Populismus-Witze – rein wissenschaftliche

Ein Urlaub, wie kurz er auch immer sein mag, tut gut.
Wir haben tatsächlich mehrere Tage weder an Politik noch an Nachrichten noch an Fußball oder sonst etwas Langweiliges gedacht.

Als Ergebnis betrachtet man Dinge mit noch mehr Abstand und deshalb fangen wir diesen Post mit ein paar Witzen an.

Wir mögen keine politischen Witze. Wir haben schon zu viele gesehen, die in den Bundestags gewählt wurden.

Ein Bußgeld ist eine Steuer für schlechtes Verhalten. Eine Steuer ist ein Bußgeld für gutes Verhalten.

Linke und rechte Parteien sind wie geschiedene Eltern, die mehr Energie darauf verwenden, ihre Kinder dazu zu bringen, das andere Elternteil zu hassen, als dass sie um deren Wohlergeben besorgt wären.

Einst habe ich einen Politiker getroffen, der ehrlich war, der sich um Wähler gekümmert hat, ihnen zugehört hat, sie ernst genommen hat. Dann bin ich aufgewacht.

Menschen, die ihre politischen oder religiösen Ansichten mit Ihnen teilen wollen, wollen in der Regel nicht, dass Sie ihre politischen oder religiösen Ansichten mit ihnen teilen.

Ein ehrlicher Politiker ist ein Politiker, der sich, wenn er gekauft wurde, dem gegenüber, der ihn gekauft hat, loyal verhält.

Wenn Sie gelacht haben, dann ist Ihnen natürlich klar, dass Sie zu den falschen Witzen gelacht haben. Das waren alles, „populistische Witze“. Wer lacht, der ist erkannt. Als Populist. Je häufiger Sie gelacht haben, desto populistischer sind Sie.

Tatsächlich ist diese Art und Weise, die wir gerade gewählt haben, um Populismus zu OPERATIONALISIEREN, eine, die von manchen, die sich für Sozialwissenschaftler halten, gewählt wird, um Populismus vermeintlich wissenschaftlich zu operationalisieren.

Rewind. Fangen wir vorne an.
Populismus ist ein Konzept, eine Idee. Es gibt keinen Populismus im täglichen Leben. Sie glauben das nicht? Gut. Kaufen Sie ein Kilo Populismus bei einem Bäcker ihrer Wahl und wir geben uns geschlagen.

Für alle, die der deutschen Sprache noch mächtig sind, geht es hier weiter: Also – es gibt Populismus nicht in der Wirklichkeit, es gibt ihn nur als Begriff, als Kopfgeburt. Um aus der Kopfgeburt etwas zu machen, das man in der Realität auffinden kann, muss man den Populismus operationalisieren, d.h. MESSBAR machen.

Das wiederum setzt voraus, dass man weiß, was Populismus sein soll und worin sich Populismus niederschlagen soll.

Nun sind Menschen, und die meisten Wissenschaftler sind Menschen, manche sind auch Genderisten, nun, Menschen sind seltsame Wesen. Sie lieben es, sich über Dinge zu unterhalten, von denen sie vielleicht eine ungefähre, vielleicht auch gar keine Vorstellung haben, was sie eigentlich bedeuten. Populismus ist ein solcher Begriff. Er wird heutzutage ständig im Mund geführt, aber kaum, jemand, der ihn benutzt, könnte auf Anhieb sagen, was Populismus eigentlich sein soll. Deshalb behilft man sich, wie bei allen Stereotypen oder Vorurteilen damit, den Begriff zu transformieren, ihn z.B. affektiv zu laden. Dann wird Populismus für manche zum Schimpfwort.

Sie Populist!
Gemeint als Derogation.

Manche gehen in ihrer Hilflosigkeit auch soweit, dass sie Assoziationsketten bilden, in der Hoffnung, dass in der Kette etwas auftaucht, das andere nachvollziehen können, dann wird der Populist z.B. zum „Rechtspopulisten“ qualifiziert. Für manche sind das zwei derogative Begriffe in einem. Oder der Populist wird mit AfD-Politiker/n gleichgesetzt. Eine Variante von Rechtspopulist für wieder andere. Letztlich drehen sich derartige Versuche, das Bedeutungslose, den „Populisten“, mit Bedeutung zu füllen, im affektiven Kreis und bringen nur zum Ausdruck, dass man das, was man mit Populismus bezeichnet, nicht mag, auch dann nicht, wenn man nicht (genau) weiß, was das Populistische ist, das man nicht mag.

Diese umgangs- oder alltagssprachliche Version der Bedeutungslosigkeit von Populismus genügt natürlich nicht den Ansprüchen, die Wissenschaftler an ihre Konzepte anlegen. Sozialwissenschaftler insbesondere wissen, dass Populismus nicht messbar ist. Die wenigsten werden ins Feld gehen und fragen: Wie populistisch sind Sie? Schon aus Angst, wütende Antworten zu erhalten oder andere Formen des Ausdrucks von Ärger.

Deshalb gibt es in den Sozialwissenschaften latente Variablen, um Konzepte, die es in der Empirie nicht gibt, die nicht direkt beobachtbar sind, über eine Reihe von Aussagen zu erfassen. Je mehr Aussagen benutzt werden, um ein Konzept zu erfassen, desto komplexer erscheint das Konzept, desto wissenschaftlicher erscheint die Art der Erfassung. Jedenfalls denken das manche.

