Zum Jubiläum: Vom Sozialen am sozialen Handeln

Kein Tag, ohne dass man etwas “Soziales” um die Ohren gehauen bekommt. Kein Tag, an dem nicht irgend etwas “Soziales” im Tun eingefordert wird. Dass mit der Forderung nach sozialem Handeln von denjenigen, die sie stellen, ein privater Vorteil ergattert werden soll, ist jedem klar, der ein oder zwei Semester in Soziologie belegt und dabei Max Weber’s “Grundbegriffe” gelernt hat. Und es ist nicht erst seit Max Weber, dass Menschen wissen, dass jedes Handeln zwischen Menschen, jede Interaktion zwischen Menschen ein soziales Handeln ist.

So schreibt Weber bereits zu Beginn seiner Bestimmung dessen, was er als soziales Handeln ansieht:

Max_Weber

“I. Soziales Handeln (einschließlich des Unterlassens oder Duldens) kann orientiert werden am vergangenen, gegenwärtigen oder für künftig erwarteten Verhalten anderer (Rache für frühere Angriffe, Abwehr gegenwärtiger Angriffe, Verteidigungsmaßnahmen gegen künftige Angriffe). Die ‘anderen’ können Einzelne und Bekannte oder unbestimmt Viele und ganz Unbekannte sein …” (Weber, 1988, S.562). Folglich ist Soziales Handeln ein solches Handeln, “welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten a n d e r e r bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist” (Weber, 1988, S.542).

Wenn also die Mahnung an andere, sich doch bitte sozial zu verhalten, zu spenden, Steuern zu zahlen, wählen zu gehen, die deutsche Sprache durch den Zusatz von “Innen” zu pervertierenm ihr Einkommen umverteilen zu lassen oder gar die eigenen Interessen zu Gunsten einer angeblichen kollektiven Gleichheit zurückzustellen, bereits soziales Handeln ist, dann ist es spannend sich zu fragen, welche Motive diesem sozialen Handeln unterliegen.

Auch hier weiß der Großmeister der deutschen Soziologie, Max Weber, eine Antwort, eine typologische und umfassende Antwort:

“Wie jedes Handeln kann auch das soziale Handeln bestimmt sein I. z w e c k r a t i o n a l: durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Außenwelt und von anderen Menschen und unter Benützung dieser Erwartungen als ‘Bedingungen’ oder gar als ‘Mittel’ für rational als Erfolg, erstrebte und abgewogene eigene Z w e c k e, – 2. w e r t r a t i o n a l: durch bewußten Glauben an den – ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten E i g e n w e r t eines bestimmten Sichverhaltens rein als sochen und unabhängig vom Erfolg – 3. a f f e k t u e l l, insbesondere e m o t i o n a l: durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen, – t r a d i t i o n a l: durch eingelebte Gewohnheiten.” (Weber, 1988, S.565).

Weiter unten schreibt Weber zu den Bestimmungsgründen sozialen Handelns:

Weber Wissenschaftslehre

“Das streng traditionale Verhalten steht – ganz ebenso wie die rein reaktive Nachahmung … – ganz und gar an der Grenze und oft jenseits dessen, was man ein ‘sinnhaft’ orientiertes Handeln überhaupt nennen kann. Denn es ist sehr oft nur ein dumpfes, in der Richtung der einmal eingelebten Einstellung ablaufendes Reagieren auf gewohnte Reize. … Das streng affektuelle Sichverhalten steht ebenso an der Grenze und oft jenseits dessen, was bewußt ‘sinnhaft’ orientiert ist, es kann hemmungsloses Reagieren auf einen außeralltäglichen Reiz sein. Eine S u b l i m i e r u n g ist es, wenn das affektuell bedingte Handeln als b e w u ß t e Entladung der Gefühlslage auftritt… Rein wertrational handelt, wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen handelt im Dienst seiner Überzeugung von dem, was Pflicht, Würde, Schönheit, religiöse Weisung, Pietät, oder die Wichtigkeit einer ‘Sache’ gleichviel welcher Art ihm zu gebieten scheint. … Zweckwrational handelt, wer sein Handeln nach Zweck, Mittel und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen … gegeneinander rational a b w ä g t”.

