Deutschland ist nur ein imaginiertes „Wir-Phantasma“ – Wissen

Angeblich leben wir in der Moderne. Wenn wir in der Moderne leben, dann teilt die Moderne viele Eigenschaften der vor-sokratischen Phase, in der Philosophie noch als das Forschen nach dem letzten Grund betrieben wurde. Dieser letzte Grund, ob er monistisch oder pluralistisch bestimmt wurde, er galt als das, was die Welt im Innersten zusammenhält, und er war den einen die reine Idee und den anderen die reine Materie.

Heute sind manche nicht viel weiter, gibt es doch Strömungen, die man als Umkehrung der Suche nach dem letzten Grund ansehen kann, Strömungen, die von dessen nicht-Existenz ausgehen, es gibt ihn weder als reine Idee noch als reine Materie. Was es für die Vertreter dieser Ansicht gibt, sind (reine?) Symbole und andere Formen von Einbildungen, aus denen dann doch und irgendwie eine materielle Existenz erwächst.

anderson-imagined-communitiesEine dieser Einbildungen ist die Nation. Die Nation, nennen wir sie Deutschland, ist keine reine Idee und auch keine reine Materie, das kann sie auch nicht sein, denn Deutschland wurde als Begriff nicht im Walhalla der Weltenschöpfung festgelegt und Deutschland als Land kann keine materielle Eigenheit für sich beanspruchen, wie schon die Tatsache sich verändernder Bevölkerung und Außengrenzen zeigt. Daraus müsste man nun eigentlich den Schluss ziehen, dass Deutschland eine mehr oder weniger willkürliche Bezeichnung für eine gegebene Entität ist und dass die Konstitution dieser Entität über eine Vermengung objektiver Fakten und ideeller Zuschreibungen erfolgt. Ersteres wird deutlich, wenn man versucht, von Deutschland in die USA zu reisen, und zwar ohne einen materiellen Beleg für die Existenz Deutschlands, genannt Pass, der dieses Unterfangen erst ermöglicht. Letzteres wird dadurch deutlich, dass die Existenz Deutschlands schnell beendet wäre, wenn die Bewohner des Gebiets, das mit Deutschland umschrieben wird, aufhören, an die Existenz Deutschlands zu glauben und sich statt dessen, anders, vielleicht Bewohner des MilchundHong-Landes nennen, MuHols…

Das, wie gesagt, wäre die normale Reaktion, die man von rationalen Menschen und allen voran von Wissenschaftlern erwarten würde. Und dann gibt es die Reaktion von denen, die sich für besonders kritisch halten, dabei aber das Problem haben, dass Anspruch und Wirklichkeit ihrer intellektuellen Kapazität auseinanderklaffen, so weit, dass die entstehende Lücke durch ein Geflecht aus sprachlichen Lauten, die man am besten als pseudo-intellektuelles Geschwätz bezeichnen kann, überdeckt werden muss, etwa so:

„ (1) Die nationalstaatliche Regulation der migrationsgesellschaftlichen Tatsache ist ganz sicher nicht die einzige bedeutsame Regulationsebene, aber eine relevante. (2) Sie antwortet einem strategischen Bedarf, der dadurch entsteht, dass die imaginierte Einheit ‚Nation‘ durch Prozesse, die nicht allein mit Migrationsphänomenen, aber auch mit diesen einhergehen und aus ihnen resultieren, bei denen Phänomene des faktischen und symbolischen Überschreitens und Infragestellens der nationalen Grenzen eine prominente Rolle spielen, in eine Krise gerät. (3) Es können hier zwei Typen von Krisen unterschieden werden: eine Art Identitätskrise, die zentral darauf verweist, dass die Plausibilität eines Wir-Phantasmas in Bedrängnis gerät, und eine Funktionskrise, in der es um die quantitativ-qualitative Regelung des Nachschubs an Subjekten für den funktionalen Bestand nationalstaatlicher Realität geht.“

Produziert wurde dieser Beleg dafür, dass Sprache eben nicht der Verständigung dient, von Inci Dirim und Paul Mecheril, und zwar unter der Überschrift: Warum nicht jede Sprache in aller Munde sein darf? Formelle und informelle Sprachregelungen als Bewahrung von Zugehörigkeitsordnungen.

