Soziale Probleme, die ihrer Entdeckung und ihrer Lösung harren, gibt es nicht einfach: sie werden gemacht.
Damit ist nicht gesagt, dass es nicht Sachverhalte gebe, die auf die Rede von sozialen Problemen abstellen: Manche Menschen leben in reativer Armut, viele junge Menschen sind arbeitslos, Ehen werden geschieden, Menschen sagen Dinge, die anderen Menschen nicht gefallen, dies alles sind Sachverhalte, die beobachtet, benannt und beschrieben werden können. Aber ob bzw. wann ein Sachverhalt ein soziales Problem darstellt, ist eine Frage, die sich nicht aus dem Sachverhalt selbst ergibt:
In keinem empirischen Befund ist seine eigene Bewertung enthalten.
Beispielsweise kann man messen, wer wieviel in einer Gesellschaft verdient und die resultierende Einommensverteilung beobachten. Man kann ggf. beobachten, dass die Einommensverteilung mehr oder weniger stark von einer Normalverteilung abweicht, dass Einkommen ungleich auf die Menschen in einer Gesellschaft verteilt sind etc. Aber von dieser Beobachtung bis zur Einschätzung ungleicher Einkommensverteilung als ein soziales Problem ist es ein sehr weiter Schritt.
Jemand, der eine ungleiche Einkommensverteilung beobachtet, kann sich darüber echauffieren, wenn er sie als ungerecht ansieht oder wenn er jede Form von Ungleichheit prinzipiell ablehnt.
Wer Ergebnisgleichheit für erstrebenswert hält, kann die schlichte Tatsache einer Differenz (hier: im Einkommen) als ein Problem ansehen. Jemand anders, der dieselbe ungleiche Enkommensverteilung beobachtet, kann sie für vollkommen unproblematisch oder gar erstrebenswert halten, wenn er meint, dass sie aufgrund gerechter Verteilung, also aufgrund eines angemessenen Verhältnisses von Leistung/Einsatz und Auszahlung, zustandegekommen ist. Über das empirische Datum an sich können sich beide einig sein; es sind ihre unterschiedlichen Bewertungsmaßstäbe, die sie an Sachverhalte anlegen, die sie zur Einschätzung von Sachverhalten als ein soziales Problem oder eben als keines bringen.
Wer einen Sachverhalt als ein soziales oder gesellschaftliches Problem bezeichnet, hat mit dieser Einordnung schon mehrere Entscheidungen getroffen (auch, wenn er sich hierüber gewöhnlich nicht bewusst sein dürfte): Er hat entschieden, was für ihn als Sollzustand gelten soll, und er hat entschieden, den von diesem Sollzustand abweichenden Sachverhalt als negativ und als relevant für die gesamte Gesellschaft einzustufen. Und – so wage ich zu behaupten – oft, wenn nicht: gewöhnlich, ist dies das Ergebnis einer affektiven Reaktion oder eines gewohnheitsmäßigen Funktionierens, aber nicht einer durchdachten Argumentation. Keine dieser Entscheidungen ergibt sich quasi „natürlich“ oder logisch notwendig aus dem Sachverhalt selbst. Wer von einem „sozialen Problem“ spricht also immer von seiner negativen Bewertung eines Sachverhaltes – sonst hätte er ihn nicht als „Problem“ bezeichnet –, aber nicht von dem Sachverhalt selbst.
Eine ganze Reihe von Soziologen hat dies bereits vor Jahrzehnten und im Laufe der Jahrzehnte immer wieder festgehalten. Willard Waller hat im Jahr 1936 über soziale Probleme geschrieben:
„The term social problem indicates not merely an observed phenomenon but the state of mind of the observer as well. Value judgments define certain conditions of human life and certain kinds of behavior as social problems; there can be no social problem without a value judgment“ (Waller 1936: 922),
d.h.
„[d]er Begriff soziales Problem bezeichnet nicht nur ein beobachtetes Phänomen, sondern auch den Geisteszustand des Beobachters. Werturteile definieren bestimmte Bedingungen des menschlichen Lebens und bestimmte Verhaltensweisen als soziale Probleme; ohne ein Werturteil kann es kein soziales Problem geben“.
