Organisierte Plötzlichkeit: beunruhigende soziologische Ergebnisse

Es gibt sie noch: die soziologischen Ergebnisse, die es wert sind, dass man darüber berichtet.

Organisierte Plötzlichkeit, so ist der Beitrag von Thomas Hoebel überschrieben, der in der Dezemberausgabe der Zeitschrift für Soziologie veröffentlicht wurde. Organisierte Plötzlichkeit ist ein Beitrag zur Erklärung von extremen Gewaltsituationen, Situationen, in denen ganz normale Menschen sich entscheiden, an einem Erschießungskommando teilzunehmen.

massenerschiessungen13. Juli 1942. Im Morgengrauen versammeln sich die knapp 500 Ordnungspolizisten des Reservebataillon 101 vor dem polnischen Ort Józefów, rund 15 Kilometer südöstlich von Warschau. Nachdem sie rund 30 Kilometer auf dem Rücken eines Lastwagens und im Verlauf von 3 Studen hinter sich gebracht haben, werden die Ordnungspolizisten von ihrem Batallionskommandeur, Major Trapp, mit ihrem Auftrag vertraut gemacht. Gewohnt, Sicherungs- und militärnahe Aufgaben auszuführen, sehen sich die 500 Ordnungspolizisten mit einem völlig neuen Auftrag konfrontiert: Sie sollen arbeitsfähige Juden deportieren und rund 1.500 Juden, die nicht arbeitsfähig sind, erschießen. Trapp bittet die Polizisten, die sich diesem Auftrag nicht gewachsen fühlen, vorzutreten. Als Ergebnis melden sich elf der 500 Ordnungspolizisten. Der Rest beteiligt sich an der Erschießung von rund 1.500 Juden, die nun folgt.

Die Begebenheit von Jósefów hat eine Vielzahl von Interpretationen erfahren. Die aufgestellten Thesen reichen von: die Ordnungspolizisten töten aus eigenem und freiem Willen bis zum Argument der Kameradschaft, nachdem ein Ausscheren aus den Reihen nicht möglich sei und Befehl schließlich Befehl ist.

Thomas Hoebel stellt eine eigene Interpretation der Ereignisse von Jósefów auf, die er im Kontext einer Mikrosoziologie der Gewalt, wie sie Randall Collins entwickelt hat, ansiedelt. Demnach ist Gewalt in erster Linie eine Frage emotionaler Dominanz in einer Situation, in der eine direkte Konfrontation zwischen mindestens zwei Personen stattfindet. Anders formuliert, es braucht einen emotionalen Peak, um gewalttätig zu werden, das Überkochen eines Emotiönchens, das dabei hilft, die rationale Barriere, die vor Gewaltanwendung steht, zu überschreiten. Noch anders formuliert: Für Collins ist Gewaltanwendung ein Mittel, das dann eingesetzt wird, wenn die rationalen Möglichkeiten eines Akteurs erschöpft sind. Das ist ein erstes etwas beunruhigendes Ergebnis, bedeutet es doch, dass Gewalt und Irrationalität Hand in Hand gehen.

Auf dieser Grundlage stellt Hoebel seine These der organisierten Plötzlichkeit auf, die erklären soll, warum sich gut 500 Ordnungspolizisten einen ganzen Tag lang an Erschießungen beteiligt haben. Die organisierte Plötzlichkeit basiert auf einer Reihe von Bedingungen:

  • bukowskiDie 500 Ordnungspolizisten werden für die Dauer ihrer Fahrt zum Einsatzort über den Zweck des Einsatzes im Dunkeln gelassen.
  • Vor Ort wird innen ein Auftrag erteilt, der für sie vollkommen neu ist. Ihre bisherige Situationsdefinition als Ordnungspolizisten, die sich am Blutvergießen des Krieges bislang nicht beteiligt haben, wird abrupt beseitigt und durch eine neue Definition ersetzt.
  • Die Ordnungspolizisten sind Teil einer hierarchischen Einheit, d.h. ihre Vorgesetzen können erwarten, dass sie Befehlen Folge leisten.

Diese Situation der Überrumpelung ist für Hoebel der Grund dafür, dass fast alle der 500 Soldaten ihrem Befehl Folge leisten, denn:

  • Die räumlichen Umstände der Befehlserteilung lassen ihnen keine Möglichkeit, sich unbemerkt zu entziehen. Sie sind vor Ort und 30 Kilometer von ihren Quartieren entfernt.
  • Die zeitlichen Umstände der Befehlserteilung lassen ihnen keine Zeit, Widerstand untereinander zu organsieren und z.B. “kollektiv gegen das Einsatzziel zu opponieren” (453).
  • Die hierarchische Situation, in der die Vorgesetzen keinen Zweifel daran lassen, dass sie die Befehle durchzusetzen gedenken und die “Norm der Kameradschaft”, die mit der “Erwartung einhergeht, dass Arbeitslasten gleichmäßig verteilt werden”. führen dazu, dass ein sozialer Druck dahingehend aufgebaut wird, “dass man nun auch einmal schieße” (454).
  • Schließlich sind die Ordnungspolizisten vor Ort, um die Erschießung durchzuführen. Es gibt keine sonstigen Aufgaben.

Diese Situationslogik der organisierten Plötzlichkeit ist nach Ansicht von Hoebel dafür verantwortlich, dass Ordnungspolizisten, die bis dahin ihre Waffen kaum gebraucht haben, zu Mordmaschinen werden: “Organisiert ist diese Plötzlichkeit insofern, als hier die ganz normalen Routinen einer hierarchischen Organisation ‘ausgebeutet’ werden, damit sich eine Interaktion trotz einer Handlungserwartung nicht zerstreut, die mit einer hohen Konfrontationsanspannung verunden ist” (454).

Tajfel. social identityDieses Ergebnis ist beunruhigend, denn wenn stimmt, was Hoebel herausgearbeitet hat, dann ist die Gefahr, zum Massenmöder zu werden, eine Gefahr, in der alle Mitglieder hierarchischer Gruppierungen, aller Armeen, jeder Polizei stehen, denn es bedarf nur der entsprechenden “organisierten Plötzlichkeit”, um die Mitglieder von Ordnungshütern zu Massenmördern zu transformieren. Dabei beschreibt organisierte Plötzlichkeit eine Situation, in der die Mitglieder der hierarchischen Organisation aus ihren Routinen gerissen werden und ihnen wenig Alternativen als die, den Befehlen zu folgen, bleiben.

Um so mehr Hochachtung muss man für die 11 Ordnungspolizisten haben, die trotz aller Widrigkeiten ihre Selbstbestimmung behalten und sich nicht am Massenmord beteiligt haben. Nicht nur das: Die Existenz dieser 11 Ordnungspolizisten zeigt, dass die organisierte Plötzlichkeit als Erklärung nicht hinreicht, vielmehr um ein sozialpsychologisches Motiv ergänzt werden muss, das Tajfel und Turner in ihren Experimenten isoliert haben, nämlich den Hang, sich eine soziale Identität zu geben und diese soziale Identität als Ordnungspolizist im vorliegenden Fall über die personale Identität als nicht-Massenmörder zu stellen.

Hoebel, Thomas (2014). Organisierte Plötzlichkeit. Eine prozesssoziologische Erklärung antisymmetrischer Gewaltsituationen. Zeitschrift für Soziologie 43(6): 441-457.

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