Kultur der Boshaftigkeit – Don Alphonso über seine Freunde, die das Denunzieren zu lieben lernten

NetzDG oder wie Freunde lernten, das Denunzieren zu lieben“, so lautet der Titel des neuesten Beitrags, den Don Alphonso bei der FAZ veröffentlicht hat. Darin berichtet er von zwei guten Bekannten, die „immer das richtige gesagt haben“, aber einmal das falsche gesagt haben. Sie haben es zur falschen Zeit am falschen Ort gesagt und … Basta. Das war es mit dem Job.

Es geht, wie könnte es anders sein, um das NetzDG, das Denunziationsdurchsetzungsgesetz, das Heiko Maas nach wie vor stolz verteidigt, vermutlich mit der selben Verve, mit der Arthur Seyß-Inquart seine Unterschrift unter das „Anschlussgesetz“ verteidigt hätte, hätte man ihn 1938 zur Verantwortung gezogen. Zum NetzDG, das zwei seiner Bekannten ihren Job gekostet hat, äußert sich Don Alphonso als der Historiker, der er qua Ausbildung ist: Die Möglichkeit zur Denunziation werde genutzt, wenn man sie schaffe, so schreibt er. Von Der „banalen Mentalität der kleinen Anschwärtzung“ schreibt er und davon, dass die Denunzianten dann, wenn ihre „Anschwärtzung“ Erfolg hatte, dies „auch stolz mitteilen“ werden. Mit dem NetzDG, so kann man sein Argument zusammenfassen, wurde ein gesetzliches Vehikel geschaffen, das es jedem kleinen Denunzianten erlaubt, sein schmutziges Geschäft auszuüben und sich dafür von seinem Staat auch noch auf die Schulter klopfen zu lassen. Und damit endet bei Don Alphonso die Diskussion dessen, was wir für die größte mit dem NetzDG assoziierte Katastrophe halten, denn das NetzDG ermöglicht und verstärkt eine Kultur der Boshaftigkeit, die es in Deutschland, vor allem auf Seiten der politischen Linken gibt.

Es gehört zur Uniform eines Linken, sich als Intellektueller und als denen überlegen zu fühlen, die er für ideologisch und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch menschlich inferior ansieht. Intellektuelle Superiorität kann man sich entweder zugestehen, weil man sich in einer rationalen Argumentation mit seinen Argumenten durchgesetzt hat. Das erfordert Wissen, Kompetenz und Lernen. Drei Qualitäten, die man nur noch bedingt auf der linken Seite des politischen Spektrums vorfindet. Statt dessen findet man den Anspruch, moralisch überlegen zu sein, ein besserer Mensch zu sein, aus dem dann eine intellektuelle Überlegenheit gegenüber all denen abgeleitet wird, die man als ideologische Feinde ansieht, mit denen man sich nicht mehr auseinandersetzt, die man im wahrsten Sinne des Wortes bekämpft. Da wo der wirklich intellektuell Überlegene seine Überlegenheit mit der Wucht seiner Argumentation unter Beweis stellt, da kneifen moderne Linke. Sie suchen nach Surrogaten und die Surrogate, die ihnen angeboten werden, enthalten u.a. die Möglichkeit, sich als Denunziant zu betätigen und dadurch, wie sie glauben, eine moralische Erhöhung zu erfahren. Das aus ihrer Sicht ideologische Ungeziefer, das sie denunzieren, macht sie zu Helden, Volkshelden im Kampf gegen den Hass und die Hetze, Begriffe, hinter denen sich in der Regel einfach nur eine andere Meinung verbirgt.

