Der lange Marsch durch die Institutionen – und warum er nicht dorthin führen kann, wohin man wollte

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Wer kennt sie nicht, die Rede vom langen Marsch durch die Institutionen?! Manche verbinden damit den langen und häufig teuren Weg durch die verschiedenen Ebenen der Rechtsprechung auf der Suche nach ihrem Recht, andere ihren – letztlich vergeblichen – Versuch, von der deutschen Botschaft in Kanada eine Ersatzführerschein für den in Deutschland vergessenen deutschen Führerschein ausgestellt zu bekommen, u.ä.m. Solche Erfahrungen mögen leidvolle empirische Entsprechungen zur Rede vom langen Marsch durch die Institutionen sein, aber tatsächlich assoziieren nach meiner Erfahrung die meisten Menschen mit der Rede vom langen Marsch – eher vage – Versuche Linksextremer, das „System“ nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Dementsprechend werden als Kandidaten für die Urheberschaft der Rede vom langen Marsch durch die Institutionen Linksextreme oder Linksradikale vermutet, von Mao Zedong über Antonio Gramsci und Rudi Dutschke bis hin zu Joschka Fischer (und vermutlich eine Reihe weiterer Kandidaten).

Die Rede vom langen Marsch durch die Institutionen stammt nicht von Mao Zedong, dem dichtenden Revolutionär, Massenmörder und ersten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas, der zwar ein Gedicht mit dem Titel [in deutscher Übersetzung] „Der lange Marsch“ verfasst hat, sich dabei aber auf den über 6.600 Meilen (bzw. über 10.600 Kilometer) langen Rückzug der Roten Armee vor der Armee der Kuomintang, d.h. der Nationalen Volkspartei Chinas, die von Chiang Kai-shek geführt wurde, in den Jahren 1934 und 1935 aus der Provinz Kiangsi in die Provinz Schensi bezogen hat (s. hierzu z.B. Rummel 1991).

Sie stammt auch nicht von Joschka Fischer, der einen langen Lauf zu sich selbst beschrieben hat, der in seiner Verwandlung vom Übergewichtigen zum Normalgewichtigen durch Joggen bestand.

Und sie stammt nicht von Antonio Gramsci, dem sie oft unterstellt wird, und tatsächlich hätte sie von ihm stammen können, hat er doch das, was er den „war of position“ nannte, als die einzige im Westen mögliche Strategie im politischen Kampf angesehen:

“It seems to me that Ilyich [Lenin] understood that a change was necessary from a war of manoeuvre [d.h. eines Frontalangriffs auf den Staat in Form eines gewaltsamen Umsturzes] applied victoriously in the East in 1917, to a war of position which was the only form possible in the West … Ilyich, however, did not have time to expand his formula – though it should be borne in mind that he could only have expanded it theoretically, whereas the fundamental task was a national one; that is to say it required a reconnaisance of the terrain and identification of the elements of trench and fortress represented by the elements of civil society, etc. In the East the state was everything, civil society was primordial and gelatinous; in the West, there was a proper relation between state and civil society, and when the state trembled a sturdy structure of civil society was at once revealed. The state was only an outer ditch, behind which there stood a powerful system of fortresses and earthworks: more or less numerous from one state to the next, it goes without saying – but this precisely necessitated an accurate reconnaissance of each individual country” (Gramsci 2000: 229).

Die Rede vom langen Marsch durch die Institutionen stammt von Rudi Dutschke, dem „Gesicht und [der] Stimme der deutschen Studentenbewegung“, wie es im Klappentext der Dutschke-Biographie von Chaussy (2018) heißt, in den späten 1960er-Jahren, dem marxistisch geschulten Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, dem Front-Mann der im Dezember 1966 angesichts der großen Koalition gegründeten APO (Außerparlamentarischen Opposition), dem „Revolutionär ohne Revolution“ (Karl 2003), der vom neuen „establishment“ in Deutschland so stark geschätzt wird, dass im Jahr 2008 ein Teil der Kochstraße in Berlin-Kreuzberg in „Rudi-Dutschke Straße“ umbenannt wurde1 (während es m.W. in Berlin keine „Straße der Opfer des Weihnachtsmarkt-Anschlages 2016“ bzw. keinen „Platz der Opfer …“ in der Nähe der Gedächtniskirche gibt).

