Hypokrisie: Das politische System der Heuchler

„Im Widerspruch zur eigenen Vernunft zu leben, ist der unhaltbarste aller Zustände“. Das soll Leo Tolstoj gesagt haben. Ob er es gesagt hat oder nicht, ist unerheblich. Wichtig ist einzig die Ansicht, dass es Menschen nicht zuträglich sein kann, wenn sie wider ihre Vernunft handeln.

FestingerDas „Wider-die-Vernunft-Handeln“ hat auch Leon Festinger, einen der frühen Sozialpsychologen fasziniert. Die Theorie der Kognitiven Dissonanz ist das Ergebnis dieser Faszination. Darin postuliert Festinger, was zwischenzeitlich etliche Male belegt wurde, nämlich dass Menschen eine Reihe von Möglichkeiten in ihrem Arsenal haben, um den Widerspruch zur eigenen Vernunft zu überdecken und sich selbst zu täuschen, dadurch, dass sie Fakten schlicht ignorieren, dadurch, dass sie die Fakten wegzureden versuchen. Die beiden Möglichkeiten zählen für Festinger zu den kognitiven Störungen. Mit anderen Worten: Wer im Widerspruch zur eigenen Vernunft lebt, der hat nicht nur für Festinger nicht mehr alle Tassen im Schrank oder er hat ein Kalkül, das den Widerspruch zum Opportunismus werden lässt, der wiederum dem Ziel dient, sich selbst Vorteile zu verschaffen.

Es ist in diesem Sinne, dass wir von einer Hypokrisie sprechen und damit das deutsche politische System meinen, wobei zum politischen System nicht nur diejenigen gehören, die direkt daran verdienen, sondern auch oder gerade das Meer der Aktivisten, die bereits vom politischen System profitieren oder hoffen, dass sie in Zukunft davon profitieren werden. Wir folgen also dem, was Anthony Downs in seiner Darstellung politischer Systeme bereits vor 60 Jahren festgestellt hat.

Wir sind, das soll an dieser Stelle vorweggeschickt werden, noch nicht sicher, ob man das politische System Deutschlands eher als Hypokrisie oder als Form organisierter Nutznießung beschreiben kann. Wir werden die Frage der organisierten Nutznießung, die ja nicht unabhängig von der Hypokrisie ist, in einem weiteren Beitrag erörtern.

An dieser Stelle geht es um die Darstellung der Hypokrisie, anhand der Formen, in denen sie sich äußert.

Einige Beispiele von Hypokrisie haben wir zusammengestellt, die verdeutlichen, wie offen der Widerspruch, den man als Heuchelei qualifizieren muss, von den Mitgliedern der politischen Klasse und ihren Anhängseln in Medien und im Multiplikatoren- bzw. Nutznießer-Netzwerk ist.

Gestern hat die Antidiskriminierungsstelle (ADS) Ergebnisse einer Umfrage zu „Diskriminierung in Deutschland 2015“ veröffentlicht. Seither jammern die Medien, dass 31,4% der Deutschen schon einmal Diskriminierung erlebt hätten. Was von der Umfrage der ADS zu halten ist und warum es sich dabei um eine Junk-Umfrage handelt, das haben wir an anderer Stelle beschrieben. An dieser Stelle geht es um die Hypokrisie, die endemische Heuchelei in den Medien, die nur die Heuchelei durchwinkt, die in der politischen Klasse vorhanden ist.

I

Nehmen wir z.B. den Spiegel und die folgenden beiden Beiträge:

  • Roman Reusch: AfD-Politiker zum leitenden Oberstaatsanwalt in Berlin befördert.

Hypocrisy-certificateIm ersten Beitrag echauffiert sich ein Journalist darüber, dass ein Staatsanwalt, der auch Mitglied der AfD ist, zum Oberstaatsanwalt befördert wird. Die Verfehlung des Staatsanwaltes besteht nach Ansicht des Journalisten in seiner Gruppenmitgliedschaft bei der AfD. Die Zuordnung von Gruppenmerkmalen, die sich aus der Gruppenmitgliedschaft ergeben zu Individuen und deren dadurch erfolgt Entindividualisierung, denn ihre eigene Leistung tritt hinter die Gruppenzugehörigkeit zurück, ist ein Merkmal, das zur Bestimmung von Rassismus benutzt wird. Diese Systematik ist also die Grundlage von Rassismus, von Vorurteilen und allem, was im Bereich der Herabwürdigung von anderen und unter dem Stichwort Diskriminierung in der wissenschaftlichen Literatur thematisiert wird. Der Spiegel offenbart sich also mit diesem Artikel als rassistisches Blatt, in dem Menschen nur aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit abgelehnt werden. Diese Spiegel-Praxis bleibt gänzlich unwidersprochen.