Die Sozialpsychologie kennt diese Methoden, mit denen kleine Geister versuchen, sich zu großen und überlegenen Menschen zu stilisieren. Von Sherif bis Tajfel, von Turner bis Milgram reichen die klassischen Experimente, mit denen gezeigt wurde, dass kleine Menschen Halt in der Gruppe suchen, dass sie ihre fehlende Urteilsfähigkeit und ihren fehlgeschlagenen Versuch, eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln, durch Zuordnung zu einer Gruppe zu ersetzen bzw. kaschieren suchen und dass sie, als nunmehr soziale Persönlichkeit ohne eigene Idee, freudig bereit sind, sich zum Helfershelfer einer Ordnungsmacht zu machen, deren Ziel darin besteht, Abweichung zu bestraften. Gerade die Experimente von Stanley Milgram zeigen, wie schnell der kleine Geist, der die soziale Surrogat-Persönlichkeit an die Stelle eigener Urteilsfähigkeit gesetzt hat, bereit ist, Dritte, die ihm als abweichend bedeutet wurden, zu bestrafen, hart zu bestrafen und dabei auch deren Tod in Kauf zu nehmen.

Die gesellschaftliche Katastrophe die Gesetz, die NetzDG geworden ist, sie schafft Randbedingungen, unter denen die Denunziation blüht, unter denen Boshaftigkeit und Niedertracht belohnt werden, unter denen der kleine Denunziant mit stolz geschwelter Brust zum verdienten Helden des Volkes im Kampf gegen die Hassrede avancieren kann – wie er glaubt.

Aber es kommt noch schlimmer.

Um 1901 hat Jerome K. Jerome mit seinem Buch „Three Men on the Bummel“ eine humoristische Reisebeschreibung gegeben, in deren Mittelpunkt Deutsche und ihre Eigenarten stehen, wie sie dem britischen Reisenden der damaligen Zeit aufgefallen sind. Das lustige und liebenswürdig gehaltene Buch kommt dennoch an vielen Stellen auf die Eigenschaft der oder mancher Deutschen zurück, die Jerome K. Jerome als die seltsamste, die am wenigsten normale anzusehen scheint: Die Bereitschaft der Deutschen, sich ihrer Obrigkeit freiwillig und in vorauseilendem Gehorsam zu fügen. Dieselbe Mentalität des Untertanen beschreibt Heinrich Mann in seinem gleichnamigen Buch, und sie findet sich nach dem zweiten Weltkrieg in der von Gabriel Almond und Sidney Verba unternommenen Vierländerstudie zur politischen Kultur wieder. Nein, sie findet sich nicht wieder, denn in Deutschland fehlt das, was Almond und Verba eine „Civic Culture“ genannt haben, also letztlich das Bewusstsein, dass Bürger gemeinsam gegen ihren Staat stehen, dass sie nur als freie Bürger überleben können, wenn sie ihren Staat und seine Macht beschränken, beschneiden und notfalls diejenigen, die sich als Staatsdiener verdingen, zum Teufel jagen.

Die entsprechende Civic Culture gibt es in Deutschland nicht. In Deutschland gibt es heute vor allem Linke, die sich zum Diener ihres Staates erklären. Ihnen liegt es näher, ihre Mitbürger zu bekämpfen und bei ihrem Staat anzuschwärzen, als dass sie gemeinsam mit Mitbürgern die Freiheit, die sie teilen oder eben nicht teilen, gegen den Staat und seine Tendenz, Freiheit einzuschränken und vor allem durch die Gewährung von Rechten zu zerstören, verteidigen [Wem bei der Formulierung “Gewährung von Rechten durch den Staat” nicht das Messer in der Tasche aufgeht, der hat die Transformation zum Untertanen bereits erfolgreich hinter sich gebracht.].

Das NetzDG macht sich diese Tendenz, der Obrigkeit dienlich zu sein, die sich vor allem bei Linken findet, ganz einfach deshalb, weil die Linken die größten Nutznießer des Staates sind, zunutze und schafft ein Klima, schafft Randbedingungen, in denen die Denunziation rehabilitiert wird. Denunziation gilt nicht mehr als boshafte Niedrigkeit, zu der man sich als Mensch nicht herunterziehen lässt, sie wird zu einer Form der Selbsterhöhung stilisiert, die dem Denunzianten einen warm glow verspricht, in dem er sich zu sonnen können glaubt.