Und weiter – auf den Punkt gebracht:
„Social problems exist within a definite moral universe. Once we step out of our circle of accustomed moralities, social problems cease to exist for us“ (Waller 1936: 924),
d.h.
„Soziale Probleme existieren innerhalb eines bestimmten moralischen Universums. Sobald wir aus dem Umfeld unserer gewohnter Moralvorstellungen heraustreten, hören soziale Probleme für uns auf zu existieren“.
Ein paar Jahrzehnte später – im Jahr 1971 – hat der Soziologe Herbert Blumer darauf hingewiesen, dass sich Soziologen im Irrtum befänden, wenn sie soziale Probleme in „objektiven Bedingungen“ suchen, denn soziale Probleme erhielten ihre Existenz vielmehr im Rahmen eines Prozess‘ kollektiver Definition: Im Laufe dieses Prozesses werde entschieden, welche Sachverhalte Aufmerksamkeit erhalten, welche als legitime Probleme anerkannt und welche schließlich zum Gegenstand politischen Handelns werden. Er schrieb:
„Let me begin with a brief account of the typical way in which sociologists approach the study and analysis of social problems. The approach presumes that a social problem exists as an objective condition or arrangement in the texture of society. The objective condition or arrangement is seen as having an intrinsically harmful or malignant nature standing in contrast to a normal or socially healthful society … [But] a social problem exists primarily in terms of how it is defined and conceived in a society instead of being an objective condition with a definitive objective makeup. The societal definition, and not the objective makeup of a given social condition, determines whether the condition exists as a social problem. The societal definition gives the social problem its nature, lays out how it is to be approached, and shapes what is done about it … (Blumer 1971: 298; 300),
d.h.
„Lassen Sie mich mit einer kurzen Darstellung des typischen Ansatzes beginnen, mit dem Soziologen an die Untersuchung und Analyse sozialer Probleme herangehen. Der Ansatz geht davon aus, dass ein soziales Problem als objektive Bedingung oder Anordnung im Gefüge der Gesellschaft existiere [und davon,] … dass der objektive Zustand oder die objektive Anordnung einen intrinsisch schädlichen oder bösartigen Charakter hat und im Gegensatz zu einer normalen oder sozial gesunden Gesellschaft steht … [Aber] ein soziales Problem besteht in erster Linie darin, wie es in einer Gesellschaft definiert und konzipiert wird, anstatt ein objektiver Zustand mit einer endgültigen objektiven Zusammensetzung zu sein. Die gesellschaftliche Definition und nicht die objektive Zusammensetzung eines bestimmten sozialen Zustands bestimmt, ob der Zustand als soziales Problem existiert. Die gesellschaftliche Definition gibt dem sozialen Problem seine Natur, legt fest, wie es angegangen werden soll, und prägt, was dagegen getan wird… (Blumer 1971: 298; 300).
Was das Verständnis von sozialen Problemen bei den zitierten und vielen anderen zeitgenössischen Soziologen ausmachte, war, dass es sich um Sachverhalte handelt, die für die Menschen in einer Gesellschaft eine wahrgenommene oder gefühlte Bedrohung bzw. einen (als solchen) wahrgenommenen oder gefühlten Mißstand darstellen.
Damit haben sich Waller und Blumer (und viele andere Soziologen, darunter prominent: Kitsuse & Spector 1973; Spector & Kitsuse 1973) gegen die Vorstellung gewandt, dass soziale Probleme negative Sachverhalte bzw. Mißstände, bezeichneten, also – wie Blumer es ausdrückte – Sachverhalte seien, die intrinsisch, d.h. an sich, quasi-natürlich, schädlich oder gefährlich für eine „sozial gesunde“ Gesellschaft seien. Und diese Vorstellung hatten und haben nicht nur (und immer noch) einige Soziologen, sondern auch und vor allem politische Akteure im weiten Sinn, also Inhaber politischer Positionen, politische Berater, in öffentlich Verwaltungen Beschäftigte etc., die ihre berufliche Existenz durch die Entdeckung und Behandlung (ständig neuer) „sozialer Probleme“ legitimieren oder in einer Gesellschaft so lange alle möglichen „sozialen Probleme“ zu beobachten meinen, so lange die entsprechende Gesellschaft nicht nach den Regeln und auf die Weise funktioniert, die sie gemäß ihrer Ideologie oder Weltanschauung für richtig erachten.
