ScienceFiles Wahlprognose: Große Koalition mit knapper Mehrheit; Afd bei 15,5%

Zur Bundestagswahl 2013 haben wir unser ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognose-Tool erstmals zum Einsatz gebracht und es geschafft, den Ausgang der Bundestagswahl besser vorherzusagen als dies Infratest Dimap für die ARD gelungen ist.

Auch zur Bundestagswahl 2017 haben wir unser Fuzzy-Tool wieder im Einsatz. Dieses Mal haben wir uns bemüht, das Tool zu verbessern:

Wir haben dieses Mal keine eigenen Daten erhoben, sondern uns der Daten von Infratest Dimap, Allensbach, Forsa und der Forschungsgruppe Wahlen bedient. 

Der Datensatz umfasst alle Umfragen, in denen seit der letzten Bundestagswahl 2013 die Sonntagsfrage gestellt wurde. Insgesamt haben wir 405 Einzelbefragungen mit jeweils acht Datenpunkten also 3.240 Datenpunkte als Grundlage unserer Prognose.

Für die Prognose haben wir langfristige Effekte berücksichtigt, die man aus der Nebenwahltheorie, die Rainer Dinkel in Deutschland bekannt gemacht hat, ableiten kann.

Wir haben die Gewichtung, die die Umfrageinstitute vornehmen, in Rechnung gestellt und unsere Ergebnisse um diesen Gewichtunsgfaktor bereinigt.

Wir haben eine abnehmende Parteibindung und einen Verlust von Stammwählern bei CDU, SPD und Grünen in der Prognose berücksichtigt.

Schließlich haben wir einen Mobilisierungsfaktor berechnet, in der Annahme dass es der AfD besser als anderen Parteien gelingt, Unterstützung unter bisherigen Nichtwählern zu gewinnen.

Und hier unser Ergebnis:

Der nächste Bundestag wird sich aus sechs Fraktionen konstituieren (sofern die CSU keine eigene Fraktion gründen will). Die Grünen, die Daten sind hier leider eindeutig, werden nach unserer Prognose im nächsten Bundestag vertreten sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie es nicht sind, liegt bei 25%. Die FDP und die LINKE sind bei uns mit 10,5% der Stimmen gleichauf, die AfD wird mit 15,5% drittstärkste Fraktion im neuen Bundestag. Die SPD erreicht keine 20% und die CDU/CSU wird mit 34,5% deutlich unter dem Ergebnis von 2013 bleiben, als noch 41,5% die CDU oder die CSU gewählt haben (Die Gewinn- und Verlustrechnung im Vergleich zur letzten Bundestagswahl findet sich unten).

Das spannende an unserem Ergebnis ist: Eine große Koalition hat nur noch eine knappe Mehrheit. CDU/CSU und SPD kommen auf nurmehr 52,5% der Stimmen. Um sich auf eine komfortable Mehrheit im Bundestag stützen zu können, bräuchten CDU/CSU und SPD somit einen Juniorpartner.

Als Juniorpartner stehen die AfD, die FDP und die LINKE zur Verfügung. Die Faktion von Bündnis90/Grüne wird im nächsten Bundestag in zu geringer Zahl vertreten sein, um als Mehrheitsbeschaffer in Frage zu kommen.

Unser Tipp für das nächste Kabinett Merkel, das keine volle Legislaturperiode überdauern wird (das ist die zweite Prognose im selben Post!), ist eine Regierung aus CDU/CSU, SPD und FDP.

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Bundestagswahl 2017: Das Fracksausen vor der AfD ist berechtigt

Die Stuttgarter Zeitung titelt heute in entwaffnender Einfalt:

“Wird die AfD stärker als erwartet?

Bei Union, SPD, Grünen, FDP und Linken wächst die Unruhe: Sie sehen knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl Anzeichen dafür, dass die AfD stärker abschneiden wird als prognostiziert. Vor allem Begegnungen mit Wählern stimmen manche Kandidaten besorgt.”

