Junge Deutsche haben Angst vor Altersarmut

So das Ergebnis einer natürlich repräsentativen Studie, die TNS Emnid für die tecis AG durchgeführt hat. Wie viele Befragte die repräsentative Studie umfasst, das verrät uns niemand. Vielmehr sollen die Leser der entsprechenden Pressemitteilung ausschließlich mit Prozentwerten abgefertigt werden:

  • 54% der 19- bis 39jährigen Deutschen haben große Angst (15%) oder machen sich Gedanken darüber (39%), dass sie im Alter ohne ausreichendes Einkommen auskommen müssen.
  • 23% rechnen damit, dass ihre Rente rund ein Viertel ihres letzten Nettoeinkommens betragen wird.
  • 14% gehen von noch weniger als einem Viertel des letzten Nettoeinkommens als verfügbarem Renteneinkommen aus.
Emnid altersarmut
Quelle: obs/tecis Finanzdienstleistungs AG

Ob sich die Prozentwerte auf fünf, 30 oder 914 Befragte beziehen, das erfährt der Leser der Pressemeldung nicht. Es ist auch nicht das Ziel der Pressemeldung, dem Leser ein paar Indikatoren dafür an die Hand zu geben, dass er glauben kann, die Ergebnisse der Befragung seien gültig oder irgendwo in der Nähe von richtig. Das Ziel der Pressemeldung ist vielmehr, für die Produkte der tecis Ag zu werben, denn

“… die tecis Finanzleistungen AG legt ihren Beratungsschwerpunkt auf die Vermittlung investmentbasierter Vorsorge- und Versicherungsprodukte mit dem Ziel, allen Einkommensgruppen die Partizipation am Kapitalmarkt zu ermöglichen.”

Früher hatten Unternehmen einmal das Ziel, Gewinn zu erwirtschaften und man war als Kunde zufrieden und beruhigt, denn so lange ein Unternehmen Gewinn erwirtschaften wollte und auch hat, war die Gefahr, dass die eigene Einlage bei Versicherung X in deren Insolvenzmasse untergeht, weitgehend gebannt. Heute ist das nicht mehr so. Heute wollen sich selbst AGs als altruistische Dienstleister an der Gemeinschaft verkaufen, die natürlich keinerlei Umsatz und schon gar keinen Gewinn erwirtschaften wollen.

Und in diesem noblen Unterfangen, so beobachten wir immer häufiger, interessieren sich manche Unternehmen, also diese Organisationen, die nicht mehr dem Gewinnmaximierungsprinzip verpflichtet sind, dafür, was “die Menschen” im Land so denken. Hier kommt die repräsentative Umfrage ins Spiel, jene Geheimwaffe im Arsenal der Marketing-Spezialisten, mit der sie versuchen, nicht nur die Zweifler an ihrer Gemeinschafts-Hingabe zu erlegen, sondern auch das eigene Marketing in ein gesamtgesellschaftliches Anliegen zu verpacken, in Caritas, Hilfe, in Beseitigung von Angst …

AltersarmutDa ist zum Beispiel die repräsentativ erfragte Angst vor Altersarmut der tecis AG, die TNS Emnid gefunden hat. Gehen wir davon aus, es waren die üblichen 1000 Befragten, die Emnid zusammengetrommelt hat und gehen wir davon aus, das Ergebnis sei auf eine nachvollziehbare und korrekte Art und Weise zu Stande gekommen.

54% der befragten 19- bis 39jährigen (ob noch andere Altersgruppen befragt wurden, verrät die Tecis AG nicht) sagen, sie hätten große Angst vor Altersarmut oder machen sich Gedanken über Altersarmut.

19- bis 39jährige!

Angst hat man gewöhnlich vor Dingen, die man nicht beeinflussen kann, denen man sich ausgeliefert fühlt. Nun sollte man denken, 19- bis 39jährige haben noch ein paar Jahre Zeit, um der Angst vor Altersarmut, die derzeit ab 67 beginnen kann, zu begegnen und ihre Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen. Aber scheinbar sehen sich diejenigen, die Angst vor Altersarmut haben oder sich Gedanken darüber machen, schon im Alter zwischen 19- und 39 Jahren außer Stande, auf die eigenen Geschicke, was die Rentenhöhe angeht, Einfluss zu nehmen. Offensichtlich fühlen sich diese 19- bis 39jährigen gefangen in einem Leben, dessen Verantwortung bzw. Führung ihnen aus den Händen genommen ist, ohne Perspektive und ohne Selbstwirksamkeit.

Erschreckend.

Bartholomew_Und ein Beispiel dafür, was staatliche Fürsorge in sogenannten Solidarsystemen mit Menschen macht: Sie degenerieren zu unverantwortlichen und nicht mehr zur Führung des eigenen Lebens fähigen oder willigen Zombies, etwa so, wie James Bartholomew dies in seinem Buch “The Welfare State We’re in” beschrieben hat. Soziale Sicherungssysteme bringen Menschen in eine ausweglose Situation, insofern ihnen die finanziellen Mittel genommen werden, die sie benötigen, um ein sorgenfreies Alter erleben zu können, machen sie zu Abhängigen eines Systems, das ihnen den Eindruck vermittelt, sie seien Gefangene ohne Aussicht auf Verbesserung ihrer Situation und degeneriert sie schließlich zu Personen, die zur Führung des eigenen Lebens nicht mehr willig oder fähig sind.

Well done!

Ob sich unter solchen anomischen Personen viel Kundschaft für die tecis AG findet lässt, ist eine Frage, die die Umsatzzahlen der tecis AG beantworten werden. In jedem Fall zeigt das Beispiel der Umfrage, derer sich die tecis AG bedienen möchte, um einerseits als sozial verantwortlich zu erscheinen und andererseits Kunden für die eigenen Produkte zu begeistern, dass bei solchen Befragungen zuweilen tatsächlich etwas herauskommt, meist jedoch nicht das, was herauskommen soll und immer nur dann, wenn man die Daten gegen den Strich bürstet und sie nicht zum Anlass für ein Marketing nimmt, das versucht, Ertrunkenen Rettungswesten zu verkaufen.

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