Erzeugergemeinschaften: DIW-Studie bereitet Entmündigung von Eltern vor

Wir beobachten schon seit längerer Zeit eine Form der Arbeitsteilung, von der selbstverständlich nur Verschwörungstheoretiker denken, dass sie abgesprochen ist.

Sie geht wie folgt.

Ein Minister wird vorgeschickt, um eine Gesetzesänderung anzuregen. Er verlautbart z.B., dass es sinnvoll wäre, Kinder bereits ab dem dritten Lebensjahr in staatliche Verwaltung zu überstellen, oder er merkt an, dass man der Hatespeech im Internet langsam begegnen müssen. Ein anderer ist der Überzeugung man müsse den Einsatz von Glyphosat nach mehreren erfolgreichen Jahrzehnten nunmehr überdenken.

Davon auf den ersten Blick unabhängig tauchen so genannte Studien auf, in denen z.B. gezeigt worden sein soll, dass Hatespeech in Ostdeutschland weit verbreitet ist. Wie es der Zufall so will, gibt es in Ostdeutschland auch viele Nazis, wie eine andere Studie herausgefunden haben will, die – wie eine weitere Studie zu zeigen versucht, organisiert und gefährlich sind… Sie kennen das. Oder es gibt, purer Zufall natürlich, eine Studie, in der Insektensterben hochgerechnet, im wahrsten und wissenschaftlich unlautersten Sinne des Wortes hochgerechnet wird, in der Glyphosat zwar nicht als Datum vorkommt, aber als Begriff erwähnt wird. Die Studie entwickelt ein Eigenleben im Imperium gerunzelter Stirne, hinter denen ein Katastrophenszenario das nächste jagt.

Und dann gibt es Zufälle wie den, dass in Frankreich gerade eine Pflicht für Eltern beschlossen wurde, ihre Kinder ab 3 Jahren in staatliche Verwaltung zu überstellen.

Und noch ein Zufall: Das DIW veröffentlicht eine, na? Richtig, eine Studie, in der gezeigt wird, wie die Autoren der Studie behaupten, dass Kinder, die mit drei Jahren bereits in Kindertagesstätten abgeschoben wurden, in der neunten, nicht in der achten, auch nicht in der zwölften, nein in der neunten Klasse „kommunikativer und durchsetzungsfähiger“ sind als Kinder, die das Los, eine Kita besuchen zu müssen, „ungefähr“ ein Jahr später getroffen hat.

Wer wettet mit uns, dass diese „Studie“, diese JUNK-Studie in Kleinen Anfragen, Redebeiträgen im Parlament und allerlei Materialien, in denen der Vorteil einer frühkindlichen Verwaltung mit einhergehender Entmündigung der Eltern beschri(eb)en wird, Eingang findet?

Eigentlich ist JUNK-Studie für das Machwerk von Maximilian Bach, Josefine Koebe und Frauke Peter, das im neuesten DIW-Wochenbericht mit dem Titel „Früher Kita-Besuch beeinflusst Persönlichkeitseigenschaften bis ins Jugendalter“ veröffentlicht wurde, ein Lob. Besser wäre Trash-Studie oder JUNK-Trash-Kollaboration…

Die Autoren gehören zu dem, was man früher Datenfuzzis genannt hat. In Mannheim gibt es einen Datenfuzzi, der vermutlich immer noch schmollt, weil er von einem ScienceFiles-Redaktionsmitglied einmal (vor 20 Jahren) so bezeichnet und damit in fortwährendes Schweigen versetzt wurde. Aber: Datenfuzzis von früher, die konnten noch rechnen und haben nicht jeden Unsinn korreliert. Das ist heute anders.

Wir leben im Zeitalter der Bachs, Koebes und Peters, in dem man schon einmal auf die Idee kommt, dass das Alter bei Eintritt in den Kindergarten, nein, die Kindertagesstätte, die „Kita“ und nur das Alter bei Eintritt (und gar nichts anderes) dafür verantwortlich ist, dass Schüler im Alter von 15 oder 16 Jahren auf einer Skala von 5 bis 1 (trifft voll und ganz zu bis trifft überhaupt nicht zu) von sich sagen, dass sie aus sich herausgehen, gesellig und nicht zurückhaltend sind.

Wenn moderne Datenfuzzis wie Bach, Koebe und Peters Aussagen wie diese beiden in die Finger bekommen, dann wird daraus… Achtung: EXTRAVERSION. Hat man Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren erst einmal von solchen, die von sich sagen, dass sie mehr oder weniger aus sich herausgehen bzw. gesellig sind und mehr oder weniger nicht zurückhaltend sind, zu EXTRAVERTIERTEN Jugendlichen konvertiert: all hell breaks loose.

Nun werden die Jugendlichen, die faktisch gesagt haben, und zwar auf einer Skala von 5 bis 1 (trifft voll und ganz bis überhaupt nicht zu) von sich gesagt haben, dass sie aus sich herausgehen und/oder gesellig sind bzw. nicht zurückhaltend sind: „kommunikativer“ und „durchsetzungsfähiger“ als andere Jugendliche. Wohlgemerkt, niemand hat das gemessen. Die Datenfuzzis bilden sich das ein.

Nun macht die unsinnige Behauptung, Schüler, die sagen, die Aussage, sie seien gesellig oder gingen aus sich heraus treffe voll und ganz zu, eher zu, weder noch, treffe eher nicht zu, treffe überhaupt nicht zu, mit einem Mittelwert bei 3,47 also bei trifft eher zu, seien kommunikativer und durchsetzungsfähiger als andere, nur dann Spaß, wenn man die unsinnige Behauptung mit einer wilden Assoziation verbinden kann. Jugendliche, die im Alter von drei Jahren in die Kita eingeliefert wurden, seien wenn sie in der neunten Klasse angekommen sind, kommunikativer und durchsetzungsfähiger als Jugendliche, die erst mit „ungefähr“ vier Jahren in die Kita überstellt wurden.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Bach, Koebe und Peter behaupten hier nicht mehr und nicht weniger als eine Kausalität: Der frühere Kita-Eintritt sei ursächlich dafür, dass die dreijährigen Kita-Eintreter 12 oder 13 Jahre später durchsetzungsfähiger und kommunikativer sind als die „ungefähr“ vierjährigen Kita-Eintreter dies 12 oder 13 Jahre später sind, wobei – um es noch einmal zu wiederholen – die drei aus dem DIW keine Daten haben, die Aussagen über Durchsetzungsfähigkeit oder Kommunikationsfrequenz zulassen.

