Wissenschaftlicher Unsinn gefährdet Ihre Gesundheit

Grundsätzlich ist es das Ziel von wissenschaftlicher Forschung, allgemeine Zusammenhänge, verallgemeinerbare Aussagen, Theorien aufzustellen, die es erlauben, auf Basis einiger Kriterien Aussagen über die Zukunft, also Prognosen aufzustellen.

Tatsächlich verkommt wissenschaftliche Forschung immer mehr zu ideologischem Geschwätz oder sie wird dazu genutzt, die letzten Trivialitäten zu verkünden oder dazu, den allgemeinen Wald vor lauter speziellen Bäumen nicht mehr zu sehen. Häufig sind angebliche Wissenschaftler nur noch damit beschäftigt, ihren geistigen Tellerrand abzulaufen und kommen nicht einmal auf die Idee, es könnte eine Erkenntnis jenseits der eigenen Engstirnigkeit geben.

Opp MethodologieDie „Bonner Ökonomen Armin Falk und Fabian Kosse“ gehören zu Letzteren. Sie produzieren Ergebnisse, die (1) trivial, (2) engstirnig und (3) idiosynkratisch sind, und zwar unter der Überschrift: „Unfaire Löhne gefährden die Gesundheit“.

Falk und Kosse haben 80 Studenten in zwei Gruppen geteilt. Eine Gruppe enthielt Chefs, eine Arbeiter. Die Arbeiter mussten 25 Minuten lang langweilige Rechenaufgaben lösen, während die Chefs entspannten. Für jede gelöste Rechenaufgabe gab es Geld. Je mehr Rechenaufgaben gelöst wurden, desto höher das gemeinsame Verdienst, das am Ende der 25 Minuten von den 25 Chefs mit den 25 Arbeitern geteilt wurden. Dabei haben sich die Chefs regelmäßig mehr Geld zugewiesen als sie ihren Arbeitern zugebilligt haben, was bei den Arbeitern dazu geführt hat, dass sich die Herzfrequenzvariabilität abgesenkt hat.

Sie waren gestresst, wie Falk und Kosse meinen, verärgert wäre das Wort, das wir gewählt hätten. Nun bringt eine niedrigere Herzfrequenzvariabilität, wie Falk und Kosse meinen, das erhöhte Risiko einer Herzerkrankungen mit sich. Entsprechend folgern sie, dass die unfaire Teilung des von den Arbeitern erwirtschafteten Gelds durch die Chefs letztlich die Arbeiter krank machen kann.

Von hieraus machen Falk und Kosse einen Sprung zu Ergebnissen, die auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels erzielt wurden. Demnach haben Befragte, die ihren Lohn als unfair empfunden haben, auch ihren Gesundheitszustand schlechter eingeschätzt als Befragte, die ihren Lohn als fair empfanden. Der Sprung soll die eigenen, mageren Ergebnisse, die auf dem Rücken von 80 studentischen Opfern gewonnen wurden, aufpeppen und allgemein machen. Tut er aber nicht. Vielmehr vergleichen Falk und Kosse Äpfel mit Birnen.

Im SOEP wurde real erhaltener Lohn und subjektive Einschätzung von Gesundheit untersucht, während Falk und Kosse erspielten Gewinn, willkürliche Entscheidung und gemessene Herzfrequenzvariabilität in Zusammenhang gebracht haben. Sie behaupten also einen Syllogismus ohne Mittelglied, und so lange sie nicht belegt haben, dass unfairer Lohn mit erspieltem Gewinn und mit Herzfrequenzvariabilität und subjektiv schlecht eingeschätzter Gesundheit zusammenhängt, ist ihre wilde Assoziation eben das: eine wilde Assoziation.

Wenn der Schluss, den Falk und Kosse gerne im Hinblick auf Lohngerechtigkeit ziehen würden, wohl weil Lohngerechtigkeit derzeit ein trendy Thema ist, mit dem man viel Browniepoints verdienen kann, nicht gezogen werden kann, was bleibt dann von ihrer Forschung?

