Schon die Nähe von McDonalds macht fett – oder etwa nicht?

Wer sagt, Menschen seinen Lebewesen, die mit einem freien Willen ausgestattet sind – Lebewesen, die für sich entscheiden könnten, was gut und was nicht gut für sie ist?

cartoon cavemenEinmal ehrlich, so ein freier Wille ist doch wirklich hinderlich. Er erschwert jegliche Intervention, macht die Legitimation für jede angeblich Präventions-Maßnahme hinfällig. Was machen all die Jugendgerichtshelfer, wenn die Straftat von Maik P. gar nicht durch die Gesellschaft, die Umstände, die Situation, die Peers, den trinkenden Vater oder sonstige missliche Umstände verursacht ist, sondern durch den Entschluss von Maik P., eine Eisenstange zu nehmen und das Gesicht eines Unbeteiligten damit zu traktieren (reale Straftat aus Freiberg in Sachsen)?

Was machten nur all die Sozialarbeiter, die versuchen, Schulschwänzer dazu zu überreden, zur Schule zu gehen, wenn sie einräumen müssten, dass die entsprechenden Jugendlichen der Schule nicht aus systemischen Gründen fernbleiben, sondern weil sie sich dazu entschlossen haben, nicht zur Schule zu gehen?

Und zu guter Letzt, wie wäre es um das Auskommen all derer bestellt, die sich tagein tagaus um das Wohl ihrer Mitmenschen sorgen, darum, dass Letztere nicht rauchen, nicht (zu viel) trinken, sich nicht kugelrund essen, Sport machen, vor allem Sport, damit sie nicht zur Couch Potato verkommen? Was hätten diese emsigen Arbeiter im Dienste am Wohl des Nächsten und (nebenbei natürlich) im Dienste des eigenen Unterhalts den lieben langen Tag zu tun, wenn sie zugestehen müssten, dass derjenige, der raucht, raucht, weil er rauchen will, der, der trinkt, trinkt, weil er trinken will und der der ißt, ißt, weil es ihm schmeckt?

Nicht auszudenken.

Und weil es nicht auszudenken ist, welche Folgen ein freier Wille für die Hilfeindustrie hätte, deshalb gehen wir davon aus, dass Menschen, zumindest alle diejenigen, denen von der Hilfeindustrie geholfen werden soll, unbewusste, tumbe, Trieb gesteuerte und auf jeglichen Reiz reagierende Zellhaufen sind, die man in die richtige Richtung dirigieren muss.

Wenn wir die Kuh des freien Willens vom Eis haben, dann können wir nach Lust und Laune über Menschen forschen, ohne dass wir sie als Menschen zur Kenntnis nehmen müssen, so wie dies z.B. Thomas Burgoine, Nita G. Forouhi, Simon J. Griffin, Nicholas J. Wareham und Pablo Monsivais gerade getan haben. Die fünf Forscher von der Universität Cambridge in England und vom dortigen Centre for Dietary and Activity Research haben sich gefragt, was Menschen dick macht, fett, um genau zu sein, oder adipös, wie es in vornehm heißt.

Adipöse Menschen sind eines der derzeitigen Lieblings-Forschungsobjekte der wissenschaftlichen Helfer der Hilfeindustrie, derjenigen also, die die vermeintliche wissenschaftliche Grundlage liefern, auf die die Hilfeindustrie dann ihre Forderungen gründet und von der aus sie nach Mitteln des Steuerzahlers, nach Geld für ihre eigenen Hilfsaktionen ruft.

Medical paternalismBurgoine und seine vier Mitforscher haben 5.594 Erwachsene im Alter von 29 bis 62 Jahren, die alle in Cambridgeshire leben, nach ihren Essgewohnheiten befragt, ihren Body-Mass-Index berechnet und dann haben die fünf Forscher ihren Befragten die Anzahl von Fast-Food-Restaurants zugespielt, die sich im Umkreis von 100 bis 500 Metern von ihrer Wohnung/ihrem Haus und ihrem Arbeitsplatz befinden. Zudem haben sie untersucht, wie viele Fast-Food-Restaurants sich auf dem Weg zwischen Wohnung/Haus und Arbeitsplatz befinden und dann haben die Forscher die Essgewohnheiten den Body-Mass-Index und die Anzahl der Fast-Food-Restaurants miteinander in Verbindung gebracht (korreliert).

Ergebnis: Zusammenhang!

[Methodischer Einschub; Die Zuordnung von Wohnung/Haus, Arbeitsort und Fast-Food Restaurants (genau: take away food outlets) ist über das britische Postleitzahlensystem recht einfach, da sich innerhalb derselben Postleitzahl nur wenige, in der Regel nicht mehr als 15 Einheiten befinden.]

  • Je mehr Fast-Food Restaurants sich in der Nähe von Wohnung/Haus, Arbeitsplatz oder Strecke zwischen Wohnung/Haus und Arbeitsplatz befinden, desto häufiger haben die Befragten angegeben, Fast-Food zu essen. Der Zusammenhang gilt vor allem für den Arbeitsplatz.
  • Allerdings sind die Zusammenhänge eher gering und addieren sich über eine Woche auf eine halbe Packung McDonald French Fries. Anders formuliert: der signifikante Zusammenhang zwischen der Anzahl von Fast-Food Restaurants in der Umgebung von Wohnung/Haus, Arbeitsplatz oder auf dem Weg zur Arbeit, summiert sich auf genau 39,9 Gramm pro Woche. Würde man alle Fast Food Läden in der Umgebung von Wohnung/Haus und Arbeitsplatz der Befragten abreißen, man würden ihnen pro Woche 39,9 Gramm Fast Food ersparen.
  • Zum Glück gibt es noch den Body-Mass-Index, der zeigt, dass: “[i]ndeed associations were generally stronger with body mass index and odds of obesity than with diet in this study …” (4)

