Fachkräftemagel oder: “Wissenschaftler kommt wieder”

Einstein erhält von Judge Phillip Forman seine amerikanische Staatsbürgerschaftsurkunde“Wissenschaftler kommt wieder”, so lautet die Überschrift einer Pressemeldung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), in der von den Versuchen des Ministeriums berichtet wird, ins Ausland abgewanderte Wissenschaftler zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Hauptbeweggrund der Initiative des BMBF ist der für Deutschland prognostizierte Fachkräftemangel, der vor allem in den MINT-Bereichen (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) entweder bereits besteht oder in Zukunft bestehen wird. Was von beidem zutrifft, ist in der Forschung umstritten. So hat Brenke (2010) gerade die Ergebnisse seiner Berechnung des Fachkräftemangels veröffentlicht und festgestellt, dass ein “Fachkräftemangel derzeit noch nicht in Sicht” sei. Brenke bestätigt damit Ergebnisse von Bellman et al. (2006), die vor einigen Jahren keinen Hinweis auf einen Fachkräftemangel in ihren Analysen zu finden vermochten. Vor allem den Ergebnissen von Brenke, wird heftig widersprochen und sie stehen auch im Widerspruch zu einer ganzen Reihe von Forschungsergebnissen:

  • Koppel und Plünnecke (2008) berechnen eine Fachkräftelücke von rund 145.000 für hochqualifizierte Arbeitnehmer;
  • Arent und Nagl (2010) zeigen einen erheblichen Fachkräftemangel in Ostdeutschland auf;
  • Reinberg und Hummel (2002) erwarten spätestens im Jahre 2015 einen erheblichen Mangel an Akademikern;

Wie immer, wenn Ökonomen etwas berechnen, kann man das Ergebnis der Berechnung genau dann glauben, wenn man die Annahmen, auf denen die Berechnungen basieren, teilt. Und wie immer, wenn Ökonomen etwas berechnen, teilt sich die Welt der Rezipienten in diejenigen, die glauben, was berechnet wurde, und diejenigen, die es nicht glauben. Dabei wäre es durchaus möglich, eine ganze Reihe von Indikatoren anzuführen, die dafür sprechen, dass es in Deutschland tatsächlich einen Fachkräftemangel gibt.

Neben der Tatsache, dass das BMBF bei deutschen Wissenschaftlern im Ausland für Rückkehr wirbt, gibt es vor allem die regelmäßigen Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die zeigen, dass die vom DIHK befragten deutschen Unternehmer seit Jahren über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen klagen, dass 20% der Unternehmer Stellen tatsächlich nicht besetzen können und das 50% der befragten Unternehmer mit einem Fachkräftemangel im Bereich der Hochqualifizierten rechnen bzw. den Mangel bereits sehen (DIHK, 2010, S.1). Man sollte eigentlich annehmen, dass diejenige, die mit den Folgen konfrontiert sind, die von einem Fachkräftemangel ausgehen, am ehesten darüber Auskunft geben können, ob es die entsprechenden Folgen gibt und dass man dann, wenn die Auskunft lautet, es gibt Probleme bei der Besetzung von Stellen, daraus schließen kann, dass es einen Fachkräftemangel gibt.

Aber es gibt noch weitere Indikatoren dafür, dass ein Fachkräftemangel in Deutschland virulent, wenn nicht bereits gegeben ist. In einer neuen Studie haben Wido Geis und Erdal Yalcin (2011) versucht, das wissenschaftliche Dunkel, das Migration in Deutschland umgibt, zu erhellen und sich dafür interessiert, wer kommt und wer geht. So zeigen die Autoren u.a., dass seit 2008 die Zahl der Abwanderer aus Deutschland die Zahl der Zuwanderer übersteigt und dass bereits seit 2005 mehr Deutsche aus Deutschland abwandern als nach Deutschland zuwandern. Unter den Netto-Zuwandereren (Differenz zwischen Zuwanderern und Abwanderern) stellen Polen (81.819) die zahlenmäßig größte Gruppe, gefolgt von Rumänen (32.003). Bei Italienern (-17.189), Österreichern (-15.515) und Türken (-15.172) übersteigt die Anzahl der Fortzüge die Anzahl der Zuzüge. Interessant für die Frage des Fachkräftemangels ist die Analyse des Bildungsniveaus derjenigen, die aus Deutschland abwandern. Die Analysen von Geis und Yalcin zeigen hier, dass die Gruppe derjenigen, die einen Hochschulabschluss haben, unter den Abwanderern einen Anteil von 20.9% ausmacht, während der Anteil der entsprechenden Gruppe in der Bevölkerung mit 4.6% deutlich geringer ausfällt.