Trivialitäten.
Diese zum Beispiel: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Körper auf soziale und kontextbezogene Informationen reagiert und sie systematisch verarbeitet“.

Unglaublich. Menschen sind Teil einer Umwelt und reagieren auf diese Umwelt. Es soll Menschen geben, die bei Hitze schwitzen, andere sollen bei Kälte frieren und wieder andere sollen mit Ärger reagieren, wenn sie öffentlich-rechtliche Sender anschalten, Behördenbriefe erhalten oder derart dünngeistigen Unsinn zugemutet bekommen, wie ihn Fabian Kosse hier formuliert hat.

Nicht genug mit Trivialitäten, Engstirnigkeit kommt noch hinzu.

Völlig fixiert auf ihr Ansinnen, auf dem Trittbrett der Lohngerechtigkeit mitzufahren (um vielleicht vom BMFSFJ gefördert zu werden), sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht, obwohl Gerechtigkeit eine Universalie ist, die den Schluss nahelegt, dass eine Verletzung des Gerechtigkeitsempfinden im generellen und nicht nur im Speziellen für die niedrigere Herzfrequenzvariabilität verantwortlich ist. Der Spiellohn bei Falk und Kosse wäre somit ein Anwendungsfall eines größeren Themas, eines Themas, das eigentlich in der Wissenschaft bearbeitet wird, nur nicht von Falk und Kosse.

Vielleicht scheuen Sie davor zurück, weil der Schluss, dass eine niedrige Herzfrequenzvariabilität ein Maß für ein erhöhtes Risiko einer Herzerkrankung ist, vor allem dann, wenn es um gesunde und junge Menschen geht, unter Ärzten umstritten ist bzw. nicht gezogen wird. Ärzte begnügen sich damit festzustellen, dass die Herzfrequenzvariabilität bei Patienten, die bereits unter einer Erkrankung des Herzens leiden, ein hilfreicher Indikator sein kann und dass es wohl einen, bislang ungeklärten Zusammenhang zwischen Herzfrequenzvariabilität und Alter gibt:

“ Die Mechanismen der altersassoziierten HRVAbnahme sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Sicher spielen bei einem Teil der Menschen gerade auch mit zunehmendem Alter Lifestyle – Faktoren, vor allem die Abnahme der körperlichen Aktivität und daraus resultierend der körperlichen Fitness eine Rolle. Darüber hinaus scheint jedoch auch der Alterungsprozess per se zu einer Beeinträchtigung der autonomen Funktion zu führen, wobei nach derzeitiger Datenlage vor allem vagusvermittelte Prozesse und Regelkreise betroffen sind.“

Vom Forschungsergebnis, das Falk und Kosse mit umfangreichen und weitreichenden Behauptungen vertreiben, bleibt nichts übrig, so dass man wohl feststellen muss: handwerklich schlecht, theoretisch unfundiert, assoziativ und falsch. Forschung 2017.

Forscher der Uni Bonn: Wir züchten den neuen, nein: den richtigen Menschen

Falls Sie es noch nicht gewusst haben: Der moderne, der richtige Mensch ist prosozial. Prosozial zu sein ist wichtig, gut, richtig, denn: „[p]rosociality is a particularly important aspect of human personality and affects a wide range of economic decisions and outcomes“ (Kosse et al. 2015: 1). Prosozialität ist also richtig und wichtig. Warum? Ja, weil Prosozialität eben richtig und wichtig ist, Prosozialität, Sozialität eben – verstanden?

white mouseDie Erforschung von „Prosozialität“ ist das neueste Steckenpferd des Bonner Professors Armin Falk, der ansonsten dadurch auffällt, dass er hilflose Mäuschen im Namen der Sozialforschung ermordet (wohl eher ermorden lässt). Mit der Prosozialität hat er nun noch eine Schippe draufgelegt: Die Anleitung zur Züchtung des richtigen Menschen.