Nun denn: Aiko Wagner hat im WZB-Blog die Ergebnisse seiner Erfassung von „Populismus“ präsentiert. Sein Populismus setzt sich aus sechs Aussagen zusammen, zu denen man mehr oder minder zu- bzw. nicht zustimmen kann. Sie kennen das: „stimme voll und ganz zu“, „stimme eher zu“, „teils/teils“, „lehne eher ab“, „lehne voll und ganz ab“.

Die sechs Aussagen sind die folgenden:

(1) Was in der Politik Kompromiss genannt wird, ist in Wirklichkeit nur ein Verrat von Prinzipien.
(2) Das Volk, und nicht die Politiker, sollte die wichtigsten Entscheidungen treffen.
(3) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages müssen dem Willen des Volkes Folge leisten.
(4) Die politischen Unterschiede zwischen Eliten und dem Volk sind größer als die Unterschiede innerhalb des Volkes.
(5) Ein Bürger würde besser meine Interessen vertreten als ein Berufspolitiker
(6) Die Politiker reden zu viel und machen zu wenig.

Stimmen Sie den sechs Aussagen oder vieren davon zu, dann sind Sie für Wagner ein Populist.

So einfach ist das. Hat man auf diese Art Populismus gemessen, dann kann man alle möglichen Formen von Korrelationen berechnen, herausfinden, dass vermeintliche Populisten eher AfD wählen, dass vermeintliche Populisten eher unter den Wohlhabenden zu finden sind uvm. Und für die Naiven und die Boshaften unter uns reichen derartige vermeintliche Ergebnisse, um sich ihrer zu bemächtigen und über „die Populisten“ herzuziehen, und wieder ohne auch nur eine Idee davon zu haben, wer „die Populisten“ oder „die Populisten von der AfD“ eigentlich sind bzw. warum es schlecht sein soll, ein Populist im Sinne Wagners zu sein.

Weist man die Wertungen, die Wagner in seinen Aussagen versteckt hat, zurück, dann nehmen die Aussagen, die angeblich Populismus messen sollen, eine erschreckende neue Form an, dann wird jemand, der sich nach Wagner nicht zum Populisten qualifiziert, zum Totalitären, zum Faschisten, der der Ansicht ist, dass es eine politische Elite gebe (von Wagner in Aussage 4 den Befragten untergeschoben), der Zweck die Mittel heilige (Aussage 1), die Parteibonzen und nicht die Wähler der Souverän seien (Aussage 2), Abgeordnete des Bundestages ihren Wählern nicht verantwortlich seien (Aussage 3), es wünschenswert sei, dass Politiker viel tun (Aussage 6) und Berufspolitiker über mehr Kenntnisse und Kompetenzen verfügten als ein normaler Bürger (Aussage 5).

Wer jetzt wieder lacht, wegen Aussage 6, der ist ein Populist.

Was die Art und Weise, in der Wagner Populismus messen will, deutlich macht, ist, dass Populismus ein affektives Konzept darstellt, das manche so weit gehen lässt, die Grundlagen der Demokratie (Wähler sind der Souverän, Abgeordnete ihrem Gewissen und ihren Wählern verantwortlich, demokratische Prinzipien sind keinem Kompromiss zugänglich) über Bord zu werfen, um andere als Populisten bezeichnen zu können.

Deshalb wissen wir nach aufwendigen Forschungen wie der von Wagner auch nicht mehr als zuvor, nämlich: Wagner mag keine Demokraten, die er zu Populisten erklärt. Das hätte man kürzer und billiger haben können. Aber natürlich lassen sich angeblich wissenschaftliche Ergebnisse leichter politisch benutzten, populistisch benutzen, um denen, die ihr eigenes Denken auf ein Minimum reduziert haben, Angst vor denen zu machen, die man gerade als Populisten bezeichnet hat.

Wir definieren Populismus übrigens im Einklang mit John Lukacs, der ihn immer dann vorliegen sieht, wenn demokratische Grundrechte eingeschränkt werden sollen:

“Is democracy the rule of the people, or, more precisely: rule by the people? No: Because it is, really and actually, rule in the name of people. … Yes: in its predominant sense democracy is the rule of the majority. … Here Liberalism enters. … Majority rule is tempered by the legal assurance of the rights of minorities, and of individual men and women. And when this temperance is weak, or unenforced, or unpopular, then democracy is nothing more (or else) than populism” (Lukacs, 2005, S.5) [Übersetzung: Ist Demokratie die Herrschaft des Volkes oder präziser, die Herrschaft durch das Volk? Nein: denn es ist tatsächlich Herrschaft im Namen des Volkes. Hier kommt Liberalismus ins Spiel. Die Herrschaft der Mehrheit wird durch Minderheitenrechte und Individualrechte eingeschränkt. Wenn diese Minderheiten- oder Individualrechte nicht oder nur unzureichend gewährleistet sind, dann ist Demokratie nichts anderes als Populismus.]

