“Au weia, Herr Professor” – Noch ein Opfer des Idiotentests

Wissenschaftler, so die Sage, sind der Welt entrückte Personen, die die körperliche Hygiene zu Gunsten dessen, was sie wissen wollen, zurückstellen. Man kennt sie als verhutzelte Männleins, die hinter einem Tisch stehen, auf dem wiederum die unterschiedlichsten Apparaturen mit dampfenden Flüssigkeiten in allen möglichen Farben angeordnet sind. Und ab und zu verpufft etwas und stellt den Kontakt zwischen Wissenschaftler und Welt her. Das sind Naturwissenschaftler.

mad professorSozialwissenschafter leben in einem verbalen Elfenbeinturm, in dem sie sich hinter ihren sprachlichen Konstruktionen verschanzen und nur wenig bis gar nichts aus der Außenwelt an sich heranlassen. Ihre Abgeschiedenheit bezahlen sie damit, dass sie wenig bis nichts mitbekommen, von Entwicklungen in dem, was andere als soziale Netzwerke bezeichnen, nichts wissen, schon weil sie nicht wissen, was soziale Netzwerke sind. Und wenn sich zuweilen einer von ihnen ans Licht der Welt traut, um seine tiefen Erkenntnisse zu einem aktuellen Thema mitzuteilen, dann gibt es regelmäßig ein Fiasko.

Wie zum Beispiel bei Prof. Dr. Alexander Dilger.

Prof. Dr Alexander Dilger ist Professor und Direktor am Institut für Organisationsökonomik der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster und ab und an schreibt er für die Freie Welt oder auf seinem eigenen blog.

Das hätte er dieses Mal besser gelassen.

Denn er schreibt über den Darwin-Award.

Er schreibt über die angebliche Studie, die im British Medical Journal veröffentlicht wurde. Die Studie, die bislang als Idiotentest für Journalisten knapp 20.000 Lesern bekannt ist, denn die Studie ist ein Fake, ein Witz, den sich Wissenschaftler erlaubt haben, denen die Geschlechterbesessenheit moderner Gesellschaften, das zwanghafte Auszählen nach Männlein und Weiblein massiv auf die Nerven geht.

Kaum jemand weiß nicht, dass diese angebliche Studie ein Witz ist. Journalisten, die darauf hereingefallen sind, geben vor, von einer Studie, die belegen soll, dass Männer Idioten sind, nichts zu wissen, nie davon gehört zu haben. Die Studie hat mittlerweile den Status einer heißen Kartoffel, die niemand mehr anfassen mag.

Niemand? Nein, nicht niemand. Prof. Dr. Alexander Dilger hat sich mutig der Kartoffel angenommen und sich gehörig die Hände verbrannt.

Nachdem er seine Leser über den Darwin Award, jenen Zögling von Studenten aus Berkeley und Stanford informiert hat, den er bis vor kurzem vermutlich selbst nicht kannte, schreibt er folgendes:

“Dabei stellt sich heraus, dass viel mehr Männer als Frauen diesen Preis gewinnen. Die angebotene Erklärung über die ‘male idiot theory (MIT)’, wonach Männer Idioten sind, finde ich jedoch nicht so richtig überzeugend. Ableiten lässt sich hingegen, dass Idioten überwiegend Männer sind.”

Die phänomenale Male Idiot Theory von McPherson

Die phänomenale Male Idiot Theory von McPherson

Man kann sich die tiefe Falte auf der professoralen Stirn richtig vorstellen, während das dahinter liegende Gehirn prozessiert, dass die Kartoons von James McPherson, von dem die angebliche Male Idiot Theory stammt, “nicht so richtig überzeugend” sind. Und dem professoralen Zweifel folgt der konstruktive Teil: Man könne ableiten, dass Idioten überwiegend Männer sind.

roflHa! – kann man da nur sagen und nachdem man sich die Tränen aus den Augen gewischt hat feststellen, dass um diese Ableitung zu treffen, eine Vollerhebung aller Idioten notwendig wäre, was es erforderlich machen würde, ein Kriterium für “Idiot” aufzustellen, also z.B. zu sagen, dass Idioten alle diejenigen sind, die es nicht merken, wenn sie veralbert werden – oder so.