Und so geht’s (Im Folgenden stellen wir die Methode „Falk“ zur Bestimmung der Prosozialität vor. Sie kann hier nachgelesen werden.):

Schritt 1:

Also Liebe Leser, stellen Sie sich vor, sie haben sechs Goldbarren und müssen sich nunmehr dreimal hintereinander entscheiden, ob sie zwei Goldbarren für sich behalten oder einen Goldbarren behalten und einen an einen armen Menschen in Köln oder Stuttgart oder in Lome, Togo abgeben.

Wenn Sie sich dreimal hintereinander entscheiden, alle Goldbarren für sich selbst zu behalten, dann schreiben Sie sich jetzt bitte sechs Punkte gut. Wenn Sie sich entscheiden, dreimal zu teilen, dann schreiben Sie sich bitte keinen Punkt gut, und wenn Sie einmal so und zweimal anders entscheiden, egal wie, dann schreiben Sie sich 100 Punkte gut

Schritt 2:
Das ist einfach. Stimmen Sie den folgenden Aussagen zu oder nicht:

    • Anderen Menschen kann man trauen.
    • Andere Menschen haben gute Absichten mir gegenüber.
    • Man kann sich auf andere Menschen verlassen, auch wenn man sie nicht gut kennt.

Wenn Sie alle drei Fragen verneint haben, dann schreiben Sie sich bitte 6 Punkte gut, wenn sie alle drei Fragen bejaht haben, dann schreiben Sie sich 0 Punkte gut, und wenn Sie alterniert haben, wie auch immer, dann schreiben Sie sich 3000 Punkte gut.

Schritt 3:
Noch ein paar Fragen. Was meinen Sie, wie andere Sie einschätzen. Auch dieses Mal können sie einfach mit ja oder nein antworten:

        Wie werden Sie von anderen eingeschätzt?

      • Geht rücksichtsvoll mit den Gefühlen anderer um.
      • Teilt bereitwillig mit anderen.
      • Hilft, wenn jemand verletzt oder verärgert ist oder sich schlecht fühlt.
      • Ist nett zu anderen.
      • Bietet sich freiwillig an, um anderen zu helfen.

Wenn Sie fünfmal mit nein geantwortet haben, schreiben Sie sich bitte wieder 6 Punkte zu, wenn sie fünfmal mit ja geantwortet haben, dann schreiben Sie sich bitte 0 Punkte gut und wenn sie alterniert haben, dann schreiben sie sich dieses Mal 50000 Punkte zu.

Und nun addieren Sie die Punkte aus den drei Runden.

Ethik fuer dummiesDer korrekte, der neue Mensch, den die Bonner züchten wollen, er ist die glatte Null. Alle, die insgesamt 0 Punkte erreicht haben, sind optimal und dürfen sich freuen, denn ihnen bleibt die Umerziehung erspart. Alle, die 18 Punkte erreicht haben, sind asoziale Schweine, die den Zweck des Lebens nicht verstanden haben, denn der Zweck des Lebens, er besteht darin, sich wie Schritt 1 zeigt, als irrationaler Akteur zu erweisen, der mit Leuten teilt, die er nicht kennt, von denen er nichts weiß und die er anhand keiner Kriterien von anderen differenziert.

Als ein solcher irrationaler Akteur legen Sie keinen Wert auf Leistung, gehen davon aus, dass jeder Mensch gleichviel Anspruch auf ihren Goldbarren hat und machen entsprechend keinerlei Unterschiede. Sie sind ein wahrer Heiliger, der mit dem Raubmörder in gleicher Weise teilt, wie mit dem netten Typen von nebenan, der ihnen immer den Wasserkasten schleppt.

In Schritt zwei haben sie sich darüber hinaus als vertrauensseliger Naivi erwiesen, den man perfekt ausnehmen kann, von dem in keiner Weise Widerspruch oder gar Widerstand zu erwarten ist, wenn ihn sein Staat zum Teilen der Wohnung oder des Autos oder zur Abgabe seines kompletten Eigentums auffordert. Sie sind voller Vertrauen, dass es damit schon seine Richtigkeit haben wird. Bürger wie sie braucht das Land.