Das ist für diejenigen, denen die Fähigkeit, sich eine eigene Persönlichkeit mit Urteilsfähigkeit und Menschenverstand zu geben, fehlt, ein Angebot, das sie nicht ausschlagen können. Ohne Leistung, ohne Können, ohne Kompetenz und ohne Wissen werden sie einfach nur dadurch, dass sie ein Tweet bei Twitter melden oder einen Post bei Facebook, zum Helden. Sie mutieren in ihren Augen zum Verteidiger der Demokratie und oft genug auch der Meinungsfreiheit, obwohl sie beider Totengräber sind. Sie fühlen sich plötzlich als wer, besser als der, den man denunziert hat. Und wo ganz wenig ist, gilt eben wenig viel.

Heiko Maas kommt das Verdienst zu, Randbedingungen geschaffen zu haben, die das wieder ermöglichen, was Historiker wie Richard Evans und Robert Gellately in ihren Arbeiten umfangreich beschrieben haben. Evans ist einer der besten Kenner der Geschichte des Dritten Reiches. Beide, Evans wie Gellately, haben die Idee, dass die Deutschen ein Volk der von Hitler Verführten und von der Gestapo Überwachten waren, zurückgewiesen und in vielen Beiträgen als falsch belegt. Gellately hat dies am Beispiel der Gestapo-Akten u.a. aus Würzburg getan, die sehr deutlich zeigen, dass nicht die Gestapo Ausgangspunkt eines Klimas war, in dem Deutsche des Deutschen Wolf wurden, dass vielmehr die Gestapo von einer Welle der Denunziation getrieben, ja fast weggeschwemmt wurde. Gesetze, die Juden im Dritten Reich zu Aussätzigen erklärt haben, schufen die Grundlage, auf der die Denunziation von Deutschen geblüht hat. Der Grundstock der Boshaftigkeit, er scheint in Deutschland 1933ff in gleicher Weise vorhanden gewesen zu sein, in der er heute vorhanden ist. Viele kleine Denunzianten, die die schmitzige Arbeit des Staates voller Freude erledigen.

Dass die politische Kultur in Westdeutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg keine grundlegend andere geworden ist, dass Untertänigkeit immer noch höher im Kurs stand als Solidarität mit Mitbürgern, das wissen wir aus der Studie von Almond und Verba. Dass die SED in Ostdeutschland die Kultur der Untertänigkeit, die immer eine Kultur der Boshaftigkeit und Missgunst war, für sich ausgenutzt hat und mit dem Ministerium für Staatssicherheit eine Institution zur Beschnüffelung der eigenen Bürger geschaffen hat, die der Gestapo kaum, wenn überhaupt, nachstand, eine Institution, die auf mehr als eine Million Inoffizielle Mitarbeiter zurückgreifen konnte, die eifrig, wie z.B. der Führungsoffizier von Anetta Kahane es ausgeführt hat, am sozialistischen Heil gearbeitet haben und damit das sozialische Heil auch erreicht wird, Mitbürger bespitzelt und denunziert haben, ist ebenfalls bekannt.

Man muss also feststellen, dass es in Deutschland eine Kultur der Boshaftigkeit gibt, die man anzapfen kann, wie dies Heiko Maas getan hat, um Bürger gegen Bürger in Stellung zu bringen, um diejenigen sich mit der Obrigkeit solidarisieren zu sehen, die zu den kleinen unter den Lichtern gehören und es nötig haben, durch ihren unermüdlichen Kampf für eingebildete Konzepte und gegen konkrete Mitbürger, Surrogat-Selbstwert zu kaufen. Wie gesagt, Tajfel, Turner, Milgram und Sherif, sie haben die sozialpsychologische Ärmlichkeit beschrieben, auf denen ein Denunziant wächst und gezeigt, wie einfach es ist, aus einem schüchternen Bürger einen brutalen Verteidiger von Konzepten zu machen, die er nicht einmal kennt.

Heiko Maas wird von nachfolgenden Generationen für sein NetzDG gescholten werden. Historiker werden es anführen, wenn sie die Brutalisierung und Entmenschlichung des öffentlichen Diskurses, wie sie unter Merkel stattgefunden hat, erklären wollen. Andere werden wieder einmal auf die Banalität des Bösen verweisen, die mit Gesetzen wie dem NetzDG losgelassen und tausendfach in Aktion gesetzt wurde. Wieder andere werden einen neuen Anwendungsfall von Stanley Milgrams Erkenntnissen darüber sehen, wie leicht es doch ist, ein kleines Menschlein, das nicht weiß, was es ist und keine Leistung erbracht hat, um eine Persönlichkeit darauf zu bauen, mit einem Ersatz für beides zu versorgen, der es dazu motiviert, nun, da es etwas ist, andere, die eben anders sind, zu denunzieren und zu bestrafen.

