Frauen sind nicht weniger politisch interessiert, nur anders …

Das Rektorat “Kommunikation und Fundraising” der Universität Mannheim hat eine Presseinformation veröffentlicht, eine Presseinformation über eine preisgekrönte Publikation. Das kling sehr gut. Preisgekrönt wurde eine Publikation, an der Sebastian Adrian Popa, vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung beteiligt war, das klingt auch noch gut. Die ausgezeichnete Publikation trägt den Titel “Theorizing Sex Differences in Political Knowledge: Insights from a Twin Study”, das klingt schon weniger gut. Und verliehen hat den Preis die “Senatskommission Gleichstellung der Univeristät Mannheim”, das klingt eher nach einem Geschenk der Danaer als nach Preis (timeo danaos et dona ferentes).

Universitaet MannheimAber wir wollen vorurteilsfrei und außerdem ohne (Geschlechts-)Stereotype an die Sache herangehen, auch wenn dies angesichts dessen, was Eva Martha Eckkrammer, Prorektorin für Infrastruktur, Chancengleichheit und wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Mannheim von sich gibt, schwierig ist:

„Noch immer bestehen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und anderen sozialen Gruppen. Eine wissenschaftliche Erforschung dieser Ungleichheiten schafft die Grundlage für deren langfristigen Ausgleich.“

Frauen, die Zeit, in der ihr ein Monopol auf Frauenparkplätze hattet, ist vorbei. Und Männer: Euer Monopol auf Prostata-Krebs wackelt: Maria Martha Eckkrammer will Euch ausgeglichen sehen.

Aber wir wollten ganz unbelastet von unseren vergangenen Erfahrungen mit Frauengleichstellern an die Sache herangehen. Nun denn:

Frauen, das zeigen mittlerweile eine Vielzahl von Untersuchungen, deren Autoren der Ansicht waren, es sei relevant, haben geringere politische Kenntnisse als Männer. Sie wissen seltener, (1) wer die letzte Instanz ist, um darüber zu entscheiden, ob ein Gesetz verfasungskonform ist oder nicht, können seltener angeben, wer (2) das Recht hat, die Richter des Bundesverfassungsgerichts zu nominieren, wissen seltener, (3) welche Partei konservativer ist, SPD oder CDU oder welche (4) Hauptaufgaben der Deutsche Bundestag zu erfüllen hat als Männer. Fragen wie die vier genannten, werden regelmäßig genutzt, um politische Kenntnisse abzufragen. Entsprechende Fragen bilden auch den Ausgangspunkt der preisgekrönten Publikation, an der Popa beteiligt war.

Die drei Autoren (inklusive Popa) untersuchen anhand von Zwillingsstudien, wo die Gründe dafür zu suchen sind, dass Frauen auf so wichtigen Gebieten, wie politischen Kenntnissen, hinter Männern zurückbleiben, dass auf dem Feld der politischen Kenntnisse also eine dieser unsäglichen Ungleichheiten, die gleichgestellt werden müssen, besteht. Und sie suchen die Gründe in den Genen. Warum auch nicht:

Now what“Aus der Grundannahme gleicher Umweltfaktoren für beide Geschlechter schlossen die Wissenschaftler, dass über das soziale Geschlecht hinausgehende Faktoren ausschlaggebend sind. Denn: „Frauen wissen nicht weniger, sie wissen anderes als Männer“, erklärt Sebastian Popa. Die Wissenschaftler argumentieren, dass die Tests zur Messung des politischen Wissens zu stark auf Fakten abzielen. „Bislang fragen solche Tests vor allem wettbewerbs-, macht- und hierarchieorientierte Wissensbestände ab“, so Popa. Wer hat welches Ministeramt inne? Und wie viele gibt es überhaupt? Darauf hätten Frauen weniger oft eine Antwort als Männer. Als Konsequenz fordern die Autoren eine Anpassung der Tests zur Erhebung politischen Wissens. So sollten die Fragenkataloge um die für Frauen relevanten Aspekte von Politik erweitert werden. Diese Aspekte seien, so Popa, mehr zusammenhangs- und beziehungsorientierte Themen wie Lokalpolitik sowie familienbezogene Politik und Leistungen. Popa zeigt sich zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass so nachgewiesen werden kann, dass Frauen und Männer in gleicher Weise politisch interessiert sind.“