Popper hat sich einst den Spaß gemacht, prätentiöses Geschwafel von Habermas auf dessen nichtssagenen Kern zu reduzieren. Wir wollen es Popper hier einmal gleichtun.

Die oben aneinandergereihten Sätze, die wir durchnummeriert haben, können wie folgt übersetzt werden:
(1) Nationalstaaten regeln die Ein- und Ausreise, z.B. durch Gesetze.
(2) Diese Regelung wird notwendig, weil Nationalstaaten eingebildet sind, nicht wirklich existieren. Deshalb geraten Nationalstaaten (also die Einbildung es gäbe Nationalstaaten) dann in eine Krise, wenn eine große Zahl fremder Personen einreist.
(3) Zwei Krisen können unterschieden werden: (a) die Identitätskrise: Die Einbildung vom Nationalstaat wird durch Zuzug gefährdet. (b) die Funktionskrise: Die Frage, sind Geburten oder Migranten wichtiger, um die Phantasie „Nationalstaat“ aufrechtzuerhalten, wird diskutiert.

Was oben so wortreich zusammengeschrieben wurde, klingt doch ziemlich profan, wenn man es auf seinen Bedeutungskern reduziert: Menschen bilden sich ein, dass es ihren Nationalstaat gibt und wenn Menschen zuziehen, die fremd sind, dann geraten die Menschen mit ihrer Einbildung in die Krise, funktional und symbolisch.

Tatsächlich kling das so profan, dass sich drei Fragen aufdrängen: (1) Was hat das mit Wissenschaft zu tun? (2) Ist es wirklich Wissenschaft, wenn man die Existenz von etwas, das sich im täglichen Leben der Menschen niederschlägt, als imaginiert behauptet und Krisen konstruiert, die das, was als imaginiert behauptet wird, faktisch, nämlich durch ganz materiellen Zuzug in die als imaginiert phantasierte nationale Welt in Frage stellen? Oder, logisch gefragt: Kann man eine „ideell gedachte Entität“ (Nationalstaat) durch materielle Entitäten (Flüchtlinge) in Frage stellen? Und (3) ist das noch normal, die real erfahrbare Welt in Frage zu stellen, und zwar auf Grundlage des Missverständnisses, dass Begriffe wie „Deutschland“, die natürlich keine Existenz haben, sondern sprachliche Repräsentationen von etwas sind, deshalb, weil sie willkürlich sind, sich auch auf kein real existierendes Objekt beziehen können? Eigentlich beginnt Wissenschaft damit, dass man die Ontologie und die Erkenntnisfähigkeit zu unterscheiden im Stande ist, also z.B. weiß, dass es einen Unterschied zwischen dem, was bezeichnet wird und dem, was es bezeichnet, gibt. Derzeit sehen wir einen Advent von Spinnern, die der Ansicht sind, das Bezeichnende sei das Bezeichnete. Offensichtlich ist hier in der Sozialisation einiges schief gegangen, was uns zu W. V. Quine bringt, der sich umfassend mit Wort und Gegenstand befasst hat und in seinem gleichnamigen Buch eine hervorragende Beschreibung für das hier aufgezeigte Phänomen bietet:

quine-wort-gegenstand“Eine der Merkwürdigkeiten unserer schwatzhaften Spezies ist die Lallphase im ausgehenden Säuglingsalter. Während dieser Zeit gibt das ziellose Stimmverhalten den Eltern anhaltende Gelegenheit zu Verstärkung von Zufalls-Äußerungen, die ihnen passend erscheinen und so werden die ersten Anfangsgründe der gesprochenen Sprache weitergegeben. Das Lallen fällt unter das von Skinner so bezeichnete operante Veralten, das nicht ausgelöst, sondern vielmehr geäußert wird. Operantes Verhalten läßt sich bei Menschen und anderen Lebewesen durch rasche Belohnung selektiv verstärken. Das Lebewesen neigt dazu, die belohnende Handlung zu wiederholen, wenn Reize, die bei der ersten Ausführung zufällig präsent waren, erneut auftauchen“ (Quine, 1980: 149)