Schließlich haben Sie sich im dritten Schritt als wirklich Heiliger erwiesen, der kein ich kennt und dessen ganzes Leben aus dem Opfer des eigenen Daseins für andere besteht. Egal, welches Leiden die anderen haben, egal, welche Probleme andere drücken, Sie sind da und helfen, umsonst natürlich, in freiwilliger Selbstverpflichtung und im ehrenamtlichen Engagement. Sie sind nützlich, heilig und naiv.

Kurz: Der neue Mensch ist ein irrationaler, naiver Heiliger, der von anderen optimal ausgenutzt werden kann und sich perfekt instrumentalisieren lässt, weil er in seiner Heiligkeit nicht merkt, wenn man den Affen mit ihm macht. Das also ist er, der neue Mensch.

beakerUnd es gibt ihn bereits häufiger in den mittleren und höheren sozialen Schichten, so haben Falk und seine Kumpane herausgefunden. Nur in der Unterschicht, da hat man noch den eigenen Vorteil im Blick, ist rational und denkt man müsse Unterschiede zwischen Menschen machen, denn nicht alle Menschen sind gut und entsprechend kann man nicht allen Menschen trauen. Und zudem denken Unterschichtler, dass nicht jeder es verdient, geholfen zu bekommen, dass es Ausnutzer und Faulenzer gibt, die sich auf Kosten anderer, anderer Naiver ein gutes Leben verschaffen wollen, am besten ohne Arbeit und hinter einem Schreibtisch in einem Amt, in dem man über die Unterschicht wachen kann.

Aber, auch das haben Falk und seine Kumpane herausgefunden, der Unterschicht kann geholfen werden. Werden Kinder bereits in der Grundschule in ein Mentorenprogramm gesteckt, dann entwickeln sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zum richtigen Menschen, zum neuen Menschen, den Falk und Kumpane gerne züchten wollen: Sie erinnern sich, der irrationale, vertrauensselige, heilige Depp, den man so trefflich ausnutzen kann.

Entsprechend lautet die Auflösung unseres kleinen Experiments:

    • 0 Punkte – Bei Ihnen ist jede Hoffnung verloren. Sie sind schon der richtige Mensch, der Zombie der Moderne.
    • 18 Punkte – Sie gehören zum rationalen Widerstand, zum Kreis derer, die noch wissen, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt.
    • mehr als 100, 3000 oder 50000 Punkte, es besteht noch Hoffnung für Sie, aber die Hoffnung sie schwindet mit der Höhe der Punktzahl.

Es wird niemanden verwundern, dass die Mitglieder der ScienceFiles-Redaktion, wohl geprägt von ihrer Herkunft aus der Arbeiterschicht, alle zu denen gehören, für die keine Hoffnung mehr besteht, zum richtigen Menschen wie Armin Falk ihn will, zu werden. Prosozialität ist bei uns dem Realismus gewichen: Wir sind der rationale Widerstand!

Wer sich dafür interessiert, wie Armin Falk und seine Kumpane Grundschulkinder manipulieren und für ihre politisch-korrekte Anbiederungsforschung missbrauchen, der kann sich hier davon überzeugen, dass es keine Ethikkommission gegeben hat, die dem Missbrauch an Grundschulkindern einen wie auch immer gearteten Riegel vorgeschoben hätte.

Kosse, Fabian, Deckers, Thomas, Schildberg-Hörisch, Hannah & Falk, Armin (2015). The Formation of Prosociality: Causal Evidence on the Role of Social Environment.

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Erosion moralischer Werte durch Märkte oder durch Wissenschaftler?

Am 14. Juni 2013 ist auf dradio.de ein seltsames Interview unter dem Titel „Erosion moralischer Werte durch Märkte“ veröffentlicht worden. Ralk Krauter interviewt Armin Falk, der als Neuro-Ökonomie Professor vorgestellt wird. Sind viele Beteiligte im Spiel, so schwindet die Verantwortung, heißt es im Untertitel, und entsprechend habe ich mich schon an dieser Stelle gefragt, was das ganze mit Märkten zu tun haben soll, denn mehrere Beteiligte gibt es bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in der Planwirtschaft auch, und wenn die Menge der Beteiligten einen Schwund von Verantwortung auslöst, dann trifft dies auf alle Situationen zu, in denen mehrere Individuen miteinander interagieren. Aber dazu später.