Da! Das ist des Rätsels Lösung, auch für alle Probleme im Bereich der Mathematik. Mathematik ist faktenorientiert, fragt nach dem Ergebnis von 17/4 oder so krummen Dingen wie der Lösung für a = 2bx + c. Deshalb bleiben Frauen hinter Männern zurück. Entsprechend ändern wir einfach den Gegenstand in Mathematik, machen mehr die für “Frauen relevanten Aspekte von Mathematik” zum Gegenstand, also z.B. familienbezogene Aspekte von Mathematik, etwa: Pro Kind gibt es 500 Euro Kindergeld im Monat. Wie lange dauert es und wie viele Kinder muss Eva Martha Eckkrammer in die Welt setzen, ehe der Gehaltsunterschied zwischen ihr und ihrem Mann, der 2.200 Euro im Monat mit Arbeit verdient, ausgeglichen oder gleichgestellt ist (MitgliederInnen der ScienceFiles-Redaktion haben zudem den Vorschlag gemacht, mathematische Skalen zur Beantwortung der Frage: “Wie geil ist mein Mathematiklehrer?” als frauenspezifische Frage zum Gegenstand zu machen. Der entsprechende Vorschlag muss jedoch noch auf seine Gleichstellungsrelevanz und gentechnische Eignung abgeklopft werden.)

Aber, wir wollten ja offen und gleichstellungsfreundlich sein.

Deshalb haben wir uns die ausgezeichnete Publikation, die von Rebecca J. Hannagan, Northern Illinois University, Levente Littvay, Central European University und Sebastian Adrian Popa, Central European University and University of Mannheim erstellt wurde, genauer betrachtet. Die Publikation basiert auf 1.349 Zwillingspaaren, die aus dem Minnesota Twin Pair Register gezogen wurden. Den Zwillingspaaren wurden fünf Fragen, mit denen ihre politischen Kenntnisse getestet wurden, vorgelegt. Die Fragen entsprechen weitgehend den Fragen, die wir oben zusammengestellt haben, übertragen auf die USA, so dass Gegenstand z.B. nicht das Bundesverfassungsgericht, sondern der Supreme Court ist bzw. nicht der Bundestag, sondern der U.S. Congress. Zwischen 6,5% und 13,2% der männlichen Befragten geben auf die fünf Fragen falsche Antworten, zwischen 12,7% und 29,5% der weiblichen Befragten liegen mit ihren Antworten falsch.

Diese Unterschiede bilden die abhängige Variable “politische Kenntnisse”, die in eine ACE Analyse geworfen wird. Eine ACE Analyse macht nichts anderes als die Varianz über die abhängige Variable in drei Teile, die zur Verwirrung der Betrachter als latente Variablen bezeichnet werden, zu zerlegen und diese drei nunmehr als latente Variablen benannten Teile als Common (A), Environmental (C) und Unique (E) Environmental Effekt zu bennen. Das ganze Rechenwerk basiert zudem auf Annahmen über Unterschiede zwischen normalen Zwillingespaaren und z.B. eineiigen Zwillingen, die die Autoren, so kann man ihrem Beitrag entnehmen, auch nicht genau kennen, weshalb sie den Leser auf andere verweisen, die es vermutlich auch nicht besser wissen. Jedenfalls steht am Ende der ACE-Analyse ein Ergebnis, das Zahlen ausweist, die man nunmehr heftig interpretieren kann, immer mit dem Wissen, dass das, was interpretiert wird, die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Befragten und im Hinblick auf die fünf Fragen zu politischen Kenntnissen sind.