So liest man z.B. die folgende Definition von „sozialen Problemen“:
„A social problem is a problem which actually or potentially affects large numbers of people in a common way so that it may best be solved by some measure or measures applied to the problem as a whole rather than by dealing with each individual as an isolated case, or which requires concerted or organized human action. To illustrate, typhoid fever is a social problem because its prevention depends upon purification of water and food supplies and upon concerted adoption of antityphoid vaccination, rather than merely upon nursing and medical attendance for those afflicted. Immigration is a social problem in that it is regulated by legislation applied to the problem as a whole, and in that even in dealing with individual immigrants organized group action through governmental or private agencies is necessary. Successful solution of any given social problem cannot be achieved apart from the work of highly specialized experts. Without the researches of the bacteriologist, typhoid could not have been conquered. Criminology cannot be treated or prevented without such expert aid as that of the psychiatrist, of the trained probation officer, and of the specialized recreational worker“,
d.h.
„[e]in soziales Problem ist ein Problem, das tatsächlich oder potenziell eine große Zahl von Menschen auf gemeinsame Weise betrifft, so dass es am besten durch eine oder mehrere Maßnahmen gelöst werden kann, die auf das Problem als Ganzes angewendet werden, statt jeden Einzelnen als Einzelfall zu behandeln, oder das konzertiertes oder organisiertes menschliches Handeln erfordert. Zur Veranschaulichung: Typhus ist ein soziales Problem, da seine Prävention von der Reinigung der Wasser- und Nahrungsmittel und der konzertierten Einführung einer Antityphusimpfung abhängt und nicht nur von der Pflege und medizinischen Betreuung der Betroffenen. Einwanderung ist ein soziales Problem, da sie durch Gesetze geregelt wird, die auf das gesamte Problem angewendet werden, und insofern als selbst im Umgang mit einzelnen Einwanderern organisierte Gruppenaktionen durch staatliche oder private Behörden erforderlich sind. Eine erfolgreiche Lösung eines bestimmten sozialen Problems kann ohne die Arbeit hochspezialisierter Experten nicht erreicht werden. Ohne die Forschungen des Bakteriologen hätte Typhus nicht besiegt werden können. Kriminologie kann ohne die fachkundige Hilfe des Psychiaters, des ausgebildeten Bewährungshelfers und des spezialisierten Freizeitarbeiters nicht behandelt oder verhindert werden“.
Ein anderes soziales Problem von erheblichem Ausmaß
Der Autor ist offenbar der Auffassung, dass „soziale Probleme“ eine Art Klammerbegriff ist, unter den die Gemengelage von (1) Sachverhalten, die „an sich“ Mißstände sein können oder nicht – die gesetzliche Regelung von Einwanderung und das institutionelle Gefüge, das damit verbunden ist, mag organisatorischen Aufwand erfordern und vielleicht ein organisatorisches Problem darstellen, ist aber nicht notwendigerweise eine Gefährdung einer großen Zahl von Menschen –, (2) tatsächlicher oder potenzieller(!) „Betroffenheit“ – in welcher Weise auch immer – vieler Menchen und (3) technokratischer Interventionsideologie gefasst sind.