Was, wenn in der Lallphase das Lallen belohnt wird, von Peers oder in Netzwerken, in denen dem Lallen ein hoher Wert zugewiesen wird. Dann ist anzunehmen, dass Lallen zu einem festen konditionierten Verhalten wird, dessen Belohnung darin besteht, dass die Angehörigen im Netzwerke des Lallens, das Lallen, zwar nicht verstehen, aber positiv bewerten. Somit bleibt nur noch eine Frage: Wie konnten es Mitglieder aus Lall-Netzwerken an Universitäten schaffen.

Deutschland dreht durch: Was, wenn die Irren zur Normalität werden?

Wir haben schon lange keinen Test mehr mit unseren Lesern gemacht. Machen wir doch einmal einen Selbst-Rohrschachtest. Betrachten Sie bitte das folgende Bild und notieren Sie sich alles, was Ihnen dazu eingefallen ist.

nazi-rohrschachtest

Wenn Ihnen zu diesem fast original Rohrschach-Motiv nicht Heil Hitler und auch nicht Heil Hitler und vor allem nicht Heil Hitler eingefallen ist, dann können wir Ihnen für den Moment attestieren, dass sie noch normal sind. Sie gehen noch durch die Welt und sehen, was in der Welt ist, nicht, was ihnen ideologische Spinner zu sehen vorgeben.

Wer das Testbild genau ansieht, sieht ein HH 88. HH 88 bedeutet: HH 88.

Wir hätten auch BB 33 schreiben können oder DD 77, haben uns aber für HH 88 entschieden, weil wir ja testen wollten, wie viele Irre wir unter unseren Lesern haben. Irre, nein sagen wir gepflegt: Manische sehen hier nämlich nicht HH und 88 sondern Heil Hitler und Heil Hitler, denn HH steht in der Welt der Nazi-Manischen nur und ausschließlich für Heil Hitler und 8 steht in der Welt der Nazi-Manischen nur und ausschließlich für den achten Buchstaben im Alphabet also für H, und damit haben wir noch ein HH, das bekanntlich nur Heil Hitler bedeuten kann, für Nazi-Manische jedenfalls.

Nun sind H’s und Achten Zeichen. Das H bezeichnet sich quasi selbst und bedeutet an sich: H … sonst nichts. Ein H kann mit anderen Buchstaben zu Zeichenketten, die Bedeutung tragen, verbunden werden, z.B. zu Heilanstalt. Die 8 symbolisiert eine acht, also acht, acht Mal etwas, acht volle Stunden oder acht Kasten Bier, je nach Präferenz.

Nuts in BedlamWenn man nun HH 88 sieht, dann bedeutet dies zunächst einmal: HH 88, denn die Zeichen transportieren keine Bedeutung. Denn: Es gibt einen Unterschied zwischen Zeichen und Bezeichnetem.

Und weil es diesen Unterschie gibt, deshalb transportieren Zeichen nur sich also H-H-8-8.

Bedeutung ist etwas, das nur aus den Gehirnen von Betrachtern kommen kann. Wenn nun jemand HH 88 sieht, dann muss er dem Gesehenen Bedeutung zuweisen, das Zeichen bezeichnen, also z.B.: Hans Hubert wird 88 Jahre alt oder Hansestadt Hamburg (19)88 denken, an das 1:2 gegen Holland verlorene Halbfinale der Fußball-Europameisterschaften 1988.

Man kann auch schlicht denken, hey: „HH 88!“.

Egal, was man denkt, die Bedeutung kommt immer aus dem Kopf dessen, der sie formuliert. Sie ist nie in den Zeichen vorhanden. Sie muss immer an die Zeichen herangetragen werden.

Deshalb ist es so erschreckend, dass Nazizeichenneurotikern in Deutschland zur Normalität geworden sind; Personen, die nicht HH 88 sondern ein doppeltes Heil Hitler sehen, z.B. wenn sie auf einem Weihnachtsmarkt unterwegs sind.

