Die WELT hat gestern einen Beitrag unter dem Titel: “Lehrer zu sein ist für mich der schönste Beruf der Welt” veröffentlicht. In dem Beitrag erzählt ein 67jähriger Studiendirektor, “wie sich die Schülerschaft in den vergangenen 30 Jahren verändert” hat und kritisiert [in einem Satz] eine Absenkung des Leistungsniveaus, so jedenfalls suggeriert es der einleitende Text.
Der Lehrer unterrichtet Deutsch und Musik und sein Bericht zeigt sehr deutlich, was im derzeitigen deutschen Schulssystem alles in die falsche Richtung läuft. Es ist die Erzählung des “Guten Menschen vom Gymnasium”, der – wie Brecht in seinem BS-Text, über ebendiesen aus Sezuan – an den Anforderungen des “Kapitalistischen Systems” Anstoß nimmt. Ein einsames Aufbegehren vor dem Hintergrund klarer Feindbilder: Böse Eltern, die ihre Kinder zu materiellem Erfolg, ermöglicht durch ein Abitur, treiben wollen, verblendete Kinder, die nicht Altruismus, sondern Wohlstand anstreben, nicht gegen die “Ungerechtigkeiten der Welt … die ökologischen Schwierigkeiten” angehen wollen, Schüler, vor denen sich unser 67jähriger “Studienrat” zum Affen machen muss, um sie für den Blödsinn zu begeistern, der in seiner Werthierarchie ganz oben steht.
Der gute Lehrer aus der WELT, er ist nicht an irdischem Ruhm und Reichtum interessiert, er ist die reine Lebensform des alten Gecks, der auch nach 30 Jahren im Schuldienst nicht einsehen will, dass die Zeiten linker Kommunen, als man – wie er – nach 16 altruistischen Semestern (auf Kosten von Steuerzahlern) und kurz vor Eingang in den Status des ewigen Studenten noch seine Bekanntschaft mit Rudi Dutschke verklären und zum Bildungsprogramm erheben konnte. Generationen von Schülern sind seither an ihm und seiner reinen Mission vorbeigezogen, wurden von ihm beeinflusst, nicht, weil er nach “Macht” strebt, denn:
“Es geht mir mitnichten um Macht über die Kinder, sondern darum, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass das Wort Altruismus … wieder jeder Heranwachsende kennt.”
Geht Ihnen auch das Herz auf, ob dieses selbstlosen altlinken Relikts, das im Schuldienst in Gutheit erstarrt ist und es schafft, in genau einem Satz die Probleme, die Schulen heute haben, abzuarbeiten:
“Viele Kinder sind überfordert. Um das zu kompensieren und damit nicht etwa 40 Prozent sitzenbleiben, wird das Niveau gesenkt.”
Daran hat er nichts auszusetzen.
Ganz im Gegensatz zum Eindruck, der in der WELT vermittelt werden soll. Denn, wie schreibt er doch am Ende seines Beitrags:
“Mein Fachleiter sagte damals schon, die schlechteste Note, die er je vergeben hat, sei eine 3. Ich denke heute genauso und vergebe fast nie eine schlechte Note.”
Der Lehrer ist Teil des Problems von Schulen, an denen ideologische Inhalte so hoch im Kurs stehen, dass es ganz normal geworden ist, “die Ungerechtigkeiten der Welt, die Hungersnöte, die Kriege und ökologischen Schwierigkeiten” zum Hintergrund einer Selbstinszenierung zu machen, vor der sich der “gute Lehrer aus der Welt” dann produzieren und seinen Narzissmus ausleben kann.
Wenn Sie wissen wollen, was an Deutschen Schulen schiefläuft. Hier sind die besten Teile aus dem Bericht in der WELT.
“Über den Lehrplan setze ich mich häufig hinweg, der oft schrecklich starr ist. Es ist mir wichtiger, mit den Kindern über Lebensideale zu sprechen und neue Horizonte zu eröffnen. Viele Elternhäuser legen nur noch auf bürgerliche Ideale Wert. Da kann ich etwas korrigieren und die Kinder an eine idealistischere Lebenshaltung heranführen und antimaterielle Ziele. Ich behandle gern das Gedicht „Die zwei Gesellen“ von Joseph von Eichendorff und lasse die Kinder es vertonen. „Die strebten nach hohen Dingen, die wollten was Rechts in der Welt vollbringen“, heißt es da. Wenn ich die Schüler frage, was ist damit gemeint, „was Rechts in der Welt vollbringen“?