Für Lukas ist Populismus eine Entartung von Demokratie, die darin ihren Niederschlag findet, dass individuelle Rechte oder die Rechte von Minderheiten nicht mehr gewährleistet sind, wie z.B. das individuelle Recht, eine abweichende Meinung zum Ausdruck zu bringen oder das individuelle Recht, bestimmte Verhaltensweisen anderer, z.B. lautes Schreien von Kindern oder Gesten homosexueller Zuneigung z.B. als Restaurantbesitzer oder Vermieter von Zimmern oder Wohnungen in seinem Eigentum nicht zu dulden, selbst wenn die Mehrheit es ihm gerne vorschreiben würde. Gemessen an diesem Kriterium ist die deutsche Demokratie längst zum Populismus entartet und nicht etwa deshalb, weil es die AfD gibt, sondern deshalb, weil Mehrheiten im Parlament den Bürgern außerhalb des Parlaments ihre Meinung vom richtigen Leben aufzwingen wollen.

Lukacs, John (2005). Democracy and Populism: Fear and Hatred. Yale: Yale University Press.

Mainstream-Journalisten nicht AfD-Anhänger lassen sich am einfachsten irreführen

In den letzten Monaten ist es unter Journalisten immer beliebter geworden, über angebliche Studien zu berichten, bevor diese veröffentlicht werden. Die entsprechenden Studien, die man, weil nicht veröffentlicht, als dubios bezeichnen muss, liegen in der Regel angeblich entweder der Süddeutschen Zeitung oder dem Spiegel vor und finden von dort eine rasante Verbreitung durch die Mainstream-Medien, deren Originalität letztlich nur in den Fehlern besteht, die sie beim voneinander übernehmen oder kopieren oder abschreiben machen.

Die neueste Studie, die dieses Mal dem Spiegel vorliegt und auf deren Rezeption in der WELT wir uns hier beziehen, wurde von der „Berliner Denkfabrik ‚Stiftung neue Verantwortung‘“ durchgeführt, eine Stiftung, die nicht unbedingt bekannt dafür ist, dass ihre Angestellten in empirischer Sozialforschung besonders bewandert wären. Eigentlich ist die Stiftung bislang überhaupt nicht bekannt, uns jedenfalls nicht. Es ist also eine Stiftung, die bekannt werden will. Und was macht sich in Mainstream-Medien besser, um bekannt zu werden, als AfD-Bashing.

Die AfD-Anhänger, wer auch immer das sein mag, denn wir wissen nicht, ob es sich hier um AfD-Wähler, solche, die eine Wahlabsicht für die AfD oder eine Sympathie für die AfD angegeben haben, wir wissen nicht einmal wie viele AfD-Anhänger die Denkfabrikanten aus Berlin überhaupt befragt haben, wir wissen von ihnen nur, dass sie besonders anfällig für Fake-News sein sollen. AfD-Wähler, so der unbekannte Redakteur der WELT, der in der Überschrift zu seinem Beitrag noch von AfD-Anhängern geschrieben hat [er weiß es also auch nicht, auf wen sich die Ergebnisse eigentlich beziehen] seien für Falschnachrichten besonders anfällig. Die implizite Meldung die hier verbreitet werden soll, lautet natürlich: AfD-Wähler haben nur deshalb AfD gewählt, weil sie auf Falschnachrichten der AfD hereingefallen sind.

Alexander Sängerlaub, Leiter des Fake-News-Projekts, ordnet die Ergebnisse seines Fake-News-Projekts so ein: „Geglaubt wird, was ins Weltbild passt“.

Gibt es in der Sozialforschung einen älteren Hut als diesen?
Leon Festinger hat bereits 1957 seine Theorie der kognitiven Dissonanz veröffentlicht. Informationen, die nicht ins Weltbild passen, so Festinger, würden eben passend gemacht. Informationen, die ins Weltbild passen, schnell und problemlos inkorporiert.

Amos Tversky und Daniel Kahneman haben 1986 mit dem Konzept des Framing die Manipulationsvariante ergänzt und gezeigt, dass man mit der Formulierung von Fragen oder Aussagen Antworten beeinflussen kann.

Und damit sind wir wieder zurück bei der „Studie“ aus der „Denkfabrik in Berlin“, die angeblich zeigt, dass AfD-Wähler/Anhänger/Sympathisanten besonders anfällig sind für Falschnachrichten. Wir müssen die Studie, die angeblich dem Spiegel vorliegt, auf Basis der öffentlichen Informationen beurteilen, aber das reicht bereits, um feststellen zu können, dass auch die Denkfabrizierer aus Berlin nur gefunden haben, was ihnen ins Weltbild gepasst hat.

Folgende Aussagen wurden Befragten vorgelegt:

  • Der CDU-Wahlspruch ‚Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben‘, stammt von einem SED-Plakat.
  • Im baden-württembergischen Schorndorf randalierten 1000 Migranten auf einem Volksfest.
  • Flüchtlinge bekommen in Deutschland kostenlos einen Führerschein vom Staat finanziert.
  • 59 Prozent der Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss.
  • Flüchtlinge aus Baden-Württemberg machten mehrmals Urlaub in ihren Heimatländern.
  • Martin Schulz (SPD) fordert die Einführung eines sogenannten ‚Arbeitslosengeld Q‘.
  • Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann hat alle Deutschen als Nazis bezeichnet.

Fällt ihnen bei diesen Aussagen etwas auf?
Ein Bias vielleicht?
Eine Richtung?
Eine Zielgruppe?