Waren Sie schon einmal auf einem Weihnachtsmarkt?

Sicher, waren Sie schon einmal auf einem Weihnachtsmarkt. Haben Sie dort das Kinderkarussell betrachtet? Ja? Die Kennzeichen auf den Fahrzeugen, die auf dem Kinderkarussell angebracht sind – sind ihnen die Kennzeichen schon einmal aufgefallen?

Einem Eimsbütteler Bürger, der auf dem Weihnachtsmarkt auf dem „Fanny-Mendelsohn-Platz“ war, fallen Kennzeichen auf. HH 88 ist ihm aufgefallen. Montiert auf einem nostalgischen Feuerwehrauto auf einem rund 60 Jahre alten Kinderkarussell, einem Kinderkarussell aus einer Zeit (1957) als Deutsche noch weitgehend normal waren und harmlose Zeichen nicht mit ihren Nazi-Phantasien vollgepackt haben. 60 Jahre später ist das anders. 60 Jahre später wird in unschuldige Zeichen Nazijargon geheimnist. 60 Jahre später bedeutet HH 88 nicht HH 88, sondern ein doppeltes Heil Hitler.

Das ist erschreckend, vor allem erschreckend, weil sich die Symptomatik dieser Nazi-Manie mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches erst voll zu entfalten scheint.

Holen wir einmal etwas aus.
Nehmen wir einmal an, HH 88 sei tatsächlich und nur ein Geheimcode von Nazis. Was soll mit diesem Geheimcode auf dem nostalgischen Feuerwehrauto des Kinderkarussells auf dem Weihnachtsmarkt in Eimsbüttel eigentlich erreicht werden? Haben Sie eine Antwort? Wir haben keine.

Aber offensichtlich ist der besorgte Eimsbütteler Bürger, der den Geheimcode enttarnt hat, davon überzeugt, dass vom Code eine ganz furchtbar gefährliche Wirkung ausgeht, auf Kinder, auf einem Weihnachtsmarkt. Vielleicht denkt er, der Code würde die Kinder zu Heil-Hitler-Kindern und anschließend zu Heil-Hitler-Nazis machen oder dazu führen, dass die Besucher des Weihnachtsmarkts in Eimsbüttel das Horst Wessel Lied anstimmen.

Sowas kann nur ein Irrer denken, denn natürlich hat der Code keinerlei magische Wirkung, und natürlich hat er nicht dazu geführt, dass in Eimsbüttel das Horst-Wessel-Lied gesungen wird, auf dem Weihnachtsmarkt. Nicht einmal vom Kinderchor. Nein, der Geheimcode ist so geheim, dass es von 1957 bis 2016 gedauert hat, bis er entdeckt und entschärft wurde, denn der Karussellbetreiber hat das HH 88 nun entfernt. 

Was ist also die Motivation dahinter, dass ein besorgter Eimsbütteler die Bedeutung, die er in harmlose Symbole interpretiert, als die einzig wahre Bedeutung ausgibt und weil er diese von ihm phantasierte einzig wahre Bedeutung für schrecklich hält, den Betreiber des Kinderkarussells bei den Behörden anschwärzt?

Arendt_totalitarismusDie Antwort hat Hannah Arendt bereits vor etlichen Jahrzehnten mit dem Begriff „Banalität des Bösen“ gegen. Die Banalität des Bösen kann man auch als alltägliche Lust, anderen zu schaden, begreifen, eine Lust, deren Konsequenzen und Ausmaß man in den Würzburger Gestapo Akten nachlesen kann, in denen Robert Gellately eine weitverbreitete Lust zur Denunziation gefunden hat, deren Motiv einfach nur darin bestand, anderen zu schaden und sich selbst bei der Staatsmacht in ein gutes Licht zu stellen. Der besorgte Bürger aus Eimsbüttel dürfte die Motive, die in den Gestapo Akten allgegenwärtig sind, teilen. Warum sonst sollte er einem Karussellbetreiber schaden wollen, der sich nichts hat zu Schulden kommen lassen?