M.E. würde es dem Autoren nicht Unrecht tun, wenn man sagen würde, dass er immer dann von „sozialen Problemen“ sprechen würde, wenn eine Regierung oder Verwaltung einen Sachverhalt ausmacht, der über das Individuelle oder Private hinausgeht, viele Menschen betreffen könnte, und dem durch Maßnahmen zu begegnen sie sich entschlossen hat. Deshalb und aufgrund des technokratischen Duktus dieser Beschreibung von „sozialen Problemen“ sowie aufgrund der entscheidenden Rolle, die sie „Experten“ bei Interventionen zuweist, könnte man vermuten, dass es sich hier um eine aktuelle Definition von „sozialen Problemen“ handle. Aber sie ist es nicht: sie stammt von Hornell Hart und aus einer Publikation aus dem Jahr 1923. (Man findet das Zitat auf Seite 349 im Text, und die Hervorhebung im Zitat hat Hart vorgenommen, findet man also im Original; s. Literaturliste.)
Auffallend ist, dass in Harts Beschreibung „sozialer Probleme“ die tatsächliche oder mögliche Betroffenheit und ggf. Gefährdung vieler Menschen in der Gesellschaft, wie sie von einer Regierung oder Verwaltung gesehen wird, eine durch viele Menschen in der Gesellschaft wahrgenommene oder gefühlte Bedrohung ersetzt. Für Hart ist es offenbar irrelevant, ob viele Menschen in der Gesellschaft einen Sachverhalte als Mißstand wahrnehmen oder nicht, und gleichzeitig setzt er umstandslos voraus, dass die von einer Regierung oder Verwaltung gesehenen tatsächlichen oder potenziellen Mißstände auch tatsächlich welche sind, also objektiv als solche feststellbare Mißstände. Es ist offensichtlich, dass es sich hier um eine Auffassung von „sozialen Problemen“ handelt, die Elitismus zur Voraussetzung hat.
Und weiter fällt auf, dass Hart eine Vermengung von tatsächlich natürlichen, weil biologisch bedingten (wenn auch durch bestimmte Verhältnisse im Zusammenleben von Menschen minimierten oder maximierten) Gefahren – wie die Gefährdung menschlichen Lebens z.B. durch Infektion mit dem Bakterium Salmonella enterica Serovar Typhi –, mit „sozialen Problemen“ vornimmt, die tatsächlich „sozial“ sind in dem Sinn, dass sie durch soziale Prozesse wie die Formulierung und Erlassung eines Gesetzes geschaffen werden oder werden könnten. (Gesetze und die soziale Organisation ihrer Formulierung und Durchsetzung kommen im Gegensatz zum Bakterium Salmonella enterica Serovar Typhi in der Natur nicht vor.)
Beides, diese Vermengung und die Festlegung, was ein „soziales Problem“ sei, von oben herab – von Regierungen und Verwaltungen ausgehend, die Interventionen „den Menschen“ angedeihen lassen, egal, ob „die Menschen“ eine (eine Intervention rechtfertigende) Gefährdung wahrnehmen oder nicht – sind Eigenschaften dessen, was als „soziale Probleme“ gilt, die wir heute, über einhundert Jahre später, wieder beobachten können.
Nach einigen Jahrzehnten der Problemdefinition „von unten nach oben“, bei denen sich Bürger in Massenbewegungen zusammenfanden, um Sachverhalten zu benennen, die aus ihrer Sicht – bestehende oder drohende – Mißstände darstellten, und Interventionen von ihren Regierungen oder Verwaltungen zu fordern (Beispiele aus Westdeutschland aus den 1970er- und 1980er-Jahren sind die Demonstrationen gegen den Bau von Atomkraftwerken und Atommüllendlager, gegen die Nachrüstung im Zuge des NATO-Doppelbeschlusses von 1979, der Protest von Zehntausenden gegen den Bau der Startbahn West für den Frankfurter Flughafen und die große Zahl von Bürgerinitiaven, die sich auf lokaler Ebene formierten, um gegen bestimmte Infrastrukturprojekte vorzugehen), hat sich nämlich die Richtung der Problemdefinitionen in (eigentlich) demokratisch verfassten westlichen Gesellschaften in solche „von oben nach unten“ umgekehrt.