So sagte Dutschke auf einer Podiumsdiskussion in Hamburg am 24. November 1967:

„Aber der Prozeß der Veränderungen geht über diesen Weg des – wie ich es mal genannt habe [soweit ich mich erinnere, tat er das allerdings mit Bezug auf Mao Zedongs Gedicht vom langen Marsch; andere vermuten, er sei zu dieser Metapher durch seine Lektüre von Gramsci angeregt worden] – des langen Marsches durch die bestehenden Institutionen, in denen durch Aufklärung, systematische Aufklärung und direkte Aktionen, Bewußtwerdung bei weiteren Minderheiten in- und außerhalb der Universität möglich werden kann“ (Dutschke 1980: 15).

Der „lange Marsch durch die Institutionen“ bezeichnet eine Strategie, mit deren Hilfe es gelingen soll, das herrschende politische System zu zerstören oder auf grundlegenden Weise zu verändern. Bei Dutschke ist

„Revolution […] kein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer, komplizierter Prozeß, wo der Mensch anders werden muss“ (Dutschke 1980: 15),

und bei ihm wird „der“ Mensch anders durch Bewußtseinsbildung:

„Das ist die entscheidende Voraussetzung für eine wirkliche Veränderung unserer Situation, und nicht nur der universitären, dass immer mehr …Menschen erkennen; es gilt erst mal, ein Bewußtsein des Mißstandes zu schaffen …“ (Dutschke 1980: 16).

Die Bewußtseinsveränderung bei „immer mehr Menschen“ ist erst der Anfang. Letztlich, so meint Schelsky, ist die Strategie eine Strategie der Infiltration:

„Man will das ‚System‘ überwinden, indem man die entscheidenden Herrschaftsmittel in andere, d.h. in die eigenen Hände[,] überführt. Personalwechsel der Herrschaftsgruppe durch Bemächtigung der Herrschaftsinstrumente, das ist seit langer Zeit die grundsätzliche Strategie jeder Revolution“ (Schelsky 1973: 21),

aber

„[d]ie gegenwärtige Gesellschaft und der ihr entsprechende Staat sind komplexer und von einer Vielfalt von Institutionen her gesichert, so dass eine revolutionäre Strategie, die von innen her operiert und nicht auf Umstutz durch auswärtige Mächte hoffen kann, schon gezwungen ist, den ‚langen Marsch durch die Institutionen‘ anzutreten, wie es Rudi Dutschke treffend formuliert hat. Mit einem ‚Marsch auf Rom‘ ist es nicht mehr getan; Revolution kommt heute auf leisen Sohlen“
(Schelsky 1973: 21-22).

Der „lange Marsch durch die Institutionen“ bedeutet also die

„… Machtergreifung‘, d.h. d[ie] Besetzung der entscheidenden Kommandostellen und Organe und die mehrheitliche Durchsetzung der jeweiligen Praxis mit ihren eigenen Gesinnungsgenossen, Anhängern und Mitläufern“ (Schelsky 1973: 23),

die – einmal in Positionen angekommen – die „Vermittlung von Sinn“ übernehmen, so die Vorstellung, und zwar vornehmlich durch die Kontrolle von Information und Interpretation bzw. die „Vermittlung von Sinn“:

„Diese Strategie [gemeint sind natürlich: diejenigen, die diese Strategie anwenden!] hat begriffen, dass die ‚Vermittlung von Sinn‘ zum entscheidenden Herrschafts- und Stabilisierungsmittel der Gesellschaft hoher und komplexer Zivilisation geworden ist, so dass hier Schlüsselpositionen für eine revolutionäre Gesellschaftsumgestaltung liegen. Politökonomisch ausgedrückt: ‚Information‘ ist das entscheidende ‚Produktionsmittel‘ der modernen Gesellschaft geworden, und die Monopolisierung dieses Produktionsmittels ist die aussichtsreichste Form der politischen Herrschaftsdurchsetzung“ (Schelsky 1973: 24).

