Wie spricht man, ohne Sprache zu benutzen? Eine Expertise der Antidiskriminierungsstelle

Nachdem wir gestern eine eMail an unseren Bekannten, Dr. Alexander Sopp bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) geschrieben haben, haben wir die Gelegenheit genutzt, um uns auf der Seite der ADS etwas umzusehen, und zwar unter “Themen und Forschung”.

ADSDie ADS hat also nicht nur Themen, sie hat auch Forschung, vermutlich zu Themen. Unter dem, was die ADS so als Forschung feilbietet, findet sich eine als Expertise bezeichnete Publikation mit dem Titel “Mehrdimensionale Diskriminierung – Begriffe, Theorien und juristische Analyse“.

Die drei Autorinnen des Beitrags, Susanne Baer, Melanie Bittner und Anna Lena Göttsche bringen es tatsächlich fertig, rund 70 Seiten über eine Trivialität zu schreiben, die in der wirklichen sozialwissenschaftlichen Forschung in der Regel in wenigen Sätzen abgehandelt wird oder als Kreuztabelle dargestellt wird.

crosstableDie Trivialität kann man umgangssprachlich wie folgt fassen: als Junge zur Schule zu gehen, ist derzeit schlecht, als Junge aus der Arbeiterschicht zur Schule zu gehen, erhöht die Diskriminierungsmöglichkeiten der Lehrer und sonstigen um das vermeintliche Wohl des Arbeiterjungen Besorgten, und wenn man als Junge aus einer Arbeiterfamilie, die einen Migrationshintergrund hat, zur Schule geht, dann ist man der Arsch.

Wie gesagt, rund 70 Seiten brauchen Baer, Bittner und Göttsche, um diesen Sachverhalt zu beschreiben und dass sie so lange brauchen, liegt vor allem daran, dass sie mit Problemen der Sprache kämpfen, die sich daraus ergeben, dass sie so reflexiv sind, dass sie vor lauter Reflexivität nicht zum Denken kommen.

Ein Beispiel für die zirkuläre selbstreferentielle Reflexivität der drei Autorinnen findet sich z.B. unter Punkt 2.2.2 der vermeintlichen Expertise und ist mit “Interdependenzen” überschrieben.

Interdependenzen sind eine andere Bezeichnung dessen, was im Titel der angeblichen Expertise noch “mehrdimensional” genannt wurde. Interdependenzen sind etwas, das zwischenzeitlich zur Intersektionalität geworden war und nun zur Interdependenz erklärt wird, die Tatsache nämlich, dass man nicht nur Mann, sondern auch Fussballspieler oder katholischer Priester sein kann. Wer hätte es gedacht?

Diese Komplexität der Welt, die die Autorinnen gerade erst entdeckt zu haben scheinen, stellt sie jedoch vor Probleme, denn: wenn man “Schwuler” zu einem Schwulen sagt, dann schafft man damit die Kategorie “Schwuler” und damit das Potential zur Diskriminierung von Schwulen.

mutedDas ist ein schwerwiegendes sprachliches Problem für angebliche Gutmenschen, die sich gegen Diskriminierung aussprechen wollen, es aber nicht können, denn wenn sie sagen: Frauen sind benachteiligt, dann schaffen sie eine Kategorisierung, nämlich Frauen und ermöglichen damit erst deren Diskriminierung. Wie man sieht, findet für Baer, Bittner und Göttsche Diskriminierung einen rein sprachlichen Niederschlag oder sie sind der Überzeugung, dass das (Sprach-)Bewusstsein das Sein prägt, d.h. dass das Wort Fleisch geworden ist.

Und offensichtlich sind die interdependenten Ablehner der Kategorisierung einer Intersektionalität, die als “Straßenkreuzung” oder “Achse” gedacht wird, überzeugte Anhänger dessen, was man als spelling into existence, die Schaffung von Materie durch das Wort beschreiben könnte.

Gratapux, können wir da nur sagen und warten, was sich nun in der Wirklichkeit einstellt.

Wie aber löst man dieses grundlegende Problem, dass Sprache nun einmal aus Worten besteht und dass immer dann, wenn man diese Worte benutzt, man etwas sagt?