Aber damit nicht genug. Unser Professor sucht tatsächlich eine Erklärung für das Ergebnis einer Auszählung, die britische Wissenschaftler aus Spass und auf Grundlage einer willkürlichen und nicht ganz ernst gemeinten Zusammenstellung von Personen, die es geschafft haben, sich auf mehr oder weniger dämliche Weise selbst aus dem Genpool zu entfernen, vorgenommen haben:

Rofl2Dafür gibt es jedoch eine plausiblere Erklärung, nämlich die ungleiche Intelligenzverteilung von Frauen und Männern bei gleicher Durchschnittsintelligenz (siehe die zweite Abbildung in diesem Artikel, den zuerst Herr Vorländer in der Diskussion zu ‘Starre Frauenquote kommt’ verlinkte). Demnach gibt es unter den Männern mehr Idioten, aber auch mehr Höchstbegabte und Genies.”

Das begründet unser Professor mit einer evolutionären Theorie, die selbst die Kartoons von James McPherson in den Schatten stellt: Frauen können nur eine relativ kleine Anzahl von Kindern bekommen, deshalb sind sie geistig im Mittelfeld angesiedelt, Männer können fast beliebig viele Kinder oder gar keine zeugen, deshalb sind sie entweder Deppen oder Genies.

Wenn Sie demnächst im Supermarkt einen desorientierten Menschen dabei beobachten, dass er evolutionäre Gründe für das geschlechtsspezifische Einkaufsverhalten von verdummenden Frauenzeitschriften anführt – melden Sie ihn bei uns, damit wir ihn in seinen Elfenbeinturm zurückverfrachten und ihm jeglichen Kontakt mit der Außenwelt abschneiden können.

Print Friendly, PDF & Email

About Michael Klein
... concerned with and about science

17 Responses to “Au weia, Herr Professor” – Noch ein Opfer des Idiotentests

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] “Au weia Herr Professor” – Noch ein Opfer des Idiotentests | netzlesen.de

  2. Michaela says:

    Geschieht il professore ganz recht – zu gern behandelt er Mitdiskutanten und/oder Parteimitglieder von oben herab 😉

  3. Habs eben gesehen und ignoriert, Netz ist ja voll davon. Ein Professor sogar? Intelligenzverteilung? Genetisch vielleicht?
    Also, ein Professor, der so öffentlich den Sarrazin macht, sollte drei Dutzend auf den Nackten kriegen, auch öffentlich, auf dem Campus.

    Carsten

    “Viele Leute bekommen ihr eigenes Leben nicht in den Griff, fühlen sich aber für das Schicksal der Menschheit verantwortlich.”
    Rezension zu: Kenneth Minogue, Die demokratische Sklavenmentalität

  4. only_me says:

    Zur Intelligenzverteilung schreibt der eher vorsichtig formulierte Wikipedia Artikel:
    “The differences in average IQ between men and women are small in magnitude and inconsistent in direction, although the variability of male scores has been found to be greater than that of females, resulting in more males than females in the top and bottom of the IQ distribution.”
    http://en.wikipedia.org/wiki/Sex_differences_in_intelligence

    Das Diagramm, auf das Dilger verweist, ist eine akkurate Darstellung davon:
    http://i.imgur.com/qbxNInO.gif

    Mit anderen Worten: Es stimmt, dass es mehr Männer weit links auf der Kurve gibt als Frauen, was man unter der naheliegenden Annahme, dass “Idiot” ein brauchbares Synonym für “Nicht intelligent” ist, mit guter Berechtigung ausdrücken kann als “Ein Idiot ist mit höherer Wahrscheinlichkeit männlich als weiblich, um so mehr, je vollidiotischer er ist.”
    Das ist genau so richtig wie: “Ein Mensch von sehr großer Körpergröße ist mit höherer Wahrscheinlichkeit männlich als weiblich, um so mehr, je größer er ist.”

    Mit noch anderen Worten: Dilger hat recht und ihr macht euch hier darüber lustig, dass er die Lage korrekt wiedergibt.

    Was für ein Eigentor.