Das macht für manche unmittelbar Sinn. Was könnte zwischen dem Alter von 3 bzw. 4 und 15 bzw. 16 Jahren schon geschehen, das den (politisch gewünschten) Effekt eines früheren Eintritts in die Kindertagesstätte vergessen lässt? Jenen Effekt, den die drei vom DIW mit dem Instrumentalvariablenansatz gemessen haben, um damit den „längerfristigen kausalen Effekt des Kita-Besuchs ab dem dritten Geburtstag … zu identifizieren“? (Das war das Zitat für all diejenigen, die nicht glauben wollten, dass Bach, Koebe, und Peter tatsächlich denken, das Alter des Kita-Eintritts sei kausal für das, was man 12/13 Jahre später als Persönlichkeitsfaktor „Extraversion“ messen kann).

Nun wird der Instrumentalvariablenansatz nicht nur deshalb von richtigen Datenfuzzis mit Argwohn betrachtet, weil er recht große Standardfehler produziert, die das Ergebnis im besten Fall insignifikant im schlechtesten Fall zu Quatsch werden lassen, er ist auch ein sehr deterministisches Verfahren, das im Gegensatz zu anderen Varianten der Regressionsanalyse davon ausgeht, dass ein Modell alle exogenen Variablen beinhaltet. Das ist eine heftige Annahme, die nur Unbedarfte machen, die denken, man könne Persönlichkeitsmerkmale, die man im Alter von 15 oder 16 Jahren misst mit ausschließlich einer Variablen, nämlich dem Alter bei Überstellung in die Kita erklären.

Dagegen sind Forscher eher vorsichtig und immer der Ansicht, ihr Modell könnte nicht vollständig sein, es könnte noch andere Variablen als das Kita-Eintrittsalter geben, die einen Effekt auf die Persönlichkeit von Kindern haben, Eltern zum Beispiel, Erfolge in der Schule, im Sport, Hobbies, Peers, VNV-Nation, der 1. FC Kaiserslautern, Kartoffelpfannkuchen und Ritterfiguren, die in Rohren verloren wurden … Nein, die haben keinen Einfluss. Bach, Koebe und Peter haben es verkündet und mit dem Instrumentalvariablenansatz nachgewiesen, was kein Problem ist, da der IV-Ansatz, wie er bei Bach, Koebe und Peter kenntnisreich abgekürzt wird, keinen Fehlerterm in seinen Modellen duldet. Alles wird erklärt. Alles wird mit dem erklärt, was im Modell ist. Und wenn im Modell nur das Eintrittsalter in die Kita enthalten ist, um Persönlichkeitsmerkmale 12/13 Jahre später zu erklären, dann erklärt auch nur das Kita-Eintrittsalter.

Aber, man ist vor Irrem und Wahnsinnigem nicht gefeit, wenn moderne Datenfuzzis, also nicht die alten, die noch wussten, was sie tun, zumindest mathematisch, wüten: Bach, Koebe und Peter erklären in ihren Modellen nicht die Persönlichkeitsmerkmale von Jugendlichen im Alter von 15 oder 16 Jahren mit deren Eintrittsalter in die Kindertagesstätte, sondern das Eintrittsalter in die Kindertagesstätte im Alter von drei oder vier Jahren mit den Persönlichkeitsmerkmalen im Alter von 15 bzw. 16 Jahren, eben zum Zeitpunkt der Befragung. Moderne Datenfuzzis halten nichts mehr von Chronologie und einer konsequenten Trennung zwischen abhängigen und unabhängigen Variablen: anything goes, nothing works und alles wird interpretiert.

Und noch ein Lesebeispiel: „Jugendliche, die ungefähr ein Jahr früher als andere erstmals eine Kita besuchten, sind um 0,23 Punkte kommunikativer“.

Um 0,23 Punkte, das muss man sich einmal vorstellen.
Und alles, wegen eines um ein Jahr längeren Kita-Besuchs. 0,23 Punkte. Phänomenal. Zumal die Kommunikationsintensität gar nicht gemessen wurde. Eine wirkliche Eingebung dieses Ergebnis. 

Wenn es darum geht, politische Zuarbeit zu leisten, dann gibt es für JUNK/TRASH-Studien keinen Boden, dann ist der Boden mindestens 0,23 Punkte tiefer als beim letzten Mal, das DIW hat Junk/Trash-Studien auf ein um den Faktor 0,23 tieferes Niveau abgesenkt – oder so!


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ARD-Faktenfinder-Echokammer: Junk Studien zu Fake News

Vorrede I
Wenn Journalisten Studien zitieren, die von Mitgliedern einer „Stiftung“ erstellt worden sind und sich auf Beiträge der Journalisten beziehen, die die vermeintlichen Studien zitieren, dann ist einerseits mehr als Vorsicht geboten, andererseits ein interessanter Einblick in das Echozimmer, in dem öffentlich-rechtliche Journalistendarsteller ihre Fakten zu finden pflegen, gewährt.

Vorrede II
Der Wert jeder Studie hängt davon ab, wie gut die Ergebnisse der Studie die Realität, über die sie berichten sollen, widerspiegeln.
Dabei gibt es zwei grundsätzliche Probleme, die sich mit der Grundgesamtheit verbinden. (1) Ist die Grundgesamtheit bekannt, will man z.B. Aussagen über alle Deutschen im Alter von 18 bis 75 Jahren machen, dann muss man sicherstellen, dass die Stichprobe, die man zieht, dies ermöglicht bzw. die Abweichung der Ergebnisse, die man auf Grundlage der Stichprobe produziert, von den „tatsächlichen Ergebnissen“, die man nicht kennt, nicht zu groß ist. Das beschriebene Spiel ist ein Spiel der Normalverteilung, der F- oder der t-Verteilung mit der Realität, das sich hinter dem Begriff „Repräsentativität“ verbirgt, von der Kritiker wie wir meinen, dass es sie nicht geben kann. (2) Ist eine Grundgesamtheit unbekannt, dann kann man KEINERLEI Aussagen über sie machen, weil man sie nicht kennt. Entsprechend ist jede Aussage, die über die eigene Stichprobe hinausreicht: JUNK.