Gar nicht so einfach, denn die Aufgabe geht hart an die Grenze des menschlichen Verstandes und steht in Gefahr, die Schwelle zum Wahnsinn zu überschreiten.

Die Lösung besteht dann entsprechend darin, sich um den Verstand zu schwätzen:

Kostproben aus der angeblichen Expertise für die die Antidiskriminierungsstelle viel Geld ausgegeben hat:

“Mit dem Begriff Interdependenzen werden folglich nicht mehr wechselseitige Interaktionen zwischen Kategorien gefasst, vielmehr werden soziale Kategorien selbst als interdependent konzeptualisiert. In der Konsequenz bedeutet dieser Vorschlag, dass auch die Kategorien Klasse, Ethnizität oder Sexualität als interdependente Kategorien gedacht werden müssen. (20)“

Interdependenz bezeichnet eine wechselseitige Abhängigkeit. Übersetzt man den zitierten Unsinn ins Deutsche, dann steht hier: soziale Kategorien sind mit sich selbst oder von sich selbst abhängig, was in der Konsequenz bedeutet, dass soziale Kategorien als von sich selbst abhängig gedacht werden müssen. Diesen Unsinn verdanken wir Walgenbach und anderen.

Wenn es um Unsinn geht, dann darf das Hornscheidt nicht fehlen:

speech therapy„Die Annahme von Kategorien ist in Theoretisierungen zu Interdependenzen und Intersektionalität die unhinterfragte Grundlage der Untersuchung ihrer Komplexität und Bedingtheit. Daher soll in diesem Beitrag ergänzend und in Kritik an bisherigen Ansätzen die Ebene der Kategorie genauer betrachtet werden. (20)“

Die Übersetzung dieses Unsinns: Weil Kategorien die Grundlage ihrer eigenen Untersuchung sind, wobei Kategorien komplex und von irgend etwas bedingt sind, deshalb wird in diesem Beitrag die Kategorie (und nicht etwa die Kategorien) betrachtet.

Noch Fragen?
Irgend welche Ärzte unter den Lesern?

Einer geht noch:

gibberish new“Aus einer perspektivisch-pragmatischen linguistischen Sicht […] sind Kategorien durch sprachliche Benennungspraktiken getragene und hergestellte Kategorisierungen, die so stark konventionalisiert sind, dass sie den Anschein der Vorgängigkeit und Natürlichkeit besitzen können – aus der prozesshaften Kategorisierung wird so im Sprachgebrauch und im Denken eine zumindest temporär feststehende und der sprachlichen Benennung vorgängige Kategorie.“ Fn: Hornscheidt (2007), 67. (20)”.

Kategorien sind als Kategorien in der Sprache so heimisch, dass sie von allen, die die Sprache sprechen, genutzt werden, ganz so, als wären diese Kategorien, also z.B. Tier, Gebäude, Zirkus, Irrenanstalt usw., fester Bestandteil der Sprache.

Apropos Irrenanstalt: Die Antidiskriminierungsstelle hat für diese vermeintliche Expertise eine Menge Geld bezahlt. Wieviel Geld für diesen Unsinn tatsächlich bezahlt wurde, ist nicht klar, aber bestimmt gibt die Antidiskriminierungsstelle Interessierten gerne Auskunft über die Höhe und den Zweck ihrer Verschwendung von Steuergeldern.

Wer eine entsprechende Anfrage startet, möge uns bitte das Ergebnis mitteilen!

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10 Responses to Wie spricht man, ohne Sprache zu benutzen? Eine Expertise der Antidiskriminierungsstelle

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Wie spricht man, ohne Sprache zu benutzen? Eine Expertise der Antidiskriminierungsstelle | netzlesen.de

  2. Zum Expertisen(un)wesen der Antidiskriminierungsstelle muss man Folgendes wissen:

    Die Stelle legt Themen samt bei der Bearbeitung zu behandelnder Punkte fest und schreibt dann Leute an, die aufgefordert werden, sich um die Bearbeitung derselben zu bewerben. Bei der Bewerbung muss man auch die ungefähren Kosten für die Expertise veranschlagen, und ich vermute, dass aus den Bewerbern dann diejenigen ausgesucht werden, die am billigsten sind.

