Im Krankenhaus sterben die Leut’: Politik und 18.800 Kunstfehler-Tote pro Jahr

Eine Geschichte in drei Akten:

Akt I

2014 war es als der Krankenhausreport Wellen geschlagen hat. 188.000 Behandlungsfehler und 18.800 Tote in Folge von Behandlungsfehlern sind in Deutschlands Kliniken zu beklagen. So hat es Max Geraedts, Professor an der Universität Witten-Herdecke, geschätzt. Schätzen muss er, denn die Sorge der Politiker um die Patienten unter ihren Bürgern, sie ist nicht groß genug, um die eigene Aversion gegen Zahlen zu überwinden.

Krankenhausreport 2014Also hat Geraedts auf eine ältere Schätzung aus Deutschland zurückgegriffen, aus dem Jahre 2007, die wiederum auf Studien zurückgegriffen hat, die man im Ausland angefertigt hat, in Ländern, in denen man wissen will, was im Lande und an Krankenhäusern so vor sich geht. Rund 1% der Behandlungen resultieren in einem Fehler, so hat die internationale Forschung gezeigt und zudem hat sie gezeigt, dass das eine Prozent landesunabhängig ist, d.h. die jeweilige nationale Ausgestaltung des Gesundheitssystems scheint keinen Einfluss auf die Anzahl der Behandlungsfehler zu haben: 1% Behandlungsfehler und 0,2% Tote als Ergebnis der Behandlungsfehler, so das internationale Diktum, das Geraedts im Jahre 2014 abermals auf Deutschland übertragen hat, in leicht angepasster Form, denn die Todesfolgen der ärztlichen Fehler, er hat sie auf 0,1% aller Fälle reduziert. Das gibt immer noch 18.800 Tote und 188.000 Behandlungsfehler und bedeutet: Als Folge von Behandlungsfehlern kommen mehr Menschen zu Tode als im Straßenverkehr.

Der Aufreger! Jedenfalls für den Vorsitzenden der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Alfred Dänzer, war er das. Und entsprechend hat er von der AOK verlangt, dass dieselbe sich für die Behauptung, in Krankenhäusern würden jährlich 18.800 Menschen als Folge von Behandlungsfehlern zu Tode kommen, entschuldigt. Die AOK ist der Auftraggeber des Krankenhausreports.

Der Witz an der Geschichte: Dänzer hat so wenig gesicherte Daten wie Geraedts. Aber während Letzterer für seine Forschung ins Feld führen kann, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass es sich in Deutschland ausgerechnet bei Behandlungsfehlern anders verhält als in anderen westlichen Ländern, kann Dänzer für sich nur ins Feld führen, dass ihm das Ergebnis nicht passt.

Zeit, den Schiedsrichter ins Boot zu holen und die Bundesregierung danach zu fragen, welche Erkenntnisse über die Sterblichkeit von Patienten aufgrund von Behandlungsfehlern ihr denn vorliegen.

Akt II

Die entsprechende Frage nach den Erkenntnissen der Bundesregierung haben Kathrin Vogler, Harald Weinberg, Sabine Zimmermann und die anderen Mitglieder der Fraktion Die Linke, die vom Krankenhausreport aufgeschreckt wurden, gestellt und im Juli 2014 haben sie eine Antwort bekommen:

„Die Bundesregierung misst der Patientensicherheit eine große Bedeutung zu. Sie hat deshalb unterschiedliche Maßnahmen und vielfältige Aktivitäten zur Stärkung der Patientensicherheit ergriffen. Hierunter fällt die Gründung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e. V. (APS) im Jahr 2005, das von Beginn seiner Tätigkeit sowohl ideell als auch finanziell durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unterstützt wird. […] In dem Jahr 2009 wurde ebenfalls mit ideeller Förderung des BMG das Institut für Patientensicherheit (IfPS) gegründet, das an der Universität Bonn angesiedelt ist.“

Wenn es darum geht, Patientensicherheit zu gewährleisten, denkt man bei der Bundesregierung also in erster Linie daran, Arbeitsplätze zu schaffen, deren Inhaber sich dann irgendwie um Patientensicherheit kümmern sollen. Woran man bei der Bundesregierung offensichtlich nicht denkt, das ist die Frage danach, wie sich die Situation der Patientensicherheit derzeit überhaupt darstellt. Wozu wissen, was ist, wenn man unbeschwert von empirischen Daten werkeln kann?

“Studien zu vermeidbaren Todesfällen in deutschen Krankenhäusern sind der Bundesregierung nicht bekannt.“

Akt III

Die große Bedeutung, die die Bundesregierung der Patientensicherheit zumisst, sie muss reichen. Die Bundesregierung ist der Ansicht, dass die Sicherheit von Patienten in Krankenhäusern sehr wichtig ist. Wer jetzt danach fragt, wie sicher die Patienten in deutschen Krankenhäusern sind, der ist ein Defätist. Und überhaupt: Wer stirbt, der hat halt Pech oder einen schlechten Arzt. In jedem Fall ist er tot, das ist wissenschaftlich gesichert und kann selbst von Gender Studierten nicht in Frage gestellt werden. Und warum sollte sich die Politik um Tote sorgen? Die haben kein Stimmrecht und bringen entsprechend keine Wahlkampfkostenerstattung.


 

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9 Responses to Im Krankenhaus sterben die Leut’: Politik und 18.800 Kunstfehler-Tote pro Jahr

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  2. Klaus says:

    Auf lange Sicht sind wir eh alle tot……aber Tod durch ärztlichen Kunstfehler, das adelt doch gewissermaßen, führt fast zum Märtyrertum.

