Bundestagswahl 2017: Das Fracksausen vor der AfD ist berechtigt

Die Stuttgarter Zeitung titelt heute in entwaffnender Einfalt:

“Wird die AfD stärker als erwartet?

Bei Union, SPD, Grünen, FDP und Linken wächst die Unruhe: Sie sehen knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl Anzeichen dafür, dass die AfD stärker abschneiden wird als prognostiziert. Vor allem Begegnungen mit Wählern stimmen manche Kandidaten besorgt.”

Ist es nicht putzig, dass sich die Erkenntnis dann einstellt, wenn man plötzlich mit Wählern konfrontiert ist?

Was die Schlagzeile in der Stuttgarter Zeitung einmal mehr zeigt ist die Ahnungslosigkeit, die in Deutschland im Hinblick auf Meinungsforschung und im Hinblick darauf herrscht, wie die Ergebnisse von Umfragen zustande kommen und vor allem: was sie aussagen.

Wer sich z.B. für die Alchemie hinter der Gewichtung interessiert, die von Meinungsforschungsinstituten vorgenommen wird, um ihre krummen Umfragedaten auf das zu begradigen, was sie für repräsentativ halten, den können wir hier und hier erleuchten. Wer sich über den Humbug der Repräsentativität informieren will, der kann das hier tun.

Eigentlich sollte man denken, die Prognose-Katastrophen der Vergangenheit, z.B. die Unfähigkeit selbst das Ergebnis einer Volksabstimmung in Hamburg, bei der zwei Alternativen zur Wahl standen, richtig vorherzusagen, hätte in Deutschland der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass Meinungsumfragen ein mehr oder weniger schlecht getarnter Firlefanz sind, jedenfalls dann, wenn behauptet wird, sie seien repräsentativ für alle Deutschen, alle deutschen Wähler oder alle Hundebesitzer. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall. Nichts kann den Glauben an das, was man glauben will, erschüttern. Nun ja, fast nichts: Die Begegnung mit Wählern schafft das bei manchen Politikern.

President Truman holding the infamous issue of the Chicago Daily Tribune, telling the press, “That ain’t the way I heard it!”

Drehen wir die Zeit zurück: Wir schreiben das Jahr 1948. Harry S. Truman, Nachfolger von Franklin D. Roosevelt im Amt des US-Präsidenten gilt als sicherer Verlierer der Präsidentschaftswahlen. In den Prognosen der Wahlforscher liegt Truman mit zweistelligen Prozentwerten hinter seinem Herausforderer Thomas Dewey. Die Wahl von 1948 ist als eines der größten Debakel der Umfrageforschung in die Geschichte eingegangen. Truman hat gewonnen.

Und da ist es nun, das Debakel.
Eingegangen in die Geschichte.
Die Umfragemethoden haben sich zwar kaum verändert. Aber das kann den Glauben an die Korrektheit von Wahlprognosen ebenso wenig erschüttern wie die vielen kleinen und größeren Debakel, die die Umfrageforschung seit 1948 wieder und wieder erlebt hat.

Es gab noch mehr im Jahre 1948. In Elmira wurde eine Wahlstudie durchgeführt. Paul E. Lazarsfeld und Bernard Berelson waren die Forscher, die in ihren Daten schon recht früh zeigen konnten, wie Wähler untereinander etwas kommunizieren, was bei Umfrageinstituten nicht ankam, wie die Inter-Wähler-Kommunikation ein gänzlich anderes Gesicht angenommen hat als das, was man in Medien lesen konnte (bis hin zur Wahlnacht, in der die falsche Schlagzeile: Dewey Defeats Truman der Chicago Daily Tribune in die Geschichte eingegangen ist und vergessen wurde). Lazarsfeld und Berelson waren zum zweiten Mal mit einem ausgeklügelten Design im Feld. Schon 1940 hatten beide eine berühmte Wahlstudie durchgeführt, damals in Erie County. Damals hatten sie herausgefunden, dass Medien keinen direkten Einfluss auf Wähler haben. Die Informationen aus Medien wurden vielmehr von einzelnen politisch interessierten und sehr artikulierten Wählern aufgenommen, gefiltert und in ihren Netzwerken verteilt. Auf diesem Wege wurden Wahlen entschieden, unabhängig von dem, was in Zeitungen stand, was im Radio zu hören war und was Umfrageforscher als Ausgang der Wahlen vorhergesagt haben. Berelson und Lazarsfeld haben den Begriff des „two step flow of communication“ geprägt, um dieses Phänomen zu beschreiben.

Auch der two step flow of communication, obwohl man ihm in arg entstellter Form bis heute in studentischen Arbeiten begegnen kann, ist in Vergessenheit geraten. Politiker denken heute, sie hätten über Medien einen Einfluss auf Wähler. Sie meinen, wenn Umfrageinstitute ihnen ein gutes Ergebnis prognostizieren, dann erhalten sie auch ein gutes Ergebnis. Und dann begegnen sie Bürgern und bekommen das große Fracksausen. Zurecht, denn wenn die Stimmen, die die Politiker, die die Stuttgarter Nachrichten zitieren, die AfD zu fürchten gelehrt haben, Teil eines Prozesses sind, wie in Berelson und Lazarsfeld 1948 in Elmira, New York, beschrieben haben, dann steht Deutschland am 24. September eine Überraschung in einem Ausmaß bevor, das vor allem Umfrageforscher, obwohl sie derzeit ihre Umfragen hektisch anpassen, nicht vorhergesehen haben – von Politikern der Mainstream-Parteien ganz zu schweigen.

