Demokratie gibt es nur wegen der Frauenbewegung

WZBKennen Sie das, dass man sich wünscht man wäre König von Deutschland? Nur für einen Tag und mit allumfassender Gewalt. Was würden Sie tun, wenn Sie König von Deutschland für einen Tag wären? Keine leichte Frage! Aber eine Frage, die wir heute damit beantworten, dass eines der ersten Dinge, das wir als König von Deutschland tun würden, wäre: das Wissenschaftszentrum Berlin, WZB, aufzulösen, denn langsam ist der Unsinn, der von dort kommt, nicht mehr zu ertragen.

Gestern lautete eine Pressemeldung wie folgt:

Der große Unterschied
Eine internationale Studie zeigt: Bessert sich die Lage von Frauen, treibt das die Demokratisierung voran.

Aha, der Feminismus ist also die eigentliche Kraft hinter der Demokratisierung! Einerseits macht einen das froh, weil man, entspräche es der Wahrheit, das Blutvergießen der Französischen Revolution, jenes sinnlose Morden nunmehr dem Feminismus zuordnen könnte, anderseits macht es einen ärgerlich, ärgerlich, weil es ein allzu plumper Versuch ist, die Geschichte umzuschreiben, und noch ärgerlicher macht es einen, weil dieser Versuch, Steuerzahler zu manipulieren, auch noch auf deren Kosten erfolgt.

World Development ElsevierDoch beginnen wir am Anfang. Die Pressemeldung des WZB vom 5. März bezieht sich auf einen Artikel, den Paula Wyndow, Jianghong Li und Eugen Mattes bereits im Dezember 2013 in “World Development” veröffentlicht haben. Der Text trägt den Titel: “Female Empowerment as a Core Driver of Democratic Development” und stellt die starke These auf, Demokratie sei als Staatsform so verbreitet, weil es ein “Empowerment von Frauen” gegeben habe. Ohne Frauenbewegung – in unserer kürzeren Formulierung – keine Demokratie, Sokrates würde sich wundern.

Es ist dies, wie gesagt einer der Beiträge, die einem wünschen lassen, man wäre König von Europa und könnte Veröffentlicher wie Paula Wyndow, Jianghong Li und Eugen Mattes vor ein Panel von Sozialforschern stellen und dazu verdammen, ihren Unsinn zu verteidigen. Aber leider sind wir nicht König von Europa und deshalb müssen wir uns auf die Kritik dieses Textes beschränken:

Der Beitrag von Wyndow, Li und Mattes gehört in die Reihe der aggregierten Datenhuberei, die regelmäßig an der Grenze zum ökologischen Fehlschluss wandelt und die in diesem Fall die Grenze weit überschritten hat, so dass gilt: Gestern noch standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter.

Wenn man den Effekt von etwas auf Demokratie untersuchen will, dann muss man zuerst Demokratie operationalisieren. Für Wyndow, Li und Mattes ist Demokratie ein Regierungssystem, das freie und faire Wahlen zulässt, das die exekutive Gewalt beschränkt und ein allgemeines Wahlrecht vorsieht. Dies also ist die Definition von Demokratie, die die Autoren vorschlagen und verwenden wollen, und wir können nur hoffen, dass es auch die Definition ist, die im Polity IV Datensatz verwendet wird, um die derzeit 167 Länder zu klassifizieren, die im Datensatz vorhanden sind, denn diesen Datensatz benutzen Wyndow, Li und Mattes für ihre Berechnungen.

polity IVDie Berechnungen basieren also auf der Einschätzung der Leute vom Polity IV-Datensatz, die jährlich untersuchen, ob die von ihnen berücksichtigten Staaten alle unabhängigen Staaten mit mehr als 500.000 Einwohnern) demokratisch sind oder nicht, und somit auf einem Aggregatdatum auf der Ebene von Staaten. Diesem Datum gesellen die Autoren weitere Informationen hinzu: den Anteil der Mädchen, die eine Schule besuchen. die Fertilitätsrate und den Anteil der Frauen, die erwerbstätig sind. Abermals handelt es sich also um Aggregatdaten. Die entsprechenden Angaben liegen für den Zeitraum 1980 bis 2005 vor und werden nunmehr von den Autoren mit einem statistischen Programm bearbeitet.

Dabei zeigt ein Vergleich der Jahre 1980 und 2005 und über alle im Datensatz vorhandenen Staaten, dass von 1980 bis 2005 über alle politischen Systeme, seien sie zu beiden Zeitpunkten als demokratisch eingeordnet worden, seien sie 1980 nicht, aber 2005 als demokratisch gezählt worden oder seien sie zu beiden Zeitpunkten nicht als demokratisch betrachtet worden, ein Anstieg des durchschnittlichen Anteils von Mädchen zu verzeichnen ist, die eine Schule besuchen, dass die durchschnittliche Fertilität pro Frau (also die durchschnittliche Anzahl der Kinder) zurückgeht und dass der Anteil der Frauen, die erwerbstätig sind, steigt.