Structural_ACE_modelUnd siehe da, dabei zeigt sich, dass “the environment is not the sole source driving the differences (also die rund 16% mehr falschen Antworten der weiblichen Befragten), but rather that the differences stem from variation driven by heritable factors (das E der ACE Analyse). Kurz: Wenn Frauen weniger richtige Antworten auf Fragen z.B. danach geben, wie der deutsche Bundespräsident gewählt wird, dann liegt das daran, dass sie anders genetisch veranlagt sind und mit solchen Fragen nach Fakten nichts anfangen können, nicht etwa daran, dass sie weniger Interesse für Politik insgesamt haben. Das darf nämlich nicht sein. Frauen haben auch im Hinblick auf “politisches Interesse” und “politische Kenntnisse” Männern gleichgestellt zu sein, und wenn wir dafür einen Stuss (eine andere Qualifikation für dieses Forschungsergebnis fällt uns leider nicht ein) berechnen und argumentieren müssen, der sich gewaschen hat, wichtig ist, wie Popa sagt, dass “nachgewiesen werden kann, dass Frauen und Männer in gleicher Weise politisch interessiert sind” (Und was man vorne herein tut, kommt natürlich hinten heraus, man muss es nur entsprechend interpretieren).

Warum sollte man das übrigens nachweisen wollen? Welcher Klon ist eigentlich der Phänotyp, der – von der Mannheimer Senatskommission “Gleichstellung” preisgekrönten – angeblichen Wissenschaftlern wie Popa vorschwebt? Wie auch immer man die Fragen beantwortet, eines ist sicher: Nie haben vermeintliche Forscher heftiger daran gearbeitet, Männer und Frauen voneinander zu entfremden, wie heute und nie war Forschung, preisgekrönte Forschung, dümmer (wenn auch politisch korrekter) als heute.

Nachtrag:
Wir haben oben behauptet, dass die drei Zwillingsforscher keine Ahnung haben, was bei einer ACE Analyse passiert. Hier ist der Beleg:

To decompose the variance in political knowledge we use a structural equation ACE model. Due to space restrictions, we offer only a brief summary of the model. For a more extensive discussion please see Medland and Hatemi (2009).

Derartige Floskeln schreibt man, wenn man wirklich keine Ahnung hat.

Hannagan, Rebecca J., Littvay, Levente & Popa, Sebastian Adrian (2014). Theorizing Sex Differences in Political Knowledge: Insights Form a Twin Study. Politics & Gender 10(1): 89-114.

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17 Responses to Frauen sind nicht weniger politisch interessiert, nur anders …

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  2. karstenmende says:

    Deswegen wird auch massiv daran gearbeitet, dass das, was man unter Politik zu verstehen hat, aus Richtung des vermeintlich weiblichen Blickwinkels betrachtet wird. Wenn diese Verschiebung der Betrachtung vollkommen ist, wird man in neuen Studien “beweisen”, dass Männer sich nicht für “Politik” interessieren.
    Schon heute werden aufmerksame Beobachter des politischen Geschehens als “Politikverdrossene” verunglimpft, nur weil sie den pseudopolitischen Kindergarten anders bewerten, als etwa ein gewisser Samuel Salzborn (wer auch immer das ist).

    http://karstenmende.wordpress.com/2014/09/16/paradigmenwechsel-was-firmiert-unter-dem-stichwort-politik/

  3. Dr. Fritz Baur says:

    Eine der schönsten und zugleich irrsinnigsten Aussagen der preisgekrönten Publikation lautet: „Frauen wissen nicht weniger, sie wissen anderes als Männer“, so der Mitautor Sebastian Popa. Aha.

    Genauso dämlich und ohne jeden Sinngehalt kann man behaupten: “Der Arme hat nicht weniger, er hat nur anderes als der Reiche”, und schon sind alle zufriedengestellt, die ganze Armutsdiskussion löst sich in Luft auf! Oder: “Der Dumme hat nicht weniger Verstand als der Kluge, er hat nur einen anderen Verstand.” Oder: “Ein Scheinwissenschaftler wie Sebastian Popa betreibt keine Scharlatanerie, sondern nur eine andersartige Wissenschaft.”

    Die Moral von der Geschicht: Quantitative Gesichtspunkte können ebenso wie qualitative nur untereinander, nicht miteinander in Vergleich gesetzt werden.

    Herzliche Grüße,
    Dr. Fritz Baur

  4. Meier, Hans (Kempten) says:

    Mein Hauptproblem mit vielen derartigen Studien ist ein dreifaches:

    1. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt und beliebig. Wären die prozentualen Ergebnisse dieselben, hätte man ANDERE Männer und Frauen in derselben Anzahl befragt? Woher weiß man, dass diese Prozentzahlen verallgemeinert werden können?

