Die Talpredigt aus Berlin

Wir haben das DIW vergessen!

Gestern, als wir uns überlegt haben, was wir tun würden, wären wir König von Deutschland, gestern haben wir das WZB geschlossen. Und wir haben das DIW vergessen. Man kann gar nicht so viel König sein, wie man pseudo-wissenschaftliche Schwatzbuden schließen will…

In Erinnerung gebracht hat sich das DIW bei uns mit einer Predigt. Gehalten hat sie der Laienpastor Stefan Bach. Mit seiner Predigt macht er deutlich, warum es vielleicht keine gute Idee ist, wissenschaftliche Mitarbeiter aus der Abteilung “Staat” unbeaufsichtigt zu Wort kommen zu lassen.

Man mus den Anfang des kurzen Beitrags von Bach, der keinerlei empirische Grundlage hat, im Kontext des gesamten Beitrags würdigen, eines Beitrags, in dem von Steuerhinterziehern als Tätern die Rede ist und in dem für eine härtere Bestrafung von Steuerhinterziehern geworben wird, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft schädigen:

Stefan Bach
Gefunden unter: “Menschen am DIW”

“Deutschlands Eliten sind nervös. Seit die Steueroasen in der Nachbarschaft trocken gelegt werden und der Fiskus sich nicht zu fein ist, in Kopfgeldjägermanier Konteninformationen aufzukaufen, müssen Zehntausende um ihre Entdeckung fürchten. Die Selbstanzeige vermeidet zwar die Bestrafung. Dafür zerstört die moralische Entrüstung Karrieren, bürgerliche Existenzen und öffentliche Ansehen. Prominente werden in den Medien an den Pranger gestellt.

Es gab selbst in Deutschland einmal eine Zeit, da wäre ein solcher vor Boshaftigkeit und Häme triefender Text nicht möglich gewesen. Da hätte sich derjenige, der sich zu dieser üblen Persiflage auf die Einleitung zum Kommunistischen Manifest hinreißen ließ, geschämt. Aber Scham ist ein Gefühl, das man in Deutschland 2014 vergeblich sucht, und mit der Scham ist der Anstand gewichen, und zwar einer mit Wissenschaft unvereinbaren Staatsdienlichkeit, einer Anbiederung an den Staat, die nicht einmal Heinrich Mann, der Autor des Untertan für möglich gehalten hat.

Und auf welcher Grundlage diese Form der Anbiederung wächst, zeigt sich, wenn Stefan Bach, der Laienprediger aus Berlin, vom “Breitensport der besseren Stände” schreibt, die “ihr Geld vor dem Fiskus verbergen”. Aber nun werden sie ja in “Kopfgeldjägermanier” gejagt, nicht ganz so, wie die Demonstranten aus der Ukraine, aber dennoch von “ihrem Staat”, der “die moralischen Standards” verschärft hat.

im_here_to_helpOffensichtlich ist das Denken von Stefan Bach in der Ständegesellschaft des Mittelalters stehen geblieben, und offensichtlich stellt das DIW mittlerweile Personen ein, die nicht einmal durch das erste Semester in Sozialstrukturanalyse gekommen sind und von der sozialen Struktur der Gesellschaft, deren Bürger zu belehren sie sich anschicken, keine Ahnung haben, sonst wüsste er, dass es seit der Industrialisierung keine Ständegesellschaft mehr gibt. Und kann man trotz aller Ahnungslosigkeit über die Sozialstruktur Deutschlands so dumm oder ideologisch verblendet sein, dass man den Widerspruch zwischen den Bürgern, die “ihr Geld vor dem Fiskus verbergen” und seiner Prämisse, dass ein Staat ein quasi natürliches Anrecht auf das Geld seiner Bürger habe, es entsprechend kein Eigentum als individuelles Verfügungsrecht geben kann, nicht bemerkt? Wie verquer muss man eigentlich denken, wenn man den Staat zu einem kollektiven Akteur in eigenem Recht macht, der eigene Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg trifft. Wie religiös besessen muss man sein?

Der Staat ist ebenso wenig existent wie Gott, Herr Bach. Der Staat ist eine Denkfigur. Es gibt ihn nicht. Es gibt Individuen, die sich der Figur des Staates bedienen, um ihre Interessen durchzusetzen. Und dann gibt es Gläubige, die entweder aus Schadenfreude oder aus Neid bereit sind, diejenigen, die sich als Staat gebähren, gewähren zu lassen, jedenfalls so lange sie in Kopfjägermanier andere verfolgen.

Oder wie es in der Talpredigt heißt:

“Niemand ist bekanntlich ohne Schuld. … In der Bibel heißt es: Im Himmel ist mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte. Das bedeutet für die Sünder konkret: Alles beichten, Demut und Reue zeigen, Buße tun und Besserung geloben. Dann kann verziehen werden, und die öffentliche Hysterie hat ein Ende”.

Logik f dummiesWenden wir die Logik von Herrn Bach einmal auf ihn selbst an und fragen: Was ist erst mit den Selbstgerechten dieser Welt, die aus vermeintlich wissenschaftlichen Anstalten heraus anderen den richtigen Weg zum Heil predigen? Wenn wir einen Beitrag wie den von Stefan Bach lesen, einen Beitrag aus einer wissenschaftlichen Institution, die aus Steuergeldern finanziert wird, dann können wir nur sagen: Uns sind 99 Steuervermeider lieber als ein opportunistischer Staatsanbiederer, der sich in vorauseilendem Gehorsam anschickt, seine wissenschaftliche Illiteralität über die Welt zu ergießen. “Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte”, hat Max Liebermann gesagt, als er die Nazis dabei beobachtet hat, wie sie 1933 die Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler mit einem Triumpfmarsch durch das Brandenburger Tor gefeiert haben. Wir können uns Max Liebermann 81 Jahre später nur anschließen.

