Papamania

Kaum etwas wird im Rahmen der Erziehung in Deutschland so häufig propagiert, wie die Notwendigkeit, die Grundlagen für Phantasie und Kreativität zu legen bzw. den Einsatz von Phantasie und Kreativität bei Kindern und Jugendlichen zu fördern. Gerade hat die Ministerin für FSFJ, Kristina Schröder, die Bedeutung von Phantasie und Kreativität im Rahmen der “Wrigley Ideenschmiede”, betont. In der Ideenschmiede sollen sich Jugendliche Gedanken über “Zukunft und Zukunftsfragen” machen, und entsprechend ist sich die Ministerin sicher: “Hier sind Kreativität, visionäres Denken und Fantasie gefragt”. Im Widerspruch zu dieser Betonung von Kreativität und Phantasie stehen all die vom BMFSFJ finanzierten Programme, die sich der Förderung von Jungen verschrieben haben und sich in einem Punkt sehr einig sind: Die Zukunft von Jungen besteht darin, Väter zu sein und im Haushalt mitzuhelfen. Etwas Langweiligeres, weniger Kreatives bzw. weniger Phantasievolles als die Festschreibung männlicher Zukunft auf die Vaterrolle, ist kaum vorstellbar. Aber die Langeweile hat System:

Neue Wege für Jungs, eine Initiative, die vom BMFSFJ unterstützt wird, vertreibt eine Reihe von “pädagogischen Materialien”, mit denen festgeschrieben werden soll, was Jungen gefälligst als kreativ und phantasievoll zu sehen haben. Arbeitsblatt 9 der entsprechenden Materialien ist mit dem Interesse weckenden Titel “Ungewöhnliche Biografien: Jungen fragen Männer – Männer reden mit Jungen” überschrieben. Die Materialie entstammt einem Buch von Uli Boldt, in dem dieser “Jungen stärken” will. Fast jeder Mann weiß aus seiner Kindheit, welche ungewöhnliche Biografie sich Jungen wünschen. Die Palette reicht vom Erfinder über den erfolgreichen Fussballspieler bis zum Astronauten. Entsprechend hätte ich erwartet, dass die Männer, die Boldi im Auge hat, um Zeugnis ihrer ungewöhnlichen Biographie abzulegen, Männer sind wie: Hans-Ulrich Walter, raumfahrender Professor, der im Jahre 1993 die Erde verlassen hat, im selben Jahr zurückgekehrt ist und heute einen Lehrstuhl für Raumfahrttechnik inne hat oder Dietmar Hopp, der SAP gegründet und zu einem der größten deutschen Unternehmen gemacht hat, oder Rüdiger Nehberg, der von Survival, Abenteuer und Menschenrechten zu berichten weiß. Boldt schwebt keiner der genannten Männer vor, wenn er an “ungewöhnliche Biografien” denkt, denkt er z.B. an einem “Mann, der in einem ‘Frauenberuf’ arbeitet”, an “Frauen und Männer, die sich die Elternzeit teilen” oder “Eltern, die … einer Halbtagsbeschäftigung nachgehen”.

Ein Faltblatt der “Neuen Wege” wendet sich direkt an Lehrer und fordert sie auf, Jungen 9 Fragen zu stellen, die überschrieben sind mit “Was ist Arbeit?”. Die Frage, was Arbeit darstellt, soll anhand so illustrer Tätigkeiten beantwortet werden wie: “Du gehst jeden Donnerstag zu euren Nachbarn Babysitten”, “Du wechselst die Windeln deiner kleinen Schwester”, “Du gehst mit deinem kleinen Bruder am Nachmittag auf den Spielplatz”. Damit die Intention des Faltblattes auch ganz klar wird, ist der einzige externe Link, den das Faltblatt enthält, ein Link auf einen Babysitter-Kurs des Deutschen Roten Kreuzes.

Die Materialien zum Projekt “Neue Wege für Jungs” enthalten ein “Meinungsspiel zur Berufs- und Lebensplanung”. Das Meinungsspiel zeichnet sich dadurch aus, dass es eine Berufsplanung nicht beinhaltet, statt dessen sollen die Jungen sich zu Aussagen stellen wie:

  • Mir sind Freunde, die Partnerschaft und die Freizeit ganz wichtig. Darum möchte ich später auf jeden Fall nur Teilzeit arbeiten.
  • Wenn ich Kinder habe, möchte ich auf keinen Fall, dass meine Partnerin berufstätig ist. Ein Kind braucht die Mutter den ganzen Tag.
  • Mir würde es am besten gefallen, wenn sowohl ich als auch meine Partnerin später nur halbe Tage erwerbstätig sein würden.
  • Auch wenn es nur wenige männliche Kindergärtner gibt: Ich möchte diesen Beruf ergreifen.

Die Anstrengungen der “Neuen Wege für Jungs” werden beim BMFSFJ mit dem Beirat “Jungenpolitik” flankiert, der vornehmlich dem Ziel dient, Männlichkeitsnormen zu hinterfragen – was damit gemeint ist, darüber dürfte angesichts der oben dargestellten Synonymität von Mann und Hausarbeit verrichtendem teilzeiterwerbstätigem Vater kaum ein Zweifel bestehen. Wer dennoch Zweifel hat, dem kann durch einen Blick auf die Website des Bundesforums “Männer”, eines weiteren Satelliten des BMFSFJ, geholfen werden.