Und dann sagen die Schüler: Also, ich will mal ein Haus haben, mit Garten, eine Familie, ein Auto, ein Bankkonto und gut Urlaub machen können. Und dann frage ich: Und was noch? Und dann blicke ich immer in verständnislose Gesichter. Ich unterbreche dann den Unterricht, und wir sprechen die nächsten drei Stunden übers Leben. Und ich verdeutliche ihnen, dass es sehr spießbürgerlich und egoistisch ist, seine Lebensideale auf diese Dinge zu reduzieren. Man muss ja sehen, welche Missstände es in der Welt gibt, und schauen, dass man etwas verändern kann.
Anfangs sind die Schüler sehr erstaunt, dass es noch mehr geben soll, als ein wohlhabendes Leben zu führen. Aber nach diesen drei Stunden beginnen sie anders zu denken über die Ungerechtigkeiten der Welt, die Hungersnöte, die Kriege und ökologischen Schwierigkeiten. Ich merke wirklich, dass sich in den wenigen Stunden die Sicht der Schüler auf die ganze Welt verändert und sie sich charakterlich entwickeln.
[…]
Es geht mir mitnichten um Macht über die Kinder, sondern darum, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass das Wort Altruismus – in uneigennütziger Weise etwas für andere zu tun – wieder jeder Heranwachsende kennt und nicht nur das Gegenteil: Egoismus. Eine altruistische Haltung lebe ich den Schülern vor. Ich selbst lade sie nach jeder Probe auf ein Magnum-Eis ein (das sind 300 Eis jede Woche!) und fahre lieber einen ziemlich verrosteten 37 Jahre alten Wagen, auf den auch einige Schüler mir große bunte Herzen geklebt haben mit guten Wünschen für die Zukunft.
[…]
Heute habe ich also andere Kinder vor mir sitzen als vor 30 Jahren. Kinder, deren Eltern unbedingt wollen, dass sie Abitur machen, auch wenn die Leistungen in der Grundschule nicht danach aussehen. Viele Kinder sind überfordert. Um das zu kompensieren und damit nicht etwa 40 Prozent sitzenbleiben, wird das Niveau gesenkt.
[…]
Um weiterhin alle Kinder zu erreichen, gebe ich das Äußerste. Ich springe fast jede Stunde auf Tisch und Stühle. Etwa bei der Ballettmusik „Sacre du Printemps“ von Igor Stravinsky. Dieses expressionistische Werk hat bei der Uraufführung in Paris 1913 die Weltmusik beeinflusst, darin tanzt sich ein Mädchen zu Tode, um den Frühling zu beschwören. Thema und Musik provozieren noch heute.
[…]
Dann tanze ich dazu und singe, um die Schüler aus der Behäbigkeit zu locken.
[…]
Mehrfach hat man mir angeboten, Schulleiter zu werden. Das habe ich jedes Mal abgelehnt.
[…]
Ich würde in den künstlerischen Fächern Musik, Kunst, Darstellendes Spiel, die Zensuren ganz abschaffen. Wichtig ist nur das Aufkeimen der Kreativität. Mein Fachleiter sagte damals schon, die schlechteste Note, die er je vergeben hat, sei eine 3. Ich denke heute genauso und vergebe fast nie eine schlechte Note.“
Das ist angeblich ein genuiner Bericht eines Lehrers. Wäre es einen Satire, man würde den Unterschied nicht bemerken.
Falls Sie sich für das Gedicht von Eichendorff interessieren, einen dieser Romantik-Schreiber, die eine reine Welt gegen die Verschmutzung menschlicher Existenz verteidigen, hier ist es:
Es zogen zwei rüstge Gesellen
Zum erstenmal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.
Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorübergingen,
Dem lachten Sinn und Herz. –
Der erste, der fand ein Liebchen,
Die Schwieger kauft′ Hof und Haus;
Der wiegte gar bald ein Bübchen,
Und sah aus heimlichem Stübchen
Behaglich ins Feld hinaus.
Dem zweiten sangen und logen
Die tausend Stimmen im Grund,
Verlockend′ Sirenen, un zogen
Ihn in der buhlenden Wogen
Farbig klingenden Schlund.
Und wie er auftaucht vom Schlunde,
Da war er müde und alt,
Sein Schifflein das lag im Grunde,
So still wars rings in der Runde,
Und über die Wasser wehts kalt.
Es singen und klingen die Wellen
Des Frühlings wohl über mir;
Und seh ich so kecke Gesellen,
Die Tränen im Auge mir schwellen –
Ach Gott, führ mich liebreich zu Dir!
Das kommt dabei heraus, wenn Juristen wie Eichendorff im Staatsdienst, die sich für das spießbürgerlich-langweilige Leben von Geselle 1 entschieden haben, ihre Midlife-Crisis bearbeiten und der Entscheidung nachheulen, nicht wie Geselle 2 durch die Welt der Sinne gezogen zu sein:
Rechfertigung.
Auch Geselle 2 ist nicht glücklich.
Eichendorff: Aus dem Leben eines Staatsbediensteten …
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