Diese Entwicklung ist unübersehbar für jeden, der hinschaut, und hat den U.S.-amerikanischen Soziologen Malcolm Spector, der sich seit den 1970er-Jahren mit „sozialen Problemen“ befasst und zu diesem Thema publiziert hat, bereits 2019 zu der folgenden Bestandsaufnahme bewegt:
„… ‚looking back, some of our key concepts may seem dated. Our central concept, claims-making activities, and the image that the claimant is a member of, or spokesperson for, a social movement organization, now seems slightly archaic or out of date“ (Spector 2019, zitiert nach Adorjan 2019: 171),
d.h.
„… ‚Rückblickend mögen einige unserer Schlüsselkonzepte veraltet erscheinen. Unser zentrales Konzept, die Aktivitäten zur Geltendmachung von Ansprüchen, und das Bild, dass derjenige, der Ansprüche geltend macht, Mitglied oder Sprecher einer sozialen Bewegung sei, erscheinen heute etwas archaisch oder veraltet“.
Ansprüche wurden vor dem Hintergrund „von oben herab“ konstatierter „sozialer Probleme“ (im Sinn von Hornell Hart, wie oben beschrieben) seit den 1990er-Jahren oder spätestens seit der Jahrtausendwende regelmäßig von Regierungen oder regierungsnahen Einrichtungen oder Parteien an die Bevölkerung oder an Mehrheiten in der Bevölkerung gestellt statt von sozialen Bewegungungen oder von politischen Maßnahmen betroffene Gruppen in der Bevölkerung an politische Akteure.
Die Öffentlichkeit ist seitdem eher das Publikum für die Inszenierung „sozialer Probleme“, das es zu überreden und zur Kooperation zu bewegen gilt, als Mitanspruchsteller, geschweige denn als Initiator von Interventionen. Wenn Lichterman und Dasgupta (2020: 238) schreiben
„[c]laimsmaking involves imagining some wider society, addressing an imagined public audience, present or not, that should care about the problem that the claims address“,
d.h.
„die Geltendmachung von Ansprüchen beinhaltet die Vorstellung einer umfassenderen Gesellschaft und die Ansprache eines imaginären Publikums – ob dieses nun vorhanden ist oder nicht –, das sich für das Problem interessieren sollte, auf das sich die Behauptungen beziehen“,
dann positioniert das Regierungen und andere politische Akteure als im Prinzip höchst effiziente Akteure bei der Durchsetzung von Ansprüchen, denn sie verfügen über einen organisatorischen Apparat – sei es durch Zugriff auf Massenmedien, über weisungsgebundene Staatsanwälte, durch „nudging-„Abteilungen in Behörden oder was auch immer –, der die Akzeptanz der Konstruktion von „sozialen Problemen“ und die Ableitung von Ansprüchen aus dieser Konstruktion durch die Bevölkerung (wieder: im Prinzip) erhöhen kann.
Und erfolgreich durchgesetzte Problemdefinitionen haben materielle und politische Folgen. Wird ein Zustand von weiten Teilen der Bevölkerung als soziales Problem anerkannt, können Maßnahmen zu seiner Bekämpfung als notwendige oder legitime Maßnahmen dargestellt und ggf. gerechtfertigt werden. Steuergelder werden dafür aufgewendet, Behörden erhalten zusätzliche Kompetenzen, Gesetze werden verändert, Forschungsprogramme werden etabliert, Unternehmen erhalten Aufträge, Organisationen gewinnen Aufgaben, Personal und Einfluss hinzu, Experten werden benötigt, weil nun etwas quasi-existiert, über das Expertise vermeintlich benötigt wird. Problemdefinitionen verteilen deshalb Geld, Status, Zuständigkeiten und Macht. Die unmittelbaren Profiteure hiervon sind in aller Regel diejenigen, die einen Sachverhalt als ein soziales Problem konstruiert haben und dafür sorgen konnten, dass er als solches akzeptiert und darüber als solches gesprochen wird.