Die Ergebnisse lassen sich weiter spezifizieren wenn zwei weitere Studien, die unter deutschen Abwanderern bzw. deutschen Auswanderern gemacht wurden, hinzugenommen werden: Arndt, Christensen und Gurka (2010) untersuchen die Abwanderung von Hochqualifizierten aus Baden-Württemberg und kommen zu dem Ergebnis, dass selbst aus Baden-Württemberg mehr hochqualifizierte ins Ausland ab- als zuwandern. Eine Befragung unter Hochschulabsolventen (in MINT-Fächern) zeigt zudem, dass 32% der Studenten planen, ins Ausland zu gehen. Deutsche Auswanderer haben Ette und Sauer (2010) befragt und dabei festgestellt, dass die Gruppe der Hochqualifizierten unter den Auswanderern mit 49% deutlich überrepräsentiert war.

Folglich kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Abwanderung aus Deutschland gemeinsam mit der Tatsache, dass der demographische Wandel dazu führt, dass mehr Hochqualifizierte in Rente gehen als auf dem Ausbildungsmarkt nachkommen, zu einem Fachkräftemangel führen wird bzw. bereits zu einem solchen geführt hat. Vor diesem Hintergrund wäre die Initiative des BMBF “Wissenschaftler kommt wieder” verzweifelt, wie sie nunmehr erscheint, eines der seltenen Beispiele rationaler Politik.

Literatur:
Arent, Stefan & Nagl, Wolfgang (2010). Ostdeutscher Fachkräftemangel bis 2030.

Arndt, Christian, Christensen, Björn, Gurka, Nicole (2010). Abwanderung von Hochqualifizierten aus Baden-Württemberg. Tübingen: Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung.

Bellmann, Lutz, Bielenski, Harald, Bilger, Frauke, Dahms, Vera, Fischer, Gabriele, Frey, Marek & Wahse, Jürgen (2006). Personalbewegung und Fachkräfterekrutierung. Erste Ergebnisse des IAB-Betriebspanels 2005. Nürnberg:  IAB-Forschungsbericht Nr.11/2006.

Brenke, Karl (2010). Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht. DIW-Wochenbericht 77(46): 2-15.

Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK)(2010). Mitarbeiter dringend gesucht! Fachkräftesicherung – Herausforderung der Zukunft. Berlin: DIHK.

Ette, Andreas & Sauer, Lenore (2010). Auswanderung aus Deutschland. Daten und Analysen zur internationalen Migration deutscher Staatsbürger. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Geis, Wido & Yalcin, Erdal (2011). Deutschland und die Migration: Wer kommt, wer geht? ifo Schnelldienst 64(11): 17-25.

Koppel, Oliver & Plünnecke, Axel (2008). Wachstums- und Fiskaleffekte von Maßnahmen gegen Fachkräftemangel in Deutschland – Bildungsökonomische Analyse und politische Handlungsempfehlungen insbesondere im MINT-Bereich. Köln: Institut der deutschen Wirtschaft.

Reinberg, Alexander & Hummerl, Markus (2002). Zur langfristigen Entwicklung des qualifikationsspezifischen Arbeitskräfteangebots und –bedarfs in Deutschland. Empirische Befunde und aktuelle Projektionsergebnisse. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 35(4): 580-600.

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5 Responses to Fachkräftemagel oder: “Wissenschaftler kommt wieder”

  1. Vincenz says:

    Hat man eigentlich die Abwanderer gefragt warum sie gehen?
    Das wäre doch mal interessant.
    Wenn wir wirklich einen Fachkräftemangel haben warum steigen die Löhne nicht stark an?

    LG
    Vincenz T.

    • Die Löhne für Ingenieure und hochqualifizierte Arbeitnehmer steigen doch, selbst in den Daten von Brenke.

      Das Problem mit Befragungen besteht darin, dass man Antworten bekommt … und zuweilen will man die Antworten gar nicht hören!

      • Vincenz says:

        Sorry kann bei Brenke keinen Anstieg, der größer als die Inflaton ist, sehen.
        Bin aber auch kein Wissenschaftler vieleicht versteh ich das nur nicht richtig.

        LG
        Vincenz

        • Ich machs mir mal einfach und zitiere Plünnecke und Koppel, die gesagt haben, was man zu dem Rechenwerk von Brenke im Hinblick auf die Löhne sagen muss:

          “Und auch bei der Entlohnung läuft die Argumentation Brenkes ins Leere. So stellt er nicht die Löhne von Ingenieuren dar, sondern vergleicht die Bezahlungen in der Industrie zu zwei Zeitpunkten: zum Hochpunkt der Produktion im Jahr 2008 und im Jahr 2010, einer konjunkturellen Phase mit noch deutlich niedrigerem Produktionsniveau. Und anstatt festzustellen, dass selbst in diesem Zeitraum die Zahl der beschäftigten Ingenieure gestiegen ist, wie den von ihm veröffentlichen Zahlen unschwer zu entnehmen ist, deutet er auf nur leicht gestiegene Löhne in der Branche hin.”

          http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/droht-deutschland-ein-fachkraeftemangel/3860816.html?p3860816=all

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