Ist es nicht putzig, dass sich die Erkenntnis dann einstellt, wenn man plötzlich mit Wählern konfrontiert ist?

Was die Schlagzeile in der Stuttgarter Zeitung einmal mehr zeigt ist die Ahnungslosigkeit, die in Deutschland im Hinblick auf Meinungsforschung und im Hinblick darauf herrscht, wie die Ergebnisse von Umfragen zustande kommen und vor allem: was sie aussagen.

Wer sich z.B. für die Alchemie hinter der Gewichtung interessiert, die von Meinungsforschungsinstituten vorgenommen wird, um ihre krummen Umfragedaten auf das zu begradigen, was sie für repräsentativ halten, den können wir hier und hier erleuchten. Wer sich über den Humbug der Repräsentativität informieren will, der kann das hier tun.

Eigentlich sollte man denken, die Prognose-Katastrophen der Vergangenheit, z.B. die Unfähigkeit selbst das Ergebnis einer Volksabstimmung in Hamburg, bei der zwei Alternativen zur Wahl standen, richtig vorherzusagen, hätte in Deutschland der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass Meinungsumfragen ein mehr oder weniger schlecht getarnter Firlefanz sind, jedenfalls dann, wenn behauptet wird, sie seien repräsentativ für alle Deutschen, alle deutschen Wähler oder alle Hundebesitzer. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall. Nichts kann den Glauben an das, was man glauben will, erschüttern. Nun ja, fast nichts: Die Begegnung mit Wählern schafft das bei manchen Politikern.

President Truman holding the infamous issue of the Chicago Daily Tribune, telling the press, “That ain’t the way I heard it!”

Drehen wir die Zeit zurück: Wir schreiben das Jahr 1948. Harry S. Truman, Nachfolger von Franklin D. Roosevelt im Amt des US-Präsidenten gilt als sicherer Verlierer der Präsidentschaftswahlen. In den Prognosen der Wahlforscher liegt Truman mit zweistelligen Prozentwerten hinter seinem Herausforderer Thomas Dewey. Die Wahl von 1948 ist als eines der größten Debakel der Umfrageforschung in die Geschichte eingegangen. Truman hat gewonnen.

Und da ist es nun, das Debakel.
Eingegangen in die Geschichte.
Die Umfragemethoden haben sich zwar kaum verändert. Aber das kann den Glauben an die Korrektheit von Wahlprognosen ebenso wenig erschüttern wie die vielen kleinen und größeren Debakel, die die Umfrageforschung seit 1948 wieder und wieder erlebt hat.

Es gab noch mehr im Jahre 1948. In Elmira wurde eine Wahlstudie durchgeführt. Paul E. Lazarsfeld und Bernard Berelson waren die Forscher, die in ihren Daten schon recht früh zeigen konnten, wie Wähler untereinander etwas kommunizieren, was bei Umfrageinstituten nicht ankam, wie die Inter-Wähler-Kommunikation ein gänzlich anderes Gesicht angenommen hat als das, was man in Medien lesen konnte (bis hin zur Wahlnacht, in der die falsche Schlagzeile: Dewey Defeats Truman der Chicago Daily Tribune in die Geschichte eingegangen ist und vergessen wurde). Lazarsfeld und Berelson waren zum zweiten Mal mit einem ausgeklügelten Design im Feld. Schon 1940 hatten beide eine berühmte Wahlstudie durchgeführt, damals in Erie County. Damals hatten sie herausgefunden, dass Medien keinen direkten Einfluss auf Wähler haben. Die Informationen aus Medien wurden vielmehr von einzelnen politisch interessierten und sehr artikulierten Wählern aufgenommen, gefiltert und in ihren Netzwerken verteilt. Auf diesem Wege wurden Wahlen entschieden, unabhängig von dem, was in Zeitungen stand, was im Radio zu hören war und was Umfrageforscher als Ausgang der Wahlen vorhergesagt haben. Berelson und Lazarsfeld haben den Begriff des „two step flow of communication“ geprägt, um dieses Phänomen zu beschreiben.

