Bauchreden im Dienst der Politik: Das rhetorische Mittel der Prosopopöie
von Dr. habil. Heike Diefenbach
Die Personifizierung von Nicht-Personen ist eine der verbreitetsten Arten bildlicher Sprache und eines der verbreitetsten rhetorischen Mittel im Dienst der Überredung. Sie ist allgegenwärtig und altbekannt und man könnte deshalb meinen, das sei der sprichwörtliche alte Hut, mit dem man niemanden (mehr) beeindrucken könne.
Wenn z.B. jemand sagt: „Am Ende hat der Krebs sie besiegt“, dann wissen wir, dass es keine Person oder Wesenheit namens „Krebs“ gibt, die Kämpfe mit Menschen austrägt. Oder wenn jemand sagt: „Mein Computer hat seinen Geist aufgegeben“, dann wissen wir, dass der Computer nicht irgendeiner geistigen Tätigkeit infolge von Tod verlustig gegangen ist bzw. nicht gestorben ist, sondern eines der Bauteile (oder mehrere) des Computers schadhaft ist.

Insofern scheint die Personifizierung lediglich ein rhetorisches Mittel zu sein, um Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, die das Ergebnis einer Reihe komplexer Zusammenhänge sind, die wir nicht oder nur teilweise verstehen. Sie erlaubt es uns, eine von uns letztlich unverstandene Erfahrung kurz und knapp benennbar und mitteilbar und außerdem psychologisch handhabbar zu machen. Wir stellen fest, dass der Krebs jemanden besiegt hat oder dass der Computer seinen Geist aufgegeben hat, und wissen: der Mensch ist „an Krebs“ gestorben, und der Computer funktioniert nicht mehr. Und gewöhnlich genügt uns dieses Wissen.
Aber wie ist das z.B. mit „Die Inflation frisst die Profite auf“? Oder mit „Die soziale Ungleichheit hat während der letzten Jahre zugenommen“? Offensichtlich handelt es sich auch bei diesen Beispielen um die Verwendung von Worten im übertragenen Sinn oder genauer: um Personifizierungen. Theoretische Konzepte so dargestellt, als würden sie Aktivitäten von Lebewesen aufweisen: die Inflation frisst, die Ungleichheit nimmt zu (und wird am Ende „übergewichtig“, wenn man nicht aufpasst …). Und natürlich wissen wir, dass weder die Inflation noch die Ungleichheit real existieren, geschweige denn: Lebewesen sind.
Aber bei diesen Beispielen ist es schwieriger als bei den oben genannten (mit Bezug auf Krebs und Computer), zu benennen, welche Information genau wir durch diese personifizierenden Formulierungen erhalten, und zwar deshalb, weil es sich bei „Inflation“ und „sozialer Ungleichheit“ um keine Objekte handelt, die wir direkt erfahren oder mit denen wir umgehen können. Der Computer steht vor mir und funktioniert, oder er funktioniert nicht. Mein Krebs bereitet mir heute große Schmerzen, oder vielleicht weniger. Aber die Inflation oder die soziale Ungleichheit?! Kann ich sie oder den Zustand, in dem sie gerade ist, direkt wahrnehmen?
Oder sagen wir es so: Wenn wir kein Wort für und kein Konzept von „Krebs“ hätten, würden Menschen trotzdem an unkontrolliertem Zellwachstum sterben können. Das ist eine biologische Tatsache, ob wir nun ein Wort dafür haben oder nicht. Und was den Computer betrifft, so funktioniert er oder nicht, egal, ob wir sagen, er habe seinen Geist aufgegeben, oder ob wir z.B. sagen, dass der mechanische Zugriff auf die Festplatte nicht mehr möglich ist, oder gar nichts sagen und die Tatsache wortlos hinnehmen, dass heute die Arbeit am Computer ausfällt.
Aber wie erfahren wir „Inflation“ oder „soziale Ungleichheit“ als Tatsachen? Sind es überhaupt Tatsachen? In welcher Weise „existieren“ „Inflation“ oder „soziale Ungleichheit“, wenn mit ihnen keine physischen Objekte in Verbindung stehen?
