Von der Ausbreitung politischer Langeweile, dem schlimmsten Feind der Demokratie

Als der Ökonom Anthony Downs im Jahre 1957 seine “Economic Theory of Democracy” veröffentlicht hat, hat er einen Sturm der  Entrüstung unter Personen ausgelöst, die eher affektiv an die Idee der Demokratie gebunden sind, als dass sie sich rational mit der Wirklichkeit der Demokratie auseinandersetzen würden. Am Buch von Downs haben sich Generationen von Politikwissenschaftlern die Zähne ausgebissen, immer im Bemühen, sein zwischenzeitlich als Median-Wähler bekanntes Modell zu widerlegen. Nun, so ganz hat der Versuch nicht geklappt.

economic theory of democracyWähler sind nicht sonderlich gut über Politik informiert, hat Downs behauptet und die empirische Sozialforschung, wann immer sie sich mit politischen Themen und dem Wissen der Deutschen darüber beschäftigt hat, hat die Downsche Annahme bestätigt (zuletzt war dies in diesem blog im Hinblick auf die ökonomischen Minimalkenntnisse von Deutschen Gegenstand). Politiker sind Opportunisten, so hat Downs formuliert, denen es in erster Linie um ihren Machterhalt geht bzw. darum, in “Machtpositionen” zu gelangen und dann, vielleicht in zweiter Linie, wenn überhaupt, darum, was Wähler wollen. Muss man dafür einen Beleg anführen? Ich glaube nein. Weil Politiker Opportunisten sind und Wähler weitgehend uninformiert, treffen sie sich bei der Ideologie, die die Politiker anbieten, um den Wählern eine ungefähre Vorstellung davon zu geben, was sie bei  einer Wahl erwartet, und die die Wähler nachfragen, weil sie die einfachste (und vermutlich auch falscheste) Art darstellt, sich eine Vorstellung davon zu machen, was einem bei Wahl einer bestimmten Partei erwartet. So betrachtet ist die Abgabe einer Stimme in einer Wahl in der Mehrzahl der Fälle eine Übereinkunft zwischen einem Opportunisten und einem Desinteressierten mit dem Ziel, Macht zu erreichen (Politiker) und nicht gar zu sehr – trotz der eigenen Uninformiertheit – über den Tisch gezogen zu werden (Wähler).

Weil, so hat Downs weiter formuliert, die Einstellungen zu bestimmten – wie es im Amerikanischen und entsprechend in der deutschen Politikwissenschaft heißt: issues (Themen) über Zeit angleichen, was eine für Ökonomen und Soziologen normale Entwicklung ist, die z.B. von George Caspar Homans in seiner Sättigungshypothese festgeschrieben hat (je mehr man von etwas hat, hört, bekommt, desto geringer wird der Wert davon), reduziert sich die ideologische Distanz zwischen Wählern und zwischen Politikern. Sie werden sich alle immer ähnlicher, auch weil die erfolglosen Politiker/Parteien die Politiken erfolgreicher Politiker/Parteien zu kopieren beginnen, um ihrerseits (Wahl-)Erfolg zu haben. Die zentripetale Kraft des Politischen, die man sich mit dem Blick in den Abfluss (das Wasser, das im Kreis um den Abfluss zirkelt, um dann doch abzufließen) vergegenwärtigen kann, führt dazu, dass immer mehr Politiker dasselbe sagen und dass die ideologischen Angebote, mit denen sich die Parteien an die Wähler richten, immer weniger unterscheidbar sind. Der einzige Unterschied ist über kurz über lang die Verpackung, nicht mehr der Inhalt der Themen. Die Ideologie, ob von CDU, FDP, SPD oder Grünen vorgetragen, ist nur noch eine graduelle Variation des immer gleichen Themas: Ob man Staatsfeminismus von CDU oder FDP serviert bekommt oder von SPD, Linke und Grünen macht kaum einen Unterschied, und egal ob CDU, FDP, SPD, Linke oder Grüne sich ideologisch positionieren, immer ist die Familie und die wichtige Fertilität zentrales Thema. Kurz: Die politische Landschaft versinkt in Gleichförmigkeit und Langeweile.

Und genau diese Langeweile finden manche Politikwissenschaftler wünschenswert. Das letzte Paper, das mir mit einer entsprechenden Aussage auf den Schreibtisch gekommen ist, haben Simon Munzert und Paul C. Bauer, der eine in Konstanz, der andere in Bern an einer Universität beschäftigt, unter dem .Titel “Political Depolarization in German Public Opinion 1980-2010” verfasst.

polarizationDarin untersuchen die beiden Autoren, wie sich die Einstellungen der Deutschen über die letzten 30 Jahre und im Hinblick auf vier Dimensionen, nämlich Moral, (Um-)Verteilung, Einwanderung und Gender verändert haben: Sind sie polarisierter geworden oder hat eine Depolarisation stattgefunden? Um diese Fragestellung verständlich zu machen, muss man anfügen, dass beide Autoren Einstellungsforscher sind. D.h. sie nutzen Daten, mit denen die Einstellungen von Bundesbügern zu einer Reihe von “items”, also Aussagen und zumeist mit einer vier-stufigen Antwortvorgabe (stimme voll zu, stimme eher zu, stimme eher nicht zu, stimme gar nicht zu) erfragt wurden. Es sind dies Aussagen wie:

  • Eine Mutter, die arbeiten geht, kann zu ihren Kindern eine ebenso liebevolle Beziehung haben wie eine Mutter, die zuhause bleibt (das misst “Gender”)
  • Es ist für eine verheiratete Frau wichtiger, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als eine eigene Karriere zu machen (das misst auch “Gender”)
  • Glauben Sie, dass man heiraten sollte, wenn man dauerhaft mit einem Partner zusammenlebt? (das misst “Moral”)
  • Im Allgemeinen werden die Gewinne von Unternehmen in Deutschland fair verteilt. (das misst “Um”verteilung”)
  • Der Zuzug von Asylbewerbern sollte begrenzt werden. (das misst “Einwanderung”)

Pro Dimension gibt es mehrere Aussagen. Um nun zu messen, wie sich die öffentliche Meinung in den einzelnen Dimensionen entwickelt hat, berechnen die Autoren Korrelationen zwischen den Aussagen, die die entsprechenden Dimension ausmachen und interpretieren eine über Zeit geringer werdende Korrelation als Depolarisation, eine über Zeit steigende Korrelation als Polarisation der öffentlichen Meinung. Zu diesem Vorgehen gäbe es einiges zu sagen, aber ich will es dabei belassen, denn es gibt Punkte, die mir wichtiger sind als die methodische Kritik, z.B. an dem, was die Autoren eine manuelle Faktorenanalyse nennen.

Das Paper von Munzert und Bauer scheint mir nämlich für eine bestimmte Form, in der in Deutschland Politikwissenschaft betrieben wird, repräsentativ zu sein, und zwar deshalb, weil man einen theoretischen Teil vergeblich sucht. Das, was Anthony Downs und eine Reihe von Autoren in seiner Nachfolge seit den 1960er Jahren an Korpus aufgehäuft haben, kommt bei Munzert und Bauer schlicht nicht vor. Das wäre zwar weiterhin verwunderlich, aber dennoch leichter erträglich, wenn bei den Autoren irgendeine Form der Theorie vorkäme, dem Leser irgend ein Grund dafür gegeben würde, warum es interessant ist zu untersuchen, wie sich die Kohärenz der Einstellungen von Deutschen über 30 Jahre entwickelt hat. Das an sich ist ein Lapsus, der das Weiterlesen eigentlich verbietet, denn die Ergebnisse sind aufgrund fehlender theoretischer Anbindung willkürlich. Ich habe dennoch weitergelesen, weil ich einerseits sehen wollte, wie die Autoren ihre Ergebnisse interpretieren, andererseits, weil es mich interessiert hat, ob sie an irgend einer Stelle auf die Idee kommen, ihre eigenen Prämissen zu hinterfragen, z.B. weil man sie keinen Sinn aus den Ergebnissen machen können.

Zunächst zur Frage der Interpretation der Ergebnisse. Munzert und Bauer finden, dass sich in Deutschland alles depolarisiert, nur Gender nicht. Gender polarisiert sich, und zwar weil die weniger Gebildeten sich polarisieren, so sehen es jedenfalls Munzert und Bauer und vergessen dabei zu berichten, dass die weniger Gebildeten mit ihrer zunehmenden Polarisierung nur die Lücke zu dem Ausmaß an Polarisierung schließen, dass die mehr Gebildeten dauerhaft und seit 30 Jahren konstant aufweisen (18), und sie vergessen zu erwähnen, dass sie die entsprechende Polarisierung durch die Bank finden, dann, wenn sie nach Geschlecht kontrollieren, dann wenn sie nach politischem Interesse kontrollieren, dann, wenn sie nach Einkommen kontrollieren usw. Ja, und nun, da wir wissen, was deskriptiv herauskommt, wäre es gut zu wissen, was das nun bedeutet. Was sagt es mir, dass die Deutschen sich im Hinblick auf Gender polarisieren?

Popper GrundproblemeLeider sagt es mir nichts und den Autoren sagt es auch nichts, außer dass ihre Ergebnisse im Gegensatz zu Ergebnissen aus den USA stehen und man deshalb die Ergebnisse aus den USA noch einmal überprüfen müsse und darüber hinaus geben sie frank und frei zu, dass das Ergebnis für sei ein Rätsel (puzzle, 24) sei, was sie aber nicht daran hindert, ihre Vorgehensweise fruchtbar und die Erforschung der Polarisierung von Gesellschaften als wichtig zu bezeichnen. Wenn ich also etwas rechne und es kommt etwas dabei heraus, ich aber wegen einer fehlenden theoretischen Anbindung keine Ahnung habe, was das, was herausgekommen ist, bedeutet, dann ist das dennoch wichtig, denn schließlich ist etwas dabei herausgekommen. Man fragt sich unwillkürlich, wie man auf dieser Grundlage Willkür von Systematik, Kaffeesatzleserei von Wissenschaft unterscheiden will, und man fragt sich, wozu Generationen von Wissenschaftstheoretikern ihre Zeit darauf verschwendet haben, Kriterien zu bestimmen, die Wissenschaft von Metaphyisk unterscheiden.

