
Der IAB-Kurzbericht steht unter der Überschrift „Zuwanderung nach Deutschland“, wurde von Holgert Seibert und Rüdiger Wapler erstellt und beginnt mit der Erkenntnis: „Aus dem Ausland kommen immer mehr Akademiker“. Weil die Aussage des Kurzberichts bereits in den ersten Sätzen in genau der Weise zusammengefasst ist, die einem auf den Kalender und vor allem auf das Jahr blicken und irritiert feststellen lässt, dass man tatsächlich im Jahre 2012 und nicht zwei Jahrhundertwenden früher lebt, seien sie hier komplett zitiert:
„In den vergangenen Jahren befanden sich immer mehr Akademiker unter den Neuzuwanderern nach Deutschland und immer weniger Personen ohne berufliche Ausbildung. Zugleich kamen mehr Zuwanderer aus den 27 EU-Ländern als noch wenige Jahre zuvor. An den Integrationsproblemen Deutschlands ändert dieser Zustrom qualifizierter Einwanderer allerdings nur wenig, da er im Verhältnis zur Zahl der bereits hier lebenden Migranten kaum ins Gewicht fällt“.
Oh, Du selig machende Unkenntnis, ist es nicht erfrischend? Da mühen sich Soziologen, Ethnologen, Anthropologen, Politikwissenschaftler, Kulturwissenschaftler, Psychologen und viele viele andere über Jahrzehnte mit dem Konzept der Integration und zwei Mitarbeiter aus dem IAB lösen alle Probleme, die sich bei den genannten Anstrengungen ergeben haben, im Handstreich. Integration ist, wenn Gebildete, nein Akademiker, einwandern. Perfekte Integration liegt vor, wenn z.B. Migranten aus der Türkei sich auf die Kategorien „mit akademischem Abschluss“, „mit Berufsausbildung“, „ohne Abschluss“ und „in Ausbildung und Studium“ in genau den Anteilen verteilen, wie dies für die deutsche Bevölkerung „ohne Migrationshintergrund“ der Fall ist. Ja.
Wenn sich also Deutsche (ohne Migrationshintergrund) wie Türken aus 15% Akademiker, 55% mit Berufsausbildung, 10% ohne Abschluss und 20% in Ausbildung oder Studium zusammensetzen, dann ist die Integration in erster Instanz gelungen. Wenn die entsprechenden Deutschen (ohne Migrationshintergrund) und Türken dann auch noch „ausbildungsadäquat“ beschäftigt sind, dann ist die Integration auch in zweiter Instanz erfolgreich. Das behaupten die Herren Seibert und Wapler, und, ja, was soll man dazu sagen? Einiges, wenn sich die Verstörung gelegt hat.
Beginnen wir doch einfach mit der Feststellung, dass zwischen Aggregatdaten und Individualdaten ein Unterschied besteht. Aus der Tatsache, dass gut 13.000 und somit rund 0.000016% der Deutschen im Jahr 2010 mit vaskulärer Demenz diagnostiziert wurden, lässt sich kein Schluss darüber ziehen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Holger Seibert oder Rüdiger Walper an vaskulärer Demenz erkranken werden oder erkrankt sind. Zwischen dem Aggregatdatum und dem Individualdatum vermittelt nichts. Das ist bei Gruppenanteilen nun einmal so. Zudem ist „Integration“ ein Begriff, der einen Prozess beschreibt, der unter bestimmten gesellschaftlichen Randbedingungen abläuft, aber individuell zu durchlaufen ist. Integriert ist immer Cem Ö. nie die Türken aus Köln Wesseling. Entsprechend macht es keinerlei Sinn, einen Anteilsvergleich zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zur Grundlage einer Aussage über „Integration“ zu machen. Es sei denn, man will zur Stereotypisierung von gesellschaflichen Gruppen beitragen.
Damit nicht genug, hängen die beiden Autoren doch einem Konzept von „Integration“ an, das man in der vorgestellten Weise in keiner wissenschaftlichen Publikationen vorfinden kann. Für Seibert und Wapler besteht Integration, wie oben bereits zitiert, im Zuzug von Akademikern. Eine neuartige Form der Operationalisierung, wenngleich damit gesagt wird, dass rund 80% der Deutschen ohne Migrationshintergrund, alle die keine akademische Ausbildung haben, als nicht integriert anzusehen sind. Das scheinen die Autoren zu bemerken und entsprechend modifizieren sie ihre Vorstellung von Integration dahingehend, dass Integration vorliegt, wenn im Hinblick auf z.B. den Anteil von Akademikern und die ausbildungsadäquate Berufstätigkeit, Migranten mit Deutschen ohne Migrationshintergrund identisch sind. Auch das ist eine neuartige Form der Operationalisierung von Integration und all die Forscher, die sich mit spezifischen Verhaltensweisen, spezifischen kulturellen Bräuchen oder spezifischen Essgewohnheiten beschäftigt haben, um damit dem Konzept der Integration näher zu kommen, stehen da, wie dumme Schuljungen, die alles verkomplizieren müssen, wo es doch so einfach ist.
Literatur
Berry, John W. (1997). Immigration, Acculturation and Adaptation. Applied Psychology 46(1): 5-68.
Berry, John W. (1990). Psychology of Acculturation. In: Berman, John J. (ed.). Cross-Cultural Perspectives. Lincoln: Nebraska University Press, pp.201-234.
Berry, John W. (1980). Acculturation as Varieties of Adaptation. In: Padilla, Amado M. (ed.). Acculturation. Theory, Models and Some New Findings. Boulder: Westview, pp.9-25.
Bildnachweis:
National Museum of Australia