Sie „existieren“ zunächst lediglich als Konzepte in der Vorstellung von (einigen) Menschen, werden von dort aus in Standards, Verhältnisse oder Regeln übertragen, die dann ihrerseits in die Erfahrung real existierender anderer Menschen eingeführt werden. Sie erfahren keine „Inflation“, aber bemerken, dass sie höhere Preise für Waren bezahlen müssen bzw. weniger für ihr Geld kaufen können. Sie erfahren keine „soziale Ungleichheit“, aber werden am Arbeitsplatz nicht befördert, weil ihnen jemand mit einem anderen Geschlecht oder jemand mit anderer Hautfarbe vorgezogen wird, um „soziale Ungleichheit“ abzubauen. Auf diese Weise werden Konstrukte, die nicht existieren, in die Erfahrung existierender Lebewesen eingebracht und erhalten dort eine Art von „Existenz“. Nennen wir sie eine abgeleitete im Gegensatz zu einer eigenständigen Existenz, denn ohne die Erfahrung, dass man für sein Geld weniger kaufen kann, die ihrerseits eine Folge bestimmter finanzpolitischer Entscheidungen ist, gibt es keine „Inflation“.
Der Trick der Politik besteht nun darin, auf der Basis von (immer neuen oder vergessenen alten) Konzepten (immer neue oder veränderte) Standards, Maße, Regeln zu erschaffen, die ihrerseits dazu verwendet werden können, dauerhaft – vorzugsweise, aber nicht nur: soziale – Probleme zu kreieren, die dann von der Politik „gelöst“ werden können. Aber halt!: „die Politik“ hat auch keine eigene Existenz, ist kein Lebewesen, keine Person; welchen Sinn hat es dann, von „der Politik“ zu sprechen?
Die Politik hat denselben Status wie die Inflation: auf der Basis von Konstrukten und Ideen, u.a. von der Idee, dass die Interessen einer Person, wenn nicht vollumfänglich, so doch in wichtigen Hinsichten, von einer anderen Person, angemessen vertreten werden würden (oder nur: könnten), wurden Normen, Regeln und soziale Rollen geschaffen, die ihrerseits so wenig Existenz haben wie die Ideen und Konzepte selbst, aber dadurch abgeleitete Existenz erhalten, indem real existierende Menschen ihr real existierendes Handeln an ihnen ausrichten, was wiederum reale Folgen in der Erfahrung anderer realer Menschen hat.
Und so kommt es, dass es „Bundeskanzler“ gibt und „politische Vertreter“ und „Sachverständige“ und „Bürger“, und als solche wirken sie durch ihr Handeln aufeinander ein und schaffen Realität auf der Basis bloßer Fiktion.
Menschliche Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie soziale Realität auf der Basis von Fiktionen schaffen. Wir alle nehmen soziale Rollen ein, handeln in verschiedenen Rollen auf verschiedene Weise und erwarten von anderen, dass sie in ihren sozialen Rollen auf vorhersehbare Weise handeln. Wir alle beteiligen uns daran, soziale Realität zu schaffen. Wir wissen also sehr gut, „was gespielt wird“.
Und doch neigen wir dazu, Personifizierungen von Konzepten für die, sagen wir: reale oder direkte, Realität zu halten, besonders solche Personifizierungen, die als Aggregate von Lebewesen aufgefasst werden können. Dabei ist es egal, ob diese Lebewesen nicht mehr existent sind („unsere Vorfahren…“), noch nicht existent sind („die kommenden Generationen“) oder sonstwie abwesend oder einfach erfunden sind, oder als Einzelne zwar tatsächlich existieren (sagen wir: Sie und ich), aber gar nicht in ihrer realen Existenz angesprochen, sondern bloß als Elemente eines konstruierten Aggregats wie z.B. dem der Frauen, der Wähler, dem der Rentner oder dem der Deutschen.
Der Bezug auf solche konstruierten Aggregate ist ein rhetorisches Standardmittel in d er politischen bzw. lobbyistischen Rede und seit der Antike unter der Bezeichnung „Prosopopoeia“ – bzw. eingedeutscht, nach dem Duden: Prosopopöie – bekannt.
Der Duden setzt „Prosopopöie” ohne weitere Erläuterung mit „Personifizierung” gleich, aber die beiden Begriffe sind nicht synonym, denn unter „Prosopopöie“ wird einerseits eine spezielle Art der Personifizierung, andererseits eine Art Herbeirufung abwesender Personen verstanden. Dementsprechend wird in „Oxford reference” „Prosopopoeia” definiert als:
“[t]he Greek rhetorical term for a trope consisting either of the personification of some non-human being or idea, or of the representation of an imaginary, dead, or absent person as alive and capable of speech and hearing, as in an apostrophe”.