Bei vielen Beobachtern der gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Dekaden besteht angesichts u.a. der Verbreitung von „fake news“ statt sachlicher und umfassender Informationen durch die mainstream-Medien oder der Unterschlagung von Informationen durch mainstream-Medien, wenn es um Themen wie Zuwanderung geht, die auf der Agenda linker Politik stehen, angesichts von Gleichstellungspolitik, u.a. durch die Etablierung von „Frauenbeauftragten“ an Hochschulen als Brückenköpfen der neuen Ideologie von der Ergebnisgleichheit statt gerechter Verteilung gemäß Einsatz und Leistung, angesichts von „virtue signalling“ statt effizienter Funktionserfüllung durch Institutionen, von Identitätspolitik statt Individual- und Freiheitsrechten, von Spracherziehung und politischer Korrektheit, von Netzwerkdurchsetzungs[!]gesetz u.v.m. der Eindruck, dass der „lange Marsch durch die Institutionen“ durch die ehemaligen 1968er und ihre Kinder weit fortgeschritten, wenn nicht weitgehend abgeschlossen, sei; s. z.B. hier, hier, hier und ziemlich aktuell hier.

Hochschulen bieten ein gutes Beispiel dafür, was diesen Eindruck hervorruft bzw. bestärkt, insbesondere dann, wenn man sich ansieht, welche Art von Prosa und Essay heute als Lehrmaterial an Hochschulen zum Einsatz kommt und wie darin bestimmte Entwicklungen im weltanschaulichen oder politischen Kampf, manchmal sogar in einer Beschreibung als „langer Marsch“, gefeiert werden. Vertreten sind dort u.a. die Erzählung von dem „langen Marsch“ unterdrückter Frauen in das feministische Paradies, wie z.B. bei Spiers (2014), wobei die Autorin ihrerseits das Ergebnis des „langen Marsches“ von der Soziologie über Pop-Sozialwissenschaften bis zu den neuen wissenschaftsfremden, aber dafür durchideologisierten, Hochschulbesetzern repräsentiert, die todlangweilige Eindimensionalität der Machtphantasien eines Michel Foucault mit Bezug auf alles und jeden, wo früher eine Gesellschaftsanalyse versucht wurde, das wahlweise als Toleranz oder Forschungsfreiheit missverstandene methodische „anything goes“, wo vorher Methodologie und Methoden gelehrt und gelernt wurden, u.v.m.

Der regelrechte Krieg gegen alle staatlich unkontrollierte Information und Diskussion im Internet, für den sogenannte „Faktenchecker“ unbekannter Qualifikation aus den Reihen der Angestellten von etablierten Institutionen rekrutiert und in den Einsatz geschickt worden sind, und Google Deutschland und facebook Deutschland per Gesetzgebung instrumentalisiert worden sind, sowie die Entstehung des SPD-Medienimperiums während der letzten Jahrzehnte sind weitere Beispiele, und es ist, als hätte Schelsky diesbezüglich nicht 1973, sondern vor einem Jahr oder gerade gestern geschrieben:

„Aber die gegenwärtige Strategie der linken Radikalen überwindet zum ersten Male den bloß akademischen Anspruch der Erziehungsrevolution[!] und die bloß unterstützende Rolle der Informationspolitik im Rahmen vorgegebener Herrschaftsansprüche und macht die Eroberung der Positionen der ‚Sinn-Vermittlung‘ zum entscheidenden Kampfziel der Revolution. Dabei werden verschiedene, früher marginale Kennzeichen der ‚Sinn-Vermittlung‘ ausgenützt: Das wichtigste ist die Chance, ‚Sinn‘, das heißt Informationen, Nachrichten usw., ohne jede Kontrolle durch die Wirklichkeitserfahrung der Adressaten, produzieren und vermitteln zu können“ (Schelsky 1973: 25; Hervorhebung d.d.A.).

Die Instrumentalisierung von Kindern und Jugendlichen im Zuge der Inszenierung eines angeblich menschengemachten Klimawandels fügt sich nahtlos in der Bild:

„Eine zusätzlich strategische Chance besteht in der Vermittlung von Idealen oder normativen Vorstellungen, weil diese immer schon eine geistige Distanz zur bloßen Verhaltenswirklichkeit haben und, um ihre Aufgabe als moralische Steuerung erfüllen zu können, auch haben müssen. Die Produktion von ethischen Grundüberzeugungen, die sich von den Realisierungen und der Kontrolle ihrer Folgen [wie z.B. den regelrechten Genozid an bestimmten Vogel- und Insektenarten durch Windräder] lösen, ist die wirksamste Linie dieser Strategie und die systematische Bekämpfung der Wirklichkeit [wie im „climategate“ dokumentiert] durch Moral als politische Taktik mit Herrschaftsabsichten eine bisher so systematisch selten erlebte Pervertierung menschlichen Vollkommenheitsstrebens“ (Schelsky 1973: 25: Hervorhebung d.d.A.).



