Die Ereignisse in London, die nunmehr Nachahmer in Birmingham, Bristol, Manchester, Liverpool und anderen englischen Städten gefunden haben, verlangen nach einer (wissenschaftlichen) Erklärung: Was bringt Kinder und Jugendliche in der Nacht auf die Straße, was veranlasst Kinder und Jugendliche dazu, Läden in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu zerstören und zu plündern?
Reicher (2001) hat die Erforschung derartiger Massenprozesse einmal den grauen Elefanten der Sozialforschung genannt und damit auf die verbreitete wissenschaftliche Hilflosigkeit angespielt, wenn es darum geht, Massenpsychosen oder Massenausschreitungen und -Krawalle, also Riots zu erklären.
Versuche einer wissenschaftlichen Erklärungen nehmen ihren Ausgangspunkt in der Regel bei Le Bon und seiner Theorie, nach der Massenaufläufe die Gefahr in sich bergen, bei denen, die sich daran beteiligen, die Normen eines geordneten und gesitteten Zusammenlebens auszulöschen und die primitive menschliche Natur zum Vorschein zu bringen, die normalerweise unter den Normen des täglichen Umgangs verschüttet liegt. Le Bon ist also der Ansicht, Massenaufläufe brächten etwas Urtümliches und allen Menschen Gemeinsames zum Vorschein, was Krawalle zur nahezu unausweichlichen Folge von Massenaufläufen macht und entsprechend die Konsequenz nach sich zieht, Massenaufläufe zu vermeiden.
Leonard Berkowitz hat in den 1970 Jahren eine De-Individualisierungsthese aufgestellt, die Krawalle als Ergebnis dreier Zutaten beschreibt: (1) averse Umweltbedingungen wie Überbevölkerung, (2) Elemente der Aggression, die entweder selbst aggressiv wirken oder Ziel von Aggression sein können und sich in der direkten Umgebung finden und (3) eine Anhäufung von Menschen, die einen so genannten „social facilitation“ Prozess anstoßen, was man wohl am besten als „sich in der Masse verstecken“ beschreiben kann. Die Anonymität wird demnach zum Schutzwall, hinter dem versteckt, Teilnehmer an einem Krawall ihre je individuellen Aggressionen ausleben können.
Nach dieser Lesart ist Berkowitz nicht zu weit von Stephen Reicher (2001) entfernt, der das Verhalten von Menschenmengen als zielgerichtet und logisch ansieht: Die „crowd“ hat klare Ziele, die Mitglieder der „crowd“ teilen eine gemeinsame Identität und ihre Aggression richtet sich gegen klar definierbare Objekte. Hogg und Vaughan (2008, S.427) fassen die Social Identity Theorie von Reicher wie folgt zusammen: „Individuals come together, or find themselves together, as members of a specific social group for a specific purpose (e.g. conservationist protesting against environmental destruction). There is a hugh degree of shared social identity, which promotes social categorization of self and others in terms of that group membership. It is this wider social identity that provides the limits for crowd behavior. For example, for certain groups violence may be legitimate (e.g. neo-Nazi groups in Germany), while for others it may not (e.g. supporters of a cricket match) [Übersetzung: Individuen kommen oder finden sich als Mitglieder spezifischer sozialer Gruppen für einen spezifischen Zweck zusammen (z.B. Umweltschützer, die gegen Umweltzerstörung protestieren). Die Mitglieder teilen eine soziale Identität, die die Selbst-Zuordnung und die Kategorisierung der anderen als Mitglied der entsprechenden Gruppe fördert. Diese soziale Identität stellt gleichzeitig die Grenzen für das Gruppenhandeln bereit. So ist für manche Gruppen Gewalt ein legitimes Mittel (z.B. Neonazis in Deutschland), während es für andere Gruppen kein legitimes Mittel ist (z.B. Cricket-Anhänger).]
Nimmt man Reichers Theorie zur Grundlage, dann erklären sich die Zusammenrottungen in englischen Städten als Mittel, das dem Ziel dient, fremdes Eigentum zu zerstören und zu plündern. Die Krawalle sind, wie Reichers Theorie es erwarten lässt, zielgerichtet, denn zerstört werden ausschließlich Läden und Verkaufseinrichtungen mit von den „rioters“ begehrten Gütern. Die Prävalenz der Gewalt und der nicht vorhandene Respekt für das Eigentum anderer, lassen wiederum nur den Schluß zu, dass den „rioters“ gesellschaftliche Normen, die Eigentum schützen, ebenso fremd sind, wie der Respekt vor den Leistungen anderer, was wiederum im Umkehrschluß zu der Folgerung führt, dass sie selbst bislang noch nicht für das, was sie gerne haben wollten, arbeiten mussten, sondern sich immer darauf verlassen konnten, von anderen versorgt zu werden. So betrachtet wären die Kinder und Jugendlichen on rampage ein Ergebnis des Wohlfahrtsstaats.
Literatur
Berkowitz, Leonard (1972). Frustrations, Comparisons, and Other Sources of Emotional Arousal as Contributors to Social Unrest. Journal of Social Issues 28(1): 77-91.
Hogg, Michael A. & Vaughan, Graham M. (2008). Social Psychology. Harlow: Pearson Education.
Reicher, Stephen (2001). The Psychology of Crowd Dynamics. In: Hogg, Michael A. & Tindale, R. Scott (eds.). Blackwell Handbook of Social Psychology: Group Processes. Oxford: Blackwell, pp.182-208.
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