Falk_Armin_webDas Interview beginnt damit, dass Armin Falk von einem Experiment erzählt, mit der er getestet haben will, ob Märkte „die Moral“ erodieren. Ich habe nicht verstanden, was er da erzählt und mich entsprechend auf die Suche nach dem wissenschaftlichen Artikel gemacht, in dem steht, was Falk im Interview zu erklären versucht. Gefunden habe ich ihn in Science, Volume 340 vom 10 Mai 2013, Titel: Morals und Markets, Autoren: Armin Falk und Nora Szech.

Die Lektüre dieses Artikels hat mich nicht an der Moral von Märkten, wohl aber an der Moral von manchen Wissenschaftlern zweifeln lassen. Ein besserer Titel für den Artikel von Falk und Szech wäre nämlich: Was ist das Leben einer Maus wert. Um es gleich vorwegzuschicken, im Verlauf des im folgenden berichteten Experiments wurden lebende Mäuse getötet. Aber dass man selbst das sinnlose Töten von Mäusen als heroisch humanitären Akt verkaufen kann, findet sich bereits auf der ersten Seite:

„As a consequence of our experiment, many mice that would otherwise have been killed right away were allowed to live for roughly 2 years“ (707).

white mouseWie nett: Also es geht hier um ein Experiment, in dem Moral getestet werden soll, und für diese Experiment wurden Mäuse gekauft, die gezüchtet wurden, um in Versuchsreihen gequält oder gleich getötet zu werden, die sich aber als für die Versuchsreihen als „unbrauchbar“ erwiesen haben. Entsprechend wären sie sofort getötet worden, hätten Falk und Szech sie nicht gekauft, um sie in ihrem Experiment einzusetzen. Im Verlauf dieses Experiments ist die Mehrzahl der gekauften Mäuse getötet worden, aber die, die überlebt haben, denen haben Falk und Szech nach ihrer Ansicht ein Leben von knapp 2 Jahren geschenkt. Auch eine Form von Moral. Ach ja, es geht um Moral im Experiment, und zwar in zwei Versuchsanordnungen:

Anordnung 1 stellt Probanden vor die Wahl: Du erhälst 10 Euro und eine Maus wird getötet oder Du erhälts keinen Euro und die Maus bleibt am Leben.

Anordnung 2 sieht die Probanden miteinander und über einen Computer handeln. Dieses Computerhandeln ist, was Falk und Szech als „Markt“ bezeichnen. Gehandelt wird um den Preis für das Leben einer Maus. Ein „Verkäufer“ bietet das Leben einer Maus feil und mehrere Käufer machen Gebote, wie viel ihnen das Leben der Maus wert ist. Der Verkäufer erteilt den Zuschlag wann immer er denkt, genug mit dem Leben der Maus verdient zu haben.

Wären Falk und Szech nicht „Neuro-Ökonomen“, sondern Soziologen, sie hätten sich das Morden von Mäusen sparen können, denn heraus kommt, was jeder Soziologe, der sein Geld wert ist und eine entsprechende Ausbildung hat, vorhergesagt hätte: Die Bereitschaft, die Maus zu töten, ist in Anordnung 2 höher als in Anordnung 1 und der Preis für das Leben einer Maus sinkt.