Es scheint also, dass der „lange Marsch durch die Institutionen“ und durch ihn die passive Revolution in vieler Hinsicht gelungen ist. Sind wir durch „Systemüberwindung“ durch Linksextreme im sozialistischen Paradies angekommen? Und wohin führt der Weg von dort weiter? Kann man für Jahrzehnte einen Weg zu einem bestimmten Ziel beschreiten, ohne sich selbst zu verändern? Kann man für Jahrzehnte einen Weg zu einem bestimmten Ziel beschreiten und meinen, das Ziel sei (noch) das, wo man hin wollte, wenn man es erreicht?

Die beiden zuletzt formulierten Fragen sind natürlich rhetorische Fragen; es sollte eigentlich klar sein, dass beide zu verneinen sind, und sei es nur aus Plausibilitätsgründen:

Man hat auf dem „langen Marsch“ seine Erfahrungen mit den Mitstreitern gemacht, erfahren, dass sie nicht weniger im Wettbewerb zueinander stehen als andere Menschen, dass sie nicht weniger als Andere diejenigen Verhaltensweisen zeigen, die den „alten“ Menschen charakterisieren, während sie andere Menschen zu „neuen“ Menschen um-/erziehen wollen, sich also in Bigotterie üben. Man ist zumindest ab und zu gewahr geworden, dass man sich selbst verändert hat, während man „marschiert“ ist, dass man nicht oder nicht mehr so anti-materialistisch eingestellt ist wie man es vielleicht tatsächlich einmal war, mit Sicherheit aber nicht (mehr) entsprechend einer anti-materialistischen Überzeugung lebt. Man hat bemerkt, dass man sich eben deshalb immer weniger persönliche Authentizität und vor allem immer weniger persönliches Wachstum leisten kann, immer mehr sozial und finanziell davon lebt, die alte Rolle zu spielen und in ihr zu verbleiben – und es genau das ist, was die „peers“ in der eigenen Echokammer von einem erwarten.

Und vielleicht hat man bemerkt, dass das Ziel, wenn man es erreicht zu haben meint, entweder nicht mehr da ist oder zu etwas anderem geworden ist als dem, weswegen man ursprünglich den „langen Marsch“ begonnen hat: der Kölner Dom, den man schützen wollte, mag inzwischen in Ruinen liegen, der Pfälzer Wald, den man erhalten wollte, mag nicht mehr viel mehr sein als ein Tummelplatz für Moutain Bike-Fahrer oder eine öffentliche Hunde-Toilette, der „tall, dark and handsome“ Mann, in den man so verliebt war, hat einen Bierbauch angesetzt und eine Glatze bekommen – you name it.

Vielleicht hat man aber auch gar nichts bemerkt. Es sind charakteristische Merkmale linker Ideologie, dass sie erstens Zustände und Konstrukte reifiziert und meint, täglich neu hervorgebrachte soziale Phänomene wie Institutionen und Ideen, die mit Worten beschrieben werden, seien reale Dinge, hätten eine reale Existenz, wären irgendwie unabhängig von den konkreten Menschen, die zusammenhandeln oder sprechen, tatsächlich vorhanden, und dass sie zweitens Veränderung ausschließlich als etwas vorstellen kann, das die Vertreter linker Ideologie als Auserwählte einer transzendenten Macht, bewerkstelligen – in einer Umwelt, in der andere Menschen bloß Statisten sind, in der Menschen nicht lernen, keine Kritikfähigkeit, Eigeninitiative oder gar Reaktanz entwickeln, in der Randbedingungen, vor deren Hintergrund bestimmte Strategien oder Ziele zu einem bestimmten Zeitpunkt (vielleicht) Sinn machen, hinreichend stabil sind, so dass eine Strategie, die vor Jahrzehnten begonnen wurde, heute zum angestrebten Ziel führen kann.