Bis auf drei Aussagen haben alle Aussagen Flüchtlinge zum Gegenstand und somit ein Thema, von dem man angenommen wird, dass es bei AfD-Wählern die Wahrscheinlichkeit, bei Nichtwissen zum negativen Extrem zu tendieren, erhöht, bei Wählern von Grünen, SPD, CDU usw. den gegenteiligen Effekt haben kann. Man kann also erwarten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass AfD-Wähler/Sympathisanten/Anhänger die Aussage, dass Flüchtlinge aus Baden-Württemberg gleich mehrmals in ihrer Heimat Urlaub machen, in Schorndorf randaliert haben, zu 59% keinen Schulabschluss haben und den Führerschein umsonst machen dürfen, für wahr halten, höher ist als die entsprechende Wahrscheinlichkeit für CDU, Grüne, SPD und LINKE-Wähler.

Den Denkfabrikanten aus Berlin ist es ganz offensichtlich darum gegangen, AfD-Anhänger und –Wähler als anfälliger für Fake-News darzustellen. Wäre es ihnen nicht darum gegangen, sie hätten nicht alle Aussagen, die sich auf Flüchtlinge beziehen, in die selbe Richtung kodiert und z.B. als Aussage angeboten: Die meisten Flüchtlinge haben zwar einen Schulabschluss, aber keine Berufsausbildung. Oder: Die Flüchtlinge, die in Deutschland einen Führerschein machen, müssen diesen Führerschein aus ihren Hartz-IV-Bezügen finanzieren.

Noch deutlicher wird die Absicht der Denk- und wohl auch Ergebnisfabrikanten, die AfD-Wähler als besonders anfällig für Falschnachrichten hinzustellen, am Fehlen all der Themen, die für nicht-AfD-Wähler oder Sympathisanten oder Anhänger sensibel sind und deren Zustimmungswahrscheinlichkeit erhöhen. Welches Ergebnis bekäme man wohl, wenn man die folgenden Aussagen auf Richtigkeit beurteilen ließe von Anhänger/Wählern/Sympathisanten der CDU, FDP, SPD, von Grünen oder LINKE?

  • Glypohosat führt zu Bienensterben.
  • Kernenergie ist die gefährlichste Form der Energiegewinnung.
  • Kurdische Perschmerga haben irakische Regierungstruppen mit deutschen Raketen beschossen?
  • Arbeitgeber haben ein Kartell gebildet, um die Löhne in Deutschland niedrig zu halten.
  • Unternehmen versuchen über die Finanzierung von Unterrichtsmaterialien, Schüler in ihrem Sinne zu beeinflussen.
  • Der Sozialismus hat mehr Menschen umgebracht als der Kapitalismus.
  • Kommunisten haben mehr Menschen ermordet als Nationalsozialisten.
  • Am Sklavenhandel haben auch viele Schwarze verdient.
  • Die Ausschreitungen in Hamburg anlässlich des G20 wurden von Polizeibeamten in Zivil provoziert.
  • Donald Trump ist Mitglied des Ku-Klux-Klan.
  • Männerbünde sorgen dafür, dass Frauen weniger verdienen und seltener in Führungspositionen gelangen.
  • Frauen verdienen 22% weniger als Männer.

Welche Ergebnisse könnte man wohl vorweisen, wenn man Anhängern von CDU, FDP; SPD, Grünen und LINKE diese Aussagen vorgelegt hätte? Und wären AfD-Anhänger oder Wähler oder Sympathisanten dann immer noch diejenigen, die für FakeNews am anfälligsten sind. Wir halten die Wette, dass dies nicht der Fall wäre.

Die kurze Darstellung zeigt, dass die Berliner Denkfabrik entweder eine Fabrik ist, die manipulierte Umfrageergebnisse produziert oder eine, in der der Methoden der empirischen Sozialforschung kenntnislos gegenüberstehende Ideologen genau das in ihren Umfragen finden, was sie zu finden hoffen. Was auch immer zutrifft, Manipulation aus Unkenntnis oder Manipulation aus ideologischer Boshaftigkeit, es bleibt Manipulation. Jeder Journalist, der noch zum selbständigen Denken in der Lage ist, hätte das eigentlich mit einem einfachen Blick auf das, was gefragt wurde, sehen können. Aber für Journalisten gilt eben auch, dass sie genau das sehen, was ihnen ideologisch in den Kram passt.

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Gehört der Islam zu Deutschland?

Die Epoch Times berichtet heute von einer natürlich repräsentativen Befragung, die INSA für die BILD Zeitung durchgeführt hat. Befragt wurden 1000 Personen ob sie der Ansicht seien, dass der Islam zu Deutschland gehöre. 60%, teilten diese Aussage nicht, 24% gaben an, die Aussage zu teilen.

INSA scheint sich darauf spezialisiert zu haben, die Frage nach der Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland zu stellen. Vor einigen Wochen wurde dieselbe Frage im Auftrag des Cicero gestellt:

„Das Ergebnis damals: Nicht einmal jeder sechste Deutsche (17,9 Prozent) ist der Meinung, dass der Islam zu Deutschland gehört. Zwei Drittel der Befragten (64,2 Prozent) lehnen diese Aussage des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff und der Bundeskanzlerin Angela Merkel ab. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag von Cicero hervor.“

Nun addieren sich beide Male die Anteile nicht auf 100%, so dass man sich fragt, was ist mit den fehlenden einmal 16% und einmal 17,9% passiert? Haben die Befragten keine Meinung oder wohin sind sie verschwunden? Es gehört schon lange nicht mehr zur Lauterkeit der Berichterstattung, den Lesern genau mitzuteilen, wie die Frage, deren Ergebnisse verbreitet werden, eigentlich formuliert wurde und welche Antwortalternativen es gab.