Joseph R. Gusfield (1989) hat deshalb vom „Besitz“ („ownership“) sozialer Probleme gesprochen, wobei das englischsprachige Verb „to own“ zwei Bedeutungen hat, die in diesem Zusammenhang gleichermaßen bezeichnend sind, nämlich „etwas besitzen“ und „etwas eingestehen/für etwas geradestehen“. Wer ein Problem in diesem doppelten Sinn „besitzt“, der kann damit eine ganze Industrie zu seiner Bekämpfung oder vielmehr: zum Umgang mit ihm einrichten oder, wenn sie schon existiert, fördern:
„To ‚own‘ a problem … is to be obligated to claim recognition of a problem and to have information and ideas about it given a high degree of attention and credibility, to exclusion of others. To ‚own‘ a social problem is to possess the authority to name that condition a ‚problem‘ and to suggest what might be done about it. It is the power to influence the marshalling of public facilities – laws, enforcement abilities, opinion, goods and services – to help resolve the problem. To disown a problem is to claim that one has no such responsibility“ (Gusfield 1989:433),
d.h.
„Ein Problem zu ‚besitzen‘…, bedeutet, verpflichtet zu sein, die Anerkennung eines Problems zu fordern, und dafür zu sorgen, dass [bestimmte] Informationen und Ideen dazu ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit erhalten, während [bestimmte] andere ausgeklammert werden. Ein soziales Problem zu ‚besitzen‘, bedeutet, die Autorität zu haben, den betreffenden Zustand als ‚Problem‘ zu bezeichnen und Vorschläge dazu zu machen, was dagegen getan werden könnte. Es ist die Macht, die Mobilisierung öffentlicher Mittel – Gesetze, Durchsetzungsmöglichkeiten, Meinungen, Güter und Dienstleistungen – zu beeinflussen, um zur Lösung des Problems beizutragen. Ein Problem [bzw. eine Problemdefinition] abzulehnen, bedeutet zu behaupten, dass man keine solche Verantwortung trage“ (Gusfield 1989:433).
Auf diese Weise können neue Berufe oder Berufszweige geschaffen werden, die von der Regierung geschaffen, finanziert oder mitfinanziert und geregelt werden, so dass sie stark abhängig vom Wohlwollen der Regierung sind, oder bereits existierende, die stark abhängig vom Wohlwollen der Regierung sind – allen voran Personal im Bildungssektor, medizinisches Personal, Personal im sozialarbeiterischen Bereich – neue staatliche oder halb-staatliche Einrichtungen eröffent und mit Personal bestückt werden, die den jeweiligen „sozialen Problem“ auf die Weise widmen, die sich der „Besitzer“ des sozialen „Problems“ wünscht. In aller Regel geht es dabei gar nicht um die Behebung des „Problems“ – würde sie gelingen, wären sehr viele Leute sehr bald arbeitslos und wären sehr viele Einrichtungen sehr bald überflüssig –, sondern um ihre irgendwie geartete Behandlung oder Prävention, denn ein potenzielles Problem muss ständig an seiner Reifung in ein tatsächliches gehindert werden.
Lehrer, Ärzte etc. sind heute nicht diejenigen, die „soziale Probleme“ konstatieren und z.B. durch ihre Berufsverbände die Regierung dazu anhalten, Sachverhalte als „soziale Probleme“ anzuerkennen und Maßnahmen zu ergreifen, sondern umgekehrt: Regierungen definieren/konstruieren „soziale Probleme“, und Lehrer, Ärzte etc. (je nachdem) sind diejenigen, die die „Antwort“ der Regierung auf das „Problem“ implementieren. Das „Allied Health Professions UK Public Health Strategic Framework (2019–2024)“ und sein Nachfolger für die Jahre 2025–2030 sind ein Paradebeispiel für diese von oben nach unten „durchgereichte“ Problemkonstuktion.