Im zweiten Beitrag wird im Spiegel darüber geklagt, dass „Sexismus, Rassismus, Intoleranz in jeder Form“ in Deutschland vorzufinden sei und: „Viele Menschen in Deutschland fühlen sich herabgewürdigt, vor allem im Job. Eine groß angelegte Umfrage hat nun herausgefunden, wer besonders betroffen ist“.

Nebenbei bemerkt folgt nun eine echte Spiegel-Falschmeldung, denn dem verantwortlichen Redakteur ist nicht aufgefallen, dass das Ergebnis von den 31,4%, die davon berichten, in den letzten 24 Monaten einmal diskriminiert worden zu sein, auf Grundlage von 992 Befragten gewonnen wurde. Die 18.000 Befragten, die der Spiegel geortet hat, gehören in eine andere Befragung, die die ADS mit eingewoben hat, um kognitiv oder motivational unterdurchschnittlich Ausgestattete in Redaktionen, die nicht lesen können oder nebenbei schreiben, zu täuschen. Es ist nichts einfacher als das, wie sich zeigt.

Dasselbe Blatt, das auf einer Seite krude diskriminiert und alle Kriterien erfüllt, um als rassistisch durchzugehen, beklagt eine Seite weiter, dass in Deutschland so viel diskriminiert werde. Einmal ist es politisch opportun, den Mann mit der falschen Gesinnung zu diskriminieren, einmal ist es politisch opportun, die furchtbare Diskriminierung, die sich Spiegel-Redakteure nur von einer politischen Seite vorstellen können, anzuprangern und sich darüber zu ereifern. Eifern scheint überhaupt das Hauptausdrucksmittel in der Hypokrisie zu sein. Vermutlich verspricht man sich vom Eifern, die Widersprüche im eigenen Denken unbemerkt zu lassen.

Was käme wohl dabei heraus, wenn Roman Reusch gefragt würde, ob er in den letzten 24 Monaten schon einmal wegen seiner Weltanschauung oder wegen seiner politischen Meinung diskriminiert wurde? Etwas, was sich Redakteure beim Spiegel so wenig vorstellen können, wie die Antidiskriminierer bei der ADS, deren beste Rolle darin besteht, zu heucheln, wie das nächste Beispiel zeigt:

II

Sie haben die Umfrage noch in Erinnerung? 31,4% der 992 Befragten geben an, sie hätten in den letzten 24 Monaten eine Diskriminierungserfahrung gemacht. Manche sind z.B. der Ansicht, sie seien wegen ihres Geschlechts diskriminiert worden. Ein Umstand, der im Pamphlet der ADS hinreichende Würdigung erfährt und der natürlich zu Gunsten der armen Frauen, denn nur Frauen sind für die ADS geborene Opfer, beklagt wird. Da Diskriminierung sowohl positive als auch negative Formen haben kann, stellt sich die Frage, wo das Vorurteil der ADSler denn herkommt, dass Frauen unter Diskriminierung leiden und nicht von Diskriminierung profitieren, also dass sie positiv diskriminiert werden.

Wo auch immer das Vorurteil herkommt, niemand findet bei der ADS etwas dabei, Männer, die sich auf ausgeschriebene Positionen an Hochschulen bewerben, offen zu diskriminieren und zu täuschen, sie als Feigenblatt zu missbrauchen, damit die eigene Heuchelei nicht zu offenkundig wird. Diese Heuchelei, sie besteht darin, dass die Positionen an Universitäten nur ausgeschrieben werden, um weibliche Bewerber darauf berufen zu können. Diese Bevorzugung widerspricht dem Antidiskriminierungsgesetz, weshalb es notwendig ist, die Bevorzugung nicht als Bevorzugung erscheinen zu lassen. Instrumentell dazu, die Bevorzugung weiblicher Bewerber und die damit notwendig verbundene Diskriminierung männlicher Bewerber nicht offenkundig und somit als Rechtsbruch erkennbar werden zu lassen, sind männliche Bewerber, die sich über den wahren Zweck von Ausschreibungen „im Rahmen des Professorinnenprogramms“, wie die Floskel heißt, täuschen lassen und als Feigenblatt für die Diskriminierung männlicher Bewerber herhalten.