    2. Wie kommen die auf die Idee, dass de Probanden ehrlich antworten? besehe ich mir die fragen, komme ich zu em Ergebns, dass ich mich vera…t fühlen würde, auf solch banal-dämliche Fragen antworten zu müsen.Spätestens nach der dritten ritte mich der Schalk und ich antwortete dadaistisch. Nun weiß ich von Studienproduzenten, dass diese von ihnen als “irrational” gewertete Antworten nicht in die Analye mit einbeziehen. Das heißt: Sie weichen vor dem Interessantesten zurück und entwerten ihre Untersuchung durch Beschränkung auf das, was ihrem kleinen Geist entspricht.

    3. Wer gibt sich überhaupt für solche Untersuchungen her? Wer hat die Zeit dafür? Und wer den nötigen Grad an Dummheit, um fragenkonform antworten zu können? Und eine solche NEGATVE AUSWAHL soll repräsentativ sein?

    Hätte ich die Zeit, ich würde klagen wegen Beleidigung, denn es ist ehrenrührig, als jemand betrachtet zu werden, der mit solchem Schwachsinn miterfasst können werden soll.

  5. karstenmende says:

    Hat dies auf Die Kehrseite rebloggt und kommentierte:
    Das kommt dabei heraus, wenn staatsfeministische “Forscher” und “Qualitäts”-Medien von der Obsession getrieben werden, Gestalten wie “Conchita Wurst” als politische Leitfiguren verkaufen zu müssen.

  6. markus says:

    Deutschland hat auch nicht MEHR Tore geschossen als Brasilien, nur ANDERE ! Aggressiv, hierarchisch mehr ins Netz, Brasilien mehr mit- als gegeneinander ueber die Seitenlinien ! Ich bin sicher feministische SportWiSSenschaft”:+lER werden das bald geraderuecken !

  7. rjb says:

    Ich bin jetzt etwas verwirrt. Selbst wenn diese Studie an sich korrekt wäre (was mir allerdings eher unwahrscheinlich vorkommt), ist das Resultat doch gerade nicht, daß, wie vom Autor offenbar wörtlich behauptet, “nachgewiesen werden kann, dass Frauen und Männer in gleicher Weise politisch interessiert sind”. Sie sind meinetwegen gleich stark interessiert (wie auch immer man die Stärke eines Interesses subjektsübergreifend mißt), aber die Weise des Interesses würde sich doch gerade unterscheiden. Bin ich hier der deutschen Sprache nicht mächtig, oder der Herr Popa?

    • Uranus says:

      Es kommt mir so vor, als hätten Sie hier eine zirkelschlüssige Endlosschleife entdeckt, in die der Herr Popa hineingeflutscht ist, ohne es zu merken und aus der er nun nicht mehr herauskommt.

  8. Danach sollte die Frage: Welcher Politiker hat mehr Sexappeal?, künftig zum Standard politischer Wissensfragen gehören. Jedenfalls ist sie für die Mehrzahl der Frauen, die ich kenne, relevant. Der Kanzler mit dem höchsten Sexappeal war demnach Helmut Schmidt. Merkel besitzt hingegen den Mauerblümchenbonus, sie kommt als Konkurrenz beim Pärchen-wechsel-dich-Spiel nicht in Frage und hat deshalb den Status einer guten Freundin.

    • karstenmende says:

      Es ist schon eine Weile her,
      Da freute sich einWowi-Bär:
      “Ich bin jetzt Häuptling von Berlin.”
      da klatschte die Berlinerin:
      “Oh, Wowi-Bär, du bist so toll,
      da läuft mir gleich mein Höschen voll!”
      Doch Wowi-Bär, wer hätt’s gedacht,
      sich gar nichts aus den Frauen macht.

  9. Enrico says:

    Hallo Herr Klein,

    “Frauen, die Zeit, in der ihr ein Monopol auf Frauenparkplätze hattet, ist vorbei. Und Männer: Euer Monopol auf Prostata-Krebs wackelt: Maria Martha Eckkrammer will Euch ausgeglichen sehen.”

    You just made my day 🙂

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