Wir befinden uns mit der Studie, die heute die ARD-Faktenfinder beschäftigt, im Bereich des JUNK, knöcheltief im Junk. Die Studie „Fakten statt Fakes“, die die „Stiftung Neue Verantwortung“ zu verantworten hat, wird von Faktenfinder „Wolfgang Wichmann“, von dem wir nur wissen, dass er als @wollvieh auf Twitter firmiert, den Lesern des ARD-Faktenfinder als bare Münze verkauft. Die „umfangreiche Studie“ basiere auf einem „Methodenmix“, der „entsprechend detaillierte Erkenntnisse rund um relevante Fake-News-Meldungen aus den Wochen vor der Wahl im September 2017“ erlaube.

Merkposten: umfangreiche Studie, Methodenmix, detaillierte Erkenntnisse und relevante Fake-News.

Über die ausgewählten Beispielfälle von Fake-News, die in der Studie, nein der Junk-Studie (Begründung folgt) der Stiftung Neue Verantwortung besprochen werden, habe „auch der ARD-Faktenfinder seinerzeit berichtet“, so Wichmann, von dem wir hier nicht wissen, ob er absichtlich eine Falschmeldung streut oder unabsichtlich. Im ersteren Fall hätten wir es, gemessen an der irren Definition von Fake News, die die Nicht-Spezialisten für Sozialforschung der seltsamen Stiftung vornehmen, mit Fake News zu tun, im letzteren Fall mit einer Ente (Dazu kommen wir noch).

Tatsächlich steht schon weit vorne im viel zu langen Bericht zur Junk Studie der Stiftung „Neue Verantwortung“, was wohl anzeigen soll, dass alle Verantwortung für methodisch sauberes Arbeiten abgelehnt wird, die folgende Passage (genau auf Seite 14):

„Die Identifikation relevanter Fake-News-Fälle erfolgt zuvorderst über ein kontinuierliches ‚Monitoring der Monitorer‘ […] Dazu zählen der Faktenfinder der Tagesschau.de-Redaktion, die Redaktion des Recherchekollektivs Correctiv, Spezialseiten wie mimikama.at und nicht zuletzt klassische Nachrichtenseiten wie Spiegel Online, die es ebenfalls als eine ihrer Aufgaben ansehen, falsche Informationen zu widerlegen.“

Mit anderen Worten, dass die Studie über Fälle vermeintlicher Fake News berichtet, die auch der ARD-Faktenfinder aufgegriffen hat, ist kein Zufall, wie Wichmann suggerieren will, es ist zwangsläufig, weil die Pseudo-Sozialwissenschaftler der Stiftung ihre Fälle u.a. beim ARD-Faktenfinder gesammelt haben.

Wo wir das so schreiben. Eigentlich ist die Frage nach Fake News oder Ente entschieden: Wichmann versucht seine Leser hinters Licht zu führen. Er verbreitet Fake News.

Der ganze Täuschungszinnober und der ganze Aufwand dieser Junk Studie wurde betrieben um die folgende Meldung an die Leser der ARD-Faktenfinder zu bringen:

„Fake News, so wie sich das Phänomen in Deutschland empirisch darstellt, werden vor allem von Rechten, Rechtspopulisten… und Rechtsextremen verbreitet. Dabei bildet die AfD die Speerspitze der Verbreitung, in sieben von zehn von uns dokumentierten Fällen ist sie unter den Top-10 der reichweitenstärksten Verbreiter.“

So steht es im Bericht zur Junk Studie auf den Seiten 2 und 3. Die redaktionelle Bearbeitung von Wichmann liest sich wie folgt:

„Vielmehr seien die Quellen für Falschmeldungen hierzulande am rechten Rand zu suchen:

Fake News, so wie sich das Phänomen in Deutschland empirisch darstellt, werden vor allem von den Rechten, RechtspopulistInnen und Rechtsextremen verbreitet.
Besonders auffällig agierten demnach Vertreter der Alternative für Deutschland: Sieben der zehn untersuchten Fälle seien von AfD-Accounts verbreitet worden – darunter die reichweitenstarke Facebookseite der Bundespartei oder das Profil des Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen.“

Die Zielsetzung ist klar: AfD diskreditieren und behaupten, was man berichtet sei durch eine angebliche Studie belegt.

Kommen wir zurück auf Problem 2 von oben, das die Frage, welche Aussagen man aus einer Stichprobe ableiten kann, zum Gegenstand hat.

Wie viele Fake News es im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 gegeben hat, das weiß niemand. Entsprechend haben wir es mit einer unbekannten Grundgesamtheit zu tun. Aussagen über Fake News als solche sind deshalb nicht möglich. Wer sie dennoch macht ist dumm oder verlogen.

Die Stichprobe, die die sozialwissenschaftlich Unkundigen der Stiftung „Neue Verantwortung“ gezogen haben, besteht aus 10, in Worten: ZEHN Fake News. Diese 10 Fälle haben sie untersucht und auf Grundlage dieser 10 Fälle wollen sie generelle Aussagen über die Menge von Fake News, die Reichweite von Fake News und diejenigen, die Fake News verbreitet haben, machen. Wir haben es nicht nur mit einer Stiftung zu tun, die Verantwortung neu definiert, auch Lauterkeit wird hier neu definiert als unlauter, verlogen, haltlos, …

Wir haben es also mit einer Grundgesamtheit von Fake News zu tun, die niemand kennt und mit einer Junk Studie, deren Urheber aus 10 Fallstudien Schlüsse auf die unbekannte Grundgesamtheit der Fake News ziehen wollen. Das allein reicht schon, um festzustellen, dass die Autoren dieser Junk Studie entweder bar jeglicher methodischen Kenntnis sind oder den ganzen Zinnober nur betreiben, um die AfD diskreditieren zu können. Aber wir sind noch nicht am Ende.

Was passiert wohl, wenn man eine Umfrage unter Mitgliedern der Mafia zum Thema Schutzgelderpressung macht? Etwa: „Wie finden Sie Schultzgelderpressung?“ Antwortmöglichkeiten: super, Ganz super, XXL super? Das klingt lustig und niemand würde derartigen Blödsinn forschen wollen? Doch. Denn genau das haben die – uns fehlen die Worte – Neu Verantwortlichen getan. Wie oben zitiert haben sie Fake News ausschließlich aus Quellen bezogen, die jenseits jeden Verdachts stehen, sie könnten auch Fake News von Personen verarbeiten, die sie nicht für rechts halten oder die von links kommen. Dieses methodisch indiskutable Vorgehen, das in einer verzerrten Stichprobe ohne jeden Wert selbst dann resultiert hätte, wenn man die Grundgesamtheit kennen würde, schlägt sich in den 10 Beispielen von Fake News nieder: 8 der 10 Fake News betreffen Flüchtlinge, in einem Fall geht es um die Gleichsetzung von Deutschen und Nazis, in einem weiteren um die Folgen von Antifa Ausschreitungen.