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5 Responses to Bundestagswahl 2017: Das Fracksausen vor der AfD ist berechtigt

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  2. Zawehn says:

    Selbst wenn ich noch nie von einem Meinungsforschungsinstitut zu meinen Wahlabsichten befragt wurde: Man sollte immer lügen, wenn man gefragt wird! Ich würde genau des Entgegengesetzte sagen. Schon aus dem Gefühl heraus, daß die Wahl ja geheim ist und ich nicht Gregor Gysi heiße oder Alice aus dem Weidelland, womit man ja eine zarte Ahnung hätte, was ich wählen würde.

  3. consulting says:

    Die Wähler stehen am 24.09.2017 vor ihrem Zettel und warten, dass ihr Bauch ihnen sagt, wie sie wählen sollen.
    Schließlich wählen sie die Partei, zu der ihr Bauch ihnen die geringste Pein bereitet.

    Dabei könnten sie auch mit dem Kopf entscheiden, mit klarem Verstand
    Zumindest diesmal.

    CDU wählen? – Es bleibt schlimm.
    SPD wählen? – Es bleibt schlimm.
    LINKE wählen? – Hat als Opposition völlig versagt und Chancen, böse Mogeleien aufzudecken und zu verhindern, bewusst nicht ergriffen. – Indirekt hat sie mitgespielt.
    GRÜNE wählen? – Schon vom Erscheinungsbild (speziell Göring-Eckkart) eine Katastrophe. Von der Wirkung her ein Desaster.

    AfD wählen? – Anhand des Parteiprogramms – wie bei anderen Parteien auch – nicht zu entscheiden. Denn alle Parteiprogramme sind warme Luft, Hirngespinste. Sie sind wie Katechismen bei den Religionen nur für die Mitglieder ein Regelwerk, eine Sprachregelung. Größtenteils unverbindliches Gewäsch und kaum zu begreifen.

    Doch einzig die AfD ist aus STRATEGISCHEN und TAKTISCHEN Gründen wählbar. Sie garantiert eine Opposition, die den „Laden“ einfach aufmischen MUSS, damit die AfD bei der nächsten Wahl zum Bundestag gut dasteht und vielleicht noch besser abschneidet.
         Im Bundestag hat sie dann Gelegenheit, sich zu häuten, Parlamentarismus einzuatmen und die anderen Parteien zur Besinnung zu bringen.

    Ohne eine starke AfD im Bundestag geht das schmutzige Spiel der anderen Parteien zu Lasten der bürgerlichen Mitte und ganz besonders zu Lasten der ganz kleinen Leute weiter.
    Dann verliert Deutschland seine kulturelle Prägung und wird endgültig zum Spielball der NWO-Verfechter.
         Dann kann ich mich nur freuen, dass ich schon 82 bin und das immer unschöner werdende Leben bald ablegen muss.
    – mlskbh –

  4. Donald Duck says:

    So schoen das Wissen um die tatsaechliche, vernuenftige Einstellung vieler Waehler ist, leider muessen hier die Erwartungen deutlich niedriger sein.
    So weit ich weiss, gab es bei allen Wahlen in Deutschland in den vergangenen fuenf Jahren Unregelmaessigkeiten. Teilweise mit rechtlichen Folgen und immerhin Teilkorrekturen wie in Bremen, teilweise wie in Meck.-Pomm. und NRW wurden diese Unregelmaessigkeiten als “unbedeutend” und nicht die Sitzverteilung beeinflussend ohne erschoepfende Untersuchung offiziell ignoriert. Ich glaube jedoch, dass die Abweichung vom tatsaechlichen Waehlerwillen mehrere Prozentpunkte(mehr als 5) betragen hat, also durchaus auch die Regierungsbildung beeinflusst hat.
    Um es klar und deutlich zu sagen: Fakt ist hoechstrichterlich festgestellter Wahlbetrug in Deutschland und eine offiziell nonchalante Reaktion durch Verantwortliche, z.B. Landeswahlleiter. Meine Vermutung ist, dass zumindest einige der “Wahlforscher” mit den Betruegern gemeinsame Sache machen, um die Bevoelkerung auf das gewuenschte Ergebnis vorzubereiten. Wenn das Endergebnis in gewisser Naehe zu den Prognosen liegt, wird argumentiert, dass das schon ungefaehr so stimmt.
    Dies ist uebrigens kein Fake-Account, aber ich habe mittlerweile so viele negative Reaktionen auf simple Internetpostings gesehen, so dass ich unter einem falschen Namen poste und zu 99,9% nur lese. Doch da hier ein allgemein kluger Autor einen eher naiven Blick auf die Wahl und Wahlforscher wirft, sehe ich mich zu einer Bemerkung gezwungen. Denn der wichtigste Punkt ist, dass die Wahlforscher versuchen, die Wahl zu beeinflussen und die Demokratie in Deutschland schaedigen.

  5. Die Sache ist die, dass natürlich Medien Umfrageergebnisse vor der Wahl benötigen, um eine zumindest gefühlte Stimmungslage abbilden zu können. Nur durch das Rauf und Runter bei den Sonntagsfragen entsteht ja beim Leser die Illusion von Dynamik. Vergleicht man dann etwa die Einschatquote einer sendung, in der irgendwer etwas gesagt hat, das nach Meinung von Medienarbeitern Einfluss auf die Meinungsbildung hat, mit der Größe der befragten Gruppe, dann schließt sich eine Beeinflussung im messbaren Bereich oft schon aus, weil die Gruppe der Rezipienten der Äußerung in der Gruppe dazu zu klein ist.

    Aber: Was wäre die Alternative? Umfragen sind wie der Teil vom Eisberg, der über Wasser zu sehen ist, nur ist er eben nicht real, sondern gemalt. Nur weil kein anderer da ist, wird er wie echt behandelt.

    http://www.politplatschquatsch.com/2017/09/wetten-dass-die-letzte-schlacht-der.html

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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