Nach aller Erfahrung kann man davon ausgehen, dass die Frageformulierung durch INSA in etwa so aussieht:

Wie sehr stimmen Sie der Aussage: „Der Islam gehört zu Deutschland“ zu?
Voll und ganz, eher, eher nicht, überhaupt nicht.
Der Witz an solchen Frageformulierungen ist die Abstufung der Antwortmöglichkeiten. Genau diese Abstufung geht regelmäßig verloren, wenn die Ergebnisse berichtet werden.

Aber lassen wir das.
Fragen wir lieber: Was misst die Frage eigentlich?
Was ist der Gehalt der Aussage, der Islam gehört zu Deutschland?

Ist die Aussage normativ? Soll gemessen werden, ob die Befragten der Ansicht sind, dass Deutschland und Islam kompatibel oder eben nicht kompatibel sind?

Ist die Aussage deskriptiv? Soll geprüft werden, ob die Befragten wissen, dass in Deutschland rund 4,5 Millionen Muslime leben und damit zwangsläufig ein Teil Deutschlands sind, eben weil sei auf dem deutschen Staatsgebiet leben?

Wenn die Aussage deskriptiv ist, dann folgt aus der Verteilung der Antworten, dass gut 60% der Befragten nichts über das Land, in dem sie leben, wissen.

Wenn die Aussage normativ ist, dann wissen wir jetzt, dass gut 60% der Befragten es ablehnen, den Islam als Bestandteil von Deutschland anzusehen.

Aber was ist mit Deutschland gemeint?

Das Staatsgebiet? Die Nation?

Die deutsche Kultur, also alle kulturellen Leistungen, die z.B. von Deutschen geschaffen wurden und die nun als die deutsche Kultur konstituierend angesehen werden, von den schwäbischen Maultauschen über Ernst Schrödinger bis zu VW?

Das deutsche Narrativ, also das, was den Staat Deutschland als solchen konstituiert, die historischen Begebenheiten, die zusammengenommen die Existenz von Deutschland nach sich gezogen haben, von der Schaffung der Bonner Republik durch die West-Alliierten über den Vereinigung der beiden Deutschlands bis zum Verzicht auf Kernenergie?

Wozu gehört der Islam nach Ansicht der Mehrheit der Deutschen also nicht oder was um aller Götter willen wurde hier gemessen?

Zyklon b gehört zu Deutschland.

Rechtlich und formal haben Religionen überhaupt nichts mit Deutschland zu tun, denn Deutschland ist ein säkularer Staat. Konsequenterweise gehören auch das Christentum und das Judentum nicht zu Deutschland.

Kulturell ist das anders. Die deutsche Kultur enthält christliche und jüdische Elemente, sie enthält aber auch arabische Elemente, z.B. den Döner oder die Algebra. Kultur ist offensichtlich fluide und längst voller arabischer Einflüsse, z.B. in gerösteter und aufgebrühter Form. Folglich wäre es abermals sinnlos, den arabischen Beitrag zur deutschen Kultur zu leugnen. Hier stellt sich natürlich die Frage, ob man arabische Kulturleistungen zu 100% mit dem Islam gleichsetzen kann.

Bleibt der politische Narrativ, der letztlich das demokratische Deutschland zum Gegenstand hat, seine Normen und die Werte, auf denen es aufbaut. Abermals sind diese Normen flüssig. Der Kampf, den Homosexuelle und Feministen führen, ist ein Kampf, der das demokratische Deutschland, wie man es aus den 1950er Jahren kennt, verändern soll. Witziger weise stehen Muslime mit den Werten, die sie mehrheitlich teilen, zumeist in Opposition zu der Gesellschaft, die Feministen und Homosexuellen vorschwebt, sind sie mit ihren Moralvorstellungen eher Vertreter der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland.

All die Versuche, die so pauschal formulierte Frage mit Sinn zu füllen, scheitern, weil man letztlich zu der Einsicht kommt, dass es „den Islam“ nicht gibt. Es gibt eine Vielzahl von Vorstellungen über den Islam, und niemand weiß, welche Vorstellung derjenige, der gerade sagt, er sei eher der Ansicht, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, hat. Fragen wie die dargestellte, sind absoluter Unsinn und nur da denkbar, wo Sozialforschung eher daran interessiert ist, Beiträge zum Populismus zu erbringen, als daran, wissenschaftliche Ergebnisse zu produzieren.

Variieren wir die pauschale Frage, und ihre Nutzlosigkeit wird sehr deutlich:
Wie sehr stimmen Sie den folgenden Aussagen zu?

