Unwort des Jahres: Schutzsuchende oder Anti-Abschiebe-Industrie?

Was ist ein Unwort?

Eigentlich ist Unwort bereits als Begriff Unsinn, denn offensichtlich ist Unwort ein Wort und kein „Unwort“. Aber, in der deutschen Sprache ist es in den letzten Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten normal geworden, die Bewertung gleich mit in den Begriff zu packen, ergo ist „Unwort“ das Bezeichnende für ein Wort oder einen Begriff, das ein schlechtes Wort oder ein schlechter Begriff ist (vielleicht auch böse). Das wirft die Frage auf, warum ist ein Begriff oder ein Wort ein schlechtes Wort (ein schlechter Begriff)?

Und mit dieser Frage sind wir bereits im Bereich von Geschmacksurteilen, jedenfalls dann, wenn man versucht, das Unwort des Jahres inhaltlich zu bestimmen. Man kann allerdings auch versuchen, ein Unwort formal zu fassen und als Wort zu definieren, das dem, was es zu bezeichnen vorgibt, nicht gerecht wird. Wir haben „Unwort“ auf diese Weise definiert und seit dem 3. Januar 10 Unworte, von denen wir denken, dass Sie nicht bezeichnen, was sie zu bezeichnen vorgeben und insofern aus ideologischen oder sonstigen Gründen versuchen, die De-Kodierung eines Begriffes in seine Bedeutung zu manipulieren, sein semantisches Feld zu pervertieren, zusammengestellt. Die Liste der 10 Begriffe, die wir auf diese Weise gesammelt haben und unseren Lesern zur Wahl des Unwortes des Jahres (alternativ) gestellt haben, findet sich hier.

Neben unserem Unwort des Jahres gibt es die Bestimmung des Unwortes des Jahres, wie sie durch ein Jury unbekannter Qualifikation seit 1991 vorgenommen wird. Jährlich treffen sich fünf Personen an der TU-Darmstadt, um aus einer Reihe von Einsendungen das Wort oder den Begriff auszuwählen, den sie für ein Unwort halten (dazu kommen wir noch). Die fünf Juroren, die dieses Jahr die Daumen auf oder ab gesenkt haben, sind Nina Janich, Sven Roth, Jürgen Schiewe, Martin Wengeler und Stephan Hebel. Sie alle denken von sich, dass sie – aufgrund einer Position, die sie an einer Universität inne haben, oder aufgrund von Berufung in die Jury eine besondere Qualifikation hätten, das Unwort des Jahres aus in diesem Jahr 508 verschiedenen Vorschlägen auszuwählen. Wie jedes Jahr ist die Wahl der Juroren auf einen Begriff gefallen, das unter den Vorschlägen mit weitem Abstand zum häufigsten Vorschlag „Asyltourismus“ (121 Nennungen) genannt wurde, gefallen: Anti-Abschiebe-Industrie (10 Nennungen) ist die Wahl der Juroren. Auf den Plätzen 2 und 3 folgen Menschenrechtsfundamentalismus (wohl keine Nenunng) und Ankerzentrum (10 Nennungen).

Nun wählen die Juroren ihr Unwort des Jahres nicht auf Grundlage von formalen Kriterien wie wir, sondern auf Grundlage ihres ideologischen Geschmacks. Der Begriff „Anti-Abschiebe-Industrie“ vielleicht pointiert, in jedem Falle aber deskriptiv, benennt, dass es eine große Anzahl untereinander organisierter Personen gibt, die damit, dass sie die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern verhindern, Geld verdienen oder die in anderer Weise ein Interesse befriedigen. An der empirischen Begründung des Begriffes ist somit nichts auszusetzen. Ergo kann man den Begriff nur ablehnen, weil er der eigenen Ideologie nicht entspricht und deshalb im Geschmacksurteil durchfällt. Und genau das haben die Juroren, bei denen man sich nicht fragen muss, welche Partei sie wählen würden, wenn man nächsten Sonntag Wahl wäre, getan:

Der Begriff sei ein „offensichtlicher Kampfbegriff“. Er unterstelle denen, die „abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen“ die „Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge zu schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen“. Der Ausdruck „Industrie“ suggeriere, es würden dadurch erst „Asylberechtigte ‚produziert‘“. Die Jury habe diesen Begriff gewählt, weil „mit diesem Begriff das geltende Gesetz verhöhnt wird“.