    Sachdienlich sind sie alle, sonst hätten sie sich nicht beworben, denn wer als Wissenschaftler etwas auf sich hält, bewirbt sich natürlich nicht um das Verfassen eines Textes mit vorgegebenen Inhalten, die für die Stelle “von besonderem Interesse” sind, wie es in einem Anschreiben hieß. dass ich selbst einmal von der Stelle erhalten habe, damit ich mich um eine Expertise bewerbe.

    Normalerweise verfasst ein Wissenschaftler Texte, die die zu einem Thema relevanten Theorien und empirischen Befunde zum Gegenstand haben, und versucht sie dann, in einer Fachzeitschrift, in einem Sammelband oder im Selbstverlag zu publizieren, oder er geht all den damit verbundenen Faxen aus dem Weg und veröffentlicht seine wissenschaftlichen Text in researchgate oder academia.edu oder nutzt ähnliche Internet-Veröffentlichungsmöglichkeiten, was seine Texte einer viel größeren Öffentlichkeit zugänglich macht, wovon er wiederum profitiert, wenn der Text dann von vielen rezipiert und diskutiert wird.

    Jemand, der sich um eine Expertise mit vorgegebenen Inhalten bewerben muss, oder als williger Ideologe so bekannt ist, dass er gleich direkt, also ohne den Bewerbungsritus, beauftragt wird, disqualifiziert sich damit selbst.

  3. alphachamber says:

    Der Mensch denkt durch seine Sprache und die ist damit auch das Medium zur Vernunft. Dieses zwangshafte “herumhantieren” mit der Sprache, um gegen unerwünschte (oder wohl verhasste) kulturelle Institutionen anzukämpfen, zeigt schon seine Wirkung in der nachlassenden Fähigkeit der Bürger zum konzeptuellen Denken. Diskussionen, mit rationalen Argumenten auf den Axiomen der Identität (A=A), werden immer seltener.

    Der Linguist Edward Sapir (1884-1939) schrieb: „Menschen leben nicht nur in der ‘objektiven Welt’, oder einer Welt der sozialen Aktivitäten, wie es üblicherweise verstanden wird, sondern sie sind ihrer bestimmten Sprache ausgeliefert, als Mittel des Ausdrucks ihrer Gesellschaft“.
    Da sitzen wir in einer schönen Sch….

    Dr. Diefenbach: Sie schreiben es. Leider: “ehren”-amtliche Blockwarte und Gesinnungsprostitution fanden sich hier stets besonders zahlreich.
    Alles Gute für der/die/das Neue Jahr 🙂

  4. Markus Kausch says:

    Ich habe alle drei Textzitate aneinandergehängt und mit dem
    „BlaBlaMeter“ (http://www.blablameter.de/index.php)
    auf ihren sog. Bullshit-Gehalt untersucht.

    Ergebnis:
    „Bullshit-Index: 0.52
    Ihr Text signalisiert deutlich: Sie wollen etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken. Es wirkt unwahrscheinlich, dass damit auch eine klare Aussage verbunden ist – und wenn ja: wer soll das verstehen?“

    Wenn man nur die beiden Hornscheidt-Zitate testet, ergibt sich folgendes Bild:
    „Bullshit-Index: 0.6
    Sie müssen PR-Profi, Politiker, Unternehmensberater oder Universitätsprofessor sein! Sollten Sie eine echte Botschaft transportieren wollen, so erscheint es fraglich, ob diese Ihre Leser auch erreicht.“

    Eine beeindruckende Analyse, finde ich.

    • nils says:

      Ich hatte fast erwartet, dass der Index auch bei Absätzen aus dem Rest des obigen Textes deutlich ausschlägt, komme aber mit keiner der von Diefenbach/Klein verfassten Textstellen auf mehr als 0.29 (“erste Hinweise auf ‘Bullshit’-Deutsch”). Vielleicht sollte man diese Prüfung öfter durchführen, bevor man sinnlos Zeit in solche Texte steckt.

  5. Pingback: Das große I mitten im Wort (2) | Basedow1764's Weblog

  6. Pingback: Einsichten in Genderforschung: “Da tun sich Abgründe auf” | ScienceFiles; Kritische Wissenschaft - Critical Science

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