Offensichtlich ist der gute Bürger aus Eimsbüttel der Meinung, er könne sich mit seiner vermeintlichen Wachsamkeit bei Stellen und Personen anbiedern, auf die er großen Wert legt, und sozialen Status dadurch gewinnen, dass er seine Phantasien anderen unterschiebt und dafür sorgt, dass harmlose Buchstaben und Zahlenfolgen nur noch als Nazi-Geheimcode angesehen werden können.

Dazu ist schon ein gerüttelt Maß an Boshaftigkeit notwendig, so wie auch ein gerütteltes Maß an Boshaftigkeit notwendig ist, um zu fordern, dass dem Betreiber eines Karussells, das seit 1957 in Deutschland unterwegs ist und erst im Jahre 2016 den Nazi-Manischen aufgefallen ist, weil die Manie offensichtlich gerade einen Höhepunkt hat, die Konzession gekündigt wird, wie dies Peter Gutzeit von der Linken-Fraktion in Eimsbüttel getan hat.

Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt, wie ein Lynchmob möglich ist.
In Eimsbüttel können Sie derzeit die kognitiven Voraussetzungen dafür beobachten. Wenn noch Mut dazu kommen würde oder Alkohol oder beides, müsste man den Betreiber des Karussells vor dem Mob der Nazi-Zeichen-Imaginierer beschützen.

Das passiert, wenn man Manische frei herumlaufen lässt.


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Unsinn der Woche: Die kleine Hexe unter Negern

scully facepalmIch hatte schon immer Vorbehalte dagegen, dass es quasi zur Pflicht erhoben wurde, dass Mittelschichtseltern ihren Kindern vorzulesen haben. Was dabei alles herauskommen kann, zeigt eine Posse, über die in der Taz berichtet wird. Mekonnen Mesghena, bei der Heinrich-Böll-Stiftung für “Migration und Diversity” zuständig, stolperte über die Begriffe “Negerlein”, “Chinesenmädchen” und “Türken”. So steht es in der Taz zu lesen. Und weil diese Begriffe, wie er angibt, seine Tochter, der er vorgelesen hatte, bevor er über die Begriffe gestolpert ist, verstört haben sollen, hat er einen Brief an den Verlag, in dem Ottfried Preusslers “kleine Hexe” erscheint, geschrieben und hat sich darin  über die “rassistischen und ausschließenden Begriffe” beschwert. Und der Thienemann-Verlag, der die “kleine Hexe” herausgibt, hat sich doch tatsächlich bereit erklärt, das Wort “Neger” zu streichen. (Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ernst Neger, aus Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht? Was machen wir nur mit Ernst Neger? Ich meine, kann man seinen Grabstein unzensiert auf dem Friedhof stehen lassen?).

Das ist doch mal ein Sieg für die Politische Korrektheit, und das Neuschreiben von Büchern im Sinne des gerade herrschenden Zeitgeistes hat eine neue Dimension erreicht. Man wird sich also darauf einstellen müssen, dass die Ideologen damit beginnen, die Werke der Literatur zu durchforsten, um “ausgrenzende Begriffe” zu beseitigen. Nur: Was sind ausgrenzende Begriffe? Haben Sie verstanden, was an Neger ausgrenzend ist? Oder haben Sie jemals einen Neger, Black, Afro-american, Schwarzen, Farbigen getroffen, der bestritten hätte, er sei ein eben solcher? Ist es wirklich so ein großer Unterschied, wenn wir jetzt nicht mehr Neger oder was auch immer sagen, und statt dessen Grumpf (und jeder weiß, Neger ist gemeint) oder Mensch aus der südlichen Halbkugel oder Deutscher nicht bleicher Abstammung oder was auch immer?

Und was um aller Götter willen soll man zu Menschen sagen, die weiblichen Geschlechts und chinesischer Nationalität sind: gelbes Gör? Little child with two x-chromosomes born near the Great Wall? Weiblicher Mensch aus dem Süden von Asien? Nicht europäische heranwachsende Frau? Und dann die Türken, was machen wir aus dem kranken Mann am Bosporus? Muselmanen? Generell Muslime? Personen, die aus dem ehemaligen Reich von Mustafa Kemal Atatürk kommen?