Auch der two step flow of communication, obwohl man ihm in arg entstellter Form bis heute in studentischen Arbeiten begegnen kann, ist in Vergessenheit geraten. Politiker denken heute, sie hätten über Medien einen Einfluss auf Wähler. Sie meinen, wenn Umfrageinstitute ihnen ein gutes Ergebnis prognostizieren, dann erhalten sie auch ein gutes Ergebnis. Und dann begegnen sie Bürgern und bekommen das große Fracksausen. Zurecht, denn wenn die Stimmen, die die Politiker, die die Stuttgarter Nachrichten zitieren, die AfD zu fürchten gelehrt haben, Teil eines Prozesses sind, wie in Berelson und Lazarsfeld 1948 in Elmira, New York, beschrieben haben, dann steht Deutschland am 24. September eine Überraschung in einem Ausmaß bevor, das vor allem Umfrageforscher, obwohl sie derzeit ihre Umfragen hektisch anpassen, nicht vorhergesehen haben – von Politikern der Mainstream-Parteien ganz zu schweigen.

Wahlprognose 2017: Bundestag ohne Bündnis90/Grüne

Nachdem wir mit unserem ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognosetool die letzten Bundestagswahlen so gut vorhergesagt haben, wollen wir auch bei den nächsten Bundestagswahlen nicht beiseite stehen, sondern unser volles Gewicht als Sozialforscher in die Waagschale werden.

Entsprechend starten wir eine Serie mit Prognosen für den Wahlausgang, wobei wir uns zunächst der Daten der Konkurrenz bemächtigen und auf Grundlage der monatlichen Wahlumfragen von Infratest für den Zeitraum von Januar 2000 bis zum jeweils aktuellsten Termin (derzeit Februar 2017) und Allensbach für den Zeitraum von Juli 2010 bis zum jeweils aktuellsten Termin (derzeit Februar 2017) eine Prognose zum Abschneiden einer der zur Wahl stehenden Parteien abgeben.

Den Anfang machen wir mit Bündnis90/Grüne.

buerklin-gruene-politikBündnis90/Grüne sind wie eine Schlange, so hat einst Wilhelm Bürklin geschrieben. Sie fressen zunächst eine Menge Wähler und verdauen diese im Laufe des politischen Lebens der Partei. Das hat zur Folge, dass mit zunehmendem Alter von Bündnis90/Grünen immer seltener Wähler für die Partei vorhanden sind, denn der Reiz der Grünen verblasst immer mehr, und die einstigen Wähler werden auf dem Weg durch den Verdauungskanal der grünen Schlange immer weniger.

Unsere Prognose für das Abschneiden von Bündnis90/Grüne bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 spiegelt diese Beobachtung, die man als Bürklinsches Verdauungsgesetz grüner Wähler bezeichnen kann, wieder. Demnach werden Bündnis90/Grüne nach unserer Prognose Mühe haben, in den nächsten Bundestags einzuziehen und mit einiger Wahrscheinlichkeit an der 5%-Hürde scheitern.

Auf Basis der Daten von Infratest, die bereits im Jahre 2000 beginnen, ergibt sich für Bündnis90/Grüne eine Stagnation auf dem Niveau von 7-8%. Dabei muss man in Rechnung stellen, dass in den Daten von Infratest Bündnis90/Grüne um in der Regel rund 1,5%-1,7% besser abschneiden als sie das in der tatsächlichen Wahl tun, so dass die Prognose für Bündnis90/Grüne auf Basis der Daten von Infratest ein Ergebnis von 5,3% bis 6,3% für Bündnis90/Grüne bei der nächsten Bundestagswahl 2017 vorhersagt.

sf_btw_prognose_b90g_allensbachAnders sieht die Prognose auf Basis der Daten von Allensbach aus, die den Zeitraum von 2010 bis 2017 (monatliche Daten) umfassen. Hier ergibt sich ein kontinuierlicher Abwärtstrend, der Bündnis90/Grüne im Durchschnitt und innerhalb von sechs Monaten 3% an Wählerstimmen verlieren sieht.

