
Bei der Beantwortung dieser Frage hilft uns Sascha Vogt weiter. Sascha Vogt gilt trotz der 26 Jahre, die er nun schon alt ist, immer noch als Juso, ist gar deren Bundesvorsitzender und hat nach dem Abitur ein Magisterstudium der Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Angewandten Kulturwissenschaft (ich wusste gar nicht, dass man Kulturwissenschaft anwenden kann; man lernt nie aus) absolviert. Seit 2010 ist er jetzt Juso-Bundesvorsitzender. Weitere Stationen seines Werdegangs waren Zivildienst und ein Posten als Referatsleiter bei der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung – Netzwerkbildung zum erlernen sozialdemokratischer Kompetenz, wie man sagen könnte.
Nun, Sascha Vogt, dessen Lebenslauf ihn als Experte für alle Fragen der beruflichen Bildung ausweist, hat uns in der besagten Pressmeldung, die meine Aufmerksamkeit erweckt hat, mit der folgenden Weisheit beglückt:
„‚Viele Azubis sind einem enormen Druck ausgesetzt. Müssen Überstunden ohne Ausgleich ableisten oder ausbildungsferne Tätigkeiten verrichten‘, so Vogt. Oft würden sie einfach nur als billige Arbeitskräfte benutzt, denen kein Ansprechpartner zur Verfügung stünde. ‚Deshalb brechen viele ihre Lehre ab‘, erlkärt der Juso-Vorsitzende. Die Jusos fordern deshalb sowohl die Industrie- und Handelskammern, als auch die Handwerkskammern auf, die Ausbildungsstandards der jeweiligen Unternehmen stärker zu kontrollieren, damit eine gute Ausbildung gewährleistet ist. ‚Dann werden auch mehr Lehrlinge ihre Ausbildung abschließen‘, sagte Vogt.
Doch zurück zur Erkenntnis von Sascha Vogt. Seine Erregung über die Quote der aufgelösten Ausbildungsverträge ist vor dem Hintergrund seiner nicht vorhandenen Kenntnis darüber, dass die entsprechende Quote mit ihren 24,4% im Jahre 2011 zwar eine Steigerung zum Vorjahr darstellt, aber mitnichten außergewöhnlich ist, etwas deplaziert. Zurückgehend bis zum Jahr 1993 stellt das BiBB die so genannte Vetragslösungsquote bereit, und die seit 1993 vergangenen 19 Jahre sehen Quoten, die immer zwischen 20% und 24% variieren. Und im Gegensatz zu Herrn Vogt, kennen die Forscher im BiBB die Ursachen für die variierende Höhe der aufgelösten Ausbildungsverträge nicht: „Was die Ursachen hierfür sind, kann allein auf Basis der Daten der Berufsbildungsstatistik nicht beurteilt werden“ (Uhly, 2012, S.167).
Das wiederum ist nachvollziehbar, denn die Daten zu Ausbildunsverträgen wie sie jährlich vom BiBB gesammelt werden und z.B. in der Fachserie 11 Reihe 3 „Bildung und Kultur: Berufliche Bildung“ des Statistischen Bundesamts veröffentlicht werden, sind deskriptive Aggregatdaten: Angaben für alle in einem Jahr geschlossenen oder aufgelösten Ausbildungsverträge, die nach bestimmten Merkmalen differenziert werden können. Diese Differenzierung erlaubt es den Forschern z.B. die folgenden Aussagen zu treffen:
- Die höchsten Anteile für vorzeitig aufgelöste Ausbildungsverträge finden sich in Mecklenburg-Vorpommern (33,9%), Berlin (33,6%), Sachsen-Anhalt (31,0%) und in Brandenburg (29,9%). Die Bundesländer rangieren damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 24,4%. Wie man sieht, ist die Mehrzahl der Länder, in denen bis zu einem Drittel der Ausbildungsverträge nur von kurzer Dauer sind, SPD-mit-regiert, so dass man, könnte man nicht zwischen Kausalität und Korrleation unterscheiden, der SPD zumindest eine Mit-Verantwortung an der Häufigkeit aufgelöster Ausbildungsverträge zu billigen könnte.
Ausbildungsverträge werden am häufigsten in körperlich oder zeitlich anspruchsvollen Berufen, z.B. Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice, Fachkraft für Systemgastronomie oder Restaurantfachkraft aufgelöst. Mit anderen Worten: Konfrontiert mit der Realität schwerer Umzugskartons, dem alltägliche Burger- und Frittengestank bei McDonalds oder dem Arbeitsbeginn um 5 Uhr morgens im Frühstücksservice des Hotels, überlegt es sich der eine oder andere der Auszubildenden wohl doch anders. Das wäre meine Erklärung, zu der ich später noch zurück komme, bis dahin gilt, was uns Herr Vogt gelehrt hat: Die Unternehmen sind schuld – McDonalds vor allem!- Am häufigsten werden Ausbildungsverträge in kleinen und ganz kleinen Unternehmen gelöst. Man kann vermuten, dass, da es in kleinen Unternehmen mehr als in großen Unternehmen auf die „Chemie“ ankommt, Konflikte zwischen Ausbilder und Auszubildendem eine Rolle spielen. Auch dazu komme ich unten zurück. Bis dahin gilt, was Herr Vogt weiss: die kleinen und die ganz kleinen Unternehmen sind alle schuld und deshalb gibt es nur eines: kontrollieren, kontrollieren und noch einmal: kontrollieren!