Diese 10 Fälle wollen die Neu Verantwortlichen und die Faktenfinder, die mit ihnen eine Echokammer teilen, in die die Kunde von sozialwissenschaftlichen Methoden und Standards noch nicht vorgedrungen ist, als Grundlage nutzen, um auf die Verbreitung und die Verbreiter von FAKE NEWS als solcher zu schließen.
Zu sagen, das ist unseriös ist eine Untertreibung. Bewusste Täuschung durch eine Fake Studie, denn der Junk ist nicht einmal als Junk Studie geeignet, trifft es schon eher.

Die Merkposten von oben, die im Werbetext von Wichmann, mit dem er die Fake Studie anpreisen will, zu finden sind, sie lauten: umfangreiche Studie, Methodenmix, detaillierte Erkenntnisse und relevante Fake-News. Weder ist die Studie umfangreich noch ist der Methodenmix auch nur ansatzweise sinnvoll. Detaillierte Erkenntnisse lassen sich bestenfalls für 10 Einzelfälle von Fake News, aber nicht darüber hinaus finden und auch das nur, wenn man das Problem ignoriert, dass man nicht weiß, warum gerade diese Fake News ausgewählt wurden, also bereit ist, willkürliches Geschwätz abzusondern. Das bringt uns zum letzten Punkt: Dass die betrachteten Fake News relevante Fake News sind, bedarf der Begründung. Diese Begründung wiederum bedarf der Kenntnis der Grundgesamtheit. Die Grundgesamtheit ist unbekannt. Selbst wenn die Grundgesamtheit bekannt wäre, ist eine Analyse, die relevante Fake News ausschließlich im rechten Lager sucht, sicher keine Analyse, die relevante Fake News untersucht, denn die Feststellung, dass relevante Fake News untersucht worden sind, bedarf des Vergleichs, mit Fake News aus anderen Quellen. Dieser Vergleich fehlt vollständig.

Somit ist es auch kein Wunder, dass die Unkundigen sozialwissenschaftlicher Methoden Fake News vornehmlich bei Rechten, Rechtspopulisten oder Rechtsextremen finden. Wer vornehmlich bei denen sucht, die er für Rechte, Rechtspopulisten oder Rechtsextreme hält, der wird auch vornehmlich bei Rechten, Rechtspopulisten oder Rechtsextremen fündig. Daran ist nichts verwunderlich, höchstens, dass ARD-Faktenfinder und Neu Verantwortliche denken, ihre Leser wären so dumm, diesen offenkundigen Schwindel nicht zu durchschauen. In ihrer Echokammer herrschen sehr geringe intellektuelle Standards. Wir warnen davor, diese Standards zu verallgemeinern …

Bleibt noch der größte Unsinn nachzutragen. Die Definition von Fake News.
Fake News liegt für die Neu Verantwortlichen dann vor, wenn „falsche oder irreführende Informationen, die jemandem (Personen, Gruppe, oder Organisation) Schaden zufügen soll“, gezielt verbreitet wird, wenn eine Intention nachgewiesen werden kann.

Witzigerweise qualifiziert sich nicht eines der 10 Fallbeispiele nach dieser Definition als Fake News. Es sei denn, man geht davon aus, dass z.B. in acht der 10 Fällen Flüchtlinge geschädigt werden sollen, was Unsinn ist, denn man kann nur konkrete Personen, keine Gruppen schädigen oder davon, dass die Antifa geschädigt werden soll, was weitgehend unnötig ist, denn die Antifa schädigt sich durch das Verhalten ihrer Mitglieder besser als es jede Fake News je könnte. Die Definition ist tautologisch, denn es ist nicht möglich, die Schadensintention von der angeblichen Nachricht zu trennen. Ebenso ist es unmöglich, die Intention überhaupt zu bestimmen. Dazu müsste man wissen, wer Fake News in erster Linie in die Welt setzt, was man nicht weiß, man weiß lediglich, wer sie verbreitet.

Damit sind wir beim nächsten Problem. Die Verbreitung von Fake News sagt nichts darüber aus, ob die Fake News im Glauben, sie sei echt, verbreitet wird, oder mit dem entsprechenden Vorsatz, dass es sich dabei um Fake News handelt. Letztlich kann man auf Basis dessen, was die Neu Verantwortlichen da geforscht haben wollen, nur sagen, dass sie von Sozialforschung so viel Ahnung haben, wie ein Tauber von Beethovens Fünfter Symphonie.

Wir könnten noch Seiten lang Unsinn aus der Fake Studie anführen. Okay, einen haben wir noch: Satire kann keine Fake News sein, so steht es auf Seite 12, denn Satire werde nicht in böser Absicht gemacht. Die Neu Verantwortlichen sind nicht nur im Hinblick auf Methoden der empirischen Sozialforschung ahnungslos. Die sind in einer Weise naiv, die Mitleid erweckt.

Wir haben noch einen (aber dann ist Schluss):
Die böse Absicht als sinnloses Kriterium zur Identifikation von Fake News ist notwendig, um Enten, als Falschmeldungen von Journalisten von der Boshaftigkeit zu befreien, die z.B. mit der wiederkehrenden Falschmeldung, dass es zwischen Männer und Frauen in Deutschland ein Pay Gap von 21 Prozent gäbe, verbunden ist. Wie einfältig und ideologisch motiviert eine solche unbrauchbare Abgrenzung ist, wird spätestens dann deutlich, wenn man weiß, dass die Neu Verantwortlichen dann keine Absicht unterstellen, wenn eine Falschmeldung korrigiert wird. Diese Naivität ist wirklich nicht zu steigern. Wer also nicht in den Ruch kommen will, Fake News zu verbreiten, der muss Fake News verbreiten und nach zwei, drei Tagen, länger, so haben die Neu Verantwortlichen herausgefunden, wirke Fake News nicht, sagen: „Ey, ich habe mich geirrt“. Schon ist er ein ehrlicher Journalist, der sich mit seiner Berichterstattung Mühe gibt.