Die Welt linker Ideologen ist eine seltsam zweigeteilte: nur ihre Reifikationen und sie selbst haben Realität, können etwas tun, ja, sogar „Gesichte ist [für sie] machbar“ (Dutschke 2018[1980]), ungeachtet z.B. der Tatsache, dass der neue Corona-Virus Menschen töten kann, auch dann, wenn man auf dem Totenschein schlicht „Pneumonie“ angibt und meint, man habe damit die Realität, in der Menschen Todesopfer des neuen Corona-Virus geworden sind, wegverbalisieren können. Andere Menschen sind aber nur passive Statisten, um nicht zu sagen: Zombies, die als Karikaturen auf Menschen halbblind umherstolpern, falsch denken, falsch sprechen, falsch handeln, z.B. ihre Freizeit mit den falschen Dingen verbringen, keine eigenverantwortlich handelnden Akteure sind. Sie sind die Objekte, die die anscheinend überlegene Lebensform des gemeinen Linken zu etwas bringen kann – und muss, weil die passive, dumme „Masse“ nicht über das vermeintlich „höhere“ Bewußtsein verfügt, das linke Ideologen entwickelt haben – so in groben Zügen die Standard-Erzählung linker „Avantgarde“. Selbst dann, wenn die Objekte linkserzieherischen Handelns euphemistisch als Subjekte bezeichnet werden, sind sie immer durch linke Ideologen „zu emanzipierende Subjekt[e]“ (Dutschke 2018[1980]: 42), keine Subjekte, die einer „Emanzipation“ durch Andere gar nicht bedürfen bzw. die man kein Recht zu „(zwangs-/)zemanziperen“ hat, selbst dann, wenn sie einer „Emanzipation“ bedürften. Kurz: Sie haben nicht denselben Respekt verdient wie der gemeine Linke/Linksextreme.

Aus soziologischer Sicht ist dieser Irrtum der Linken – man könnte sie ihre ideologische Lebenslüge nennen – am besten mit Bezug auf die Institutionen zu beobachten, die im Zuge der „Systemüberwindung“ infiltriert und übernommen werden sollen. Die Übernahme von Institutionen durch Linke/Linksextreme in den letzten Jahrzehnten hat nämlich dazu geführt, dass sich die übernommenen Institutionen im Transformationsprozess systematisch delegitimiert haben, eben weil das, was diesen Institutionen ihre Existenzberechtigung, ihre Legitimation und ihre breite Akzeptanz verschafft hat, im Transformationsprozess verloren gegangen ist oder bewußt zerstört wurde.

Man kann z.B. nicht ernsthaft erwarten, dass man mainstream-Medien übernehmen kann und ihre weite Verbreitung und ihren guten Ruf als Informationsquellen dazu benutzen kann, Menschen mit ideologisch erwünschten Interpretationen von Geschehnissen zu versorgen, ohne eben durch diese Art der Instrumentalisierung der mainstream-Medien deren weite Verbreitung und guten Ruf zu zerstören. Die Konsumenten sind eben doch lernende und aus ihren Erfahrungen Handlungskonsequenzen ziehende Lebensformen, die sehr schnell erkennen, dass die übernommenen Medien nicht mehr dieselben sind, also die sind, die verläßliche Informationen liefern, und deshalb diese Medien nicht mehr nutzen oder ihnen nicht mehr vertrauen. Im Verlauf der Übernahme ist die Institution eine andere geworden; sie hat die Eigenschaften, aufgrund derer die Übernahme wichtig oder zumindest attraktiv war, im Verlauf der Übernahme verloren.

Man kann auch nicht ernsthaft erwarten, dass man Menschen von der faktischen Richtigkeit einer Situationsbeschreibung oder der Notwendigkeit von Maßnahmen aufgrund dieser Situationsbeschreibung überzeugen kann, indem man „Studien“, „Expertisen“ oder Universitätsangestellte als solche als Autoritäten anführt, wenn Universitätsangestellte im Zuge der Transformation der Institution „Hochschule“ nach leistungsfremden Kriterien ausgewählt werden, wenn Universitäten zu einem regelrecht wissenschaftsfeindlichen Ghetto linker Ideologen gemacht werden, die sich als Akademiker, Theoretiker oder Intellektuelle inszenieren wollen, oder wenn sich Inhaber öffentlicher Positionen mit dem (ehemals vorhandenen) Status akademischer Bildung bzw. akademischer Titel ausstatten, indem sie sich entsprechende Qualifikationsarbeiten von anderen Personen schreiben lassen. Das Egebnis sind wieder die Zerstörung der Eigenschaften der Institution, aufgrund derer die Insitution ihren guten Ruf und ihre Leitungsfunktion erwerben und erhalten konnte und die Übernahme der Institution wichtig oder attraktiv erschien. Der Verweis auf angeblich wissenschaftliche Studien, die an Universitäten produziert worden sind, oder auf Träger akademischer Titel als Autoritäten ruft dann nur noch Gelächter bei denjenigen hervor, um deren Beeinflussung willen man die Institution übernehmen wollte.

Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass Unternehmen weiterhin den Gewinn erwirtschaften können, aufgrund dessen die Zeit für die Systemüberwindung reif erschien, wenn im Verlauf der Systemüberwindung Unternehmen so transformiert werden, dass sie den Gewinn nicht mehr erwirtschaften können, den die Lebensweise, die Linken/Linksextremen als Ideal für den „neuen Menschen“ vorschwebt, voraussetzt. Im Zuge einer solchen Transformation ist nicht nur an immer höhere Personalkosten z.B. durch gesetzlich erzwungene Doppelbesetzungen von Stellen (z.B. im Fall von Frauen in Mutterschaftsurlaub) zu denken, sondern auch an Entprofessionalisierungseffekte (z.B. aufgrund von Stellenbesetzungen nach Quoten statt nach Eignung, d.h. Neigung und Leistung), und an Ausgaben für „virtue signalling“-Kampagnen statt Investitionen in die weitere Produktivität des Unternehmens u.v.m..

Es ist nicht möglich, „alte“ Institutionen zu übernehmen, indem man sie mit „neuem“ Sinn ausstattet und „neuen“ Menschen bestückt, denn dann hören die „alten“ Institutionen auf zu existieren bzw. sind nur noch dem Namen nach existent, sind also tatsächlich neue Institutionen, die den Namen der „alten“ Institutionen tragen und von ihren Leistungen und ihrem Ansehen profitieren wollen, aber eben das nicht können, weil sie nicht nach den Regeln funktionieren und nicht die Eigenschaften haben, die den „alten“ Institutionen eben diese Leistungen ermöglicht und ihnen eben dieses Ansehen verschafft haben. Der lange Marsch durch die Institutionen kann deshalb nichts anderes als ein „[l]ange[r] Marsch durch die Illusionen“ (Grasskamp 1995).

Wenn Linksextreme sich vom langen Marsch durch die Institutionen deren Übernahme versprochen haben, um von dort aus Gesellschaft nach ihrer Ideologie umzugestalten, dann handelte es sich also um einen grundlegenden Irrtum, der der Reifikation von (Bezeichnungen für) Institutionen geschuldet ist. Sie glaubten (und glauben), wenn etwas „Informationsmedium“ genannt würde, wäre es das auch und müsse es das auch bleiben; sie glaub/t/en, wenn etwas „Wissenschaft“ genannt würde, wäre es das auch, und wenn etwas „Universität“ genannt würde, müsse es eine Stätte höherer Bildung bzw. anspruchsvollen Denkens sein und müsse das auch bleiben.

Möglicherweise hängt dieser Irrtum – und ich vermute: eng – mit der Verachtung zusammen, die Linke gewöhnlich für das „lumpige Individuum“, wie Friedrich Engels sich auszudrücken beliebte, haben und die ich oben schon angesprochen habe. Sie glauben, Menschen seien Platzhalter, in die man Beliebiges einfüllen könne und die dementsprechend und hoch vorhersehbar handeln würden. Sie meinen, die Institution können dieselbe bleiben, ungeachtet der Menschen, die in ihr tätig sind, die sie überhaupt als solche in Existenz bringen oder halten. Sie glauben, Gesellschaft sei etwas Reales, etwas mit eigener metaphysischer Existenz, das über den Menschen steht, die kommen und gehen und die Gesellschaft bestücken, wenn es tatsächlich die Menschen sind, die reale Existenz haben und soziale Phänomene hervorbringen und soziale Phänomene bestimmter Art hervorbringen können – oder auch nicht, ganz so, wie es ihren eigenen individuellen Merkmalen und Lebensbedingungen entspricht.

Es hat mich immer fasziniert, wie ausgerechnet Linke, die den Reifikationsvorwurf gerne gegen alles und jeden erheben, systematisch und in umfassender Weise Opfer eigener Reifikationen werden, wie sie in Stabilitäts- und Kontrollphantasien befangen sind, die ihre sozialklempnerischen Ambitionen von vornherein absurd erscheinen und prinzipiell scheitern lassen müssen. Nichts ist stabil, außer vielleicht dieses eine soziologische Gesetz, nach dem Veränderungen immer unvorhergesehene und darunter gewöhnlich auch unerwünschte Effekte haben.