Und wer muss in diesem Zusammenhang nicht an die Inszenierung eines menschengemachten Klimawandels denken, der die Erfindung der sogenannten Klimawissenschaft zu verdanken ist sowie die Einrichtung von entsprechenden „Forschung“institutionen und von diesbezüglichen Beauftragten und beratenden Gremien, und die Industrie, die sich um sogenannte erneuerbare Energien herum entwickelt hat, bei gleichzeitiger steigender Steuerbelastung von Bürgern, wobei die die Regierung einen Teil des hinzugekommenen Steueraufkommens zurückfüttert in diejenigen Einichtungen, die für sie die legitimatorische Arbeit mit Bezug auf das – nun nicht mehr nur soziale, sondern globale – „Problem“ erledigt!? Und dies alles bei gleichzeitiger vermeintlicher Unmöglichkeit, den „Kampf“ gegen den vermeintlichen menschengemachten Klimawandel jemals einzustellen, weil immer behauptet werden kann (und wird), dass die Klimakatastrophe sich bislang nur deshalb nicht eingestellt hätte, weil „Maßnahmen“ dagegen ergriffen worden wären.
Gleichzeitig werden diejenigen Bevölkerungsteile, die einen Sachverhalt als ein soziales Problem ansehen und ihn als solches anerkannt sehen wollen, von Regierungen selbst zum sozialen Problem erklärt. Ein anschauliches Beispiel hierfür liefert die Behauptung der Existenz „populistischer“ Bewegungen, die angeblich existierten und die angeblich eine Gefahr für – wahlweise – die Demokratie, Freiheitsrechte, Minderheiten etc. darstellen, insbesondere dann, wenn sie unter den Folgen unkontrollierter Masseneinwanderung leiden oder warnen.
Den als „populistisch“ Gebrandmarkten wird regelmäßig vorgeworfen, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen, auf Emotionen zu setzen, vermeintlich einfache Lösungen anzubieten oder kurzfristige Wünsche von Wählern über verantwortliche Politik zu stellen. Beispielsweise sprach Sigmar Gabriel am 12. Dezember 2017 von „nur scheinbar einfachen Lösungen für komplexe Probleme“, die „Populisten und Stimmungsmacher suggerieren“. Die eigene Seite müsse dagegen Abwägungsentscheidungen vermitteln und politische Zusammenhänge erklären, und Frank-Walter Steinmeier warf in seiner Rede beim 21. Donaueschinger Regionalgespräch am 15. September 2023 „Populisten“ vor, Zusammenhänge zu verkürzen, Ängste auszubeuten und einfache Lösungen vorzugaukeln; die pluralistische gesellschaftliche Wirklichkeit sei dagegen komplizierter und verlange „Geduld, Hartnäckigkeit und die Bereitschaft, auch Kompromisse einzugehen“, die „Populisten“ nicht hätten, weshalb sie „immer dann nicht mit von der Partie s[eien], wenn es um das Aushandeln von Lösungen geh[e]“ – so als hätten er oder andere Rpräsentanten des politischen establishments jemals das Gespräch mit denjenigen gesucht, die sie als „Populisten“ zu bezeichnen belieben!
Wer anderen vorwirft, sie vereinfachten, seien kurzsichtig oder könnten komplexe Sachverhalte nicht angemessen beurteilen, beansprucht damit für sich selbst die überlegene Urteilskompetenz. Er stellt die anderen als weniger differenziert, weniger sachkundig oder weniger weitsichtig dar und sich selbst notwendig als das Gegenteil; die Fremdabwertung enthält die Selbstaufwertung. Und er bemerkt nicht, dass er dann, wenn er die Anliegen von großen Bevölkerungsteilen als „populistisch“ abtut, ohne sich den Anliegen inhaltlich zu widmen, eine wahrhaft bemerkenswerte Vereinfachung der Dinge vornimmt, so dass er sich in dieser Hinsicht selbst als „Populist“ erkennen müsste.