Abermals denkt man, dass der entsprechende Widerspruch, die Vernunft derer, die ihn begehen, hier der ADSler und ihrer Helfershelfer in den Hochschulen, auf den Plan rufen müsste. Abermals tritt die Vernunft zurück, wenn es darum geht, sich einen Vorteil zu verschaffen und den eigenen Opportunismus auszuleben. Abermals kann man also konstatieren, dass eine Hypokrisie vorhanden ist.

Die Beispiele der Heuchelei, sie lassen sich beliebig fortsetzen. Sie umfassen einen Justizminister-Darsteller, der wie ein Proband von Burrhus Skinner auf bestimmte Reize reagiert und als Reaktion immer Gesetze verschärfen will. Er verfolgt Personen, die aus seiner Sicht Hasskommentare verfassen, mit einem mindestens ebenso großen Hass, macht sich mit Ex-Stasi-Spitzeln gemein und sieht geistige Brandstifter, die die für das Gesetze-Verschärfen so wichtigen Hasskommentare verfassen, und natürlich geht sein Hass soweit, dass er die Hasskommentierer aus seiner Demokratie ausschließen will, kurz, er ist in jedem Punkt das, was er angeblich bekämpft.

Ein würdiger Vertreter der Hypokrisie, dessen Ziel vornehmlich darin besteht, sich selbst zu bereichern und dazu Dinge zu erzählen, die dem eigenen Verstand, sofern er denn am Denken und Sprechen beteiligt ist, als Widerspruch auffallen müssten.

 

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7 Responses to Hypokrisie: Das politische System der Heuchler

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Hypokrisie: Das politische System der Heuchler

  2. Ich moechte gerne jemandem, der es wirklich verdient, ein „Certificate of Hypocrisy“ verleihen. Wo kann ich mir das Formular dazu beschaffen?

  3. fdominicus says:

    Wie tolerant war denn auch der Spiegel bei der Jagd auf Frau Herrmann und Herrn Sarrazin? Was waren die Reaktionen auf völlig enstellte wiedergegebene Aussagen für Herrn Pirrinci. Man muß ganz klar feststellen es gibt eine gute Intoleranz und eine schlechte. Die Grenzen werden dabei von der Elite und der Lückenpresse aufgezeigt.

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  5. Ein damit eng verbundenes Problem besteht in der politischen Korrektheit und wiederum damit verbundenen „bundesrepublikanischen Politritualen“.

    Widersprüche innerhalb der eigenen Weltanschaung besitzt praktisch jeder, der eine mehr der andere weniger. Sofern man aber eine halbwegs offene Diskussionskultur besitzt, sind praktisch alle Interessierten damit beschäftigt auf solche Widersprüche aufmerksam zu machen, da es sich bei solchen Hinweisen um durchschlagende Argumente handelt. Das ist aber in Bezug auf Reizthemen in diesem und anderen westlichen Ländern nicht möglich, was zur Folge hat, dass diese Widersprüche kaum noch zur Sprache kommen und wenn sie geäußert werden, sogar als persönlicher Angriff / Beleidigung oder Straftatbestand gewertet werden.

    Man könnte das ebenfalls so formulieren: Widerspruch und Gegenargumente, die prinzipielle Quelle von Erkenntnis (von Fehlern), wurden als Unkultur etabliert. Konsequenz ist dass allerlei kognitive Dissonanzen nicht mehr realisiert werden und sich andauernd wiederholen.
    Statt der Äußerung und rationaler Beschäftigung dient als Ersatz das, was ich als „bundesrepublikansiche Politriten“ bezeichne.
    Augenfälligster davon ist das Distanzierungsritual, was keinem anderen Zweck dient, als irrationale Unterstellungen zu delegitimieren. Wichtiger als der Inhalt von Äußerungen ist, Andere davon zu überzeugen, dass ihre irrationale Assoziation nicht zutrifft.
    Beispielhaft ist die gegenwärtige von der AfD ausgelöste und sich alle paar Jahre zyklisch wiederholende Diskussion um den Islam.
    Man ist durchaus darüber im Bilde, dass diese Religion prägendes Merkmal einiger Nationen und Kulturen dieses Planeten ist, welche nach freiheitlichen Kriterien bewertet – freundlich formuliert – unterdurchschnittlich abschneiden. Dennoch wird partout ausgeschlossen, dass diese Religion mit zunehmender Anzahl seiner Repräsentanten irgendeinen illiberalen Effekt auf Nationen hat, die zumindest de jure freiheitlich verfasst sind. Statt rational auf Sinn und Unsinn im Inhalt der AfD-Positionen hinzuweisen, ist man mal wieder mehrheitlich mit Assoziationen beschäftigt. Trotz und im hochgradigen Widerspruch zum Wissen über Zustände in islamisch geprägten Ländern.

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