Integration ist, wenn Gebildete einwandern

Kinder und Jugendliche aus MigrantenfamilienDer Titel dieses Posts mag den einen oder anderen verstören. Das ist gewollt, aus Gründen des Mitleidens. Denn Verstörung ist der Zustand, den ich und den vor allem Dr. habil. Heike Diefenbach, die nun seit mehr als 10 Jahren die Expertin für Migrationsfragen und somit für alle Formen der Aufnahme von Migranten in eine authochtone Gesellschaft ist, von Integration über Assimilation bis zu Akkulturation (deutlich belegt im zwischenzeitlich in dritter Auflage vorliegenden Standardwerk zu Migration und Bildung – siehe Abbildung), Verstörung ist, was wir empfunden haben als uns der IAB-Kurzbericht 21/2012 auf den Schreibtisch gekommen ist.

Der IAB-Kurzbericht steht unter der Überschrift “Zuwanderung nach Deutschland”, wurde von Holgert Seibert und Rüdiger Wapler erstellt und beginnt mit der Erkenntnis: “Aus dem Ausland kommen immer mehr Akademiker”. Weil die Aussage des Kurzberichts bereits in den ersten Sätzen in genau der Weise zusammengefasst ist, die einem auf den Kalender und vor allem auf das Jahr blicken und irritiert feststellen lässt, dass man tatsächlich im Jahre 2012 und nicht zwei Jahrhundertwenden früher lebt, seien sie hier komplett zitiert:

“In den vergangenen Jahren befanden sich immer mehr Akademiker unter den Neuzuwanderern nach Deutschland und immer weniger Personen ohne berufliche Ausbildung. Zugleich kamen mehr Zuwanderer aus den 27 EU-Ländern als noch wenige Jahre zuvor. An den Integrationsproblemen Deutschlands ändert dieser Zustrom qualifizierter Einwanderer allerdings nur wenig, da er im Verhältnis zur Zahl der bereits hier lebenden Migranten kaum ins Gewicht fällt”.

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Oh, Du selig machende Unkenntnis, ist es nicht erfrischend? Da mühen sich Soziologen, Ethnologen, Anthropologen, Politikwissenschaftler, Kulturwissenschaftler, Psychologen und viele viele andere über Jahrzehnte mit dem Konzept der Integration und zwei Mitarbeiter aus dem IAB lösen alle Probleme, die sich bei den genannten Anstrengungen ergeben haben, im Handstreich. Integration ist, wenn Gebildete, nein Akademiker, einwandern. Perfekte Integration liegt vor, wenn z.B. Migranten aus der Türkei sich auf die Kategorien “mit akademischem Abschluss”, “mit Berufsausbildung”, “ohne Abschluss” und “in Ausbildung und Studium” in genau den Anteilen verteilen, wie dies für die deutsche Bevölkerung “ohne Migrationshintergrund” der Fall ist. Ja.

Wenn sich also Deutsche (ohne Migrationshintergrund) wie Türken aus 15% Akademiker, 55% mit Berufsausbildung, 10% ohne Abschluss und 20% in Ausbildung oder Studium zusammensetzen, dann ist die Integration in erster Instanz gelungen. Wenn die entsprechenden Deutschen (ohne Migrationshintergrund) und Türken dann auch noch “ausbildungsadäquat” beschäftigt sind, dann ist die Integration auch in zweiter Instanz erfolgreich. Das behaupten die Herren Seibert und Wapler, und, ja, was soll man dazu sagen? Einiges, wenn sich die Verstörung gelegt hat.

Beginnen wir doch einfach mit der Feststellung, dass zwischen Aggregatdaten und Individualdaten ein Unterschied besteht. Aus der Tatsache, dass gut 13.000 und somit rund 0.000016% der Deutschen im Jahr 2010 mit vaskulärer Demenz diagnostiziert wurden, lässt sich kein Schluss darüber ziehen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Holger Seibert oder Rüdiger Walper an vaskulärer Demenz erkranken werden oder erkrankt sind. Zwischen dem Aggregatdatum und dem Individualdatum vermittelt nichts. Das ist bei Gruppenanteilen nun einmal so. Zudem ist “Integration” ein Begriff, der einen Prozess beschreibt, der unter bestimmten gesellschaftlichen Randbedingungen abläuft, aber individuell zu durchlaufen ist. Integriert ist immer Cem Ö. nie die Türken aus Köln Wesseling. Entsprechend macht es keinerlei Sinn, einen Anteilsvergleich zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zur Grundlage einer Aussage über “Integration” zu machen. Es sei denn, man will zur Stereotypisierung von gesellschaflichen Gruppen beitragen.