  • Der Nationalsozialismus gehört zu Deutschland.
  • Deutsch Südwest-Afrika gehört zu Deutschland.
  • Die Zeugen Jehovas gehören zu Deutschland.
  • Die Bader-Meinhof-Gruppe gehört zu Deutschland.
  • Der Genderismus gehört zu Deutschland.
  • Hein Rühmann gehört zu Deutschland.
  • Die SED gehört zu Deutschland.
  • Der Marxismus gehört zu Deutschland.
  • Die Franziskaner gehören zu Deutschland.
  • Der Holocaust gehört zu Deutschland.
  • Die Münchner Räterepublik gehört zu Deutschland.
  • Das Oktoberfest gehört zu Deutschland.
  • Die Olympischen Sommerspiele von 1972 gehören zu Deutschland.
  • Stechmücken gehören zu Deutschland.
  • Der Kaiser gehört zu Deutschland.
  • Die Polen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ins Ruhrgebiet eingewandert sind, gehören zu Deutschland.
  • Die Polen, die in den letzten Jahren zugewandert sind, gehören zu Deutschland.
  • Rußlanddeutsche gehören zu Deutschland.
  • Der 30jährige Krieg gehört zu Deutschland.
  • Die Aufklärung gehört nicht zu Deutschland.
  • Kritischer Rationalismus gehört zu Deutschland.
  • Kapitalisten gehören zu Deutschland.
  • Pfälzer gehören nicht zu Deutschland.
    Usw.

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Warum und wie die AfD in Wahlumfragen systematisch unterschätzt wird

Manchmal flattern uns Pressemeldungen auf den Tisch, die zunächst zu einem Runzeln von Stirnen führen, dann zu erhöhter Neuronen-Aktivität, um schließlich in der Erkenntnis zu münden, dass wir hier etwas haben, das es ermöglicht, Fragen zu beantworten, die die Pressemelder gar nicht im Sinne hatten als sie ihre Meldung verfasst haben.

YouGov hat eine solche Pressemeldung verfasst.

Was haben Sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt?
Das wissen Sie doch noch, oder?
Es wäre gut, wenn Sie das wüssten, denn die entsprechende Frage ist ein fester Bestandteil vieler Wahlumfragen und von Befragungen, die sich mit der Erklärung von Wahlverhalten befassen.
Der Gedanke, dass die Antworten von Befragten zu ihrem Wahlverhalten willkürlich sind oder nicht der getroffenen Wahl entsprechen …
All hell would break lose

39% der von YouGov im Rahmen einer Wahlumfrage 2013 und 2017 Befragten, geben 2017 dann, wenn sie danach gefragt werden, was sie 2013 bei der Bundestagswahl gewählt haben, eine andere Antwort als sie 2013 gegeben haben.

39%, die nicht wissen, was Sie gewählt haben?
Oder es nicht mehr wissen wollen?

Wir versuchen, Sinn aus diesem Ergebnis zu machen.
Vier mägliche Erklärungen drängen sich auf:

(1) Befragte haben 2013 darüber gelogen, welche Partei sie gewählt haben und erinnern sich nicht mehr daran, dass sie gelogen haben.
(2) Befragte lügen 2017, wissen also genau, welche Partei sie 2013 gewählt haben.
(3) Befragte machen 2013 und 2017 spontane Angaben, die mit ihrer Wahlentscheidung nichts zu tun haben, lügen also beide Male.
(4) Befragte wissen tatsächlich nicht mehr, welche Partei sie 2013 gewählt haben.

Jede der vier Möglichkeiten ist für die Wahlforschung ein Problem, das sich zur Katastrophe entwickeln kann:

(1)
Dass Befragte direkt nach einer Wahl in einer entsprechenden Befragung angeben, eine andere Partei gewählt zu haben als sie tatsächlich gewählt haben, ist ein aus vielen Wahlumfragen der 1980er Jahre bekanntes Phänomen. Es hat eine eindeutige Richtung, denn die Anteile der Parteien, die die Wahl gewonnen haben, sind regelmäßig in Nachwahlumfragen und verglichen mit dem tatsächlichen Wahlergebnis zu hoch. Das Phänomen wird gemeinhin so interpretiert, dass die entsprechenden Befragten lieber auf der Seite der Gewinner als auf der Seite der Verlierer stehen. Anstelle der Annahme, dass Befragte lieber auf der Seite des Siegers stehen wollen, kann man auch die Annahme machen, dass Befragte Angst davor haben, nicht auf der Seite des Siegers zu stehen.

(2)
Wenn Befragte 2013 eine korrekte Angabe über die Partei ihrer Wahl gemacht haben und 2017 lügen, dann stellt sich die Frage: Warum? Drei Antworten fallen uns ein:
a) Die Parteipräferenz hat sich zwischenzeitlich geändert. Wie die Sozialpsychologie wieder und wieder zeigt, streben Menschen nach Konsistenz in ihrem Verhalten. Entsprechend wäre die Lüge eine Anpassung an die neue Parteipräferenz.
b) Angesichts der Entwicklung, die die Partei der Wahl aus dem Jahre 2013 genommen hat, sind die entsprechenden Befragten entfremdet oder beschämt und wollen nicht mehr zugeben, diese Partei gewählt zu haben.
c) Die Befragten haben mittlerweile Angst, ihre Wahlentscheidung korrekt anzugeben.

(3)
Befragte, die sowohl 2013 als auch 2017 eine falsche Angabe zu der Partei gemacht haben, die sie 2013 gewählt haben wollen, lassen sich auf vier Wegen erklären:

a) Das Wahlgeheimnis ist den Befragten zu wichtig, als dass sie es in einer Befragung lüften würden. Sie trauen sich aber nicht oder haben keine Gelegenheit, dem Interviewer genau das zu sagen.
b) Die Befragten hören in den zumeist telefonisch geführten Interviews nicht richtig zu und geben irgendwelche Antworten, die letztlich nicht ihr Wahlverhalten wiedergeben.
c) Die Befragten machen sich einen Spass mit dem Interviewer und geben willkürliche Antworten.
d) Die Befragten haben Angst, ihre tatsächliche Wahlentscheidung kund zu tun.