Esser Spezielle GrundlagenDieser Ausgang erklärt sich recht einfach: Versuchsanordnung 1 macht den Probanden direkt verantwortlich. Entscheidet er sich für das Geld und gegen das Leben der Maus, dann muss er das auf die eigene Kappe nehmen. Versuchsanordnung 2 bietet dagegen die Anonymität der „Masse“. Entsprechend kann derjenige, der den Zuschlag erhält, die Verantwortung abschieben und derjenige, der den Zuschlag erteilt, kann die Verantwortung auch weitergeben. Diese Form des Verantwortungs-Sharings bzw. diese Form der Unverantwortlichkeit ist ein Bestandteil des täglichen Lebens der meisten, die ihr Schnitzel essen und sich nur dann die Frage stellen, wo das Schnitzel eigentlich herkommt, wenn herauskommt, dass Pferd im Schnitzel war. Die Verschiebung von Verantwortung bzw. das Verschwinden in der „Gruppenverantwortung“ hat Le Bon bereits in seiner „Psychologie der Massen“ beschrieben, und sie ist die treibende Kraft hinter jedem Lynchmob. Die Erkenntnis, für die Falk und Szech Mäuse ermodert haben, ist demnach bereits vorhanden, das Morden also sinnlos.

Und was haben die Ergebnisse mit Märkten zu tun? Schlicht nichts, denn – wie gesagt – die Tatsache, dass Hemmungen fallen, wenn Anonymität zugesichert ist, hat überhaupt nichts mit Märkten zu tun, wie jeder täglich im Internet erfahren kann, in dem es normal ist, dass hinter einem Pseudonym sich Versteckende, die Gunst der Stunde nutzen, um andere zu beleidigen, etwas, das sie sich nie trauen würden, müssten sie mit ihrem Namen einstehen. Im Internet kann man das Versuchsergebnis von Falk und Szech also problemlos und vor allem ohne dafür zu morden täglich gewinnen.

Was die Moral angeht, so kann man sich beim alten Kant erkundigen, für den es ein Instrumentalisierungsverbot gab, das er allerdings nicht auf Tiere ausgeweitet hat, die ihm als Sache galten. Für Kant haben Tiere also nur vermittelt über die eigene Menschenwürde mit Moral zu tun und für viele Zeitgenossen ist das offensichtlich immer noch so, oder wie Falk zum Ende seines Interviews sagt: „Ein zweites Motiv ist…, dass die Wertschätzung für die Maus eben nicht so hoch ist“ (vor allem bei ihm). Ein wirklich radikales Ergebnis, auf das ein Wissenschaftler in einer Gesellschaft, der Massentierhaltung, in der das tierische Sterben zum Zwecke des Gefressen-Werdens oder um zu erproben, ob das neue Schampoo auch wirklich nicht die Augen reizt, eine Normalität ist, scheinbar nur kommen kann, wenn er Mäuse umbringt.

Le BonUnd damit komme ich zum letzten Punkt, der mich an dieser Forschung wütend macht. Falk will Ökonomieprofessor sein und ein Experiment konzipiert haben, das die Bedingungen auf einem Markt wiederspiegelt. Sein Markt ist von Verkäufern bevölkert, die ein Lebewesen anbieten, das für sie keine Kosten hat. Sie mussten die Maus nicht aufziehen, sie hatten keine Ausgaben für die Ernährung der Maus, sie hatten keinerlei Aufwand. Ähnliches gilt für die Käufer: Sie haben keine Kosten. Sie setzen kein eigenes Geld ein, sie kaufen nichts, was sich als problematisch herausstellt, der Handelsgegenstand, das Leben einer Maus, kann ihnen egal sein, sie haben nicht einmal Opportunitätskosten. Kurz: Das ganze hat mit einem Markt soviel zu tun, wie der Himalaya mit der Lüneburger Heide, wenn die Versuchsanordnung überhaupt etwas beschreibt, dann die Situation, in der sich Funktionäre finden, die sich um Dinge anderer kümmern, keine Kosten haben, wenn es um die Dinge anderer schlecht bestellt ist usw. Aber da es Mode ist, auf Märkte einzuschlagen, will scheinbar auch Armin Falk nicht abseits stehen und seine moralische Integrität dadurch beweisen, dass er sich am „Markt-bashing“ beteiligt, quasi als Form der liturgischen Reinigung, und für diesen moralisch integren Zweck kann man schon einmal ein paar Mäuse ohne Sinn und Zweck über die Klinge springen lassen.

Ich finde das alles einfach nur widerlich.

Falk, Armin & Szech, Nora (2013). Morals and Markets. Science 340, 10. May 2013.