Derzeit liegen Bündnis90/Grüne in Allensbach-Umfragen bei 8%. Bis zur Wahl im September 2017 sind es noch mehr als sechs Monate, so dass man getrost drei weitere Prozent vom Stimmenanteil von Bündnis90/Grünen abziehen kann, so dass sie bei 5% liegen. Angesichts der kontinuierlichen Abnahme von Wählerzuspruch für die Partei von Bündnis90/Grünen, ist es auf Grundlage der Daten von Allensbach wahrscheinlicher, dass die Grünen im nächsten Bundestag nicht vertreten sind, als dass sie vertreten sind. Dies umso mehr als Bündnis90/Grüne auch in Umfragen von Allensbach regelmäßig besser abschneiden als in tatsächlichen Wahlen. Der Fehler beträgt rund 0,6% zu Gunsten von Bündnis90/Grüne.

Insofern könnte sich der einstige Wahlkampfslogan der Grünen „Grün bricht durch“ in einer Weise bewahrheiten, die die Grünen nicht vorhergesehen haben.


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Nach der Berlinwahl: Auf dem Weg ins Zweiparteiensystem?

Die Politikwissenschaft, wie Wissenschaften allgemein, ist eigentlich dazu da, Aussagen zu formulieren, auf deren Grundlage es möglich ist, begründete Prognosen über die zukünftige Entwicklung zu erstellen. Das ist mit ein Grund, warum Gender Studies und vieles, was heute in den Sozialwissenschaften über die Leser gegossen wird, keine Wissenschaft sind: Sie sind beliebig und nicht in der Lage, eine begründete Erwartung zu formulieren, die an der Realität scheitern kann.

Die Politikwissenschaft gehört zu den Bereichen der Sozialwissenschaft, die auf einen theoretischen Korpus zurückgreifen können, der sich in der Vergangenheit bewährt hat und auf dessen Basis man eine Reihe von Erwartungen für die Zukunft formulieren kann.

Wir wollen das heute tun, und zwar mit Blick auf die Konsequenzen, die sich nach den letzten Landtagswahlen abzeichnen. Wir haben bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass die SPD und die CDU seit mehr als einem Jahrzehnt kontinuierlich an Wählerzuspruch verlieren, auch wenn es ab und zu eine Landtagswahl gibt, die man mit viel gutem Willen zu einem Erfolg umdeuten kann, wie dies in Mecklenburg-Vorpommern gerade geschehen ist, wo die SPD für sich in Anspruch nimmt, Wahlsieger zu sein, obwohl sie einen deutlich geringeren Anteil an Wählern für sich reklamieren kann als noch bei der Landtagswahl 2011.

Der Niedergang der im Bundestag vertretenen Parteien erstreckt sich jedoch nicht nur auf SPD und CDU, auch Grüne und LINKE sind davon betroffen, und zwar in noch größerem Ausmaß als die beiden ehemaligen Volksparteien, so sehr, dass der Niedergang für die Grünen existentiell wird und man vorhersagen kann, dass sie bei etlichen Landtagswahlen der Zukunft, die 5%-Marke von der aus ihrer Sicht falschen Seite betrachten werden.

Downs economic theory democracyWährend alle im Bundestag vertretenen Parteien, alle Parteien des Berliner Parteiensystems kontinuierlich Wähler verlieren, gewinnt die AfD kontinuierlich Wählerstimmen. Vor dem Hintergrund der ökonomischen Theorie der Demokratie, die Anthony Downs in den 1950er Jahren formuliert hat, ist dies als Indiz für einen beginnenden zentrifugalen Wettbewerb zu werten. Als Ergebnis zentripetalen Wettbewerbs, der um die Mehrheiten der Wähler, die sich nicht in der Mitte, sondern rechts und links der Mitte eines eindimensional gedachten politischen Spektrums häufen, geführt wird, ergibt sich regelmäßig ein de facto Zwei-Parteien-System, in dem zwei Parteien um die Macht streiten und einige kleinere Parteien um das politische Überleben.