Das Bundesforum Männer will “Lobby für Männer in Deutschland” sein und “für Gleichberechtigung” kämpfen. Gleichberechtigung und Lobbyismus basieren auf den folgenden Grundsätzen des Bundesforums:

  • “Das Bundesforum ermutigt und unterstützt Männer, ihre Rolle als aktive Väter wahrzunehmen und als positive Vorbilder und verlässliche Bezugspersonen für Jungen und Mädchen zur Verfügung zu stehen. Es tritt für eine nachhaltige Balance von Arbeits- und Privatleben ein.”
  • Das Bundesforum begrüßt den aktiven Beitrag von Männern in allen Bereichen der Care-Arbeit, z.B. als aktive Großväter, pflegende Männer …”

Alle die genannten und in ihrer Mehrzahl steuerfinanzierten (und somit überwiegend von Männern finanzierten) Vereinigungen eint das Bild von Männern als teilzeitbeschäftigter, Hausarbeit verrichtender Papa, der im Leben von nichts anderem geträumt hat als Papa zu sein und Hausarbeit zu verrichten. Mit ihrem so benannten “Idealbild” verfolgen und penetrieren die entsprechenden Vereinigungen Jungen. Dieses “Idealbild” ist an Phantasielosigkeit, Unambitioniertheit und Langeweile kaum zu überbieten. Dieses “Idealbild” führt dazu, dass Jungen entweder sehr früh von Träumen, z.B. der beste Mathematiker in Deutschland zu werden, entwöhnt werden. Oder es führt dazu, dass Jungen angesichts dessen, was sich selbst als wohlmeinende Lobbyisten bezeichnende oder angeblich für Diversifizität eintretende Erwachsene als Leben für sie vorgesehen haben, nämlich Hausarbeit verrichtender, teilzeitbeschäftigter Papa zu werden, gegen das Korsett, in das sie gezwängt werden sollen, opponieren und das suchen, was in Deutschland angeblich so hochgehalten wird: individuelle Freiheit. Dazu gehört auch die Freiheit, von phantasielosen Erwachsenen nicht mit dem allein seligmachenden Lebensentwurf verfolgt zu werden.

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... concerned with and about science

4 Responses to Papamania

  1. Andreas Rheinhardt says:

    Man könnte noch anführen, dass tatsächlich erbrachte Leistungen von Männern von diesen Organisationen ignoriert und marginalisiert werden, solange sie nicht in deren Schema passen. Ein schönes Beispiel wird hier http://manndat.de/geschlechterpolitik/parteien-und-organisationen/ehrenamtlicher-zwangsdienst-fuer-maenner.html beschrieben; außerdem gibt es bei der Bewertung von Zeit mit den Kindern einen Unterschied zwischen Männern und Frauen: Während bei Frauen in der Diskussion um Vereinbarkeit von Beruf und Familie oft behauptet wird, es käme lediglich auf die Qualität der Zeit, die man mit den Kindern verbringt, an (deshalb sind zwei Vollzeit arbeitende Eltern kein Problem), sollen Männer gleich zu Hause bleiben; Väter, die einer Vollzeitarbeit nachgehen, werden als Wochenendpapas verunglimpft.
    Außerdem geht es bei der Mädchenförderung meistens um das beste aus “beiden Welten”; bei den Jungen wird das eine gegen das andere ausgespielt: Bei den Mädchen wird davon gesprochen, sie seien was das fachliche im MINT-Bereich betrifft mindestens so gut wie Jungen, aber aufgrund ihrer höheren sozialen Kompetenzen sind sie ihnen insgesamt überlegen (wenn nur nicht patriarchale Stereotype, das mangelnde Selbstvertrauen und die Benachteiligung von Frauen wären). Bei Jungen hingegen beginnt man das Werben für neue Männerrollen mit der Abwertung von anderen (es sind genau dieselben Vorurteile wie bei dem Beitrag aus der Inklusionszeitschrift).
    Wie weit die Missachtung von sämtlichen höherqualifizierten Berufen beim Boys Day geht, sieht man sehr schön an der Uni Gießen: http://www.uni-giessen.de/cms/ueber-uns/pressestelle/pm/pm65-11 (Mädchen erhalten sogar bei Tiermedizin (Frauenanteil bei Studenten über 80% seit Jahrzehnten) einen Girls’ Day, Jungen werden nicht einmal eingeladen; am Institut für Biologiedidaktik sollen Jungen das Berufsbild des Gärtners kennen lernen — und nicht Biologiedidaktik (sowohl bei Biologie als auch bei den Biologie-Lehrämtern sind Frauen in der Mehrheit); und einen Verwaltungsjob gibt es noch dazu). In diesem Zusammenhang ist auch sowohl das Interview http://www.vorwaerts.de/artikel/wir-haben-das-problem-fuer-die-maedchen-noch-nicht-geloest als auch mein Kommentar dazu lesenswert.

  2. Pingback: Wirschaftlicher Suizid « Kritische Wissenschaft – critical science

  3. Goofos says:

    Ich wäre mal interessiert an welche Schulen diese Faltblätter und Materialien vornehmlich verteilt werden.
    Vermutlich hauptsächlich in Privatschulen an denen meist Kinder der Oberschicht unterrichtet werden.

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