  3. Nadd says:

    Kein Witz: Seit dem ich nicht mehr zum Arzt gehe geht es mir gesundheitlich viel besser. Hatte jahrelang chronische Migräne, durch eine Ernährungsumstellung ist die verschwunden. Nebenwirkungen wie Magenprobleme durch Medikamente ebenfalls. Kein Wunder das überall alternative Heilpraxen aus dem Boden schießen. Darauf gebraucht hat mich Merkel mit ihrer hirnlosen Alternativlosigkeit.

  4. waldbaer says:

    Passend dazu:
    Jon Rappoport hat einige Zahlen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zusammengetragen.
    Er titelt:
    “New holocaust study: medical errors 3rd leading cause of death in US”
    “The structures of medical propaganda are cracking.”
    https://jonrappoport.wordpress.com/2016/05/05/new-holocaust-study-medical-errors-3rd-leading-cause-of-death-in-us/

    Ja isset denn die Mööchlichkeit!!1!!!

  5. Erfahrungen von Jahrzehnten says:

    Behandlung nach gefälschter Statistik, Vorurteilen und gepaart mit Arroganz und dem schielen nach dem Geldbeutel,da ist doch nichts Anderes zu erwarten.
    Mit den Erfahrungen aus den Vorkommnissen aus meiner nähren Verwandschaft und auch meiner Erfahrung, dürfte ich zu keinem Arzt mehr gehen. Jahrzehntelange Fehldiagnosen und Ahnungslosigkeit bis zur Obduktion kennzeichnete den Weg der Verwandten. Brauche ab und zu mal ein Blutbild um meine Ernährung anzupassen. Die Auswertung nehme ich alleine vor, sonst Pillen ohne Ende. Ein Kunstfehler, nicht beachten einer Allergie, hätte wenn ich nicht etwas Ahnung von Chemie hätte, mir fast das Leben gekostet.

  6. Arne Schuster says:

    So richtig vermag ich das alles nicht so recht glauben…
    1% Behandlungsfehler – unabhängig vom nationalen Gesundheitssystem? Um den Erfolg eines Gesundheitssystems darzustellen, müsste man wohl mehr und bessere Zahlen zusammensuchen. Sicherlich werden in einem Urwaldkrankenhaus im Kongo nicht mehr Behandlungsfehler gemacht, als bei uns – aber dafür wird halt auch weniger behandelt. Zumal wenn die Ärzte in den Industriestaaten ausgebildet werden.

    Wenn man nicht behandeln kann, macht man auch keine Fehler. Und unser staatlich-planwirtschaftlich organisiertes Gesundheitssystem ist selbstverständlich besser als Obamacare. Alles Quatsch – aus meiner Sicht.

    Bemerkenswert ist die Inaktivität der Politik, oder auch nicht bemerkenswert, weil wir uns daran gewöhnt haben. Man beschäftigt sich lieber mit Dingen die einfach sind und wo man im medialen Mainstream locker mitschwimmen kann. Zum Beispiel mit einem generellen Tempolimit (ca. 3.400 Tote/a, davon die wenigsten auf den Autobahnen) oder privatem Waffenbesitz (< 10Tote/a). Was sind da schon gut 18.000 Tote durch Behandlungsfehler und die geschätzten weiteren 20.000 bis 40.000, die ihr Leben wegen mangelnder Hygiene in Krankenhäusern lassen müssen.

    Und die Gemeinschaft der Sozialdemokraten (also SPD, Grüne,Linke, FDP und CDU) schimpft die Privatversicherten Sozialschmarotzer und fordert (Achtung, demnächst wieder das mediale Sommerloch!) das Verbot von privaten Krankenversicherungen. Vermutlich, damit endlich Gerechtigkeit bei der Sterbewahrscheinlichkeit hergestellt wird.

    • Nur hat niemand Daten aus einem Urwalkrankenhaus berücksichtigt. Aber selbst wenn: Woher nehmen Sie die Gewissheit, in einem Urwaldkrankenhaus würden mehr Kunstfehler gemacht als in einem deutschen Vorortkrankenhaus?

      • Arne Schuster says:

        Das würde ich nicht behaupten. Ich vermute nur, dass in einem Urwaldkrankenhaus nicht alle Apparate und Methoden zur Verfügung stehen, um so leistungsfähig zu sein, wie ein “westliches” Krankenhaus. Also wird im Urwald vermutlich ein kleineres Spektrum an Behandlungen angeboten. Wenn dann weniger falsche Behandlungen gemacht werden, steht man dort unter Umständen sogar besser da.

        Aber damit ist doch letztlich keine Aussage über die Leistungsfähigkeit des Krankenhauses oder des örtlichen Gesundheitswesens gemacht. Schnittverletzungen und Tuberkulose werden topp behandelt und beim Herzinfarkt oder schweren Brandverletzungen sterbe ich einfach, weil keine Ambulanz in 10 Minuten vor Ort ist oder kein Hubschrauber mich in die Spezialklinik fliegt. Anstatt Urwaldkrankenhaus hätte ich auch ein beliebiges Provinzkrankenhaus mit der Charité vergleichen können. Wer mehr und öfter behandelt hat auch bessere Chancen einen Behandlungsfehler zu machen. Den Bypass würden Sie sich dann im Provinzkrankenhaus mit faktisch weniger Behandlungsfehlern legen lassen oder vielleicht lieber doch in der Charité?

        Ich würde mir wünschen, dass die Gesundheitssystem als solche vergleichbar wären (also staatlich vs. privatwirtschaftlich). Aber diesen Vergleich wird es nicht geben, da die Chancen ganz gut stehen, dass eine Menge Politiker und in der Gesundheitsverwaltung Beschäftigte dann ein Problem bekommen.

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