Wie immer, wenn Gutmenschen sich äußern, zeigen sie zum einen, dass sie nicht allzuviel Ahnung von dem haben, worüber sie reden, zum anderen, dass Sie einen Essentialismus ihr eigen nennen, der seines Gleichen sucht. Es gibt in Sprachen einen Unterschied zwischen “dem Bezeichneten” und “dem Bezeichnenden“. Wenn ich also Türke zu einer Person sage, die vor mir steht, dann mache ich damit keine Aussage über das Wesen dieser Person, sondern eine Aussage über die von mir vermutete Abstammung oder geographische Herkunft, nicht mehr. Ich weiß nicht, was Personen wie Mekonnen Mesghena hören, wenn sie den Begriff “Türke” hören, vermutlich nichts Gutes. Aber Personen wie Mekonnen Mesghena sollten langsam einsehen, dass die Konnotationen, die sie hören, die ihnen einfallen, nicht die Schuld des Begriffs sind, sondern ihre ganz eigenen Assoziationen – oder wer außer Herrn Meshgena wäre wohl der Ansicht, dass der Begriff “Türke” ausgrenzend sei. Ein Begriff ist schlicht und ergreifend ein Begriff, er bezeichnet etwas, that’s it.

Das, was Herrn Mesghena stört, ist eine affektive Verbindung, die bei ihm die Form einer Abwertung angenommen hat. Aber dass er bei Neger an eine Abwertung von Schwarzen denkt, dass er bei Chinesenmädchen oder Türken an Ausgrenzung denkt, das ist sein Problem und nur sein Problem. Und man kann kaum dem Begriff anlasten, was manche denken, wenn sie ihn hören. Bertrand Russell hat einst gefürchtet, dass man einen Irren, der sich für ein Rührei hält, nur deshalb verurteilen könne, weil er sich in der Minderheit befindet. Ich habe langsam den Eindruck, dass man den Irren, der sich für ein Rührei hält, langsam daran erkennt, dass er sich in der Mehrheit befindet, oder wie sonst kann man es verstehen, dass Verlage ihre Bücher auf politisch korrekt trimmen und Begriffe, die rassistisch sind, wie sie befinden, streichen. Begriffe sind Begriffe, sie bezeichnen etwas, mehr nicht, und deshalb können sie auch nicht rassistisch sein.

Rassismus beschreibt ein Verhalten oder eine Einstellung. Begriffe sind weder ein Verhalten noch eine Einstellung, also können sie auch nicht rassistisch sein. Warum also denken manche (oder viele), dass Begriffe “rassistisch” sind? Nun, hier hilft die Definition von Rassismus weiter, die  Benjamin Isaac gegeben hat und die ich für eine der besten Definitionen halte:

“I would define racism as follows: an attitude towards individuals and groups of peoples which posists a direct and linear connection between physical and mental qualities. It therefore attributes to those individuals and groups of people collective traits, physical, mental and moral, which are constant and unalterable by human will, because they are caused by hereditary factors or external influences, such as climate or geography” (Isaac, 2004, p.23).

Invention of RacismIssac beschreibt hier denselben Essentialismus, den ich oben beschrieben habe, einen Essentialismus, der in dem Glauben gipfelt, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Nation mit von allen geteilten Eigenschaften einhergeht, einen Rassimus, der z.B. allen Frauen dasselbe Opfermerkmal zuschreibt, einen Rassismus, der sich darin niederschlägt, dass jemand denkt, wenn er den Begriff “Neger” hört, der Begriff sei mit allem Negativem verbunden, das ihm selbst gerade in den Kopf kommt. Wer also behauptet, Begriffe wie “Neger”, “Chinesenmädchen” oder “Türken” seien ausgrenzende Begriffe, der hat eine ganz gehörige Phantasie darüber, welche direkten physischen, mentalen und moralischen Merkmale sich mit den Personen verbinden, die mit dem Begriff bezeichnet werden, und da diese Gedanken seine Gedanken sind, ist er wohl als Rassist zu werten. Wieder kann der Begriff nichts dafür.