Ins Deutsche übersetzt heißt das etwa:
„der griechische rhetorische Begriff für ein Tropus [eine Sprachfigur], die entweder aus der Personifizierung eines nicht-menschlichen Wesens oder einer Idee besteht, oder aus der Darstellung einer imaginären, toten oder abwesenden Person als lebendig und des Sprechens und Hörens fähig, wie in einem in Hochkommata gesetzten Zitat“.
Die Prosopopoeia kann also treffend als rhetorisches Bauchreden („Rhetorical Ventriloquism“; Mayfield 2019) bezeichnet werden, bei dem jemand für Andere spricht, und zwar für solche Anderen,
- die selbst nicht sprechen können, weil es sie nicht mehr gibt oder sie abwesend sind,
- weil es sie noch nicht gibt oder weil sie erfundene Personen sind oder – im Zusammenhang damit –
- die zu Aggregaten zusammengefasst werden.
In jeder Variante ist die Prosopoeia eine Form des „Jemand-Anderem-Etwas-In-den-Mund-Legens“.
Während sie in der Literatur gewöhnlich ein nicht zu beanstandenes erzählerisches Mittel ist, nämlich dann, wenn ein Autor in der Ich-Form erzählt und klar ist, dass der Autor nicht Selbst-Erlebtes erzählt, sondern er aus der Perspektive eines von ihm erfundenen „Ichs“ erzählt, ist sie als rhetorisches Mittel zur Beeinflussung von Menschen fragwürdig, weil denjenigen, denen etwas in den Mund gelegt wird, der Status real existierender Menschen zukommt (oder zugeschrieben wird), aber – als Abwesende, als ehemals real existierende oder als zukünftig real existierende Menschen dem, was ihnen in den Mund gelegt wird, was an ihrer Stelle von jemand anderem gesagt wird, nicht widersprechen können.
So ist es derzeit sehr beliebt, die erheblichen Einschränkungen von Freiheitsrechten damit zu rechtfertigen, dass das zum Schutz „Aller“ oder ausgewählter Gruppen von „Anderen“ in Sachen Covid-19 notwendig sei. Auch in diesem Fall wird für „Alle“ oder die ausgewählten „Anderen“ gesprochen, ohne dass bekannt wäre, was „Alle“ oder die ausgewählten „Andren“ zu dieser Sache zu sagen hätten, wenn sie mit eigener Stimme sprechen würden bzw. ihre eigenen Stimmen angehört würden – wie dies im Rahmen einer Volksabstimmung der Fall ist; bzw. ist eine Volksabstimmung die beste Annäherung daran, den Stimmen „Aller“ oder möglichst vielen Anderen Gehör zu verschaffen.
Und ebenso ist es beliebt, im Namen „kommender Generationen“ Maßnahmen im Dienst von „Nachhaltigkeit“ durchzusetzen, ohne dass die „kommenden Generationen“ – einfach, weil sie erst noch „kommen“ – eine Möglichkeit haben, ihre Zustimmung oder Ablehnung dieser Maßnahmen kundzutun. Wahrscheinlich würden sie es mehrheitlich vorziehen, eigene Lösungen für selbst formulierte Problemstellungen zu suchen, aber falls das so ist, haben sie jetzt keine Stimme, um dem zu widersprechen, was der „Bauchredner“ ihnen in den Mund legt (ganz davon abgesehen, dass die Menschen, die die „kommenden Generationen“ bestücken werden, diesbezüglich sicher nicht alle ausnahmslos derselben Meinung sein werden).

Dadurch, dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf die vermeintlichen Interessen der „kommenden (oder auch nicht kommenden) Generationen“ und damit in die Zukunft gerichtet wird, gelingt es, von den Interessen abzulenken, die in der Gegenwart real existierende Menschen mit den in Frage stehenden Maßnahmen verfolgen. Das sind gewöhnlich bestimmte Lobbyisten oder Industrien, wie z.B. die der Windrad-Bauer, und Inhaber öffentlicher Ämter, speziell: politischer Ämter, die sich durch die Maßnahmen mittels politischer Korruption bereichern oder sich vom vermeintlichen „virtue signaling“, also als „Tugendwedler“, Vorteile versprechen, z.B. mit Bezug auf anstehende Wahlen.