(4)
Für Befragte, die tatsächlich nicht mehr wissen, welche Partei sie 2013 gewählt haben, spielen Bundestagswahlen keine Rolle. Ihre Wahlentscheidung ist spontan, folgt keinerlei Regelmäßigkeit und hat keinerlei Inhalte zum Gegenstand, denn wäre das Gegenteil der Fall, die Befragten würden sich erinnern. Da sie sich nicht erinnern, kann die Bundestagswahl für sie mit keinerlei relevanten Inhalten verbunden gewesen sein.

Die Erklärungen, die wir zusammengetragen haben, lassen sich auf die folgenden Kategorien verallgemeinern:

• Befragte haben Angst, ihre Wahlentscheidung anzugeben;
• Die Bundestagswahl hat für die Befragten keinerlei Relevanz, ihre Stimmabgabe ist spontan, eine Laune des Augenblicks.
• Die Abweichungen zwischen den Angaben der Jahre 2013 und 2017 ergeben sich aufgrund methodischer Mängel, die sich mit den Befragungen verbinden;

Und irgendwie scheinen sich Angst, Irrelevanz und methodische Mängel auf 39% der Befragten zu summieren. Egal, wie diese 39% zu Stande kommen, sie haben zur Konsequenz, dass die Ergebnisse der derzeitigen Wahlumfragen kaum einen Pfifferling wert sind. Stellt man die 39% in Rechnung, dann müsste man z.B. in die neueste Umfrage von Infratest dimap einrechnen, dass im Ergebnis Befragte enthalten sind, die aus Angst eine andere Partei angeben, als sie zu wählen beabsichtigen. Die einzige Partei, bei der sich eine Wahlentscheidung mit Angst verbinden kann, ist die AfD. Methodische Mängel, die dazu führen, dass Befragte irgendwelche Angaben machen, sind aufgrund der Gewichte der verschiedenen Parteien nicht zufällig verteilt. Sie führen vielmehr dazu, dass die Anteile der beiden großen Parteien überschätzt werden. Welche Partei die Partei der Wahl ist, die aus einer Laune des Augenblicks benannt wird, ist eine Frage, die systematisch nicht zu beantworten ist. Warum? Weil es sich um eine Laune des Augenblicks handelt.

Bleibt festzustellen, dass in den derzeitigen Wahlumfragen dann, wenn das Ergebnis von YouGov zutrifft, die Anteile von CDU und SPD überschätzt und die Anteile insbesondere der AfD unterschätzt werden. Wir haben auf Grundlage der letzten Umfrage von Infratest dimap und unter Berücksichtigung der Entwicklung, wie sie sich in den Wahlumfragen der letzten beiden Jahre niederschlägt, versucht, die Größenordnung dieses Fehlers zu bestimmen.

Dabei sind wir zu dem folgenden Ergebnis unserer konservativen Schätzung gekommen:

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Ein Wegweiser durch den Umfrage-Junk – Keine CDU/FDP Mehrheit in Niedersachsen oder doch?

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen …

Wie, so hat uns ein befreundeter Journalist gefragt, kann man sich durch die Sturzflut an Umfragen finden, die vor den Wahlen auf die Leser der verschiedensten Medien einprasselt, wie die Guten von den Schlechten, den Junk von den ansatzweise ernst zu nehmenden Umfragen unterscheiden?

Wir wollen ein paar Kniffe am Beispiel einer NDR-Umfrage zur Landtagswahl in Niedersachsen offenlegen.

Der NDR berichtet:

„Die CDU liegt in Niedersachsen in der Gunst der Wahlberechtigten aktuell deutlich vorn. Allerdings erreicht sie zusammen mit der FDP zurzeit nicht die Mehrheit. Bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen wären rein rechnerisch eine schwarz-grüne Regierung oder eine große Koalition möglich. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks.

„Wenn schon am nächsten Sonntag in Niedersachsen gewählt würde, wäre die CDU wieder die stärkste Partei im Land, wie schon bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2013. Aktuell liegt die Union bei 40 Prozent. Sie hat damit im Vergleich zur letzten Landtagswahl deutlich hinzugewonnen (2013: 36,0 Prozent). Die SPD erreicht in der NDR Umfrage 32 Prozent (2013: 32,6 Prozent). Platz drei behaupten bei deutlichen Verlusten die Grünen mit 9 Prozent (2013: 13,7 Prozent), gefolgt von der FDP mit aktuell 7 Prozent (2013: 9,9 Prozent).
Neu im Landesparlament vertreten wäre die AfD. Sie erzielt in der NDR Umfrage jetzt 6 Prozent. Die Linke hingegen würde mit 3 Prozent erneut an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern (2013: 3,1 Prozent).

Weiter unten im Text findet sich dann das, was man zur Einschätzung der gerade zitierten Aussagen als die relevante Information ansehen kann:

„Das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap befragte im Auftrag des NDR am 8. und 9. August 2017 insgesamt 1003 zufällig ausgesuchte, wahlberechtigte Personen ab 18 Jahren in Niedersachsen. Die Fehlertoleranz beträgt zwischen 1,4 Prozentpunkten (bei 5% Anteilswert) und 3,1 Prozentpunkten (bei 50% Anteilswert).“

Interessanter Weise ist hier erstmals von „zufällig“ ausgewählten Befragten die Rede. Natürlich lässt vergisst der NDR Schreiber nicht, darauf hinzuweisen, dass die Umfrage repräsentativ ist. Das Wort „repräsentativ“ ist ein fester Bestandteil des Katechismus und es ist notwendig, um den Lesern vorzugaukeln, hinter den Ergebnissen stände mehr als tatsächlich dahinter steht.