Aber wir leben in einem Zeitalter, in dem Begriffe böse sind und Menschen mit erschreckenden Phantasien und Assoziationen als Weltverbesserer duchgehen und weil offensichtlich jeder seinen Splin öffentlich ausleben darf, will ich auch nicht zurückstehen und eine Übermalung oder malerische Verbesserung dieser furchtbaren und fetten Menschen, die Rubens gemalt hat, fordern. Das schmerzt das Auge des Betrachters und ist darüber hinaus vor allem Kindern und Menschen aus bildungsnahen Schichten nicht zu zumuten. Ich meine, was ist der Sinn davon, dass die Regierung sich müht, Menschen die Schädlichkeit von Zucker und Fettsäuren deutlich zu machen, wenn dieselben Menschen dann in Museen laufen und ihnen dort adipöse Gestalten als Kunst vorgeführt werden? Das geht nicht an. Entsprechend sind die Menschen in den Bildern von Rubens zu verschlanken, die entsprechenden Bilder dem “heutigen Menschenbild” anzupassen, schon damit sie nicht missverstanden werden können und damit sich der Betrachter nicht ausgegrenzt fühlt, und vor allem damit keine dieser bildungsnahen Intelligenzbestien gezwungen ist, die Zeit und die Bedingungen, unter denen Rubens gemalt und Ottfried Preussler geschrieben hat, in Rechnung zu stellen. Am Ende hätten die noch etwas gelernt…

Isaac, Benjamin (2004). The Invention of Racism in Classical Antiquity. Princeton: Princeton University Press.

Das Letzte vor Weihnachten: Das Familienminist und das Gott

Während man bei der EU darüber nachdenkt, wie man traditionelle Rollenbilder aus Kinderbüchern entfernen kann (was das für Dornröschen bedeutet, wage ich mir gar nicht vorzustellen, und wen die Hexe statt Hänsel fressen will, darauf bin ich schon richtig gespannt), also während man bei der EU nachzudenken versucht, ist man bei der Bundesregierung schon einen Schritt weiter und hat die leidige Frage der Differenzierung durch Benutzung bestimmter Artikel, die noch dazu in der deutschen Sprache in zwei von drei Fällen ein grammatikalisches Geschlecht zum Ausdruck bringen, dadurch gelöst, dass der Artikel „das“ nunmehr die Artikel „die“ und „der“ ersetzt.

Nach Recherchen von rubbish press hat sich die Bundesregierung noch nicht Schildbuergerzu der Frage unbestimmter Artikel geäußert, was vermutlich daran liegt, dass derzeit fieberhaft an einem neuen unbestimmten Artikel der weder „ein“ noch „eine“ ist und somit kein grammatikalisches Geschlecht nahelegt, gearbeitet wird. Nach Informationen eingeweihter Kreise gehen derzeitige Überlegungen dahin, anstelle von „ein“ und „eine“ sowie den Deklinationen davon (eines, einer, einen) nunmehr nur „ei“ zu verwenden, ei sei zum universellen Einsatz vorgesehen und solle zudem an die Stelle von z.B. „man“ treten. Über die dabei entstehenden Probleme mit dem nämlichen Gegenstand, den „das“ Huhn produziert, wird offensichtlich noch gestritten. Damit sich die Leser von ScienceFiles jedoch bereits jetzt an die neue Nomenklatur der deutschen Sprache gewöhnen, hier die richtige Fassung einer falschen Meldung aus „das WELT“.

Um die richtige Fassung zu erstellen, war es notwendig, alle Genderismen zu bereinigen. Die dabei entstandene Version von Deutsch erinnert mich an etwas, was ich im Moment nicht genau benennen kann, aber vielleicht fällt es ja einem der Leser ein.

Angela Merkel (ob man in Zukunft noch Vornamen, die eindeutige Geschlechtsangaben darstellen, verwenden darf, wird derzeit geprüft) stellt sich hinter „das Gott“.