    • Oh dear, das können Sie nicht ernst meinen oder?
      Einmal davon abgesehen, dass der Herr Dilger die Male Idiot Theory ernst nimmt, die es nachweislich nicht gibt und behauptet, IQ habe etwas mit Fertilität zu tun, sind Sie nun der Ansicht, dass er Recht hat, weil er die hinlänglich bekannte Tatsache, dass es mehr männliche als weibliche Genies gibt und weniger weibliche Demente als männliche Demente als Erklärung dafür anführt, dass im Darwin Award, der mit nichts davon etwas zu tun hat, mehr Männer als Frauen erfasst wurden.
      BTW ist Idiot ganz links oder ganz links bis Mitte links, oder ganz links bis kurz vor einer Standardabweichung von der Mitte? Weil, je weiter wir mit den Idioten nach rechts rücken, desto mehr Frauen kommen ins Spiel… Und wer weiß schon, ob man beim Darwin Award nur welche findet, die ganz links sind, vielleicht bewahrt ein durchschnittlicher IQ gar nicht davor, sich idiotisch zu verhalten, ein Idiot zu sein?

      In jedem Fall ist dieser Kommentar zuviel für einen Tag. Ich kapituliere und kann Ihnen nur zustimmen, dass – im übertragenen Sinn – unter männlichen Kommentatoren die Gefahr weit links in der IQ-Verteilung angesiedelt zu sein, hoch ist.

      Viel Spass beim Fussball – Der Ball ist übrigens rund, wie schon Sepp Herberger gesagt hat – ich hoffe, wir finden zumindest darüber ein Einvernehmen.

    • … jaja, das ist alles klar und nun wirklich keine Neuigkeit! Mir scheint, Sie haben nicht verstanden, was es ist, das wir lächerlich finden, aber Michael Klein hat das in seiner Antwort auf Ihren Kommentar, so denke ich, schon hinreichend klar gemacht.

  5. Kann es nicht auch so sein, dass der Prof. Dilger ein ganz besonderes Gscheithaferl ist und sich in Satire versucht hatte? Wobei dann die Satire nicht satirisch, sondern ein Reinlegen war. Demnach wäre der Prof. Dilger ein schadenfroher Reinleger und kein Satiriker.

  6. Markus says:

    Die Tatsache, dass es mehr strunzdumme und mehr höchstkluge Männer als Frauen gibt ist aber viel viel wichtiger, als sie hier verkauft wird:
    Dadurch nämlich verschiebt sich die Ratio zwischen Männlein und Weiblein extrem. Im letzten Perzentil steht sie bei 7:1! Nehmen wir mal 100 Millionen Deutschsprechende an (weil das so schön einfach ist), dann sind das immerhin 1 Millionen Menschen, die extrem intelligent sind (also z.B. das Zeug zum Professor haben), unter ihnen befinden sich aber nur etwas mehr als 100.000 Frauen, der Rest sind Männer. Das heisst aber, wenn nur jede 7. Professur mit Frauen besetzt ist, dann gab es offensichtlich ein gerechtes und streng personenindifferentes Auswahlsystem – und eben: NUR DANN !! Was machen wir jetzt mit den armen Trotteln, die der Artikel so hämisch (nicht) vorführt ?

  7. Fiete says:

    @ only_me:
    Ein recht bekanntes Problem bei der Interpretation z.B. Gaussscher Glockenkurven u.ä. Spezialdiagramme ( welche ich mir, als Ex-Hilfsarbeiter natürlich nicht korrekt handhaben zu können anmaßen würde ) ist ja, daß selbst viele sog. “Fachleute” sie einigermaßen brauchbar zu interpretieren nicht in der Lage sind und v.dh. im Zweifel totalen Unfug hineindeuteln.
    Man findet dieses Phänomen übrigens in deutlich konzentrierter Form in psychologischen Gutachten u.ä., wo dann industriell vorgefertigte “Erkenntnisse” verwendet werden ( bspw. zum MMPI2 ), die schlichtweg hanebüchen und auf hiesige heutige Verhältnisse unübertragbar sind, um ergebnisorientierte Zielforschung per “Beleg” ( hüstel ) zu scheinrechtfertigen.
    Gerade solche “Experten” entblöden sich i.d.R. auch nicht, selbst den einfachsten gesunden Menschenverstand ( “Commen sense” ) diametral zu negieren und dabei einfach so zu tun, als ob sie ein schlaues Gesicht machen, weil das plus Titel zieht immer. Im extremen Notfall wird hinterher einfach nach Bedarf das Gegenteil als vorher schon gegeben unterstellt.

    Wenn ich mir die anderen Kommentare zu dem Thema so anschaue, könnte bei Prof.Dr. Dilger durchaus ein ähnliches Muster greifen.

Translate »
error: Content is protected !!
Skip to toolbar