Kann man so dumm sein wie die Neu Verantwortlichen und ihre Faktenfinder-Freunde?
Man kann es.
Offensichtlich.


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DAK macht’s möglich: Wenn 26 Teenager zu 100.000 Süchtigen erklärt werden

Wir haben auf ScienceFiles schon viele schlechte Studien besprochen. Darunter waren etliche, bei denen die Grenze zur Datenfälschung überschritten war. Die Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse, deren Ergebnisse von FORSA forciert wurden, ist in der Spitzengruppe der Trash-Forschung und Junk-Studien. Das Bemühen, auf Grundlage eines Nanopartikel einen Elefanten herbeizureden, um einen (finanziellen) Vorteil daraus ziehen zu können, ist allgegenwärtig, und die Art und Weise, in der dies geschieht, lässt an der Täuschungsabsicht keinen Zweifel.

Fangen wir vorne an:
Es wird von Sucht geredet, aber keine Sucht gemessen.

„Studie: So süchtig machen WhatsApp, Instragramm und Co.“

Obwohl in der Überschrift von „Sucht“ die Rede ist und im Text auf „wissenschaftliche Kriterien aus den Niederlanden (Social Media Disorder Scale)“ verwiesen wird, kann von Sucht keine Rede sein, denn eine Sucht ist nach wie vor wie folgt definiert (von der American Association of Addiction Medicine):

„Addiction is a primary, chronic disease of brain reward, motivation, memory and related circuitry. Dysfunction in these circuits leads to characteristic biological, psychological, social and spiritual manifestations. This is reflected in an individual pathologically pursuing reward and/or relief by substance use and other behaviors”

Damit eine Sucht attestiert werden kann, ist somit eine körperliche Abhängigkeit, die sich medizinisch nachweisen lässt und im Verhalten niederschlägt, und zwar in einer Weise, die das Individuum nicht mehr zu einem normalen Leben fähig sein lässt, notwendig. Aus der Zustimmung von 12 bis 17jährigen zu fünf von neun Aussagen wie, dass sie im vergangenen Jahr heimlich soziale Medien nutzen, dass sie im vergangenen Jahr soziale Medien nutzen, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen, dass sie sich im vergangenen Jahr oft unglücklich gefühlt haben, wenn sie keine sozialen Medien nutzen konnten, dass sie im vergangenen Jahr durch die Nutzung sozialer Medien ernsthafte Probleme mit Eltern, Brüdern oder Schwestern oder Freunden [mit irgendjemandem halt] hatten, zu folgern, dass die entsprechenden Jugendlichen „Soziale-Medien-süchtig“ sind, ist vor dem Hintergrund des Alltagsverstands lächerlich und vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Lauterkeit nicht zu vertreten.

Aber um wissenschaftliche Lauterkeit geht es nicht. Das wird schon anhand der konspirativen Art und Weise deutlich, in der von „wissenschaftlichen Kriterien aus den Niederlanden“ die Rede ist, die Grundlage der Messung von „Social-Media-Abhängigkeit“ sein sollen. Dabei handelt es sich vermutlich um die Social Media-Disorder-Scale (SMD) die van den Eijnden, Lemmens und Valkenburg entwickelt haben. Die SMD ist nur einer von vielen Versuchen, Sucht im Zusammenhang mit neuen Medien zu einem Thema zu stilisieren. Ein anderes Produkt aus der selben Schmiede ist die CIUS [Compulsive-Internet-Use-Scale], die Gert-Jan Meerkerk et al. (2009) entwickelt haben. Daneben gibt es noch den Internet-Addiction Test (IAT) von Young (1998) oder die Internetsuchtskala (ISS) von Hahn & Jerusalem (2003). Sie alle stellen Versuche dar, Internet- oder Soziale-Medien-Sucht zu messen. Sie alle sind bestenfalls windig. Ihnen allen fehlt ein Beleg dafür, dass sie tatsächlich in der Lage sind, Suchtverhalten zu messen. Sie alle haben einen distinktes Bouquet der Willkür, wie man leicht sehen kann, wenn man in der Aussagenliste, die wir unten (Abbildung) wiedergegeben haben, „soziale Medien“ mit „Tageszeitung“ oder „Fernseher“ oder „I-Pod“ oder „Kaffe“ oder „Tee“ oder „Fahrrad“ ersetzt.

Aber wissenschaftliche Lauterkeit interessiert natürlich die Tugend-Krieger nicht, die auf den Kriegspfad gehen, um Jugendliche vor einer Sucht zu retten, die sie gerade erst für diese Jugendlichen erfunden haben. Ihnen geht es um die eigene moralische Grandeur und das damit verbundene Hysteriepotential. Ihnen geht es darum, Präferenzen und Verhalten gleichzuschalten und Jugendliche aus dem unkontrollierbaren Internet in die Fittiche öffentlich-rechtlicher Sender zurückzuholen.

Wenn es darum geht, hysterisch zu sein über etwas, das es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gibt, dann dürfen natürlich auch Politiker nicht fehlen. Und wenn es um Sucht geht, dann scheint nichts so billig zu sein, wie die Feststellungen der Drogenschutzbeauftragten, der noch niemand gesagt zu haben scheint, dass ihre persönlichen Erfahrungen keinerlei Grundlage abgeben, um verallgemeinerbar zu sein:

„Ich stelle immer wieder fest, dass Eltern, wenn es um die Onlinenutzung ihrer Kinder geht, Orientierung suchen, und zwar von kompetenter Hand. Kinder müssen lernen, mit digitalen Medien umzugehen. … Klar ist zudem, dass auch der Jugendschutz noch besser auf die Angebote im Netz antworten muss als es bisher gelingt, gerade mit Blick auf die Suchtpotenziale“, sagt Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Klar ist, dass die Sucht von Mortler, in der Presse zu erscheinen, bedenklich ist. Wir stellen immer wieder fest, dass sie bei Themen, die auch nur ansatzweise etwas mit Sucht zu tun haben könnten, die Angewohnheit hat, den Mund aufzumachen und Dinge zu sagen, die in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrem Wissen über diese Themen stehen.

Doch zurück zur Studie der DAK.
Dort wird hochgerechnet, wenig wird hochgerechnet, ganz wenig.