Wichtiger als dies ist aber vielleicht die „Rückseite der Medaille“: Ebenso wie es durch die Verlagerung der Aufmerksamkeit in die relativ ferne Zukunft gelingt, davon abzulenken, welche und wessen Interessen durch die beworbene Maßnahme „bedient“ werden, gelingt es durch sie auch, von den gegenwärtigen oder in der nahen Zukunft eintretenden Schäden für jetzt real existierende Menschen abzulenken.
Wie gelingt das? Würde man nicht meinen, dass die absehbaren realen Schäden, die einem durch bestimmte Politiken und Maßnahmen entstehen, weit schwerer wiegen als irgendwelche Behauptungen eines einzelnen rhetorischen Bauchredners darüber, was Abwesende oder nicht mehr oder noch nicht Existierende seiner Meinung nach wollen würden und sagen würden, wenn sie selbst sprechen würden/könnten?!
Anders gefragt: Warum funktioniert der alte rhetorische Trick der Prosopopoeia nach wie vor bei einem mehr oder weniger großen Teil der Menschheit? Vielleicht hat diese Frage eine anthropologische Antwort, denn rhetorische „Bauchredner“ gehören zum kulturellen Erbe der Menschheit, sei es in Form des „deus ex machina“, in Form des Sprechens „in Zungen“, in Form des Orakelns, in Form des „channeling“, oder eben – in modernen Gesellschaften – in Form des Sprechens für Andere im Rahmen politischer oder lobbyistischer Rede.
Aus anthropologischer Perspektive hat auch Pierre Bourdieu, von dem hier auf dem blog kürzlich die Rede war, die Prosopopoeia betrachtet. Für ihn ist die Prosopopoeia „… the most mysterious“ der rhetorischen Mittel, die von Personen in öffentlichen Funktionen verwendet werden, um „the group’s values“ (Bourdieu 2020: 61) oder das, was sie als deren Werte ansehen oder erreichen möchten, zu beschwören.
„Prosopopoeia is a rhetorical figure inherent to official discourse, since it is what transforms the … contrast … between singular, idiotic, personal discourse and universal man, between the common and the divine. What transforms singular discourse into common and sacred discourse, into common sense, into discourse capable of receiving the consent of the totality of individuals and thus generating consensus, is rhetorical alchemy, the alchemy of the oracle … Official man is a ventriloquist who speaks in the name of the state. He takes an official stand …, he speaks in favour and in place of the group that he is addressing, he speaks for and in place of all, he speaks as representative of the universal” (Bourdieu 2020: 61).
Ein entsprechender Anspruch besteht beim politischen Redner heute zweifellos ebenso wie beim Orakel in der Antike, und es scheint, dass wir auch heute noch psychologisch in ähnlicher Weise auf die Worte des „Bauchredners“ reagieren, auf seinen Appell an eine abstrakte Entität wie das „allgemeine“ Interesse bzw. den Appell an unsere „bessere Seite“, an unser Mitgefühl, unseren Altruismus, unsere Opferbereitschaft für andere, an etwas, von dem wir vielleicht meinen, dass wir es „eigentlich“ tun, haben oder sein sollten. Solche Appelle gewinnen ihre Kraft vielleicht gerade aus der Tatsache, dass wir diesem Menschenbild nicht entsprechen bzw. das entsprechende Menschenbild utopisch ist.
Dem Appell des „Orakels“ zu folgen, bedeutet dann, am Universellen, am Heiligen oder Sakralen teilzuhaben, das einen sozusagen von sich selbst emanzipieren, einen zu etwas Besserem oder zu mehr machen soll als man ist. Es bedeutet, an etwas „Größerem“ teilzuhaben, das über einen hinausweist, ganz so, als sei nicht jedes einzelne Lebewesen ein Zweck an und für sich.
Tatsächlich gibt es aber kein überindividuelles Leben; Leben gibt es nur im einzelnen Lebewesen. Und deshalb gibt es Lebens-Erfahrung, also die Erfahrung, ein lebendiges Wesen zu sein samt der Erfahrung von Freude oder von Schmerz, von Lust und Frust, von Hunger und von Kälte oder Durst und Hitze, nur als individuelle Erfahrung. Leben – und grundlegender: Existenz – ist per definitionem individuelles Leben, individuelle Existenz. Jede Rede vom Leben außer dem mit Bezug auf benennbare Einzelne ist deshalb eine Metapher.