Um diese Hypothese zu stützen, müssen wir etwas weiter ausholen. Mehrparteiensysteme, insbesondere solche mit einem Verhältniswahlrecht, selbst wenn es ein bedingtes Verhältniswahlrecht ist, das eine 5%-Hürde für den Einzug in ein Parlament vorsieht, tendieren zu einem zentripetalen Wettbewerb, einem Wettbewerb um die Mitte, in der sich die Wähler klumpen. Als Ergebnis der Konkurrenz um weitgehend dieselben Wähler werden sich die Parteien immer ähnlicher, sie werden zu Waschmittelanbietern, die dasselbe Produkt in unterschiedlichen Verpackungen anpreisen, wie Downs es formuliert hat.

Das Problem mit einem zentripetalen Wettbewerb besteht aus zwei Prozessen:

Der erste Prozess ist ein Prozess der mimetischen Isomorphie, der Parteistrategen unterschiedlicher Zugehörigkeit, die Erfolgsrezepte der jeweils anderen Parteien kopieren sieht. Als Ergebnis verschwinden die Unterschiede, die einst zur Gründung unterschiedlicher Parteien geführt haben, immer weiter, bis die Verhältnisse eintreten, die heute eingetreten sind: Man kann aufgrund einer beliebigen Aussage eines beliebigen Politikers zu einem beliebigen politischen Thema nicht mehr sagen, zu welcher Partei der Politiker gehört. Für Wähler ist es nahezu unmöglich anzugeben, worin sich die Parteien unterscheiden. Alle stehen für weitgehend das selbe, für LSBTIQ oder so, für Frauenbevorzugung, für Sozialismus, für Gängelung der Bürger, für hohe Steuern, für Basen- oder Vetternwirtschaft usw.

Die meisten Themen, zu denen Parteien im zentripetalen Wettbewerb kommen, haben für die Normalbürger und Normalwähler keinerlei Bewandtnis, die besten Beispiele sind die Rassismus- und Frauenbevorzugungsfeldzüge, die derzeit geführt werden und außerhalb der Netzwerke, die davon leben, niemanden interessieren oder die manische Fixierung auf Kinder, deren Anteil in der Gesellschaft immer geringer wird, während die Alten in ihren Aufbewahrungsanstalten in immer größerer Zahl dahinsiechen. Kurz: Mimetische Isomorphie führt dazu, dass Politiker und politische Aktivisten im eigenen Saft schmoren und die Verbindung zur Normalbevölkerung verlieren.

Der zweite Prozess folgt auf dem Fuße, denn mit jedem Unsinn, den Politiker in ihrer abgeschlossenen Welt aushecken und von dem sie erwarten, dass Normalbürger ihn finanzieren, wächst die Unzufriedenheit und der Widerstand bis beide so groß sind, dass sie zu einer Organisation der Interessen führen, die wiederum in eine neue Partei mündet. Diese neue Partei zeichnet sich nun durch ein Fronstellung zu den Parteien aus, die in ihrem Phantasialand ununterscheidbar geworden sind. In den meisten aktuellen Themen, von der Flüchtlingspolitik über die Wirtschaftspolitik bis zur Bildungspolitik, von der Sozialpolitik bis zu Fragen der Dauer der Wahl eines Abgeordneten, ist diese neue Partei eine Partei, die andere Ziele und Forderungen vertritt, Ziele und Forderungen, die den Berliner Parteien nicht nur fremd, sondern geradezu monströs vorkommen. Sie ist eine Partei, die nicht dem Prozess mimetischer Isomporhie unterworfen ist, eine Partei, die sich aus Normalbürgern rekrutiert und sich als Gegenentwurf zu den Parteien des Berliner Parteiensystems aufstellt.