Je höher das Testosteron-Level, desto ehrlicher sind Männer

Testosteron ist ein schillerndes Hormon, ein Hormon, das „den Mann zum Mann macht“, wie Focus zu berichten weiß. Der NetDoktor kennt Testosteron weitgehend undramatisch als „wichtigstes männliches Geschlechtshormon“. Dramatisch wird es in der Welt, in der Testosteron seine eigentlichen Qualitäten verrät: „Testosteron als Katalysator sammelt verfügbare Aggressionen aus verschiedenen Lebensbereichen, und feuert sie dann gezielt auf den jeweiligen politischen Gegner“. Das weiss angeblich Katrin Kneissl zu berichten, aus einer Sicht, die man vielleicht als Testosteron-Neid bezeichnen könnte. Testosteron macht nicht nur bei Katrin Kneissl Politik, „Testosteron schreibt Männlichkeit früh ins Gesicht“, wie man bei der Presse weiß. Und: last but not least: Testosteron, das weiß die Berliner Morgenpost, ist ein Killer. Dass Männer fünf Jahre früher als Frauen sterben, so weiß das Blatt, ist Folge von Testosteron, eine Folge risikoreicheren Verhaltens „unter der Hormonwirkung“, also auf  Testosteron-Dope zurückzuführen – wenn man so will.

Die mysthischen Kräfte von Testosteron sind durch eine Studie, die in PLOSone veröffentlicht wurde, um eine weitere Kraft ergänzt worden: Männer mit mehr Testosteron lügen im Vergleich zu Männern mit weniger Testosteron seltener. Dieses Ergebnis steht am Ende eines zweitägigen Versuches, den Ökonomen (ja, Ökonomen!) von den Univsersitäten Bonn und Maastricht durchgeführt haben.

91 Männer, die sich bereit erklärt hatten, am Versuch teilzunehmen, wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Mitglieder der einen Gruppe „T“ (n = 46) erhielten Testogel®, um ihren Testosteron-Spiegel anzuheben, während die verbleibenden Mitglieder der zweiten Gruppe „P“ (n = 45) mit einem Placebo abgespeist wurden. Wie nicht anders zu erwarten, wiesen die Mitglieder der Gruppe „T“ signifikant höhere Testosteron-Werte auf als die Mitglieder der Gruppe „P“. Nachdem das Testosteron rund 24 Stunden hatte, um einzuwirken, wurde den 91 Männern eine Spielsituation präsentiert, an deren Ende sie mit einer Auszahlung in Höhe von x Euro belohnt wurden. Die Höhe der Auszahlung, die die 91 Männer erzielten, konnten sie durch Würfeln selbst beeinflussen (die Auszahlung wurde mit dem Würfelergebnis multipliziert, wobei mit Ausnahme einer „6“ jeweils die Augenzahl als Multiplikator genommen wurde. Bei einer „6“ wurde die Auszahlung mit „0“ multipliziert“) und: Der Wurf wurde unbeobachtet ausgeführt, so dass es nicht möglich war zu kontrollieren, ob das berichtete Würfelergebnis wahr oder gelogen ist. Indes ist es möglich, die von beiden Gruppen von Männern berichtete Verteilung von Würfen mit der zu erwartenden Zufallsverteilung zu vergleichen und daraus Schlüsse zu ziehen. Und die Schlüsse sind eindeutig:

  • In beiden Gruppen wurde gelogen.
  • Die Mitglieder mit höherem Testosteronlevel (Gruppe „T“) logen deutlich weniger als die Mitglieder der Placebogruppe (Gruppe „P“).

Der Schluss daraus scheint einfach: steigende Testosteronlevel machen Lügen kurze Beine.