Heiko Mass ist der Ausgangspunkt eines neuen Kapitels im Buch, das der deutschen Kultur der Boshaftigkeit gewidmet ist. Die Geschichte wird ihm dafür den Platz einrichten, der ihm gebührt.

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Baby on Board: Welche Motivation steckt dahinter?

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

Auf unserem Weg nach Basingstoke wurden wir gestern auf ein Auto mit “Baby on Board”-Aufkleber baby-on-boardaufmerksam. Dass wir darauf aufmerksam wurden, hatte zum einen etwas mit dem Fahrstil zu tun, zum anderen damit, dass die entsprechenden Aufkleber im Vereinigten Königreich eher selten zu finden sind. Was passiert, wenn zwei Sozialwissenschaftler auf einen “Baby on Board”-Aufkleber aufmerksam werden? Sie fragen sich: Was will mir der Fahrer vor mir zu verstehen geben, was will er mir sagen?

Wir haben diese Frage zum Ausgangspunkt genommen, um eine Reihe sozialpsychologischer Theorien nach Erklärungen der zugrunde liegenden Motivation zu durchforsten. Und das Folgende ist dabei herausgekommen:

Gelernte Hilflosigkeit – Locus of Control

Die von Julian Rotter (1954) eingeführte Theorie des “locus of control” beschreibt eine Kontroll-Orientierung, die entweder auf dem Glauben beruht, dass die Ergebnisse unserer Handlungen durch externe Ereignisse determiniert werden (externer locus of control) oder dass die Ergebnisse eigener Handlungen in der Macht des Handelnden liegen (interner locus of control). Kurz: Menschliche Handlungen sind nach Rotter entweder durch den Glauben an eine Außenkontrolle motiviert oder sie basieren auf dem Glauben, Herr seiner Handlungen zu sein. Die Verbindung zwischen einem externen locus of control und der gelernten Hilflosigkeit ist offenkundig. Bei gelernter Hilflosigkeit lernt ein Organismus, dass er Belohnungen erhält, wenn er sich als unfähig, bestimmte Handlungen auszuführen, darstellt. Er lernt, von der Rücksicht oder dem Mitleid anderer zu leben (Seligman & Maier, 1967).

Was folgt aus beiden Theorien für die Erklärung des “Baby on Board” – Aufklebers?

Zweierlei: Entweder der Fahrer im entsprechend beklebten Auto will anderen Autofahrern zu verstehen geben, dass er eigentlich nicht in der Lage ist, ein Auto zu fahren und dass, ob er einen Unfall produziert, davon abhängt, ob andere seine Unfähigkeit in Rechnung stellen oder nicht. Oder er will anderen Autofahrern zu verstehen geben, dass er nicht in der Lage ist, für die Sicherheit seines “Baby on Board” zu sorgen, womit die Hoffnung verbunden ist, dass andere es können. Bedeutung in Kurz: Ich bin behindert, oder ich kann nicht aufpassen, aber alle anderen müssen aufpassen.

Soziale Identitätsbildung

TajfelDie von Henri Tajfel (1982) und Jonathan Turner (1987) entwickelte Social Identity Theory geht davon aus, dass Menschen danach streben, Selbstwert zu schaffen und zu erhöhen. Selbstwert hat zwei Komponenten: eine personale Identität und eine soziale Identität. Individuen, bei denen der Selbstwert nicht über eine personale Identität geschaffen werden kann, versuchen, sich eine soziale Identität zuzulegen, von der sie erwarten, dass sie sozial anerkannt ist und deshalb mit sozialem Wert, der in Selbstwert transformiert werden kann, verbunden ist. Je schwächer die personale Identität, desto wichtiger ist es, eine soziale Identität zu bilden, was regelmäßig durch die Betonung einer Gruppenzugehörigkeit und den Ausschluss aller, die ein bestimmtes Merkmal, das die Gruppenzugehörigkeit begründet, nicht teilen, erfolgt.