Rechnen wir auch ein wenig, um den Irrsinn, der hier Pressemitteilung geworden ist, darzustellen.

Wie immer, wenn in Pressemeldungen die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt werden soll, werden Prozentzahlen genannt: „2,6% der Befragten sind bereits süchtig nach Social Media … Auf alle 12 – bis 17-Jährigen in Deutschland hochgerechnet entspricht dieser Prozentsatz etwa 100.000 Betroffenen“.

Forsa hat 1001 12 bis 17-Jährige für die DAK befragt. Die Behauptung, dass die Befragung „repräsentativ“ sein soll, geht damit wie gewöhnlich einher. Bis zum Beweis des Gegenteils behaupten wir, dass die Befragung von Forsa nicht repräsentativ ist. Es wäre ein wirkliches Kunststück, ein repräsentative Stichprobe einer selegierten Population zu Wege zu bringen. Irgendwie glauben wir nicht, dass Forsa dieses Kunststück zu Stande bringen kann, an dem schon ganz andere gescheitert sind.

Aber die entsprechende unsägliche Repräsentativitätsdiskussion ist gar nicht notwendig, denn die 2,6%, die hier auf 100.000 hochgerechnet werden, sind genau 26 Hanseln (Wir gehen davon aus, dass Forsa von allen 1001 Befragten gültige Antworten vorliegen hat. Das ist eine Annahme zu Gunsten von Forsa, denn normalerweise hat man in Datensätzen rund 10%-15% fehlende Werte).

26 Hanseln zu 100.000 Süchtigen hochzurechnen, das ist vollkommener Unsinn und außer der Drogenbeauftragten der Bundesregierung fällt auf diesen Unsinn vermutlich kaum jemand herein.

Weiter geht es mit Prozentzahlen: „Wer von sozialen Medien abhängig ist, hat ein um den Faktor 4,6 Prozent höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken …“

Damit sind wir in der Abteilung Manipulation mit Anzeichen von Betrug angekommen. Nach Depressionen wurde nämlich nicht gefragt. Wie auch: Bist Du depressiv? Hat Dich ein Arzt als depressiv diagnostiziert? Einen solchen Blödsinn fragt nicht einmal Forsa. Entsprechend muss man vermuten, dass diejenigen, die von sich sagen, sie hätten sich im vergangenen Jahr „oft unglücklich gefühlt, wenn sie keine sozialen Medien nutzen konnten“, als depressiv gewertet werden. Was davon zu halten ist, muss man wohl kaum aussprechen. Es reicht festzustellen, dass die DAK ihre Glaubwürdigkeit verspielen zu wollen scheint. Dafür spricht auch der „Faktor 4,6 Prozent“. Der Ersteller der Pressemeldung war offensichtlich nicht ganz firm in Rechnen, dafür aber firm in billigen Manipulationstechniken.

Rechnen wir.
Wir haben 26, die angeblich Soziale-Medien-süchtig sind.
Nehmen wir an, 4 von diesen 26 haben gesagt, dass sie sich ohne soziale Medien oft unglücklich gefühlt haben.
4 von 26 ergibt 15,3%
Es bleiben 975 Restbefragte, die nicht süchtig sind.
Wenn die 4 ein um 4,6 Prozent höheres Risiko an Depression haben, dann müssen 15,3 / 4,6 = 3,3 Prozent der restlichen Befragten auch gesagt haben, dass sie sich oft unglücklich fühlen ohne Soziale Medien.
3.3% von 975 ergibt 32 Befragte.
Und so kommt es, dass nunmehr vier Hanseln dafür verantwortlich sind, dass die vermeintlich Süchtigen ein höheres Depressionsrisiko haben als die nicht Süchtigen, bei denen 32 ein entsprechendes Risiko hätten, wenn man die haarige Behauptung von DAK und Forsa für bare Münze nehmen würde.

Fassen wir zusammen:
Es wird behauptet, Sucht gemessen zu haben, aber es wurde keine Sucht gemessen.
Es werden 26 Befragte zu 100.000 hochgerechnet und 4 Hanseln benutzt, um ein 4,6faches Depressionsrisiko zu behaupten.
Depression bzw. das Risiko von Depression wurde in der Befragung überhaupt nicht erhoben.

Das reicht eigentlich schon, um den Junk in den Orkus zu werfen, in den er gehört. Aber es kommt noch besser.

Machen Sie den Selbsttest anhand der folgenden Skala: Wer mehr als viermal „Ja“ sagt, der ist süchtig.

Die Skala erinnert etwas an das Täterprofil, das der Stupendous Yuppi in Clyde Bruckman’s final Repose erstellt, der Täter ist ein white male, age seventeen to thirty-four, with or without a beard, maybe a tattoo… who’s impotent.

Und – man muss ergänzen – er ist vermutlich süchtig nach dem Internet oder nach Sozialen Medien oder nach Ruhm, oder Ruhe, nach Pressemeldungen, Öffentlichkeit, Geld, Hilfsbedürftigen, Beitragszahlern … irgendetwas wird es schon sein!

Eijnden, Regina JJM van den, Lemmens, Jeroen S. & Valkenburg, Patti M. (2016). The Social Media Disorder Scale. Computers in Human Behavior 61: 478-487.

Hahn, André & Jerusalem, Matthias (2003). Reliabilität und Validität der Online-Forschung. In: Theobald, Axel, Dreyer, Marcus & Starsetzki, Thomas (Hrsg.). Online Marktforschung. Theoretische Grundlagen und praktische Erfahrungen. Wiesbaden: Gabler, S.161-186.

Meerkerk, Gert-Jan, van den Eijnden, Regina J. J. M., Vermulst, Ad A. & Garretsen, Henk F. L. (2009). The Compulsive Internet Use Scale (CIUS): Some Psychometric Properties. CyberPsychology & Behavior 12(1): 1-6.

Young, Kimberley S. (1998). Caught in the Net: How to Recognize the Signs of Internet-Addiction – and a Winning Strategy for Recovery. New York: Wiley.