Am schlimmsten ist es jedoch, wenn Prediger wie Stefan Bach, die wohl eher einem Bernhard von Clairveaux nacheifern wollen, wenn sie zum Kreuzzug, im Fall von Stefan Bach zu einer härteren Bestrafung von Steuervermeidern aufrufen, als dass sie die Botschaft z.B. der Bergpredigt (wie war das noch einmal mit der Nächstenliebe) verstanden hätten, am schlimmsten ist es, wenn derartige Laienprediger von Moral schwadronnieren und feststellen:

“Sicher ist es ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass Klüngel, Korruption, Durchstecherei, Plagiate, Sexismus, Mobbing oder (Steuer-)Betrug nicht mehr toleriert werden. Die Skandalisierung der Medienöffentlichkeit schreckt die Täter ab und stabilisert den sozialen Zusammenhalt. Denn Schadenfreude ist die schönste Freude, besonders wenn sie den Mächtigen gilt.”

Die Passage zeigt, dass Stefan Bach seinen Katechismus der politischen Korrektheit gut auswendig gelernt hat. Sie zeigt aber auch, dass moralische Reife nicht durch das Herbeten von Begriffen erreicht werden kann. Moralische Reife, die sich z.B. auch in Anstand niederschlägt, ist das Ergebnis von Charakter-Arbeit, wie dies u.a. Kant beschrieben hat. Wer sagt, “Ich bin aber gegen Sexismus”, der zeigt damit die Reife eines dreijährigen Kindes, das sich nicht einmal traut, zu hinterfragen, was ihm vorgegeben wird.

Was entsprechende Kinder in der Wissenschaft zu suchen haben, deren Aufgabe darin besteht, Vorgegebenes zu hinterfragen, ist eine Frage, auf die wir derzeit keine Antwort haben. Aber natürlich sich Anbiederungskünstler für Staaten sehr nützlich, denn sie treiben einen Keil durch die Gesellschaft. Ganz im Gegenteil zu dem, was sie behaupten, von wegen sozialem Zusammenhalt.

Wie stabilisiert man einen sozialen Zusammenhalt, wenn man Kopfjagd auf Steuervermeider macht? Wie stabilisiert man sozialen Zusammenhalt, wenn man Begriffe wie Sexismus oder Mobbing einsetzt, um bestimmte Verhaltensweisen zu brandmarken und Diskussionen zu ersticken, Begriffe, die sich abermals eignen, um große Teile der Bevölkerung auszugrenzen?

headhunterDerartiger Unsinn kommt dabei heraus, wenn sich Prediger in die Wissenschaft einschleichen und dort ihr Unwesen treiben. Anstatt darauf hinzweisen, dass die Forschung, die zeigt, dass Steueroasen den Staaten, aus denen die meisten Steuervermeider stammen, einen wirtschaftlichen Nutzen bringen, stetig zunimmt, fordern die Prediger: “Steueroasen auszutrocknen” (Einen guten Einstieg bieten die Arbeiten von Desai et al.). Anstatt darauf hinzuweisen, dass es für Angestellte der Verwaltung, die sich im Dienste ihres imaginierten Staates als Diebe und Hehler verdingen, kaum möglich ist, eine moralische Überlegenheit über Diebe und Hehler einzuklagen, befürworten Prediger die Kopfjagd, und anstatt zu fragen, was los ist, wenn Menschen ihr Geld lieber vor der doch so großartigen “Gemeinschaft” in Sicherheit bringen, predigen sie die Schadenfreude über deren öffentliche Hinrichtung.

Wer wissen will, warum die Sozialwissenschaft in Deutschland immer weniger eine Wissenschaft und immer mehr eine Anstalt ist, in der sich Opportunisten nach oben dienen wollen, der muss nur den Beitrag von Stefan Bach im DIW-Wochenbericht lesen.

Wir leben in erstaunlichen Zeiten. Die Steuerzahler finanzieren Institutionen wie das DIW, an denen Laienprediger offenbar mit dem Segen der Leitung des DIW den Bürgern, die sie finanzieren, sagen, wie sie sich zu verhalten haben und eher die Seite derer ergreifen, sie sich als Staatsmacht gerieren, als dass sie sich an ihre eigentliche Aufgabe erinneren. Die eigentliche Aufgabe von steuerfinanzierten wissenschaftlichen Institutionen wie dem DIW besteht darin, zunächst wissenschaftliche Erkenntnis zu produzieren und diese Erkenntnis dann einzusetzen, um die Akteure auf der Basis der empirischen Erkenntnisse zu kontrollieren und wenn nötig zu kritisieren, die von sich behaupten, für den Staat (und damit für die Bürger) zu arbeiten.

Literatur

Desai, Mihir, Foley, C. Fritz & Hines, James R., 2006: Do Tax Havens Divert Economic Activity? Economics Letters 90: 219-224.

Desai, Mihir A., Foley, C. Fritz & Hines, James R., 2005: The Demand for Tax Havens. Journal of Public Economics 90 (3): 513-531.

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