Was folgt aus dieser Theorie für den “Baby on Board”-Aufkleber?

Der “Baby on Board”-Aufkleber hat einen Signalwert. Er signalisiert  die Gruppenzugehörigkeit des Fahrers des entsprechenden Autos: “Ey, ich bin fertil. Ich gehöre zu Eltern.” Aus seiner Selbstzuordnung zu Eltern und aus seiner Selbstreduzierung auf seine Fertilität versucht der Fahrer soziale Identität und letztlich Selbstwert zu gewinnen, was nur den Schluss zulässt, dass er keine eigene, keine personale Identität ausgebildet hat, die es ihm erlaubt, ohne soziale Gruppenzugehörigkeit einen Selbstwert zu empfinden. Entsprechend wird die Selbstwertfrage auf “das Soziale” verschoben und die Ausbildung einer personalen Identität an die nächste Generation weitergegeben, nach dem Motto: ich habe nichts erreicht, vielleicht erreicht mein Nachwuchs etwas.

Frustrations-Aggressions-Hypothese

Die Frustrations-Aggressions-Hypothese ist eine von fünf Hypothesen, mit denen George C. Homans menschliches Handeln erklären will. Sie besagt: “Wenn die Handlung einer Person nicht die Belohnung erfährt, die die Person erwartet, oder wenn eine unerwartete Bestrafung eintritt, dann wird die Person ärgerlich, es wird wahrscheinlicher, dass sie aggressiv reagiert, und die Resultate solchen Verhaltens werden für die Person wertvoller” (Opp & Wippler, 2002, S.134-135).

Was bedeutet Frustration und Aggression für die Motive hinter dem “Baby on Board”-Aufkleber

FestingerDas schöne an dieser Hypothese ist, dass sie mehrere Verhaltensweisen erklären kann. Sie erklärt die frustrierte Fahrerin des Kleinwagens, die alle hinter ihr durch ihren Fahrstil zur Verzweiflung treiben will, als Rache dafür, dass ihr die soziale Anerkennung versagt bliebt, die nach ihrer Ansicht die monumentale und bewiesene Fähigkeit zur Fortpflanzung hätte mit sich bringen müssen. Die These erklärt auch den Raser im BMW oder im Audi, der die dritte Spur auf der Autobahn besetzt, um jedem zu zeigen, dass ihn Vaterschaft nicht unattraktiv, impotent und in seiner Männlichkeit beschädigt zurückgelassen hat. In beiden Fällen dient der Aufkleber dazu, anderen Fahrern deutlich zu machen, warum die Fahrerin im Kleinwagen, der Fahrer im BMW oder Audi einen Fahrstil pflegen, den man nicht als normal bezeichnen kann oder der zumindest statistisch nicht normal ist.

Die Frustrations-Aggressions-Hypothese lässt sich mit der Theorie kognitiver Dissonanz von Festinger (1957) verbinden, die besagt, dass Individuen dann, wenn Ergebnisse von Handlungen nicht ihren Erwartungen entsprechen, die dabei entstehende kognitive Dissonanz verarbeiten müssen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, andere für die enttäuschten Erwartungen bezahlen zu lassen.

Persönlichkeitstheorien – Big Five

Persönlichkeitstheorien gehen im Anschluss an Gordon Allport (1960) davon aus, dass Individuen höchst individuelle Kombinationen von insgesamt fünf verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften darstellen. Je nach individueller Lebensgeschichte unterscheiden sich die individuellen Mischung der Persönlichkeitseigenschaften. Die “Big Five” der Persönlichkeitseigenschaften sind: Neurotizismus (ängstlich, empfindlich), Extraversion (gesprächig, gesellig), Offenheit für Erfahrungen (schätzt intellektuelle Angelegenheiten, rebellisch, nicht konformistisch), Liebenswürdigkeit (einfühlsam, warm) und Gewissenhaftigkeit (ethisch, zuverlässig). (McCrae & Costa, 1987).

