und Hörverständnis vollkommen unabhängig von allgemeiner Intelligenz seien.
Und dass sie das behaupten, das liegt an SEM, an der Spezifikation ihres Strukturgleichungsmodells, in dem vorgegeben wurde, dass die Korrelation zwischen allgemeiner Intelligenz und kristalliner Intelligenz bzw. Hörverständnis O, nicht vorhanden sei. Wenn ich einem statistischen Programm vorgebe, Effekte zu berechnen, die sich ergeben, wenn ich andere Effekte ausschließe, dann wird dieses Programm genau das tun. Und die einzigen, der sich letztlich darüber wundern, dass am Ende einer angeblich wissenschaftlichen Forschung ein Ergebnis steht, das jedem Alltagsverstand und allem, was man in der Bildungsforschung bislang zusammengetragen hat, widerspricht, das sind ausgerechnet die Autoren, die ihre Modelle so spezifiziert haben, dass jeder Effekt zwischen allgemeiner Intelligenz und kristalliner Intelligenz oder Hörverständnis ausgeschlossen ist.
Irre.
Man nennt diese Vorgehensweise mittlerweile bi-faktor modelling, letztlich nichts anderes als die in einer Hauptkomponentenanalyse erzwungene Unabhängigkeit von Variablen, die in einer Weltfremdheit gipfelt, die nur noch von Klimawandel-Simulierern übertroffen wird, die der Ansicht sind, Prozesse, vor allem solche, die sich mit Wolken verbinden, die sich in keiner Weise modellieren können, seien deshalb, weil sie sie nicht modellieren können, irrelevant.
40 Jahre linker Marsch durch die Institutionen und es ist eingetreten, was Dr. habil. Heike Diefenbach schon vor langem vorausgesagt hat: Die durchmarschierten Institutionen sind nicht mehr vorhanden, ruiniert, ein Witz.
Wir solten damit beginnen, über diejenigen, die der Ansicht sind, der Titel einer deutschen Hochschule, der nach 2000 erworben wurde, sei für sich etwas wert, lauthals zu lachen.
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