Der politische Redner benutzt in der Prosopopoeia diese Metapher und beschwört ein nicht real existierendes, überindividuelles Leben, ganz so, wie es Menschen als „offizielle“ Redner zu allen Zeiten vor ihm getan haben.
Ein grundlegend wichtiger Unterschied zwischen der zeitgenössischen Form der Prosopoeia im Rahmen der politischen Rede und ihren zuvor genannten historischen oder alternativen Formen ist allerdings, dass das Sprechen für Andere im Rahmen der politischen Rede überflüssig ist:
Für nicht mehr Existierende kann und braucht der politische Bauchredner nicht zu sprechen. Und selbst der forensische Anthropologe Clyde Snow, der die Knochen Verstorbener „zum Sprechen“ bringen will, mahnte:
“I’m not an advocate. I’m an expert. Unless you maintain … objectivity, you lose credibility … and the best way is to let the bones speak for themselves” (Snow, zitiert nach Keenan 2014: 38).
Für noch nicht Existierende braucht und kann der politische Bauchredner ebenfalls nicht zu sprechen; die Zukunft liegt per definitionem außerhalb dessen, was der Gegenwärtige wissen kann, und es ist einigermaßen lächerlich, die Vorstellungen von Gegenwärtigen zum Maßstab machen zu wollen, an dem das Zukünftige zu messen sei (- was für eine merkwürdig reaktionäre Vorstellung, die ausgerechnet diejenigen pflegen, die sich selbst gerne als progressiv betrachten!).
Für Aggregate von einzelnen Menschen kann der politische Bauchredner ebenfalls nicht sprechen – ebenso wenig wie irgendjemand sonst, denn Aggregate haben keine eigenen Anschauungen, Überzeugungen, Werte etc. Sie sind eben das: Aggregate. Man kann bestenfalls statistisch eine Durchschnitts-Überzeugung, eine Durchschnitts-Anschauung etc. für eine Aggregat von Menschen erzeugen, aber das setzt voraus, dass man die Überzeugung, Anschauung … jedes einzelnen Menschen, der zum Aggregat beiträgt, erhebt. Der politische Bauchredner ist sicherlich nicht derjenige, der dies tun wird oder tun kann oder – und vor allem – hieran ein Interesse hat, wenn er sich anschickt für Aggregate zu reden wie z.B. „die Frauen“, in einer Extremform der Prosopopöie auf „die Frau“ an und für sich essentialisiert.
Hat er aber tatsächlich ein Interesse daran, die Stimmen möglichst vieler abwesender Menschen hörbar zu machen, wenn er als politischer „Bauchredner“ die Stimmen abwesender Zeitgenossen hörbar machen will, dann kann er dies mit Hilfe digitaler Kommunikationsmittel relativ unaufwändig und kostengünstig erreichen; diese Menschen können dann selbst zu Wort kommen und brauchen niemanden, der in Funktionärsmanier den Anspruch erhebt, für sie sprechen zu wollen – und zu können. Seltsamerweise setzen sich derzeit die wenigsten politischen Bauchredner hierfür ein, sondern reden – im Gegenteil – der Zensur das Wort und verbreiten Hassreden und fake news über soziale Netzwerke. Was sagt uns das über den Willen politischer Bauchredner, die Stimmen anderen Menschen hörbar zu machen?!
Und schließlich sollte man akzeptieren, wenn jemand zu bestimmten Fragen nichts sagen möchte oder seiner eigenen Überzeugung nach nichts sagen kann. Er hat ein Recht darauf, still bleiben zu können, und niemand sollte ihm eine Stimme verpassen bzw. eine Stimme als die seine ausgeben, wenn sie letztlich nur die eigene Stimme ist (und nur das sein kann).
Wenn demnächst wieder die Rede ist von „der Allgemeinheit“ oder „den kommenden Generationen“, dann denken Sie daran: diese Konstrukte sind bloß das: Konstrukte, denn es gibt kein Leben außer dem in der Gegenwart real existierenden Individuum!
Literatur:
Bourdieu, Pierre, 2020: On the State: Lectures at the Collège des France, 1989-1992. Cambridge: Polity Press.