Das Gott ist nach Einschätzung das Bundesregierung nicht beleidigt, wen es als das Gott angesprochen wird. „Was (Ersatz für Wer) an das Gott glaubt, das (Ersatz für dem) sind das Artikel egal“, erklärte Regierungssprache (Ersatz für Sprecher), Steffen Siebert. Das Ausdruck ‚das liebe Gott‘ haben in das Herzen (Ersatz für den) vieler Menschen seit Jahrhunderten ei Platz. Wenn ei (Ersatz für man) das Gott anders anspricht, dringen das Gebete auch durch.

Das Familienminist Kristina Schröder (CDU) hatte zuvor heftig (neue Schreibweise ohne “e”) Kritik aus das Reihen das Union für das Aussage geerntet, das männliche Artikel bei das Redewendung „das liebe Gott“ sei eigentlich egal und ei könne auch das Gott sagen.

Schröders Sprache Christoph Steegeis (neue Schreibweise von Steegmans)  führte sogar das Papst als Zeug (neue Schreibweise ohne “e”) ins Feld. „Das Papst Benedikt höchstpersönlich schreibt in seiner Jesus-Biografie: „Natürlich ist Gott weder Mann noch Frau“, sagte Steegeis. „Das Kritiker sollten also nicht päpstlicher sein als das Papst“.

Damit soll die letzte Meldung vor Weihnachten ihr Bewenden haben. Ich will an dieser Stelle nur nebenbei darauf hinweisen, dass das biologische Geschlecht von „das Gott“ etwas gänzlich anderes ist als das grammatikalische Geschlecht von „das Gott“. So wie das biologische Geschlecht der Katze nicht mit dem grammatikalischen Geschlecht der Katze übereinstimmt. Wer zwischen biologischem und grammatikalischem Geschlecht nicht unterscheiden kann, muss folglich annehmen, dass jedes mit einem grammatikalischen Geschlecht versehene Objekt (a) ein Lebewesen ist und (b) der Spezies der Säugetiere angehört.Die Physiker Die Dummheit, obwohl grammatikalisch betrachtet weiblichen Geschlechts, ist dennoch nicht auf das biologisch weibliche Geschlecht beschränkt, auch wenn man gerade  einen ganz anderen Eindruck gewonnen haben könnte. Ebenso verhält es sich mit der Begriffsstutzigkeit, der Langsamkeit, der Idiotie oder der Demenz. Sie alle sind grammatikalisch weiblichen Geschlechts, aber nicht biologisch weiblichen Geschlechts (Aufmerksame Leser werden bemerken, dass ich mir den Spass erlaubt habe, das grammatikalisch weibliche Geschlecht im Dativ mit dem grammatikalisch männlichen Artikel zu paaren… Man soll die Hoffnung auf einen Aha-Effekt ja auch bei das Familienminist nie aufgeben … I am feeling desperate). Die Meinung, nach der abstrakte sprachliche Konventionen sich  in der Realität auffinden lassen würden, und somit die Unfähigkeit zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem zu unterscheiden, ist ein unter Essentialisten weit verbreitetes Leiden. Und seit der Konstruktivismus, aufgrund des mit ihm verbundenen Versprechens, dass auch noch der letzte Unsinn rechtfertigbar ist, von Essentialisten wie das Familienminist mit Begeisterung aufgenommen wurde, hat sich dieses Leiden zu einer Pandemie entwickelt, bei der nur überraschend ist, dass sich die WHO noch nicht darum kümmert.

Aber in diesen Zeiten des ideologischen Wahnsinns, in denen die Nicht-Irren sich, dem Rat Dürrenmatt folgend, ins Irrenhaus geflüchtet haben und außerhalb des Irrenhauses jeder Unsinn und sei er auch noch so groß, möglich ist, ist anscheinend nichts mehr, wie es einmal war.

Dennoch wünschen wir allen Lesern von ScienceFiles, die mit uns der Meinung sind,

dass am 24. Dezember Weihnachten ist:

FROHE WEIHNACHTEN!

sciencefiles_xmas

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