Welche Persönlichkeitsmerkmale stecken hinter dem “Baby on Board”-Aufkleber?

Five FactorEs scheint am besten zu sein, ein Ausschlussverfahren vorzunehmen und damit zu beginnen, dass Offenheit ausgeschlossen werden kann, denn der Aufkleber hat absolut nichts mit Rebellion oder nicht konformem Verhalten zu tun, sondern mit dem Gegenteil. Gewissenhaftigkeit passt auch nicht, denn Gewissenhaftigkeit ist etwas, was die Personen, die sie haben, als normale Charaktereigenschaft mit sich herumtragen, fast unbewusst, in jedem Fall, werden sie es anderen nicht auf die Nase binden, dass sie gewissenhaft sind, und schließlich weist der Aufkleber auch nicht auf Liebenswürdigkeit hin, denn der Aufkleber ist als Marker gegen andere gerichtet und der Fahrer, der unter dem “Baby on Board”-Label unterwegs ist, hat sich mit Sicherheit keinerlei Gedanken darüber gemacht, was andere von seinem Aufkleber halten (sonst hätte er ihn nicht aufgeklebt). Das lässt Extraversion und Neurotizismus übrig. Neurotizismus schließt am Locus of Control und an der gelernten Hilflosigkeit an und erscheint als Grundlage der Hoffnung, dass andere in der Lage sind, das zu erreichen, was man selbst für sich zu erreichen ausgeschlossen hat: Für die Sicherheit des eigenen Nachwuchses zu sorgen. Insofern kann man davon ausgehen, dass Personen, die gelernt hilflos sind und sich von außen gesteuert begreifen, in höchsten Maße neurotizistisch sind.

Extraversion verbindet sich mit der Frustrations-Aggression-Hypothese und der kognitiven Dissonanz in der Raser-Variante, die wir eher bei männlichen Frustrierten erwarten. Entsprechend geht es ihnen darum, sich vom Aufkleber durch Rasen zu distanzieren. Einserseits haben die entsprechenden Personen nicht den Mut, den Aufkleber, den ihr Partner angebracht hat, zu entfernen, andererseits haben sie das Bedürfnis, ihre Dissonanz (z.B.: ich bin zwar Vater, aber immer noch Mann) zu beseitigen und dies auch anderen gegenüber deutlich zu machen. Das entsprechende Verhalten ist im Einklang mit den Erwartungen an einen frustriert-aggressiven Extrovertierten, und es bestätigt sich auch hier, dass Persönlichkeitscharakteristika wie Offenheit, Liebenswürdigkeit und Gewissenhaftigkeit bei denjenigen, die mit einem “Baby on Board”-Aufkleber unterwegs sind, nicht zu erwarten sind.

Soweit unsere Bestandsaufnahme der Motivation, einen “Baby on Board”-Aufkleber anzubringen. Wir haben sicher nicht alle Motive, die man aus sozialpsychologischen Theorien ableiten kann, abgedeckt. Wer noch ein paar Motive ableiten will, ist dazu herzlich eingeladen.

Literatur
Allport, Gordon W. (1960). Personality and Social Encounter. Berkeley: Beacon Press.

McCrae, Robert R., Costa, Paul T. & Busch, Catherine M. (1987). Evaluating Comprehensiveness in Personality Systems: The Californian Q-Set and the Five Factor Model. Journal of Personality 54(2): 430-446.

Festinger, Leon  (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford: Stanford University Press.

Opp, Karl-Dieter & Wippler, Reinhard (2002). George Caspar Homans. In: Käsler, Dirk (Hrsg.). Klassiker der Soziologie. Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu. München: Beck, S.130-151.

Rotter, Julian B. (1954). Social Learning and Clinical Psychology. Englewood-Cliffs: Prentice-Hall.

Seligman, Martin E. P. & Maier, Steven F.  (1967). Failure to Escape Traumatic Shock. Journal of Experimental Psychology 74)1=: 1-9.

Tajfel, Henri (1982)(ed.). Social Identity and Intergroup Relations. London: Cambrigde University Press.

Turner, Jonathan (1987). Rediscovering the Social Group: A Self-Categorization Theory. Oxford: Basil Blackwell.

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