Wie immer, wenn Ideologie der Ausgangspunkt von Beurteilungen ist, wird die Beurteilung zum Verkünden von Unsinn. Es fällt zunächst auf, dass die vermeintlichen Sprachwissenschaftler, die sich in der Jury befinden wollen, nicht in der Lage sind, zwischen „abgelehnten Asylbewerbern“ und „Flüchtlingen“ zu unterscheiden. Zudem sind sie offenkundig nicht in der Lage, ihre Meinung, dass es sich bei dem Begriff um einen „offensichtlichen Kampfbegriff“ handele, zu begründen. Da es offensichtlich ist, sollte es nicht schwierig sein, dieses Urteil zu begründen, um es z.B. an Menschen wie uns, denen es nicht offensichtlich ist, zu vermitteln. Die Juroren können das nicht. Ein weiteres Problem ihres offensichtlich ideologisch getrübten Urteilsvermögens. Des weiteren fällt auf, mit welcher boshaften Phantasie die Juroren ausgestattet sind, Phantasie, weil sie einfach Dinge erfinden, boshaft, weil sie ihre Erfindung auf andere projizieren. Denn: Der Begriff „Anti-Abschiebe-Industrie“ unterstellt mitnichten den Schutz „krimineller Flüchtlinge“. Dass die Juroren dies denken, sagt mehr über sie als über den Begriff aus. Und der Begriff „Industrie“ suggeriert im Zusammenhang von Anti-Abschiebe-Industrie gerade nicht, dass „Asylberechtigte produziert“ werden, sondern im Gegenteil, dass nicht-Asylberechtigte Asylberechtigten gleichgestellt werden, und zwar von Leuten, die diese Verhöhnung geltenden Rechts, denn ein Asylbewerber kann nur abgeschoben werden, wenn mindestens zwei Verwaltungsrichter festgestellt haben, dass er keinen Anspruch auf Asyl hat, im großen Stil und mit einem individuellen Nutzen betreiben. Die Spitze der Perversion ist schließlich erreicht, wenn diejenigen, die den Vollzug von gültigen Rechtsakten verhindern, indem sie eine Abschiebung hintertreiben, geradezu zu Schutzpatronen der deutschen Rechtsordnung erhoben werden, die dem Verhöhnen geltenden Rechts anbgeblich entgegenwirken sollen.

Auch in diesem Jahr sagt diese Wahl des Unwortes des Jahres mehr über den ideologischen Hintergrund, die Parteipräferenz der Juroren als über die Sprachwirklichkeit in Deutschland aus.

Aber es gibt ja noch unserer Wahl.

Wir haben 10 Begriffe, die dem oben genannten FORMALEN Kriterium gerecht werden, ausgewählt und unseren Lesern die Wahl des Unwortes des Jahres überlassen.

2.659 Leser haben sich an der Wahl beteiligt und „Schutzsuchende“ zum Unwort des Jahres gewählt. Auf den Plätzen zwei und drei folgen „Hate Speech“ und „Qualitätsjournalismus“.

Der Begriff des „Schutzsuchenden“ hat sich als empirisch falsch verallgemeinernde Bezeichnung für Migranten, die nach Deutschland kommen, eingebürgert. Er wird undifferenziert verwendet und suggeriert, die (vornehmlich) Arbeitsmigranten, die nach Deutschland kämen, seien auf der Flucht und müssten vor etwas Schutz suchen. Eine Flucht endet gewöhnlich dann, wenn die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben abgewendet, wenn Schutz gefunden ist. Dieses Ziel ist bereits mit dem Erreichen eines ortsnahen Flüchtlingslagers und nicht erst nach dem Durchqueren weiterer Länder mit dem Endziel Europa erreicht.

Darüber hinaus suggeriert der Begriff „Schutzsuchende“ dadurch, dass er an den Rechtsbegriff „Schutzbefohlene“ anknüpft, eine Überlegenheit des Schutzgewährenden über den Schutzsuchenden. Mit anderen Worten: Der Begriff ist hierarchisch, Linke würden sagen: rassistisch.

Wir danken allen Lesern, die sich an der Wahl des Unwortes des Jahres beteiligt haben.

Die Begründungen für „Hate Speech“ und „Qualitätsjournalismus“ sowie für die anderen Begriffe können hier nachgelesen werden. Darüber hinaus konnten unsere Leser eigene Begriffe als Unwort des Jahres vorschlagen. Mit 10 Nennungen liegt hier „Einzelfall“ an der Spitze, gefolgt von „Haltungsjournalismus“ mit 7 und Relotieren mit 5 Nennungen.

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