Keenan, Thomas, 2014: Getting the Dead to Tell Me What Happened: Justice, Prosopopoeia, and Forensic Afterlives, S. 35-55 in: Weizman, Eyal, Franke, Anselm, & Forensic Architecture Project (Hrsg.): Forensis: The Architecture of Public Truth. Berlin: Sternberg.
Mayfield, D. S., 2019: Rhetorical Ventriloquism in Application, S. 160-192 in: Küpper Joachim, Mosch, Jan, & Penskaya, Elena, (Hrsg.): History and Drama: The Pan-European Tradition. Berlin : De Gruyter.
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Liebe Frau Dr. Diefenbach, vielen Dank für diesen erhellenden Artikel zur Rhetorik, der viel Denkanstöße bietet – beispielsweise zu der Frage, wieweit Rousseaus demokratiekonstituierende Idee von der ‚volunte generale‘ auch nur eine Prosopopoeia ist.
Gestatten Sie mir aber den Hinweis, dass Ihre Übersetzung oben „wie in einem in Hochkommata gesetzten Zitat“ (von „as in an apostrophe“) nicht ganz zutreffend ist: Hier ist die Apostrophe als Trope gemeint (‚Anrede’), nicht etwa ein Zitat.
@Catull
Ja, danke, dass Sie das berichtigt haben, denn Sie haben sicherlich Recht mit der Apostrophe als Trope!
Vielen Dank, Frau Dr. Diefenbach, für diesen erkenntnis- und aufschlussreichen Beitrag!
Wenn ich von meinem real existierenden, individuellen Leben ausgehe und die daraus hervorgegangene Lebenserfahrung über andere real existierende Leben zusammenfasse, komme ich zu dem Ergebnis, dass die real existierenden Individuen, die die kognitiven und / oder charakterlichen Voraussetzungen dafür mitbrachten oder mitbringen, sich nicht am prosopopöischen Nasenring durch die Arena des Lebens führen zu lassen, stets eine Minderheit von den mich insgesamt umgebenden Menschen waren. Wenn dann die komplementäre Mehrheit unter Missachtung der unmittelbaren Nachteile ihres individuellen Lebens den politischen prosopopöischen “Bauchrednern” nacheifert, sollte mir das als freiheitlich eingestelltem Menschen erstmal egal sein, denn jeder (Erwachsene!) darf mit seinem Leben machen, was er will. Leider entwickeln diese kognitiv und / oder charakterlich Schwachen in ihrer faktischen Mehrheit eine solche politische Wucht, dass auch mein eigenes Leben davon in Mitleidenschaft gezogen wird.
Und jetzt? Was können wir tun? Das alles ist ja kein besonderes Pech unserer Gegenwart, das sind schlichtweg die Auswirkungen der Conditio humana. Wenn ich damit recht habe: Helfen da überhaupt intellektuell anspruchsvolle Darlegungen wie die Ihrige, Frau Dr. Diefenbach? Müsste man nicht eher Versuche unternehmen, damit die kognitiv und / oder charakterlich schwache Mehrheit einfach mal das Maul hält? Ob man das mit einer Belebung der “offenen Debatte” erreicht? Zumindest in dem Sinn, dass die tumben Nachplapperer sich in der Bilanz egalisieren?
Hoffentlich! Oder sollte man sich vorsichtshalber schon mal ein Refugium suchen?
J.S.
Ich halte nichts davon, irgend jemanden, sei er Teil einer Minderheit oder Teil einer Mehrheit, irgendwie dazu zu bringen, “das Maul” zu “h[a]lt[en)”. Das kann ich in mehrfacher Hinsicht nicht mit meinen eigenen Grundüberzeugungen vereinbaren.
Das würde auch nicht funktionieren, gerade wegen der conditio humana, die Sie im Kommentar ansprechen, oder wenn es einigermaßen dauerhaft funktionieren würde, dann unweigerlich unter Einsatz der Mittel, durch die sich totalitäre Systeme auszeichnen. Damit habe ich nichts am Hut und will auch nichts damit zu tun haben.
Das bedeutet nicht, dass dass mich sinnfreies Gerede nicht stört :), aber ich fürchte, dass es das immer geben wird. Aber der einzig akzeptable Weg zur Verringerung sinnfreien Geredes scheint mir zu sein, dass jeder Einzelne selbst ein Gefühl dafür entwickelt, wann er das, was er sagt, ernst meint und es vertreten kann, und wann er Dinge sagt, die er nicht richtig überlegt hat, wann er “über’s Ziel hinausgeschossen” ist, wann er sich selbst widerspricht.