Das Fehlen einer Theorie hat noch weitere Auswirkungen, und noch erheblichere wie ich meine, zeigt sich doch anhand dieser Auswirkungen, wie aus harmloser und naiver Forschung systemstützende und unkritische Forschung wird. Wieso, so habe ich mich gefragt, denkt jemand, dass eine Depolarisierung der öffentlichen Meinung wünschenswert sei? Diese Frage wäre einfach zu beantworten, gäbe es eine Theorie, aber es gibt keine bei Munzert und Bauer, weshalb man sich an einer hingeworfenen Pseudo-Begründungen festhalten muss: Wenn eine Gesellschaft im Hinblick auf die öffentliche Meinung nicht polarisiert ist, dann ist es einfacher, einen Konsens herbeizuführen. Bin ich eigentlich alleine, wenn ich denke, eine solche Annahme ist irre? Wieso sollen Menschen, die sich diametral gegenüberstehen, nicht zum Konsens fähig sein, wenn sie sich auf gemeinsame Kriterien, wie z.B. “bringt das einen Nutzen” verständigt haben? Wieso soll eine nicht vorhandene Meinungspluraliltät etwas anderes als die Langeweile totalitärer Systeme befördern? Und ist den Autoren eigentlich klar, dass die schöne neue Konsens-Welt, die ihnen da vorschwebt, eine Welt der Meinungs-Klone ist, die sich nur in der Tageszeit unterscheiden, zu der sie ihre Einheitsmeinung zum Besten geben?

Ich hoffe nicht. Ich hoffe, beide Autoren sind Jungwissenschaftler und haben keine Ahnung, welche Prämissen sie hier verbreiten. Und ich hoffe, beide erschrecken, wenn sie sich ihrer Prämissen bewusst werden. Und wenn sie das nächste Mal einen wissenschaftlichen Text verfassen, dann fangen sie mit der Theorie an und hinterfragen ihre eigenen Annahmen insbesondere im Hinblick auf den die Pluralität und somit den Lebensnerv einer Demokratie zerstörenden Gehalt, immer vorausgesetzt, sie wollen nicht dem Feind aller Pluralität und damit dem Feind aller Demokratie. dem Sozialismus, das Wort reden.

Munzert, Simon & Bauer, Paul C. (2012). Political Polarization in German Public Opinion, 1980-2010.

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7 Responses to Von der Ausbreitung politischer Langeweile, dem schlimmsten Feind der Demokratie

  1. Ob Demokratie (= Volks-Herrschaft) gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnleer ist, muss daran gemessen werden, wie das Volk beschaffen ist: Ist es weise oder unweise (dumm)?

    Demokratie in der zivilisierten Gesellschaft – und insbesondere unter Verwendung des Mehrheitsprinzips – ist schlecht. Denn das Volk – ebenso wie seine Führung, die Volksvertreter – ist großmehrheitlich unweise. Es regiert die pathologische Unweisheit, Unreife, (Dummheit) – auch die “Krankheit der Gesellschaft” oder – wie von mir – “Kollektive Zivilisations-Neurose” genannt.

  2. T.R.E.Lentze says:

    ” Weil Politiker Opportunisten sind und Wähler weitgehend uninformiert […] ”

    Das trifft notwendig zu für das politische System der Demokratie. Und es kann noch schlimmer kommen. Schrieb nicht Aristoteles (man korrigiere mich ggf.), daß Demokratie dazu neige, irgendwann in Tyrannei umzuschlagen?

    Vielleicht sollten wir, natürlich erst einmal als Gedanken-Experiment, auch einmal andere Regierungsformen in Aussicht nehmen. Selbst eine Diktatur muß nicht schlecht sein. Es darf eben nur keine erschlichene sein, sondern man muß von Vornherein wissen und sagen, was man will.

    Diktatoren sind übrigens, ihrer ursprünglichen Wortbedeutung nach, keine Tyrannen, sondern einfach nur ausgewählte Fachleute mit Totalkompetenz zur Beherrschung eines Notstandes. Siehe etwa Lucius Cornelius Sulla (138 v.Chr. – 78 v.Chr.), der seine Kompetenz auch freiwillig wieder abgegeben hat.

  3. Bernhard Lassahn says:

    Hier wird schon die falsche (Gender-) Frage gestellt: Was eine gute Mutter ist, entscheidet nicht ihr Verhältnis zur Arbeit, sondern zum Vater.

    • heureka47 says:

      Was eine gute Mutter ist, entscheidet primär ihr Verhältnis zu sich selbst, ob sie wirklich sie selbst ist, sich mit dem “Höheren / wahren Selbst” identifiziert, ob sie sich mit dem höchsten Prinzip des Universums im Einklang befindet, ob sie fähig und bereit ist, bedingungslos zu lieben…

  4. Pingback: Von der Ausbreitung politischer Langeweile, dem schlimmsten Feind der Demokratie | ScienceFiles | Aussiedlerbetreuung und Behinderten - Fragen

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