Die Ergebnisse sind zum einen ein Beleg dafür, dass Akteure opportunistische Strukturen ausnutzen, d.h. immer dann, wenn es durch z.B. Lügen möglich ist, sich unbemerkt einen Vorteil zu verschaffen, werden die meisten Akteure – ungeachtet aller gesellschaftlichen Normen und des 8ten Gebots – sich einen Vorteil durch Lügen verschaffen. Was die Ergebnisse darüber hinaus zeigen, ist schwierig zu bewerten. Denn es stellen sich zwei Frage: Warum soll sich Testosteron auf die Häufigkeit/Bereitschaft zu lügen auswirken? Und da die Forscher lediglich Männer untersucht haben, die schon markante Testosteron-Level mitbringen sollten, stellt sich weiter die Frage, wieviel zusätzliches Testosteron notwendig ist, um eine Reduktion der Bereitschaft, zu lügen, herbeizuführen.

Frage zwei, das kann ich vorwegnehmen, wird von den Autoren der Untersuchung nicht einmal gestellt. Entsprechend bin ich mit der Antwort hier schnell fertig: Es gibt keine. Frage eins hingegen erhält eine Antwort, eine Antwort, die interessant ist, denn sie beinhaltet etwas, das man heute kaum mehr offen in den Mund nehmen kann: Den Begriff „Stolz“. Wie die fünf Ökonomen aus Bonn und Maastricht ausführen, erhöht sich mit dem Testosteron-Level der Stolz auf die eigene Leistung, die eigene Person. Und mit dem Stolz geht einher, dass bestimmte Mittel nicht nutzbar sind, weil sie mit Stolz nicht vereinbar sind: Wer stolz ist, für den besteht keine Notwendigkeit, zu lügen, der hat so etwas nicht nötig.

Diese Argumentation gibt der in Deutschland und im Rahmen des Staatsfeminismus so populären Entwertung von Werten wie Stolz und Ehrgefühl oder Anstand einen ganz neuen Twist: denn wer Stolz als Ausdruck „männlicher Hegemonie“ austreiben will, verbreitet damit Lügen. Wie diese, von den Bonner und Maastrichter Forschern angedachte Verbindung von Stolz und weniger lügen bei Jungen funktionieren und durch staatsfeministische Interventionen zerstört werden kann, zeigen z.B. die vielfältigen Versuche, Jungen in der Schule umzuerziehen. Ein erfolgreich umerzogener Junge ist dann regelmäßig ein Junge, der gelernt hat, sich so zu verstellen, dass es seinen zumeist Lehrerinnen gefällt, um auf diese Weise zu verhindern, dass ihm ein sozial-emotionaler Kompetenzmangel untergeschoben wird, der für ihn Sonderschule und eben nicht Gymnasium bedeuten würde. Mit anderen Worten, ein durch den Staatsfeminismus umerzogener Junge, ist ein Junge, der gelernt hat, zu lügen, der gelernt hat, sich zu verstellen, um negativen Konsequenzen zu entgehen. Da niemand, der sich verstellt, um gut durchzukommen und nirgends anzuecken, auf sich stolz sein kann, so jemand kein Ehrgefühl für sich entwickeln und empfinden kann, wirken staatsfeministische Erziehungsprogramme also im doppelten Sinne negativ auf die entsprechenden Jungen: Sie entwerten Werte wie Stolz und Ehrgefühl, und sie ermuntern zum Lügen.

Produktiv könnte man die Ergebnisse der Bonner und Maastrichter Forscher  nutzen, um die Ehrlichkeit durch einen Schuss Testosteron zu erhöhen. Die Möglichkeiten, der Nutzung sind unbegrenzt: Testosteron als Nahrungsmittelzusatz, Testosteron in Ehrlichkeits-Drinks, Testosteron-Ehrlichkeits-Joints, Testosteron-Kekse für unsere Kleinen und natürlich und nicht zu vergessen: Testosteron als tägliche Gabe an Politiker, am besten morgens, mittags und abends, um auf diese Weise einerseits zu verhindern, dass, wie einst in einem Pfälzer Wahlkampf beklagt, in der Politik weiter so gelogen wird und andererseits dem Staatsfeminismus den testosteronalen Garaus zu machen.

Wibral, Matthias, Dohmen, Thomas, Klingmüller, Dietrich, Weber, Bernd & Armin Falk (2012). Testosterone Administration Reduces Lying in Men. PLOS one 7(10).