- Beitrag für den Berufsbildungsbericht 2012 berichtet Alexandra Uhly von ersten Versuchen, die vorzeitige Auflösung von Ausbildungsverträgen mit multivariaten Verfahren zu erklären. Dabei habe sich gezeigt, dass Ausbildungsverträge eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, aufgelöst zu werden, wenn die Auszubildenen keinen Schulabschluss oder nur einen Hauptschulabschluss haben, wenn die
Auszubildenden weiblich sind und wenn die Ausbildungsverträge überwiegend öffentlich finanziert sind, wenn es sich also um überbetriebliche Ausbildungen handelt, die ja Gewerkschaften und auch die SPD als Wunderwaffe gegen die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen ansehen.(Uhly, 2012, S.174). In ihrem Schließlich gibt es noch ein Ergebnis zu berichten, das sich in einem zwei Seiten Text findet, der eigentlich für Presse und Politiker bestimmt ist. Darin heißt es: „Eine Vertragsauflösung stellt jedoch für einen großen Teil der Auszubildenden keinen Ausbildungsabbruch dar! Eine BiBB-Studie zu Vertragslösungen und Vertragsabbrüchen aus dem Jahr 2002 ergab, dass ca. die Hälfte der Auszubildenden mit gelöstem Ausbildungsvertrag erneut einen Ausbildungsvertrag im dualen System abschließt“ (Uhly, 2012a, S.4). Vielleicht sollte man daran denken, nicht die Ausbildungsbetriebe, sondern diejenigen zu kontrollieren, die ihre Unkenntnis in die Öffentlichkeit posaunen.
Wie sich zeigt, bleibt von den Behauptungen des Juso-Bundesvorsitzenden bei näherer Betrachtung nicht viel übrig. Und zum Abschluss stellt sich die Frage, wo er seine Erkenntnisse über die Ausbeutung der Auszubildenden durch die nicht kontrollierten Unternehmen her hat. Wo auch immer er sie her hat, sie sind falsch. In der oben angesprochenen BiBB-Untersuchung aus dem Jahre 2002 (Schöngen, 2002) wurden Jugendliche, die ihren Ausbildungsvertrag gelöst hatten, nämlich nach den Gründen für die Vertragslösung gefragt. Hier kommt, was dabei herauskam:
- Die meisten nannten betriebliche Gründe für die Vertragslösung (70%), darunter: Konflikte mit Ausbildern und Inhabern (43%), ungünstige Arbeitszeiten (31%) und ausbildungsfremde Tätigkeiten (26%). Alle die genannten Gründe waren vor allem in Kleinbetrieben mit weniger als 9 Beschäftigen zu finden.
- Rund ein Drittel aller Befragten (31%) nannten (zusätzlich) berufsbezogene Gründe, worunter die Aussagen, der Beruf sei nicht der Wunschberuf gewesen (48%) und man habe sich den Beruf anders vorgestellt (42%), die am häufigsten genannten Gründe waren.
- Gut die Hälfte der Befragten (46%) nannten (zusätzlich) persönliche Gründe wie Gesundheit oder familiäre Veränderungen, wenn sie nach den Ursachen für die Auflösung des Ausbildungsvertrags gefragt wurden.
- In der Regel nannten die Befragten eine Kombination von Gründen.
Die Welt ist, wie sich zeigt, deutlich komplexer als der Juso-Bundesvorsitzende denkt. Dies mag daran liegen, dass er über keinerlei eigener Erfahrung mit den meisten Ausbildungsberufen verfügt, da er immer im Schutzraum nicht-körperlicher Arbeit verblieben ist. Es mag auch an einem Mangel an Vorstellungskraft liegen,
Aus der Episode kann man nun mehrere Schlüsse ziehen. Man kann daraus schließen, dass im Leben eines politische Aktivisten schon frühzeitig der Versuch, die Welt in ihren komplexen Bezügen wahrzunehmen dem Verlangen, alles in ideologischer Eintracht zu sehen, geopfert wird. Man kann daraus schließen, dass politische Aktivisten im Bemühen, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen, einen erheblichen Realitätsverlust zeigen, der über kurz oder lang neurologisch relevant werden wird. Man kann daraus schließen, dass der Versuch, die Öffentlichkeit zu manipulieren, letztlich mit dem Opfer eigener geistiger Klarheit verbunden ist und man kann daraus schließen, dass Beiträge politischer Aktivisten zum öffentlichen Diskurs bevor sie veröffentlicht werden auf Übereinstimmung mit der Realität geprüft werden sollten, das würde zumindest dazu führen, dass nicht jeder denkt, er könne zu allem etwas sagen.