Und das ist, was “wir” tun können: Darauf aufmerksam machen, wenn jemand dies u.E. tut.
Aber natürlich sind “wir” in jeweils verschiedenen Lagen. “Wir” sind einzelne Mensch mit jeweils eigenen Voraussetzungen, Möglichkeiten, Fähigkeiten, Umständen, und insofern muss jeder selbst überlegen, was ER tun kann, statt zu fragen, was “Wir” tun können oder sollten.
Ich habe Ideen, was ICH tun kann, und der oben stehende Text ist eine Sache, die ich tun konnte …
Was Sie betrifft, so bin ich ziemlich sicher, dass Sie jedenfalls eine Sache tun können: rhetorisches Bauchrednen, wann immer es vorkommt, als solches notieren und andere Leute darauf hinzuweisen, um was es sich da handelt, wenn sie Gefahr laufen, die beim Bauchrednen Beschworenen für Existenzen wie sie selbst welche sind zu behandeln.
Wenn sich jemand demnächst verbal für die Bekämpfung “sozialer Ungleichheit” einsetzt, dann ist es vielleicht angebracht, diese Person danach zu fragen, was sie damit meint und was genau sie als Mißstand empfindet und wie sie ihn zu beheben gedenkt.
Anders gesagt: jeder Einzelnen kann abstrakten Begriffen gegenüber skeptischer werden als er es bislang gewesen ist und anderen diese Skepsis mitteilen oder bei ihnen insofern einen Lerneffekt auslösen als er ihnen signalisiert, dass durchaus NICHT klar ist, was “soziale Ungleichheit” “ist” oder korrekt: sein soll und warum sie schlecht sein soll, dass durchaus NICHT klar ist, was sich “kommende Generationen” von uns wünschen würden, etc.
Das wird die Welt nicht schlagartig verändern, aber es ist wie gesagt der einzige Weg, den zumindest ich aufgrund meiner Überzeugungen akzeptieren kann.
Darüber hinaus sind Veränderungen “über Nacht” gewöhnlich nicht wünschenswert, sondern führen zu Unsicherheit und Leid, oft unnötigerweise.
Die Dinge brauchen ihre Zeit. Manchmal gehen uns Veränderungen viel zu langsam, aber wir können immerhin sicher sein, dass sich alles ständig ändert. So, wie wir Dinge, die wir für gut befanden, verloren haben, so sicher werden wir die Dinge, unter denen wir leiden oder die wir für schädlich befinden, “verlieren”. Geduld ist nicht umsonst eine Tugend (nicht nur im Christentum ….).
Ich persönlich ziehe meine Zufriedenheit mit mir selbst außerdem nicht am Ausmaß meines “Effektes” auf andere, sondern daraus, dass ich meistens (klar, nicht immer!) sagen kann, dass ich in den Dingen, die mir wichtig sind, tue, was ich meine, tun zu müssen, und was tun kann. Insofern ist es nicht wichtig, ob ich viel bewirke, eine vermeintliche Mehrheit “bekehren” kann oder nicht. Das ist nach meiner Überzeugung einfach der falsche Maßstab ….
Vielen Dank, Frau Dr. Diefenbach, für Ihre nicht nur ausführliche, sondern obendrein persönlich treffende Antwort. War schon Ihr Ausgangstext ein Plädoyer dafür, mit den Tricks der Personifizierung sehr kritisch umzugehen und diese mit dem Mittel der auf dem eigenen, konkreten Leben basierenden Reflexion zu hinterfragen, so führt Ihre Antwort dies eindrücklich fort.
Mit dem Ereifern meinerseits gegen die den bauchrednerisch-prosopopöischen Tricksereien zugänglichen Menschen, bin ich doch wahrhaftig auf die gleiche Schiene geraten und wollte in gleicher Manier der „Mehrheit“ (diesem „Aggregat von einzelnen Menschen“) eine Stimme verweigern, quasi das „Maul“ verbieten. Dass dies letztlich nur durch die Mittel eines totalitären Systems geht, wie Sie mir antworteten, ist ebenso naheliegend, wie es mir nun peinlich ist, dies so gesagt zu haben. Denn auch mir liegt es letztlich und grundsätzlich fern, darüber bestimmen zu wollen, wer was sagen darf.