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Macht Politiker persönlich verantwortlich: „Skin in the Game!“

Allen, die es noch nicht kennen, sei an dieser Stelle das politisch höchst unkorrekte Buch von Nassim Nicholas Taleb „Antifragile“ empfohlen. Es ist ein Genuss zu lesen. In diesem Buch entwickelt Taleb nicht nur eine Vielzahl von neuen Ideen, die alle auf seinem Konzept der Antifragilität basieren, er hat darin auch ein Kapitel, das sich mit opportunistischem Verhalten beschäftigt, wie es z.B. Politiker Wählern gegenüber zeigen, deren Steuergelder sie aus dem Fenster werfen, deren politischen Willen, sie nach Wahlen mit Füßen treten, deren Meinung ihnen nur so lange wichtig ist, solange sie dem entspricht, was sie für die korrekte Meinung halten usw.

Eine kleine Kostprobe aus „Antifragile“.

Eines der vielen Probleme moderner Gesellschaften, so argumentiert Taleb, sei das Verschwinden von Heldentum. Heldentum zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass Einzelne große Risiken, die große Auszahlungen versprechen, eingehen und die Folgen ihrer Entscheidung, das entsprechende Risiko einzugehen, selbst tragen. Statt dieses Heldentums gibt es heute eher ein Maulheldentum, das sich dadurch auszeichnet, dass unter anderem Politiker Handlungsentscheidungen treffen, deren Folgen nicht sie, sondern andere zu tragen haben.

Taleb im Original:
„I am even more distraught for the future of the human race when I see a nerd behind a computer in a D.C. suburb, walking distance from a Starbucks coffeehouse, or a shopping mall, capable of blowing up an entire battalion in a remote place, say Pakistan, and afterwards going to the gym for a ‘workout’ (compare his culture to that of knights or samurai). Cowardice enhanced by technology is all connected: society is fragilized by spineless politicians, draft dodgers afraid of polls, and journalists building narratives, who create explosive deficits and compound agency problems because they want to look good in the short run” (379).

Das, was Taleb hier als Agency Problem beschreibt, besteht darin, dass Politiker KEINE Kosten für ihre Entscheidungen tragen. Alle anderen tragen die Kosten, nicht sie. Auch eine Abwahl oder ein Ausscheiden aus dem Amt hat keine Kosten für Politiker, sondern eine Pension und eine oft über Jahre andauerte Fortsetzung ihrer Bezüge zur Folge. Um Politiker zu sein, muss man keine Kompetenzen oder Befähigungen vorweisen, man kann Entscheidungen ohne Risiko treffen und hat keinerlei ernstzunehmende Folgen zu fürchten, selbst dann nicht, wenn man den Ruin einer Gesellschaft zu verantworten hat.

Um diesem Free Rider-Tum ein Ende zu setzen, fordert Taleb, Skin in the Game: D.h. Politiker müssen durch die Entscheidungen, die sie treffen, das Risiko eingehen, an den Kosten der Entscheidung beteiligt zu werden. Wer Steuerzahler schädigt, weil er z.B. Studien in Auftrag gibt, um seinen politische Launen zu frönen oder Bekannte zu versorgen, der muss dann, wenn Junk herauskommt, zur Rechenschaft ziehbar sein, der muss die Kosten, die er produziert hat, tragen.

Nehmen wir z.B. die unsägliche Junk-Studie des Instituts für Demokratieforschung in Göttingen, in der alle Ostdeutschen rundweg zu Rechtsextremisten erklärt werden.

Iris Gleicke hat die Studie in Auftrag gegeben. Nicht weil diese Studie notwendig oder auch nur wichtig gewesen wäre, sondern weil Gleicke sich als Kämpfer gegen den Rechtsextremismus, und zwar auf Kosten der Steuerzahler inszenieren will.

Wir haben die Studie als erste zerlegt, die methodischen Mängel angesprochen, darauf hingewiesen, dass qualitative Interviews mit ein paar Hanseln, die derselben ideologischen Couleur angehören, wie die Autoren der Studie und Beobachtungen in drei sächsischen Gemeinden nicht die Datengrundlage darstellen, auf der man Schlüsse auf „die Ostdeutschen“ ziehen kann. Wir haben die gewürgte Art und Weise, in der die Autoren versuchen, Rechtsextremismus zu finden, kritisiert, das Fehlen jeglicher Methode, jeglicher begründeter Auswahl angemerkt und darauf hingewiesen, dass ernsthafte Zweifel bestehen, dass die qualitativen Interviews, die angeblich geführt worden sein sollen, auch tatsächlich geführt wurden.

Und Gleicke hat die Studie verteidigt.
Zunächst.

Dann haben Medien unsere Kritik aufgenommen.
Und Gleicke ist eingeknickt.

Die deutsche Übersetzung. Der idiotische Untertitel lässt nichts Gutes erwarten…

Plötzlich war die Ostbeauftragte der Ansicht, die Studie, die sie bestellt hat und deren angebliche Ergebnisse ihr nicht nur gut in den Kram gepasst haben, sondern auch wenige Tage zuvor noch korrekt vorkamen, sei voller Fehler und eine „schlicht nicht hinnehmbare Schlamperei“. Gleicke ist einer der Politdarsteller, die alles behaupten würden, um eine eigene Verantwortung an andere abschieben zu können.

Weil die Wogen ob des Versuchs, alle Ostdeutschen auf einen Schlag zu rechtsextremisieren, weiter hoch geschlagen sind, hat sich Gleicke zudem genötigt gesehen, die Rückforderung der 129.391,86 Steuereuro in den Raum zu stellen, die die „nicht hinnehmbare Schlamperei“ gekostet hat.

Die WELT, bei der sich manch einer noch oder inzwischen wieder an das erinnert, was Journalismus ausmacht, hat das gemacht, was Journalismus ausmacht: Nicht locker gelassen und nachgefragt. Wie ist das nun mit der Rückforderung der Steuereuros für „die nicht hinnehmbare Schlamperei“?

Nichts ist damit. Offensichtlich der Ansicht, dass die Wogen, wenn sie sich einmal geglättet haben, die Junk-Studie aus Göttingen als solche der Vergessenheit anheim gefallen ist, dann wird sich, so das Kalkül, das falsche Kalkül, auch niemand mehr an die 129.391,86 Steuereuro erinnern, die für die „nicht hinnehmbare Schlamperei“ aus dem Fenster geworfen wurden.