Dessen ungeachtet versucht er, ein in der Bevölkerung wahrgenommenes soziales Problem als etwas anderes darzustellen, sagen wir: als „Rassismus“ oder Fremdenhass, womit er einen politischen Konflikt zu vermeiden bzw. ihn durch eine Hierarchie politischer Urteilskompetenz zu vermeiden versucht, bei der er selbst die überlegene Position einnimmt. Es überrascht aufgrund des oben Ausgeführten nicht, wenn in der Folge der Konstruktion eines sozialen Problems, das „Populismus“ oder „Rassismus“ genannt wird, eine ganze institutionelle Infrastruktur entsteht: Forschungsprogramme befassen sich mit „Populismus“, Institute vermessen ihn, Medien berichten über seine Gefahren, Organisationen, die gegen ihn vorzugehen vorgeben, entwickeln Strategien gegen ihn. Der Umfang dieser institutionellen Beschäftigung ist jedoch kein Beleg für die Existenz des behaupteten Phänomens und schon gar nicht dafür, dass es sein „soziales Problem“ darstellen würde: Wo sind die Organisationen der „populistischen Bewegung“, wo ihre gemeinsamen Aktionen, ihre Massendemonstrationen, ihre Blockaden, ihre Mitglieder und sonstige Formen ihrer kollektive Mobilisierung?! Der historische Vergleich mit den 1970er- und 1980er-Jahren, in denen politische Mobilisierung in vielen westlichen Gesellschaften unmittelbar auf Straßen, Plätzen, vor Kraftwerken, Kasernen oder Fabriktoren sichtbar war, erweist die Rede von einer „populistischen“ Gefahr bzw. einem „Populismus“-Problem als überaus zweifelhaft.
Eine aktuelle Soziologie, die relevant sein möchte, sollte, statt Lösungsvorschläge für „soziale Probleme“ zu machen, die „von oben“ konstruiert und weitergereicht werden, die Fragen stellen,
wer das „soziale Problem“ meint, beobachtet zu haben,
wer einen Sachverhalt warum als „soziales Problem“ bezeichnet,
welcher Sollzustand dem Anspruch auf seine Behebung zugrundliegt, und
wie dieser Sollzustand als eben das, ein Soll, begründet wird,
wer von der Durchsetzung der Anerkennung des Sachverhaltes als „soziales Problem“ profitiert,
wer die Kosten der vorgesehenen Maßnahmen trägt, die zur Bekämpfung oder Prävention des „sozialen Problems“ getroffen werden (sollen),
welche alternativen Beschreibungen des Sachverhaltes seine Bezeichnung als „soziales Problem“ verdrängt, und – vielleicht vor allem –
welche Eingriffe in das Leben der Bürger durch die Konstruktion des Sachverhaltes als „soziales Problem“ legitimiert werden sollen.
Während es für Soziologen sozusagen in ihrer Arbeitsbeschreibung steht, diese Fragen zu stellen (statt jede vorgegebene Problemdefinition unkritisch zu übernehmen und jede darauf resultierende Maßnahme zu legitimieren zu versuchen), ist m.E. jeder Bürger gut beraten sich angesichts „von oben“ angebotener „sozialer Probleme“ nicht zu fragen „Was müssen oder sollten wir dagegen tun?“, sondern:
„Wer hat aus welchem Sachverhalt aus welchen Gründen welches Problem gemacht, und welche Folgen hat dies (bislang) gehabt oder wird es absehbar haben?“
Literatur
Adorjan, Michael, 2019: Social Constructionism Now More Than Ever: Following the Hermeneutic Money Trail in a Post-Truth World. The American Sociologist 50: 160-174
Blumer, Herbert, 1971: Social Problems as Collective Behavior. Social Problems 18(3): 298–306.
Gusfield, Joseph R., 1989: Constructing the Ownership of Social Problems: Fun and Profit in the Welfare State. Social Problems 36(5): 431–441.
Hart, Hornell, 1923: What Is a Social Problem? American Journal of Sociology 29(3): 345-352
Kitsuse, John I., & Spector, Malcolm, 1973: Toward a Sociology of Social Problems: Social Conditions, Value-Judgments, and Social Problems. Social Problems 20(4): 407-419
Lichterman, Paul, & Dasgupta, Kushan, 2020: From Culture to Claimsmaking. Sociological Theory 38(3): 236-262.
Spector, Melcolm, & Kitsuse, John I., 1973: Social Problems: A Re-Formulation. Social Problems 21(2): 145-159
Waller, Willard, 1936: Social Problems and the Mores. American Sociological Review 1(6): 922-933
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