Ich werde also meine provozierenden Anwandlungen zügeln müssen und auch die („Liebe“ ist mir denn doch ein zu großes Wort, aber) „Zugewandtheit“ zu den Leuten wieder entdecken und zulassen müssen. Daher werde ich nun, wenn ich die Popper’sche „offene Debatte“ einfordere, nicht mehr nur in despektierlicher Weise darauf spekulieren, dass sich so die unmaßgeblichen, nachgeplapperten Bauchredner-Meinungen egalisieren (bei der politischen Bewertung der Dinge), sondern die offene Debatte sehe als Chance für jeden, durch Reflexion die je eigene Meinung hinterfragen zu können. Schließlich konnte ich das hier und jetzt auch – mit Ihrer Hilfe.
Ihre Antwort hat mir mehr Erkenntnisgewinn gebracht, als der Artikel zuvor, der letztlich mir bereits Bekanntes zusammenfaßt, nützlich jedoch, gelegentlich daran erinnert zu werden, denn ich muß gestehen, daß ich selbst immer wieder solche rhetorischen Figuren verwende, beispielsweise von “den linken” spreche (und denke!). Schubladen sind schon sehr bequem….
Der letzte Absatz Ihrer Antwort ist für mich, der ich genau so verfahre, Bestätigung dafür, damit richtig zu liegen. Herzlichen Dank dafür, insbesondere für den letzten Satz!
Frau Heike Diefenbach ist eine kluge Frau.
Schön, dass es sie gibt.
@Klaus D.
Das ist aber ein sehr schönes Kompliment, dass jemand einfach meint, es sei schön, dass es einen selbst gibt; vielen Dank dafür!
Ich kann das Kompliment zurückgeben: ich finde es schön, dass es Kommentatoren wie Sie gibt, die unsere Arbeit in freundlichen Worten einfach um der Würdigung willen würdigen.
Die Tricks sind also uralt, es wachsen bloß immer wieder neue Generationen nach, die man damit beeindrucken kann.
@Alex Micham
Ja, traurig ist nur, dass Viele anscheinend während ihres gesamten Lebensverlaufes den Trick nicht als solchen erkennen – und deshalb wohl auch nicht fähig sind, der folgenden Generation Skepsis gegenüber abstakten Begriffen zu vermmitteln – im Gegenteil;
leider richten ganze Berufszweige Kinder und Jugendliche regelrecht darauf ab, abstrakte Begriffe, die sie gewöhnlich nicht definieren können, nonchalant und in Selbstsicherheit und oft genug weitgehend sinnfrei zu benutzen – jedenfalls so lange, wie niemand sie nach einer Definition fragt oder um Erläuterung bittet.
Der Artikel gefällt mir sehr gut, ist es doch angezeigt, immer mal wieder auf die üblichen Propagandatricks hinzuweisen.
Andererseits finde ich solche Sprachfiguren ganz in Ordnung. Es ist eben praktischer, auf “Politik der Scheixxpartei xyz” zu schimpfen, als jedesmal die ganzen Politiker (und deren Wähler!) zu benennen, die hinter der jeweils beklagten Politik stehen. Die Partei als solche tut ja rein gar nichts.
Nur müssen Rezipienten solcher Aussagen eben wissen, daß das bloß verallgemeinernde Floskeln sind. Ob derlei Sprachverständnis der “Allgemeinheit” heute noch gelehrt wird, sei dahingestellt.
Aus dem Artikel erhellt sich, weshalb die Griechen die Rhetorik als eines der sehr wichtigen Schulfächer betrachtet haben. Einmal um sich selbst angemessen ausdrücken zu können aber auch um auf rhetorische Tricks weniger leicht hereinzufallen. Die antiken Griechen waren dann auch für ihre Sprachgewandtheit, die sie gekonnt zu ihrem Nutzen einzusetzen wussten, weithin berühmt.
Ist es Absicht, dass in der Schule heute frühestens im Gymnasium/Fachabi ansatzweise Rhetorik gelehrt wird, um die Masse bis zur Realschule leichter lenken zu können?
Falls ja, dann hat man es damit arg übertrieben, die meisten Schüler von heute sind nicht einmal mehr in der Lage, die bedeutenden Stellen in einem Text zu markieren, geschweige denn rhetorische Manipulationen zu durchschauen.