Aufgrund der mimetischen Isomorphie, die zu Schließungsprozessen führt, deren Ergebnis darin besteht, dass die Berliner Parteien Zeichen der Zeit weder wahrnehmen noch in der Lage wären, sich an die Veränderungen, den Wandel, der sich mit dem Auftauchen einer neuen Partei abzeichnet, anzupassen, würden sie die Zeichen der Zeit wahrnehmen, sehen die Berliner Parteien machtlos dabei zu, wie ihre Wählerbasis erodiert und ihr Einfluss immer geringer wird.

spd-altes-plakatDies ist besonders eklatant für die SPD. Die SPD war eine Mitgliederpartei. Um gewählt zu werden, ist es für die SPD besonders wichtig, auf Ortsebene durch einen Ortsverein präsent zu sein. Aber die SPD verliert seit Jahren massiv an Mitgliedern. Als Ergebnis hat sie immer weniger Ortsvereine, ist als Folge in immer weniger Orten präsent und verliert dadurch immer mehr Wähler. Die SPD ist auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit, das zeigt sich gerade bei Wahlen wie der zum Abgeordnetenhaus in Berlin, einer Wahl in einer Stadt, die der SPD alle Vorteile bringen sollte, die sie in der Vergangenheit von Wähleragglomerationen hatte. Doch die SPD wird auch in Berlin Wähleranteile verlieren, zwischen 5% und 7% allein auf Basis der Wahlumfragen. Profitieren werden die LINKE, vielleicht die Grünen und die AfD, was zeigt, die ehemaligen Wähler der SPD wandern nach links und rechts, ein weiterer Beleg für einen beginnenden zentrifugalen Wettbewerb.

Da sich einerseits die Berliner Parteien immer ähnlicher geworden sind und andererseits mit der AfD eine Alternativen bietende Partei aufgetaucht ist, die noch dadurch gestärkt wird, dass die Berliner Parteien das Anderssein der AfD bei jeder Gelegenheit betonen, wird es im deutschen Parteiensystem zu einer Komprimierung kommen. Links der Mitte werden die LINKE, die SPD und die Grünen weitgehend verschmelzen. Rechts der Mitte wird sich die AfD als neue große Partei etablieren. Der Wettbewerb wird nicht mehr um die Mitte der Wähler geführt werden, sondern um die Wähler die links und rechts der Mitte vorhanden sind. Auf lange Sicht wird sich die CDU spalten, in einen konservativen Teil, der Unterschlupf in den Reihen der AfD finden wird und einen christlich-sozialen Teil, der entweder mit den linken Parteien fusioniert oder in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Und die FDP… spielt keine Rolle.

Das ist unser Prognose für die Entwicklung des Parteiensystems Deutschlands, eine Prognose, die wir aus der ökonomischen Theorie der Demokratie abgeleitet haben. Den Zeitraum, in dem sich der von uns prognostizierte Prozess vollzieht, schätzen wir auf 10 bis 15 Jahre. Ob wir mit unserer Prognose richtig liegen, lässt sich im Verlauf dieser Zeit leicht entscheiden.

©ScienceFiles, 2016


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AfD in Mecklenburg-Vorpommern zweitstärkste Partei (und in der Regierung?): ScienceFiles-Fuzzy Wahlprognosetool

Am Sonntag wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt, und so wie es aussieht, werden am Sonntagabend wieder die betroffenen Mienen den Bildschirm der öffentlich-rechtlichen Sender zieren und darüber zetern, dass die Rechtspopulisten, also die AfD, es wieder geschafft hat die Bürger (also die leichtgläubigen Idioten) mit ihren einfachen Antworten dazu zu bewegen, ein Kreuz an der falschen Stelle (nämlich bei der AfD) zu machen.

Wenn es darum geht, das Phänomen AfD zu erklären, dann fällt Parteipolitikern nicht wirklich etwas Neues ein. Außer der Rechtspopulismus-Leier, die mit einer tiefen Verachtung für Wähler gekoppelt ist, denn nur dann, wenn man Wähler verachtet, kann man sie zu leicht verführbaren Idioten erklären, die hinter angeblich rechtspopulistischen Rattenfängern herlaufen, fällt den Parteipolitikern nichts ein.