„Systemüberwinder“ der letzten Dekaden sollten das wissen, denn das „System“ hat sich de facto verändert, aber nur in Teilen in die Richtung, die linke „Systemüberwinder“ angestrebt haben. Ironischerweise ist eine erhebliche Demokratisierungsbewegung, besonders mit Bezug auf die Medienlandschaft und „citizen journalism“, entstanden, eben weil „Systemüberwinder“ Insitutionen, auch die mainstream-Medien, übernommen und verändert haben, um die bestehende Gesellschaft nach ihrer Ideologie umzugestalten. Die Veränderung der Institutionen hat dazu geführt, dass sie ihre Daseinsberechtigung und Legitimität verloren haben. Daher haben Menschen in Eigeninitiative alternative Institutionen geschaffen wurden, die die Funktionen übernommen haben, die von der veränderten Institution nicht mehr erfüllt werden.

Soziale Medien wie z.B. private blogs und privat betrieben Online-Zeitungen sind keineswegs nur neue Technologien der Kommunikation, sondern neue Institutionen im eigenen Recht, die die Funktionen erfüllen, die von den nur noch dem Namen nach „alten“ Medien nicht mehr erfüllt werden. Alternative Forscher außerhalb von Hochschulen haben viele Funktionen und Arbeitsweisen der Wissenschaft übernommen, die an Hochschulen, die vielleicht noch das, aber sicher keine Universitäten mehr sind, nicht mehr erfüllt bzw. gepflegt werden (sofern sie überhaupt noch bekannt sind).

Die Funktionen, die bestimmte Institutionen einmal hatten und erfüllt haben, werden seit ihrer Übernahme und Transformation nicht mehr erfüllt, und aus diesem Grund entstehen neue, sogenannte alternative Institutionen – Herbert Marcuse (1972: 60) hätte sie wohl „Gegeninstitutionen“ genannt –, die die Soll-Stellen füllen. Die Kriterien, nach denen die Qualität beurteilt wird, mit der sie dies tun, müssen angegeben werden und sind verhandelbar. Sie werden nicht nach Rechtssätzen oder Gewohnheitsrecht bestimmt – obwohl von Seiten der nunmehr etablierten „Systemüberwinder“ bzw. der übernommenen Institutionen natürlich versucht wird, die neuen Institutionen denselben Regeln zu unterwerfen, nach denen sie selbst nun prozessieren, um damit die die eigene Existenz bedrohende Konkurrenz auszuschalten –, sondern durch eine öffentliche Diskussion, in der das bessere Argument eine gute Chance hat, sich durchzusetzen.

Es wäre spannend zu wissen, wo sich Rudi Dutschke heute verorten würde, auf der Seite derer, die die Institutionen übernommen und nach linksextremer Ideologie umgeformt haben, oder auf der Seite derer, die alternative Institutionen geschaffen haben, um die Weitererfüllung bestimmer „alter“ Funktionen zu gewährleisten, hat Dutschke doch in der Zeit vom 23. Juni 1967 geschrieben:

„Wir sind in diesem System von Institutionen nicht mehr vertreten, darum sind diese Institutionen nicht Ausdruck unseres Interesses, darum müssen wir gegen diese Institutionen Stellung nehmen, unsere eigenen Institutionen errichten und das Interesse, das wir haben, adäquat politisch ausdrücken …“ (Dutschke 1980: 18).

In den damals herrschenden Umständen erschien es Dutschke, dass dies eine „Politisierung der Universität“ (Dutschke 1980: 18) erfordere. Heutzutage würde er angesichts der gegebenen Umstände vielleicht meinen, dass die Nicht-Repräsentanz der Mehrheit der Menschen in den von „Systemüberwindern“ übernommenen Institutionen, z.B. in politisierten Universitäten, die Schaffung alternativer Institutionen erfordere, die gerade nicht von Ideologie und Politik geprägt sind, sondern in denen die Erfüllung originärer Funktionen, z.B. die Bildungsfunktion, möglich ist.