Zunächst ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass ausschießlich zweckrationales Handeln ein verantwortliches Handeln darstellt, denn nur zweckrationales Handeln wägt die eingesetzten Mittel, Nebenfolgen und Zwecke, soweit sie bekannt sind, ab. Insofern ist zweckrationales Handeln das einzige Handeln, das andere Menschen in Rechnung stellt. Rein eigensüchtige Handlungsformen, die keinerlei Nebenfolgen oder Konsequenzen für andere in Rechnung stellen, sind dagegen die drei verbleibenden Handlungsformen: Wertrational Handelnde stellen die eigene Überzeugung über die Folgen, den eigenen Glauben über die empirischen Fakten. Affektiv Handelnde sind so sehr mit ihren eigenen Emotionen beschäftigt, dass keine neuronale Aktivität übrig bleibt, die sich mit den Folgen des eigenen Handelns beschäftigen könnte, und traditional Handelnde handeln einfach und wissen letztlich auch nicht warum und so lange sie niemand fragt, ist das auch kein Problem.

Zurück zu all jenen, die zum sozialen Handeln aufrufen, die z.B. dazu aufrufen, eine verbindliche Frauenquote von 30% in den Führungsetagen durch seine Unterschrift zu unterstützen oder dazu, ein Grundeinkommen für alle an die Stelle von Hartz IV zu setzen, die also eine bestimmte Form des sozialen Handelns bei anderen erreichen wollen. Wie kann man ihr soziales Handeln, wie es in dem entsprechenden Aufruf zum Ausdruck kommt, wie die unterstützende Unterschrift bestimmen?

  • Zweckrational wäre beides dann, wenn die Nebenfolgen mit den Mitteln und dem Zweck abgewogen würden, kurz der Nutzen gegen die Kosten, wie man heute sagen würde. Also: Ist es rational eine Frauenquote zu fordern? Welche Auswirkungen hat eine Frauenquote? Welche Nebenfolgen? Welcher Zweck lässt sich damit erreichen?Ist der Ruf und die Unterstützung einer Frauenquote zweckrational? Die Frage ist recht einfach zu beantworten, denn wer eine Frauenquote unterstützt, erwartet sich selbst einen Vorteil davon, das er die Frauenquote unterstützt, entweder materiell oder immateriell, und da er diesen Vorteil über die Nebenfolgen stellt, wie sie in einer Vielzahl von Studien dargestellt sind und wie sie sich vor allem im Hinblick auf den Schaden, den Quotenregelungen dem Gerechtigkeitsgefüge einer Gesellschaften zufügen, zeigen, kann man nicht von einem zweckrationalen Handeln sprechen.
  • SoldatenwallfahrtVielmehr muss man von einem wertrationalen Handeln ausgehen, bei dem die eigene Überzeugung, der eigene Glaube an welche hehren Ideale auch immer, über die gewählten Mittel und die Nebenfolgen des “Sichverhaltens” gestellt werden. Entsprechend hat man es mit Überzeugungstätern zu tun, die sich auf Basis ihres Glaubens einen Vorteil versprechen oder mit “Psycho-Mitläufern”, die in ihrem Drang, Gutes zu tun, die Grenze zum affektiven Verhalten fast überschritten haben.
  • Überschritten ist die Grenze dann, wenn die Unterschrift oder der Aufruf eine Sublimierung darstellt, also als die bewußte Entladung eines momentanen Gefühls darstellt, und einen Wohlfühleffekt nach sich zieht. Spontankäufe, die getätigt werden, um sich aus einer schlechten in eine gute Stimmung zu befördern, sind ähnliche Beispiele affektiver Sublimation.
  • Kann man die Unterschrift oder den Aufruf zu einer entsprechenden Unterschrift für die Frauenquote als traditionales Handeln interpretieren? Vermutlich ist dies möglich, die Erklärung bleibt aber auf die Mitglieder der Gendersekten begrenzt, die es geschafft haben, den eigenen Mitgliedern die Genderlehre als Heilslehre zu vermitteln, die jedem Handeln zu Grunde zu legen ist, und zwar ohne eine Abwägung der Nebenfolgen. Wie man sieht, verschwimmen die Grenzen zwischen traditionalem Handeln und wertrationalem Handeln und das zweckrationale Handeln bleibt in jedem Fall auf der Strecke.

Vor diesem Hintergrund kann man sich sehr gut vorstellen, welche intellektuellen Schäden entstehen, welche geistigen Schneisen geschlagen werden, wenn Universitäten z.B. von wertrational und affektiv motivierten Genderisten überschwemmt werden.

Wer Lust dazu hat, mag eine Handlungserklärung für Motivations- und Leistungskiller wie das bedingungslose Grundeinkommen versuchen. 

Ach ja, Jubiläum. Das war der 600. Post auf ScienceFiles, deshalb Jubiläum und deshalb ein Klassiker.

Weber, Max (1988). Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: J.C.B. Mohr.

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