Es wird wohl noch ein paar Wahlerfolge der AfD dauern, bis die Politiker aller anderen Couleur merken, dass die Wahl der AfD nicht so sehr eine Wahl der AfD als eine Abwahl aller anderen Parteien ist. Keine Protestwahl, wie jetzt manche meinen werden. Eine Abwahl, ein Ausdruck tiefer Unzufriedenheit mit dem Parteienklüngel der Berliner Republik, die zu Selbstbereicherung, moralischem Verfall und unter manchen Politikern zu dem Glauben geführt hat, sie hätten eine von irgendwo auf sie gekommene Eignung, Wähler zu belehren und Wählern zu erklären, wie sie sich im täglichen Leben richtig zu verhalten haben. Manche meinen sogar, sie müssten Wählern vorschreiben, wie sie reden und schreiben sollen, was sie sagen dürfen und was nicht und wie sie sich anderen gegenüber zu benehmen haben. Diese seltsamen Überzeugungen, die viele Politiker sich zueigen gemacht haben, sind mit ein Grund dafür, dass die AfD einen Besen aufstellen könnte und dennoch gewählt würde.

Und gewählt wird die AfD, aller Versuche, sie zu diskreditieren, zum Trotz.

Da derzeit wieder Hochzeit in Sachen Wahlprognose ist, wollen wir natürlich nicht untätig am Rand stehen und haben entsprechend wieder unser ScienceFiles-Fuzzy-Wahltool zum Einsatz gebracht. Um die Dimension dessen, was in Mecklenburg-Vorpommern am nächsten Sonntag geschehen wird, deutlich zu machen, hier zunächst eine Abbildung, die die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen mit der letzten Prognose für die Landtagswahl 2016 der Forschungsgruppe Wahlen in Zusammenhang bringt.

MV LTW Anteile

Wie man an der Abbildung sehen kann, sind die Mecklenburg-Vorpommerner nicht unbedingt das, was man Stammwähler nennt. Die Anteile aller Parteien schwanken beträchtlich 16% beträgt die Schwankung bei der CDU, 13% bei der SPD, 11% bei der Linken, 6,6% bei Bündnis90/Grüne und existenzvernichtende 4% bei der FDP. Es gibt also bei den Landtagswahlen immer viele Wähler neu zu verteilen und das ist auch dieses Mal so, wie die Abbildung zeigt, in der die AfD aus dem Stand auf 21% der Wählerstimmen kommt. Die Wahlerfolge der AfD sind in der parlamentarischen Geschichte Deutschlands weitgehend ohne Vorbild, weshalb wir bereits in der Vergangenheit vom Niedergang des Berliner Parteiensystems geschrieben haben. Und der Niedergang, er wird sich auch dieses Mal fortsetzen.

Hier unsere Prognose für den Ausgang der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern:

  • SPD: 26,5%
  • CDU: 22,0%
  • AfD: 24,0%
  • LINKE: 12,5%
  • Bündnis90/Grüne: 4,5%
  • FDP: 3%
  • Sonstige: 7,5%

Damit ergibt sich die folgende Verteilung der Sitze im neuen Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.

MV LTW Sitzverteilung

Die Sitzverteilung ermöglicht rechnerisch Koalitionsregierungen aus SPD und CDU, SPD und AfD, sowie CDU und AfD, wobei eine Koalitionsbildung zwischen CDU und AfD sicherlich das Ergebnis der Wahl wäre, das für die CDU gleichzeitig die meisten Chancen und das größte Risiko darstellt, denn einerseits kann sich die CDU, durch eine Koalition mit der AfD als Regierungspartei profilieren und den Koalitionspartner in ähnlicher Weise auslaugen, wie die CDU dies mit der FDP auf Bundesebene gemacht hat, andererseits kann eine Regierungsbeteiligung der AfD Letztere endgültig hoffähig machen, was allerdings für all diejenigen, die ihr Auskommen als politische Aktivisten gegen die AfD verdienen, der schlechteste aller möglichen Ausgänge wäre. Entsprechend werden die Kostgänger des Staates alles daran setzen, eine Regierungsbeteiligung der AfD in Mecklenburg-Vorpommern zu verhindern.

Aber das ist sowieso alles Schnee von morgen.


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