Und dieses Ergebnis verbiegen die Autoren nun nach Herzenslust, in dem sie es nach einer Reihe wenig neue Informationen erbringender so genannter Robustness-Tests zum Indiz dafür stilisieren, dass “women empowerment” die treibende Kraft hinter der Demokratisierung ist – und das obwohl das wie oben beschrieben operationalisierte “empowerment” über alle Regierungsformen und das heißt: weitgehend unabhängig von ihnen, größer geworden ist.

Um zu dieser Interpretation zu kommen, muss man zunächst vergessen, dass man Korrelationen gemessen hat, deren Richtung, deren Kausalität man nicht bestimmen kann. Den Autoren gelingt dies offensichtlich problemlos und in einem einzigen Satz: “This study has demonstrated that improvements in female empowerment were strongly associated with democratic development during this period” (42). Hier wird also eine Korrelation beschrieben, eine entwicklungsfähige, wie der nächste Satz zeigt: “Specifically, increases in female education and female labor force participation had a positive and causal [!] effect on movement toward democracy” (42). Potzblitz – da versuchen Sozialforscher seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten, das Problem von Korrelation und Kausalität zu lösen und Wyndow, Li und Mattes machen das in einem Satz. Einfach so, in dem das Problem als nicht existent gesetzt wird. Kausalität ist demnach die Beziehung, die mir in den Kram passt: Women Empowerment bringt Demokratie hervor und nicht etwa Demokratie schafft die Voraussetzungen für Women Empowerment.

Damit ist aber nur ein Problem angesprochen. Die Daten sind Aggregatdaten und sagen entsprechend nichts über individuelles Verhalten aus. Entsprechend ist zu klären, durch welche Veränderungen auf der individuellen Ebene den bösen Autokraten, sagen wie Idi Amin, durch eine gewählte Regierung des Volkes ersetzt wurde. Anders gefragt: Wie kommt man vom Anteil der Mädchen, die eine Schule besuchen, vom Anteil der Frauen, die erwerbstätig sind und von der Fertilitätsrate zur Vertreibung von Idi Amin?

So:

Nuts in Bedlam“One of the main outcomes from educating girls is to delay marriage as women seek alternative pathways outside the home in the form of further education or employment. With increased education girls are exposed to democratic values such as equality, freedom, and tolerance. However, the ability to challenge political institutions may not take full effect until they leave school and reach voting age. Through work and other informal networks women are then able to develop and practice the necessary cognitive and communication skills that enable them to agitate for political change. With two incomes parents have surplus income to invest back into their families, thus building the human capital of the next generation. Moreover, families where both parents are educated are more likely to educate their sons and daughters, again building the human capital of the next generation and expanding support for democracy. (45)

Das ist der größte Unsinn und die phantastischste Verbalisierung, mit der ein ökologischer Fehlschluss verhindert werden soll, die uns bislang untergekommen ist. Also Männer, ihr Statisten dieser Erde, damit ihr es wisst: Ohne die UN, die 1975 die UN-Decade for Women ausgerufen hat und ohne die Peking Deklaration gäbe es keine Demokratie in eurem Land. Nicht demokratische Länder wären immer noch eben dies und demokratische Länder wären wieder nicht demokratisch, schon weil nicht zu erklären ist, wie sie überhaupt und ohne women empowerment demokratisch sein konnten. Erst mit dem Women Empowerment ist die Demokratie über uns gekommen, vermutlich wurde auch die Demokratie in Peking auf der Weltfrauenkonferenz erfunden. Was in jedem Fall erfunden worden ist, ist eine neue Geschichtsschreibung und diese neue Geschichtsschreibung, die man auch als Geschichtsfälschung bezeichnen könnte, die soll nun mit allen Mitteln durchgesetzt werden, Wyndow, Li und Mattes zeigen wie.

Nachtrag

Die Prämisse, nach der Frauen irgendwie so wählen, dass ein System, in dem sie schon wählen dürfen, (noch) demokratischer wird als es ohnehin schon ist, ist gelinde gesagt überaus problematisch. Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen? Und was ist überhaupt die (politische) Theorie hinter diesem Schmarrn? Dass Männer Faschismus hervorbringen und Frauen (nur) Demokratie? Na, dann ist das offensichtlich empirisch falsch, wie die Geschichte zeigt, weil z.B. in der frühen britischen Demokratie Frauen gar nicht wählen durften und ein guter Teil der Wähler der NSDAP weiblich war. Aber das Problem mit der britischen Demokratie wird von den Autoren einfach gelöst: Da kein allgemeines Wahlrecht bestand, gilt z.B. das viktorianische Britannien nicht als Demokratie. So einfach macht man das. Nur: Was ist mit den Wählerinnen der NSDAP?

Wyndow, Paula, Li, Jianghong & Mattes, Eugen (2013). Female Empowerment as a Core Driver of Democratic Development: A Dynamic Panel Model from 1980 to 2005. World Development 51: 34-54.

PS.

Dynamic Panel Model klingt beeindruckend, aber da Panel-Data sich dadurch auszeichnet, einen Zeitverlauf abzubilden, ist der Zusatz von “Dynamic” unnötig und reine Effektheischerei, denn: Zeitverlaufsdaten die statisch sind und nicht dynamisch, wurden bislang noch nicht entdeckt.

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