Aber bei der WELT hat sich Marcel Leubecher erinnert und nachgefragt. Hier die Antwort, die er bekommen hat: Man habe eine Korrektur der [Junk-]Studie gefordert, die Ende 2017 abgeschlossen worden sei. Die korrigierte [Junk-]Studie werde jedoch nicht mehr veröffentlicht. Dafür werden die 129.391,86 Steuereuro in voller Höhe überwiesen. Denn: Man höre und staune: nach reiflicher Erwägung scheut man im Wirtschaftsministerium, dem Gleicke angebiedert ist, die Kosten für einen Rechtsstreit. Das muss man sich einmal vorstellen: Der Riese Bundeswirtschaftsministerium hat Angst vor dem Göttinger Zwerg.

Die Begründung ist offensichtlich vorgeschoben. Die Versorgung der alten Getreuen in Göttingen ist wichtiger als der verantwortliche Umgang mit Steuergeldern. Und warum liegt es Politikern näher, Steuereuro zu verschwenden als sie verantwortungsvoll einzusetzen? Sie haben keine Kosten, kein „Skin in the Game“, wie Taleb es formuliert. Alles sähe ganz anders aus, wenn die 129.391,86 Steuereuro, die für eine „nicht hinnehmbare Schlamperei“ aus dem Fenster geworfen wurden, nunmehr von Gleicke in die Steuerkasse zurückerstattet werden müssten. Immerhin hat sie den Missbrauch der Steuergelder zu verantworten bzw. ist sie dafür verantwortlich, dass die Steuereuro nicht zurückgefordert werden.

Wären Politiker an den Kosten ihrer Handlungen direkt beteiligt, müssten sie damit rechnen, dann, wenn sie Steuergelder zur Befriedigung ihrer ideologischen Grillen einsetzen oder dazu, Bekannte zu finanzieren, zur Verantwortung gezogen zu werden, der Umgang mit Steuereuros wäre ein anderer. Deshalb ist es an der Zeit, Politiker persönlich haftbar zu machen, sie in die Verantwortung für das, was sie tun, zu nehmen.

Wer geht voran und stellt eine Petition online, Zweck: Gleicke auf die Rückerstattung von 129.391,86 Steuer-Euro zu verklagen? Der Erfolg der Petition ist gesichert, denn im Bundeswirtschaftsministerium scheut man rechtliche Auseinandersetzungen.

Hier der Gang der Dinge zum Nachlesen:

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Tolle Studie: Die NPD wird gewählt, weil sie gewählt wird

„I’m still here. Elektorale Erfolgsbedingungen der NPD in Gemeinden Sachsens“, so hat Reinhold Melcher in aller Ignoranz der Grammatikregeln des Englischen, einen Beitrag in der Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft überschrieben, in dem er zunächst einmal mit dem Makel der späten Publikation seiner alten Daten aus dem Jahre 2013 hadert, wird doch, wie er schreibt, der „NPD sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschung mittlerweile nur noch selten Aufmerksamkeit zuteil“. Das ist traurig, aber wir haben ja Melcher, der das mit seinem Beitrag ändert, einem Beitrag, dessen Sprachbombast der Analyseärmlichkeit in nichts nachsteht:

Aber lassen wir den Autoren selbst zu Wort kommen:

„Aufgrund des rasanten Aufstiegs der AfD wird der NPD sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschung mittlerweile nur noch selten Aufmerksamkeit zuteil. Häufig vernachlässigt wird allerdings, dass die NPD auf Gemeindeebene nach wie vor vertreten und auch elektoral erfolgreich ist. Jedoch nicht überall gleichermaßen. Auf Basis eines most-similar-case-designs untersucht der Beitrag daher die Erfolgsbedingungen der NPD in sächsischen Gemeinden zur Bundestagwahl 2013. Unter Verwendung von Aggregatdaten von 438 sächsischen Gemeinden und mittels räumlicher Fehlermodelle werden insgesamt 14 Hypothesen getestet, die drei Gruppen von Erklärungsfaktoren entstammen: kulturelle demand-side, materialistische demand-side sowie interne supply-side-Faktoren. Die empirischen Analysen zeigen, dass kulturelle Erklärungsfaktoren den Stimmenanteil der NPD am stärksten beeinflussen, wohingegen die Wirkung materialistischer Gemeindefaktoren durch Drittvariablen konditioniert wird. Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass die NPD im Wesentlichen von günstigen kommunalen Rahmenbedingungen profitiert und nur im begrenzten Maße Einfluss auf den eigenen Wahlerfolg nehmen kann.”

Melcher hat also Aggregatdaten zusammengeklaubt: für 438 sächsische Gemeinden. Was gibt es auf Ebene von Gemeinden? Jetzt kommt das Data Mining.

  • Arbeitslosequote; Gut!
  • Verteilung nach Alter; Gut!
  • Gemeindefinanzen; Gut!
  • Kriminalität; Gut!

Alles spröde: Nennen wir es daher „materialistische demand-side Faktoren“, klingt gleich viel besser.
Weiter:

  • Ausländeranteil; Auch gut!
  • Bevölkerungsdichte; Besonders gut!
  • Pro-Kopf-Mitgliedschaft in Vereinen; Wow!!
  • Anteil der Kirchenmitglieder; Wir sind sprachlos.

Etwas PR-polish und aus den vier langweiligen Datengruppen werden „kulturelle demand-side Faktoren“.

Hört sich gut an, oder?

Noch ein wenig Supply-side gefällig? Aber gerne:

  • Anzahl der NPD-Abgeordneten im Gemeinderat;
  • Fahrtstrecke bis zum nächsten NPD-Wahlkreisbüro;

Damit ist auch gewährleistet, dass wir den Wahlerfolg der NPD mit dem Wahlerfolg der NPD erklären.

Kommen wir nun zu den räumlichen Fehlermodellen im most-similar-case design, bei denen es sich um schlichte Regressionen handelt, die zeigen, dass der Wahlerfolg der NPD tatsächlich vom Wahlerfolg der NPD (gemessen als Anzahl der Abgeordneten in der Gemeinde) beeinflusst wird. Puh. Das beweist, dass etwas gemessen wurde und erklärt, warum Melchert feststellen kann, „dass die NPD im Wesentlichen von günstigen kommunalen Rahmenbedingungen profitiert und nur im begrenzten Maße Einfluss auf den eigenen Wahlerfolg nehmen kann“.

Anders formuliert: Die NPD wird gewählt, weil und wenn Sie gewählt wird. Ein wichtiges Ergebnis, das einmal mehr zeigt, dass keine Tautologie ignoriert werden darf, wenn es darum geht, den Rechtsextremismus an seinen Wurzeln zu zerstören.

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