Damit nicht genug, hängen die beiden Autoren doch einem Konzept von “Integration” an, das man in der vorgestellten Weise in keiner wissenschaftlichen Publikationen vorfinden kann. Für Seibert und Wapler besteht Integration, wie oben bereits zitiert, im Zuzug von Akademikern. Eine neuartige Form der Operationalisierung, wenngleich damit gesagt wird, dass rund 80% der Deutschen ohne Migrationshintergrund, alle die keine akademische Ausbildung haben, als nicht integriert anzusehen sind. Das scheinen die Autoren zu bemerken und entsprechend modifizieren sie ihre Vorstellung von Integration dahingehend, dass Integration vorliegt, wenn im Hinblick auf z.B. den Anteil von Akademikern und die ausbildungsadäquate Berufstätigkeit, Migranten mit Deutschen ohne Migrationshintergrund identisch sind. Auch das ist eine neuartige Form der Operationalisierung von Integration und all die Forscher, die sich mit spezifischen Verhaltensweisen, spezifischen kulturellen Bräuchen oder spezifischen Essgewohnheiten beschäftigt haben, um damit dem Konzept der Integration näher zu kommen, stehen da, wie dumme Schuljungen, die alles verkomplizieren müssen, wo es doch so einfach ist.

Integration_w480Thinking about “dumme Schuljungen”, da fällt mir eine Beobachtung ein, die wir regelmäßig gemacht haben, seit wir nach England ausgewandert sind, und zwar immer dann, wenn wir bei Tesco einkaufen. Es begann damit, dass uns die Abteilung mit dem Caribbean Food in Verzückung versetzt hat, schnell gefolgt von der Unzahl pakistanischer, indischer und was ist das Adjektiv für Bangladesh? also Nahrungsmittel aus Bangladesh eben. Dann kamen viele Polen nach England und plötzlich gab es die Abteilung mit polnischen Nahrungsmitteln. Warum ich das erzähle? In Deutschland gibt es türkische Läden, aber keine Abteilung mit Türkischen Lebensmitteln bei Spar oder Rewe. Kulturen bestehen nebeneinander, es findet keine Integration, ja Integration statt. Integration liegt nämlich genau nicht vor, wenn ein Migrant von einem Autochtonen ununterscheidbar ist. Dann liegt Assimilation vor (zum Begriff der Integration: Berry 1997, 1990, 1980). Integration liegt dann vor, wenn Merkmale der Aufnahmekultur und Merkmale der Migrantenkultur eine Verbindung eingehen. Deshalb spricht man in den USA von einem melting pot der Kulturen, die verschiedenen Einwandererkulturen gingen eine Verbindung ein und haben sich gegenseitig beeinflusst – das ist Integration! Jedenfalls ist das die Art und Weise, in der der Begriff Integration in der Wissenschaft gebraucht wird, und wenn ich die Herren Seibert und Wapler richtig verstanden haben, dann ist es diese Wissenschaft, als deren Mitglieder sie sich darstellen wollen. Dazu ist es jedoch notwendig, das Grundwerkzeug von Wissenschaft zu beherrschen. Das fängt bei den Begriffen an und endet bei der wissenschaftlichen Methode, und in diesem Hinblick muss ich noch anfügen, dass wir seit nun mehreren Jahrzehnten über den ökologischen Fehlschluss hinweg sind, der darin besteht, dass man Zusammenhänge auf Aggregatebene findet und sie auf die Individualebene überträgt, ganz so, als bestünde kein Unterschied zwischen Fritz Pauswänger und Bayern.

Literatur

Berry, John W. (1997). Immigration, Acculturation and Adaptation. Applied Psychology 46(1): 5-68.

Berry, John W. (1990). Psychology of Acculturation. In: Berman, John J. (ed.). Cross-Cultural Perspectives. Lincoln: Nebraska University Press, pp.201-234.

Berry, John W. (1980). Acculturation as Varieties of Adaptation. In: Padilla, Amado M. (ed.). Acculturation. Theory, Models and Some New Findings. Boulder: Westview, pp.9-25.

Bildnachweis:
National Museum of Australia

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