Oder würde Dutschke sich in der kulturellen Hegemonie, die die übernommenen Institutionen ausüben, wohlfühlen? Würde er sich im neuen System der linksextremen „Systemüberwinder“ hinreichend repräsentiert fühlen, um sich darüber zu freuen, dass ein Teil einer Straße nach ihm benannt wurde? Zweifel hieran scheinen mir angebracht. Immerhin haben derzeit in Deutschland Liberale und Konservative, die aus linksextremer Perspektive allesamt Rechte sind, entweder gar keine oder nur eine schwache Repräsentation im Parlament und in den übernommenen Institutionen. Sie sind die APO der Gegenwart, die in Reaktion auf das „herrschende Falsche“ (Dutschke 2018[1980]) neue, alternative Institutionen entwickelt.


Endnote
[1] In einer Vorversion des Textes ist mir in diesem Abschnitt ein sachlicher Fehler unterlaufen, für den ich mich bei den Lesern entschuldige und auf den mich dankenswerterweise ein gut informierter Leser mit Nachricht vom 24. Mai 2020 hingewiesen hat. Der Teil der Kochstraße, die in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt wurde, ist nicht der Ort, an dem der Anschlag auf Rudi-Dutschke verübt wurde, wie in der Vorversion geschrieben. Der Anschlag wurde auf dem Kurfürstendamm verübt bzw. der Anschlag ist nicht der Grund dafür, warum die Straßen(teil)umbenennung erfolgte. Vielmehr geht die Umbenennung eines Teiles der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße auf eine Initiative der taz zurück. Der Historiker/Zeitgeschichtler Malte König beschreibt die Straßenumbenennung als eine Provokation in „zweierlei Hinsicht … Zum einen schieden sich an Rudi Dutschke die Geister, zum anderen handelte es sich bei der Kochstraße nicht um irgendeine beliebige Straße. Ein Blick in den Stadtplan zeigt weshalb: An der Straße lag nicht nur die Redaktion der taz, sondern auch die Axel Springer AG. Tatsächlich würde – im Falle einer Umbenennung – der Großteil ihrer Gebäude die Anschrift ‚Rudi-Dutschke-Straße‘ tragen. Vor dem Hauptsitz – also genau dort, wo im April 1968 die Studentenschaft gegen die Macht des Konzerns protestiert hatte – käme es zudem zu einer Kreuzung, auf der die Rudi-Dutschke- auf die Axel-Springer-Straße treffen würde – auf die Straße, die 1996 nach dem Verlagsgründer benannt worden war. Nicht zufällig zogen die Kollegen von der Süddeutsche Zeitung (SZ) in einem Kommentar respektvoll ihren Hut: Die taz-Redaktion habe ein feines Gespür für Revanche“ (König 2018: 466-467; Hervorhebung im Original).


Literatur

Chaussy, Ulrich, 2018: Rudi Dutschke: Die Biographie. Droemer eBook.

Dutschke, Rudi, 2018[1980]: Geschichte ist machbar: Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens. Berlin: Wagenbach.

Dutschke, Rudi, 1980: Mein langer Marsch: Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren, hrsgg. v. Gretchen Dutschke-Klotz, Helmut Gollwitzer und Jürgen Miermeister. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Gramsci, Antonio, 2000: The Gramsci Reader: Selected Writings 1916-1935, edited by David Forgacs. New York, NY: New York University Press.

Grasskamp, Walter, 1995: Der lange Marsch durch die Illusionen: über Kunst und Politik. München: C. H. Beck.

Karl, Michaela, 2003: Rudi Dutschke: Revolutionär ohne Revolution. Frankfurt/M.: Neue Kritik.

König, Malte, 2018: „Geschichte ist machbar, Herr Nachbar!“: Die Umbenennung der Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße 2004 bis 2008. Vierteljahreszeitschrift für Zeitgeschichte (VfZ) 66(3): 463-486.

Marcuse, Herbert, 1972: Konterrevolution und Revolte, S. 7-128 in Marcuse, Herbert: Schriften, Band 9. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Rummel, Rudolph J., 2017[1991]: China’s Bloody Century: Genocide and Mass Murder Since 1900. Abingdon: Routledge.

Schelsky, Helmut, 1973: Systemüberwindung, Demokratisierung und Gewaltenteilung: Grundsatzkonflikte in der Bundesrepublik. München: C. H. Beck.

Spiers, Emily, 2014: The Long March Through the Insitutions: From Alice Schwarzer to Pop-Feminism and the New German Girls. Oxford German Studies 43(1): 69-88.




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