Umfrage: Armutszeugnis für Politiker

Ein zentrales Konzept, das in der empirischen Demokratie- oder Wahlforschung eine große Rolle spielt, ist das Konzept der Responsivität: Damit eine Demokratie, die als repräsentative Demokratie, also als Vertretung der Wähler durch die Gewählten konzipiert ist, funktionieren kann, muss Responsivität vorhanden sein. Responsivität meint z.B., dass Gewählte Themen aufnehmen, die Bürger bewegen oder sich für die Bedürfnisse der Bürger interessieren. Responsivität meint, dass Bürger das Gefühl haben, dass sich Politiker um ihre Bedürfnisse interessieren und Themen aufnehmen, die ihnen wichtig sind.

Saage_2005_DemokratietheorieMan kann sich leicht vorstellen, dass ein demokratisches System, das über keine Responsivität verfügt, in dem Bürger der Ansicht sind, Politiker tun, was sie wollen und interessieren sich nicht für Interessen und Bedürfnisse ihrer Bürger, kein beständiges demokratisches System sein kann. Man kann sich vielmehr fragen, ob ein solches demokratisches System, das zumindest ein delegitimiertes demokratisches System ist, nicht bereits die Grenze in ein autoritäres oder oligarchisches System überschritten hat.

Wir haben in unserer Umfrage zu Extremismus die Zustimmung der Befragten zu den folgenden beiden Aussagen gemessen:

  • Politiker interessieren sich für die Bedürfnisse der Bürger.
  • Politiker nehmen die Themen auf, die Bürger bewegen.

Die Antworten sind somit ein Maß für Responsivität und als solches ein Indikator für den Zustand bzw. die Wahrnehmung des Zustands der deutschen Demokratie.

SN_responsivitaet

Deutsche Politiker sind nach Einschätzung der 1.967 Befragten, auf deren Angaben die Abbildung basiert, nicht responsiv. Sie interessieren sich nicht für die Bedürfnisse der Bürger und nehmen die Themen, die Bürger bewegen, nicht auf. Diese Einschätzung kann man nicht anders als als Armutszeugnis für die politische Klasse Deutschlands zu bezeichnen. Offensichtlich haben Politiker in der Wahrnehmung der Befragten die Tuchfühlung zum Boden verloren, imaginieren sich stattdessen in Welten, in denen z.B. sexuelle Orientierung und der ideologische Kampf gegen Rassismus das verdrängt hat, was das tägliche Leben der Bürger in Deutschland ausmacht. Wie lange sich Deutschlands Bürger noch eine politische Klasse leisten wollen, die aus ihrer Wahrnehmung weitgehend an den Bedürfnissen und Interessen der Bürger vorbeiregiert, ist eine empirische Frage, die wir in einer unserer nächsten Befragungen untersuchen werden.

Derzeit kann gesagt werden, dass von Responsivität in Deutschland nicht viel zu spüren ist, dass die Gesellschaft vielmehr zweigeteilt zu sein scheint, jedenfalls in der Wahrnehmung der Befragten, die sich im Gegensatz zu Politikern sehen.

Diese Einschätzung ist auf kein politisches Lager beschränkt. Sie herrscht in mehr oder weniger großem Ausmaß unter den Wählern aller Parteien vor. Sie ist bei Wählern der SPD am geringsten ausgeprägt, bei Nichtwählern, Wählern der Linken und Wählern der AfD am stärksten. Durch alle Lager zieht sich jedoch die Einschätzung, dass sich Politiker nicht für Wähler, ihre Interessen, Themen und Bedürfnisse interessieren.

Wozu man Politiker braucht, wenn sie nicht Themen, Interessen und Bedürfnisse, die die Bevölkerung bewegen, aufnehmen, ist derzeit eine offene Frage.

Bislang haben unsere Befragungen eine Reihe wichtiger Ergebnisse erbracht:

Alle Ergebnisse, auf die wir bislang zurückblicken können, sind in der präsentierten Weise in Deutschland bislang nicht gewonnen oder veröffentlicht worden – also einmalig.

Eine Teilnahme an unseren derzeit laufenden Befragungen zum Extremismus oder zu Parteien ist nach wie vor möglich. Wer es bislang verpasst hat, seine Meinung kund zu tun, der kann dies unter den folgenden Links nachholen:

 

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13Comments

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  1. 2
    Carsten Thumulla

    Dazu braucht man im jetzigen Zustand keine Umfragen mehr. Das springt jeden an. Der Sinn einer Regierung ist ja, dem Volk beizubringen, wohin es zu laufen hat, was es zu tun und zu lassen hat. Demokratie ist nur die Umkehrung der wahren Verhältnisse. Das Wort dient der Verblödung des Volkes.
    Es ist niemals so, daß das Volk über die Regierung bestimmen würde, sonst hieße sie nicht Regierung.

    Carsten

    Scotty, eine Person sofort auf die Krankenstation beamen!

    • 3
      corvusalbusberlin

      @ Carsten. „Das Wort dient der Verblödung des Volkes.“
      Es hat ja lange gedauert, bis die Menschen dies gemerkt haben.
      Bis vor nicht langer Zeit war es nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der die Spielchen der Politiker durchschaute.
      Aber inzwischen werden es immer mehr. Täglich !
      Dem Deutschen Michel muss man eben ein bisschen länger Zeit einräumen.

      • 5
        Carsten Thumulla

        Die Deutschen haben eine Bärengeduld. Sie sind friedlich. Sie haben die Kriege nicht verschuldet. In dieser Zeit werden die übelsten Verschwörungstheorien zu Praktiken. Der Vorhang wackelt gelegentlich. Und was dahinter zu geschehen scheint, läßt Gruseln aufkommen. Es sind viele Staatslügen zu beseitigen. Fangen wir an!

        Carsten

        „In Wirklichkeit sind die Deutschen das einzige anständige in Europa lebende Volk.“
        General George Patton

  2. 8
    Mika

    Da ich extrem viel Kundenkontakt zu einem sehr gemischten Publikum habe, traue ich mir ein Urteil über die Grundstimmung in der Bevölkerung zu.

    Ihre Daten kann ich nur bestätigen. Die Akzeptanz der Politik liegt unter 5% und das ist noch geschmeichelt.

    Allein die Konsequenz bei der Wahl sehe ich noch nicht. Daran gilt es zu arbeiten.

    Danke für Ihre Mühe, Sie arbeiten bestimmt nicht für die Tonne.

    • 9
      corvusalbusberlin

      Ich habe einen Bekannten, der ist Busfahrer. Sein Urteil: „Die „Stimmung“ des Bürgers
      den Politikern gegenüber hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Das große Chaos aber steht uns noch bevor.
      Bis zu den Wahlen 2017 bleibt aber noch viel zu tun, denn die meisten Menschen haben ein Kurzzeitgedächtnis, was politische Entscheidungen angeht. Und wenn Mutter Theresa kurz vor der Wahl anfängt, „Geschenke“ zu verteilen, die dann nur bis zu den Wahlen gelten, könnten viele wieder umfallen, die sich vorher sagten, „Nein, nie wieder.“ Wäre nicht das erste Mal. Also packen wir’s an, jeder auf seine Weise.

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