Was steht tatsächlich dahinter?

Zunächst einige Informationen, die Wahlforscher gut hüten: Als es noch Bundestags-Wahlumfragen in Deutschland gab, die diesen Namen verdienen, also Panelumfragen, bei denen dieselben Befragten zweimal vor einer Bundestagswahl und einmal nach einer Bundestagswahl u.a. danach gefragt wurden, welche Partei sie wählen werden bzw. gewählt haben, hat sich regelmäßig gezeigt:

  • Es gibt viele Wähler, die vor der Wahl eine andere Partei angeben als nach der Wahl. Ihr Anteil beläuft sich pi-mal-Daumen auf rund ein Viertel der Befragten.
  • Auf Basis der Vorwahlumfragen kann das tatsächliche Ergebnis der Bundestagswahl nicht vorhergesagt werden und auf Basis der Nachwahlumfragen noch viel weniger. Nachwahlumfragen leiden darunter, dass unter den Befragten, die nach einer Wahl gefragt werden, welche Partei sie gewählt haben, eine Gruppe, die zwischen 5% und 15% der Befragten umfasst, zu finden ist, die ihre Wahlentscheidung an den Wahlsieger anpasst, d.h. Bei Nachwahlumfragen wird der Anteil der Partei, die die Wahlen gewonnen hat, regelmäßig viel höher gemessen als er tatsächlich ist.
  • Im Gegensatz dazu leiden Vorwahlumfragen Vorwahlumfragen darunter, dass neue Parteien regelmäßig schlechter wegkommen als sie nach der Wahl dastehen. D.h. die Anteile von Parteien, die nicht im Parlament vertreten sind, sind in Umfragen vor der Wahl in der Regel zu niedrig.

Kurz:

  • Es gibt einen nennenswerten Anteil von Wählern, die vor der Wahl eine andere Partei in Umfragen angeben als sie tatsächlich wählen bzw. nach der Wahl als Partei angeben, die sie gewählt haben.
  • Es gibt die Tendenz, die eigene Wahl bzw. Wahlabsicht an das anzupassen, was man als Ergebnis der Bundestagswahl erwartet oder kennt.
  • Die Anteile neuer Parteien, die noch nicht im Parlament vertreten sind, sind in Umfragen regelmäßig geringer als in der nachfolgenden Wahl.

Das reicht eigentlich schon, um Wahlumfragen skeptisch gegenüber zu stehen.

Hinzukommt das, was von Umfrageinstituten gewöhnlich hinter der kryptischen Formulierung: „Die Fehlertoleranz beträgt zwischen 1,4 Prozentpunkten (bei 5% Anteilswert) und 3,1 Prozentpunkten (bei 50% Anteilswert)“ verborgen wird.

In kurzer Schreibweise 5% : 1,4%-Fehler bzw. 50% : 3,1% Fehler. Interpoliert man die Werte, dann ergeben sich 45 –Stimmenprozente auf die 1,7-Fehlerprozente verteilt werden müssen, also: 0,038% Fehler per 1% Stimme.

Die Umfrageergebnisse des NDR:

  • CDU: 40%
  • SPD: 32%
  • Grüne: 9%
  • FDP: 7%
  • AfD: 6%

Die Prozentwerte sind in sofern irreführend, als sie Mittelpunkt eines Wertebereichs sind, der durch den statistischen Fehler bestimmt wird. Bis 5% haben wir einen Fehler von 1.4% ab 5% einen Zuwachs von 0,038%-Fehler per 1% Stimmenzuwachs. Somit ergibt sich für die CDU ein Fehler von 2,73%, d.h. der tatsächliche Wert, der auf Grundlage der 1003 Befragten für das voraussichtliche Ergebnis der CDU bei der nächsten Wahl in Niedersachsen erwartet werden kann, liegt zwischen:

37,27% und 42,73%

Für die SPD ergibt sich ein Fehler von 2,426% und somit ein erwartetes Ergebnis zwischen 29,574% und 34,426%.
Die entsprechenden Wertbereiche für die Grünen, die FDP und die AfD lauten:

Grüne: 7,448% – 10,552%
FDP: 5,524% – 8,476%
AfD: 4.562% – 7,438%

Im dargestellten Wertebereich ist eine absolute Stimmenmehrheit für CDU und FDP enthalten (51,206%). Dieses Ergebnis hat die gleiche Wahrscheinlichkeit, wie das Ergebnis, das der NDR darstellt. Entsprechend ist der zweite Teil der Aussage: „Die CDU liegt in Niedersachsen in der Gunst der Wahlberechtigten aktuell deutlich vorn. Allerdings erreicht sie zusammen mit der FDP zurzeit nicht die Mehrheit.“ falsch. Die Daten, auf die sich der NDR Redakteur bezieht, lassen diese Aussage schlicht nicht zu. Eine absolute Mehrheit für CDU und FDP ist auf Basis dieser Umfrage ebenso wahrscheinlich wie keine absolute Mehrheit für CDU und FDP.

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