Es ist nun langsam, nach TIMSS, PISA, IGLU, PIRLS und wie sie alle heißen, auch zum Letzten in Deutschland vorgetrungen, dass das deutsche Bidlungssystem wie kein anderes weltweit nach sozialer Herkunft selegiert. Wer in die Familie eines Bauarbeiters geboren wird, hat eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, ein

Nun hat Guido Raddatz in den Argumenten zu Marktwirtschaft und Politik (Nr. 118), die von der Stiftung Marktwirtschaft herausgegeben werden, einen neuen Anlauf gemacht, um für die Notwendigkeit einer Reform des deutschen Bildungssystems zu werben. Dabei geht es ihm vor allem um die Effizienz des Bildungssystems und um die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem.
Es ist in seinem Kapitel 3 und im Hinblick auf die nicht vorhandene Chancengerechtigkeit, die das deutsche Bildungssystem auszeichnet, dass der Beitrag von Raddatz seine Stärken hat. Wer einen guten und fundierten Überblick über die Effizienz des deutschen Schulssystems im Vermitteln wichtiger Fähigkeiten und über die soziale Selektivität der deutschen Schulausbildung haben will, dem sei die Lektüre des Beitrags von Raddatz ans Herze gelegt. Ich will die vielen Einzelbefunde, die Raddatz zusammengetragen hat, hier nicht wiederholen und mich statt dessen auf das folgende Einzelergebnis konzentrieren:
Höchst problematisch ist allerdings, dass auch die Grundschulempfehlungen für die weiterführende Schule in hohem Maße von der sozialen Herkunft der Kinder beeinflusst wird. Gemäß den Ergebnissen der IGLU-2006-Studie ist bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Leseleistung die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasialempfehlung für Kinder aus der oberen Dienstklasse gut zweieinhalbmal so hoch wie für Kinder von Facharbeitern und Arbeitern mit Leitungsfunktion und mehr als viermal so hoch wie für Kinder von un- und angelernten Arbeitern (…). Anders ausgedrückt: Je niedriger der berufliche Hintergrund der Eltern ist, desto bessere Leistungen müssen die Kinder für eine Gymnasialempfehlung bringen“ (16).
Dass eine solche Bewertung nicht vorgenommen wird, sondern im Gegenteil, die guten Leistungen aufgrund des Elternhauses noch abgewertet werden, spricht eine deutliche Sprache. Es hat mich immer erstaunt, dass dieselben Leute, die die Nachteile von Kindern aus „bildungsfernen Familien“ beklagen, bereit sind, mehr Leistung gerade von diesen Kindern zu fordern als von Kindern aus „bildungsnahen Familien“. Ginge es wirklich darum, den entsprechenden Kindern den Weg auf eine weiterführende Schule zu ebnen, nichts wäre leichter als dass. Man müsste sie nur in der Weise behandeln, in der man Kinder aus „bildungsnahen Familien“ behandelt. Dass dies nicht der Fall ist, spricht dafür, dass es eben nicht darum geht, den entsprechenden Kindern eine Möglichkeit zum sozialen Aufstieg zu geben, sondern im Gegenteil darum, sie an eben diesem Aufstieg zu hindern. Wenn man sich nun noch vergegenwärtig, dass nicht nur Kinder aus Arbeiterfamilien mehr leisten müssen als Kinder aus Nicht-Arbeiterfamilien, sondern auch Jungen mehr leisten müssen als Mädchen und auch Migranten bei gleicher Leistung im Hinblick auf die Grundschulempfehlung diskriminiert werden, dann fragt man sich, was an deutschen Grundschulen eigentlich los ist und welche Kriterien die dort tätigen, vornehmlich Grundschullehrerinnen, eigentlich anlegen.
Angesichts seiner Feststellung offener Diskriminierung von Kindern aus der Arbeiterschicht in Grundschulen, wenn es an die Grundschulempfehlung geht, hätte ich nun erwartet, dass Raddatz voller Tatendrang in seinem abschließenden und mit „Was tun?“ überschriebenen Kapitel der Meritokratie das Wort redet und mit Ideen glänzt, die darauf abzielen, Grundschullehrer daran zu hindern, Kinder nicht nach deren Leistung, sondern nach deren Herkunft zu bewerten.
Dafür, dass jemand editierend eingegriffen hat, spricht die letzte Seite des Beitrags von Raddatz, auf der er wieder „zu sich“ gekommen zu sein scheint. Entsprechend fordert er eine Privatisierung des Bildungssystems, Wettbewerb zwischen Schulen und eine verbesserte Ausbildung von Lehrern und mehr noch, hier findet sich ein bemerkenswerter Schluss, den ich hier ungekürzt wiedergeben will:
Insofern [als die Kompetenz von Lehreren zentral für die Leistung der Schüler ist] muss es zu denken geben, wenn in Deutschland vor allem Abiturienten mit unterdurchschnittlichen schulischen Leistungen Lehrer an einer Grund-, Haupt- oder Realschule werden wollen. Lediglich Gymnasiallehrer haben einen ähnlichen Abiturdurchschnitt wie andere Hochschulabsolventen. Die daraus ableitbare geringe Attraktivität des Lehrerberufs für ‚Spitzenkräfte‘ ist vor allem angesichts des bevorstehenden ‚Generationenwechsels‘ in vielen Schulen und des damit verbundenen Rekrutierungsbedarfs von jungen Lehrkräften beunruhigend“ (21).
Literatur:
Becker, Gary S. (1962). Investment in Human Capital: A Theoretical Analysis. The Journal of Political Economy 70(5): 9-49.
Raddatz, Guido (2012). Chancengerechtigkeit, Bildung und Soziale Marktwirtschaft. Argumente zu Marktwirtschaft und Politik 18.
Schultz, Theodore, W. (1961). Investment in Human Capital. The American Economic Review LI(1): 1-17.