Das alles ist recht dürftig, aber wenn es um die Gesundheit anderer Menschen geht, dann sind 39,9g Fast Food weniger pro Woche ja schon ein Anfang. Seltsam nur, dass die Autoren nicht in der Lage sind, substantielle Effekte zwischen der Anzahl von Fast Food Restaurants und den Essgewohnheiten ihrer Befragten zu finden. Seltsam auch, dass ihnen das nicht zu denken gegeben hat, schon, weil ja die Standardfrage, die sich jeder Sozialwissenschaftler angesichts einer Korrelation stellt, lautet: Was ist hier kausal für was? Body Mass Index für den Besuch von Fast Food Restaurants oder der Besuch von Fast Food Restaurants für den Body Mass Index?

Diese Frage leitet über zu einem anderen Dilemma der Sozialforschung, vor allem der Sozialforschung, die mit Aggregatdaten zu tun hat. Wenn ein Zusammenhang auf Aggregatebene besteht, dann bedeutet dies nicht, dass sich Menschen auch entsprechend verhalten. Wenn ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Fast Food Läden und dem Body Mass Index besteht, wie ihn die Autoren finden, dann heißt dies nicht, dass Erstere Letzteren in die Höhe treiben. Es gibt ja schließlich noch ganz andere Möglichkeiten, fett zu werden, vom Bier über den Rotwein, von der Schokolade über die Chips bis hin zur Pasta, die in Mengen genommen, auch der Figur nicht gut bekommen soll. Das wissen die Forscher um Thomas Bourgoine, jedenfalls kann man ihren Hinweis auf Softdrinks (Seite 4) so lesen.

Der Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) weiß es nicht. Für ihn sind die Ergebnisse von Bourgoine et al. ein willkommener Anlass, um zu fordern. Was? Geld, Maßnahmen, Eingreifen natürlich:

darwin-great“Der DDG-Geschäftsführer sieht deshalb politischen Handlungsbedarf. „Niemand kann ernsthaft fordern, Fast-Food-Läden zu verbieten“, stellt Garlichs klar. Aber die Politik ist aufgerufen, die Entscheidung für eine gesunde Kost einfacher und attraktiver zu machen. „Wir können beispielsweise durch eine Zucker-Fett-Steuer auf besonders kalorienhaltige Lebensmittel dafür sorgen, dass gesunde Ernährung günstiger ist als etwa Pommes frites“ [oder Spaghetti], so Garlichs. „Ein Mineralwasser sollte günstiger sein als ein Softdrink.“ Darüber hinaus sei eine klare Lebensmittelkennzeichnung sowie die Angabe der Kalorienmengen in Restaurants wichtig.

Und da sind wir wieder beim freien Willen, den Leute wie Dietrich Garlichs ihren Mitmenschen schlicht absprechen, und wir sind bei der daraus sich ergebenden Notwendigkeit von Gutmenschen wie Garlichs, die Bevormundung und Entmündigung der nicht frei Bewillten zu fordern und mit dieser Forderung gleichzeitig die eigene Existenz zu legitimieren. Und weil wir schon dabei sind, bauen wir an dem, was Heike Diefenbach die Schaffung eines sozialen Problems (durch Sozialforscher) genannt hat. Ein solches soziales Problem hat, ist es erst einmal geschaffen, viele Vorteile:

  • Es erlaubt ein erkleckliches Auskommen für all diejenigen, die es bekämpfen wollen.
  • Die Bekämpfung des so geschaffenen sozialen Problems ist positiv konnotiert, d.h. man kann sich noch gut dabei fühlen, wenn man Dritte entmündig und sich auf ihre Kosten Status und Prestige und Einkommen verschafft.

Und mal ehrlich: Wozu ist die Unterschicht, wozu sind die Fetten schon gut, wenn nicht dazu, wohlmeinenden und vermeintlich Bessergestellten ein Auskommen zu verschaffen. Dass man sie ob ihrer Zweckmäßigkeit entmündigen und zu Zellhaufen ohne eigenen Willen erniedrigen muss und ihnen jegliche Verantwortung für das eigene Leben absprechen muss – who cares, sicher nicht die Wissenschaftler, die wie Bourgine et al. die entsprechende Munition für die Hilfeindustrie liefern.

Burgoine, Thomas, Forouhi, Nita G., Griffin, Simon J., Wareham, Nicholas J. & Monsivais, Pablo (2014). Associations Between Exposure and Takeaway Food Outlets, Takeaway Food Consumption, and Body Weight in Cambridgeshire, UK: Population Based, Cross Sectional Study. 

 

 

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2 Responses to Schon die Nähe von McDonalds macht fett – oder etwa nicht?

  1. Torsten Q says:

    Von alledem abgesehen: das Übergewicht krank macht, ist mittlerweile ganz gut widerlegt. Insofern wären auch alle Maßnahmen wie z.B. eine “Zucker-Fett-Steuer” für den Wanst.

    • SH001 says:

      Da ich diese Aussage so allgemein für ziemlich unglaubwürdig halte.
      Gibt es zu dieser Behauptung irgendwelche Links?

      Aber unabhängig davon wäre eine Kaloriensteuer ziemlich sinnfrei,
      da sie lediglich auf Basis der Energiedichte von 100g eines Lebensmittels erhoben werden würde, was in keinem Zusamenhang zu einer ominösen gesunden Ernährung oder Übergewicht steht.
      Denn im Endeffekt ist nur das Saldo der Täglich aufgenommenen und verbrauchten Kalorien ausschlaggebend, nicht jedoch die Art der Lebensmittel durch die man sich diese Kalorien zuführt.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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